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07.02.2026. Europa muss sich wappnen, rät der Politikwissenschaftler Robert Kagan im SZ-Interview, es wird sonst von den drei neuen Raubtierimperien zerfleischt. Der Meinungsforscher Lew Gudkow erklärt in der FAS, warum die Russen in Umfragen angeben, zufrieden mit ihrem Land zu sein, aber eigentlich nur Angst haben. Die Schriftstellerin Judith Schalansky hat in ihrer Dankesrede zum Lessing-Preis, die die FAZ abdruckt, angesichts mächtiger Algorithmen wenig Hoffnung für die Philosophie. Der Medienwissenschaftler Martin Andree fordert in der FAS: Das Internet muss wieder uns allen gehören!
"Europa lebt jetzt in einer Welt mit drei Raubtierimperien an der Spitze" und ist auf sich allein gestellt, meint der Politikwissenschaftler Robert Kagan im SZ-Interview mit Andrian Kreye. Die Beschwichtigungspolitik von Nato Generalsekretär Mark Rutte gegenüber Donald Trump findet er naiv: "Das verkennt, dass die amerikanische Geopolitik unter Trump ein einzigartiger globaler Imperialismuskurs ist. Er möchte ein Weltkaiser sein. Rutte hat nicht verstanden, dass es nicht darum geht, ob Europa die Nato braucht oder nicht. Es gibt keine Nato mehr. Trump hat sehr deutlich gemacht, dass er niemanden verteidigen wird. Im Gegenteil, die USA sind ein potenzieller Aggressor, das hat er in Grönland demonstriert." Auch vor einem Angriff auf Europa würde Trump im Zweifelsfall nicht zurückschrecken, so Kagan, deshalb muss es sich militärisch wappnen: "Sonst wird aus Europa ein Haufen Machtbereiche mit Großbritannien als amerikanischem Satelliten, Osteuropa als russischem."
Der Meinungsforscher Lew Gudkow erklärt im FAS-Interview, warum zwei Drittel der Russen in Umfragen angeben, zufrieden mit der Situation im Land zu sein. Gudkow hält das für einen "erzwungenen Konsens", der durch Angst vor Repression, vor allem aber auch durch Propaganda und Zensur erreicht wird: "Das Vertrauen in die offiziellen Informationskanäle, vor allem in das Fernsehen, ist in den vergangenen Jahren von 90 Prozent auf 40 bis 45 Prozent gesunken. Das Problem ist: Man kann den offiziellen Kanälen zwar nicht glauben, aber andere werden durch die Zensur blockiert." In "einem repressiven Staat existiert eine Schicht deklarativer Loyalität als Mittel zum Schutz des eigenen privaten Raums. Deshalb gibt es die Unterstützung für die Macht. Und gleichzeitig distanzieren sich die Menschen von ihr. Die Weigerung, sich an der Politik zu beteiligen, ist eine Form des Schutzes für den privaten Raum. Die Menschen verstehen, dass sich in Russland ein hartes und korruptes Regime etabliert hat, dass die Machthaber damit beschäftigt sind, ihre Herrschaft mit allen Mitteln zu erhalten. Die Mehrheit der Bevölkerung hat keine Illusionen, aber sie glaubt nicht, dass es eine Alternative gibt." Auch der Dlf hat im "Interview der Woche" mit Gudkow gesprochen.
In FAZ-Gespräch mit Lena Bopp wägt der Nahost-Experte Gilles Kepel ab, ob das Regime im Iran bald gestürzt werden kann oder nicht. Ein Militäreinsatz von Donald Trump, der diese Entwicklung beschleunigen könnte, wird von den arabischen Staaten jedenfalls abgelehnt: "Saudi-Arabien, Qatar (...) fürchten, dass Iran vor seinem Untergang, wie ein verwundetes Tier, Raketen auf seine Nachbarn abfeuern könnte. Es reichen zwei Raketen, eine auf die Meerwasserentsalzungsanlagen, eine auf die Gasverflüssigungsanlagen, um Qatar zu vernichten. Der Abschuss solcher Raketen ist eine Sache von fünf Minuten." Für ein Ende Regimes spreche allerdings, "dass man nicht nur mit Druck regieren kann, dass die Achse des Widerstandes nicht mehr funktioniert und die Wirtschaft katastrophal ist. Ich habe den Eindruck, dass sowohl die arabischen Länder als auch die USA und Europa eher auf eine Zersetzung hinarbeiten, die einen möglichst schadensarmen Übergang des Regimes ermöglicht."
Irans Oberster Führer Ali Khamenei stellt als Politiker eine Ausnahmeerscheinung dar, schreibt Friederike Böge in der FAZ: "Khamenei hat sein Land in den 37 Jahren seiner Herrschaft noch nie verlassen. Er hat noch nie an einem Gipfeltreffen teilgenommen. Er tickt anders als die meisten Staatsoberhäupter, was es nicht leichter macht, mit Iran zu verhandeln. Als Oberster Führer sieht er sich nicht vom Wähler, sondern von Gott legitimiert. Einmal sagte er, Gott habe sich seiner Zunge bemächtigt und durch ihn gesprochen." Jetzt steht "Khamenei mit dem Rücken zur Wand", so Böge. Das macht ihn nicht weniger gefährlich: "Es ist möglich, dass seine Drohung vor einem Regionalkrieg nur ein Bluff ist, denn eine harsche Reaktion Irans auf einen amerikanischen Angriff hätte noch viel verheerendere Schläge zur Folge. Aber sicher kann man sich da nicht sein. Im Inland hat Khamenei gerade gezeigt, dass er bereit ist, skrupellos vorzugehen, um das Überleben seines Regimes zu sichern."
"Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert JudithSchalanskys Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Lessing-Preis. Schalansky, selbst eine Schriftstellerin, die gerne in den Archiven nach Entlegenem, Obsoletem und Liegengelassenem forscht, stößt in LessingsKonvoluten aus Notizen, Fragmenten, Exzerpten, Listen und Bibliografien auf einen Geistesverwandten. Angesichts dieser fröhlich-unbekümmertenZetteleien wird ihr allerdings flau, wenn sie darauf schaut, was daraus geworden ist: "Zweifellos weiß das Menschengeschlecht heute so viel wie niemals zuvor in seiner Geschichte, ohne dass sich aus dieser Tatsache irgendein nennenswerter Vernunftgebrauch ableiten ließe." Doch "wenn die Werte der Aufklärung nicht mehr - wenigstens schrittweise - zu einer von Vernunft geleiteten, toleranten Weltordnung führen, wenn ihre so oft beschworenen und bisweilen ausgehöhlten Ideale nicht mal mehr zum Deckmantel imperialer Ansprüche taugen, wenn die freiheitliche Demokratie demokratieverachtende Autokraten an die Macht kommen lässt, wenn Texte nicht mehr auf dem eigenen Mist einer vor sich hin wuchernden Zettelwirtschaft entstehen, sondern als das Ergebnis stochastischer Prozesse, die mittels ephemerer Begriffe wie 'Cloud' und 'Stream' die materiellen Bedingungen ihres Ressourcen verschlingenden und Ökosysteme verwüstenden Treibens verschleiern, dann sind wir philosophischen Mäuse nichts als Futter für geflügelte Katzen - und verzweifeltgenug, Orakelzubefragen." Außerdem dokumentiert die FAZ Andreas Platthaus' Laudatio auf Schalansky.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Das Internet muss wieder allen Menschen gehören und nicht nur den Techkonzernen und den rechtspopulistischen Polarisierungstrollen", fordert der Medienwissenschaftler Martin Andree in der FAZ, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat. So hat die von Vance, Musk und Co und hier von der AfD geforderte "Meinungsfreiheit" den ganz gegenteiligen Effekt im Netz, erklärt er: "Eine unbegrenzte Meinungsfreiheit hat paradoxerweise negative Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit selbst. Umfragen zeigen, dass unter den Bedingungen von Hatespeech und Shitstorms auf Plattformen je nach Fragestellung zwischen 20 Prozent und 50 Prozent der (moderater eingestellten) Bürger und Bürgerinnen so eingeschüchtert sind, dass sie im Netz zunehmend verstummen. Zuletzt führt die verbale Gewalt auf den Plattformen dazu, dass Politiker und andere öffentliche Akteure aufgeben (wie zuletzt Kevin Kühnert)."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Beim Blick auf Trump und seine ICE-Schergen werden häufig Parallelen zum Aufstieg der Nazis gezogen. Der Historiker Richard J. Evans, Autor mehrere Bücher über das "Dritte Reich", erklärt im FR-Interview, warum der Vergleich nicht ganz stimmig ist: "Ich würde sagen: Man hört Echos. Ich glaube nicht, dass Trump ein Faschist ist. Aber es gibt gewisse Parallelen. Und zugleich sind die Unterschiede fundamental (...) Was viele heute unterschätzen - Historiker wie Publikum -, sind zwei Dinge. Erstens die nahezu grenzenlose Gewalttätigkeit der Nationalsozialisten. Natürlich gibt es auch in den USA Gewalt, aber das ist nicht vergleichbar. In den Wahlkämpfen der frühen 1930er Jahre starben auf deutschen Straßen Hunderte Menschen; im Wahlkampf 1932 waren es über 400 Tote. Nach der Ernennung Hitlers und erst recht nach dem Reichstagsbrand eskalierte die Gewalt von SA und SS massiv. Gewalt war ein Kernbestandteil der nationalsozialistischen Machtübernahme. Das wird heute zu oft vergessen."
Nicht zu den Nazis, sondern zu den amerikanischen Sklavenjägern des 19. Jahrhunderts zieht der Rechtsprofessor Daniel Kanstroom im NZZ-Interview Parallelen: "Ich will den Vergleich nicht überstrapazieren. Die Sklaverei war ein völlig anderes, sehr viel umfassenderes und tiefer in die Gesellschaft eingreifendes historisches Phänomen. Dennoch glaube ich, dass es für die These genügend Ähnlichkeiten zwischen den Sklavenjägern des 19. Jahrhunderts und den ICE-Agenten gibt. Afroamerikaner lebten zu jener Zeit in ständiger Angst, weil sie fälschlich für Sklaven gehalten werden konnten, von Sklavenjägern entführt wurden und sich dann neu versklavt in Mississippi wiederfanden - ohne jede Möglichkeit, zurückzukehren."
Die ehemalige Schweizer Bundesrätein Simonetta Sommaruga ist Teil einer neugegründeten Expertenkommission, die sich mit Fällen von Raubkunst aus der Nazi- und der Kolonialzeit beschäftigt. Im NZZ-Interview erklärt sie die Ziele der Kommission. Warum hat es seit der von 44 Staaten unterzeichneten Washingtoner Erklärung, in der man sich zur Rückgabe von Raubkunst verpflichtete, so lange gedauert, bis es zu diesem Schritt kam? "Wir sind von diesen 44 Staaten immerhin der sechