9punkt - Die Debattenrundschau

Bezugsschein für Sympathie

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2021. Australien erlässt eine Art Linksteuer für die großen Internetplattformen - Facebook teilt darum mit, in diesem Land keine Links auf Medieninhalte mehr zuzulassen. Google hat dagegen mit Rupert Murdoch einen Deal geschlossen, um weiter zu verlinken - eine Katastrophe, meint Jeff Jarvis bei cjr.org. Erleichterung bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Man darf sich zurücklehnen und die Tage bis zur Pension runterzählen, berichtet die SZ. In der Zeit rät Bill Gates den Deutschen zu Atomkraft.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2021 finden Sie hier

Internet

Wer bei Arte die dreiteilige BBC-Dokumention über den Murdoch-Clan gesehen hat, weiß, dass einen Mann gibt, der mächtiger ist als Mark Zuckerberg, und das ist Rupert Murdoch, ohne den weder der Brexit, noch Trump möglich gewesen wären. In Australien scheint Zuckerberg nun vor einer Lex Murdoch zurückzuweichen, die will, dass die Internetgiganten den Medien eine Rente bezahlen. Im australischen Facebook-Blog kündigt der dortige Chef William Easton an: "Als Reaktion auf das neue australische Mediengesetz wird Facebook Verlage und Personen in Australien daran hindern, australische und internationale Nachrichteninhalte zu teilen oder anzusehen." Facebook sagt in seinem Post übrigens auch: "Für Facebook ist der geschäftliche Gewinn durch Nachrichten minimal. Nachrichten machen weniger als 4 Prozent der Inhalte aus, die Menschen in ihrem News Feed sehen."

Google hat statt dessen tatsächlich einen Deal mit Murdochs Fake-News-Maschine geschlossen, meldete gestern der Guardian. Jeff Jarvis, lange ein großer Google-Verteidiger, kritisiert den Deal in einer Mail-Konversation mit Mathew Ingram bei cjr.org: "Googles Zahlungen an News Corp. zeigen, dass die Erpressung durch die Medien funktioniert. Selbst wenn es sich hierbei nicht um eine direkte Zahlung für Links handelt, ist dies immer noch ein schrecklicher Präzedenzfall für das Netz und seine Architektur und Ethik. Niemand, nicht Google, nicht Sie oder ich, sollte unter Druck gesetzt werden, für die Verlinkung von Inhalten zu bezahlen. Das macht, wie Sir Tim Berners-Lee den australischen Behörden sagte, das Netz kaputt."
Archiv: Internet

Gesellschaft

Thea Dorn wendet sich in der Zeit gegen die radikalen No-Covid- beziehungsweise Zero Covid-Strategien, die im Zeichen einer verabsolutierten "Fürsorge" nicht enden wollende Einschränkungen verlangen. "Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich halte sowohl den Klimawandel als auch die Covid-19-Pandemie für dramatische Herausforderungen, denen wir uns mit Klugheit und Tatkraft stellen müssen. Dennoch halte ich es für gefährlich, zwischen dramatischen Herausforderungen und Katastrophen keinen Unterschied mehr zu machen. Dramatische Herausforderungen lassen abwägende Überlegungen und differenziertes Handeln nicht nur zu: Sie verlangen danach. Katastrophen hingegen kennen nur noch Gebote der Not."

A propos Fürsorge. Für Männer gilt sie in der Coronakrise generell weniger. Jens Jessen findet es in der Zeit schon interessant, "dass in dem neuen Corona-Wertesystem, das Menschen nach ihrer Vulnerabilität sortiert, Männer nicht eigens aufgeführt werden, obwohl sie statistisch vulnerabler als gleich alte Frauen sind - jedenfalls wenn man darunter das Infektionsrisiko versteht. Wer als vulnerabel bezeichnet wird, ist nicht einfach nur medizinisch besonders 'gefährdet', sondern hat auch besonderen Anspruch auf Anteilnahme, Fürsorge, öffentliche Zuwendung. Vulnerabilität ist eine Art Bezugsschein für Sympathie." Laut Robert-Koch-Institut sterben knapp doppelt so viele Männer wie Frauen an Covid 19, mehr hier. Jens Jessen rät den Männern aber, ritterlich zu sein, und in der Impfschlange nicht zu drängeln.

Ein Positives mag die Pandemie haben. Historische Erfahrungen zeigen, dass Seuchen zu zivilisatorischen Fortschritten führen können, schreiben der Altphiloge Tobias Bulang und der Arzt Falk Kiefer in der FAZ: "Man bedenke beispielsweise, dass erst nach der Choleraepidemie im 19. Jahrhundert die Städte Europas konsequent mit Kanalisationen für Abwasser und Fäkalmaterie versehen wurden, eine städtebauliche Revolution unterirdischer Klinkerbauten, die enorme Folgen für die Lebensdauer der Menschen und die Verminderung der Kindersterblichkeit hatte."

Ebenfalls in der Zeit führen mehrere Redakteure ein Gespräch mit Bill Gates über seine Visionen zur Klimakrise. Er rät den ängstlichen Deutschen zu Atomkraft: "Das Einzige, was ich den Deutschen sagen würde, ist dies: Falls es eine komplett neue Generation von Kernkraftwerken geben sollte, deren Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Müllbilanz dramatisch besser sind, dann solltet ihr angesichts des Klimawandels vielleicht dafür offen sein, zu schauen, ob sie Teil der Lösung sein könnten."

"Rassismus ist kein Gefühl, sondern etwas das man analysieren kann", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Romanautorin ("Identitti") Mithu Sanyal im SZ-Gespräch mit Nadja Schlüter. Sie hält es für falsch, dass nur von Rassismus Betroffene über Rassismus reden dürfen - zumal dann auch Weiße von Rassismus betroffen sein können, meint sie: "Weil man privilegiert ist und man auf der Seite der Schuldigen steht. Da muss man doch darüber nachdenken dürfen, was das mit einem selbst und mit dem eigenen Verhältnis zur Welt macht! Die Forderung 'Ihr müsst den Mund halten und euch schämen!' finde ich politisch absurd. Obwohl ich natürlich auch Menschen kenne, bei denen ich mir denke: 'Halt bitte den Mund.'"
Archiv: Gesellschaft

Europa

Der britische Bildungsminister Gavin Williamson plant ein Gesetz zum Verbot von Cancel Culture, Akademiker,  Studenten oder Gastredner sollen künftig Universitäten auf Entschädigung verklagen können, wenn sie das Gefühl haben, ihre Redefreiheit werde eingeschränkt, zudem soll ein "Free Speech Champion" Verstöße gegen die Redefreiheit in der Hochschulbildung untersuchen, meldet Alexander Menden in der SZ. In Deutschland möchte Menden das nicht sehen, dass in Britannien ein gewisser Bedarf besteht, gibt er aber zu angesichts der "Kompromisslosigkeit, mit der manche linke Interessengruppen in England bei ihren Deplatforming-Bemühungen vorgehen. Ein Beispiel war die Absage eines Auftritts des irischen Comedy-Autors Graham Linehan bei der Oxford Union im vergangenen Dezember. Linehan, der die Schriftstellerin J.K. Rowling gegen Angriffe wegen ihren angeblich transphoben Äußerungen verteidigt hatte, gilt nun für manche LGBTQ+-Gruppen selbst als transphobe Persona non grata; aus dem gleichen Grund wurde er von Twitter verbannt."

Außerdem: Laut NRW-Verfassungsschutz versuchten 2018 Rechtsextremisten über Schöffenämter "Einfluss … auf die Rechtssprechung im Sinne ihrer fremdenfeindlichen und völkischen Ideologie zu nehmen", schreibt der Jurist und Journalist Joachim Wagner in der Welt. Bisher enthalten die Bewerberlisten nur Angaben zu Geschlecht, Alter, Beruf und sozialer Stellung, fährt Wagner fort und bezweifelt, ob das geltende Recht ausreicht, um verfassungsfeindliche Laienrichter von dem Ehrenamt fernzuhalten. Auf den Brexit reagierte die britische liberale Elite nicht mit Selbstkritik, sondern mit Verachtung für die "zivilisatorische Zurückgebliebenheit" der Brexit-Anhänger, schreibt der Historiker Oliver Zimmer in der NZZ und diagnostiziert einen "Populismus der liberalen Eliten".
Anzeige
Archiv: Europa

Ideen

Der Soziologe Andreas Reckwitz trifft in der Zeit eine verblüffende Diagnose über den Zustand der USA. Weder ein Fortschritts-, noch ein Niedergangsszenario scheint ihm die Prozesse dort zu beschreiben, es herrsche eine Art heißgelaufener Stillstand. "Auch ökonomisch befinden sich die USA in einer Stagnation: Der Beginn der letzten großen technologischen Revolution, der Digitalisierung, liegt mehrere Jahrzehnte zurück. Da die USA an der Spitze ihrer Vermögensstruktur zu einer Gesellschaft von Rentiers geworden sind, wird mittlerweile so wenig wie nie in neue Unternehmen und riskante Innovationen investiert: Das Geld der Vermögenden steckt eher in den 'sicheren Anlagen'."

Der Philosoph Joseph Vogl kommentiert im Gespräch mit Nils Markwardt bei philomag.de die Vorgänge um die Gamestop-Aktie, bei der online organisierte Privattrader einen großen Hedgefonds austricksten - er sieht es auch als eine neue Qualität in der Internetökonomie: "Man darf nicht vergessen: Im Fall von Gamestop waren es soziale Medien, Plattformen und Online-Broker, die den spekulativen Schwung der Kleinaktionäre überhaupt erst ermöglichten. Dabei wurde eine überaus wirkungsvolle Allianz bemerkbar, in der sich die Dynamiken der Meinungsmärkte mit denen der Finanzmärkte wechselseitig verstärken."
Archiv: Ideen

Kulturpolitik

Man darf sich bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wieder getrost zurücklehnen und die Zeit bis zur Pension runterzählen - die Reformpläne, die geplante Zerteilung, die im Sommer für Wirbel sorgten (Unsere Resümees), scheinen vom Tisch zu sein, schreibt Jörg Häntzschel, der für die SZ in die vor zwei Wochen vorgetragenen Konzepte blicken konnte: Parzinger wird vermutlich bleiben, eher soll Eissenhauer abgedrängt werden und die  Museen sollen "nach Standorten in vier 'Cluster' gruppiert werden, die für sich weitgehende Autonomie besitzen und gemeinsam einer rotierenden 'Leitungsgruppe' unterstellt sind. Der Präsident hätte nicht mehr das letzte Wort über jedes Detail der Häuser, bekäme dafür aber die Verantwortung für einzelne, bisher bei den Museen liegende Bereiche - wie die Forschung - übertragen. Dieser Vorschlag soll nun von der staatlichen Firma 'Partner Deutschland' geprüft werden. Eine öffentliche Diskussion darüber wird nicht gewünscht."

Medien

Die ARD-Tagesthemen planen ein "Pro&Contra"-Format, in dem zwei Meinungen zu strittigen Themen abgebildet werden sollen. Für die Welt spricht Christian Meier mit Helge Fuhst, dem Zweiten Chefredakteur von ARD-Aktuell, über Meinungsvielfalt und den Mangel an liberalen und konservativen Stimmen in der ARD: "Es mag konservative Kolleginnen und Kollegen geben, die vorsichtig sind mit ihren Aussagen, weil sie den Shitstorm fürchten oder in eine Ecke gestellt zu werden. Allerdings müssen alle Journalistinnen und Journalisten damit umgehen, jede Meinung kann heute heftige Reflexe auslösen. Nichts versendet sich mehr, wie man das früher über das lineare Fernsehen gesagt hat. Wenn ein Fehler passiert, spricht im schlimmsten Fall am nächsten Tag die Republik darüber. Der ein oder andere ist dadurch womöglich vorsichtiger geworden."

Und außerdem noch diese kuriose Meldung bei tagesschau.de: Das Bezirksamt Berlin-Mitte verbietet der "Tagesschau" und dem Robert-Koch-Institut das Livestreaming einer Pressekonferenz - wegen urheberrechtlicher Bedenken. Für Zeit Online hat Stefan Schirmer außerdem Wehklagen der Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen über die vorerst ausgebliebene Rundfunkerhöhung gesammelt.
Archiv: Medien
Stichwörter: ARD, Meinungsvielfalt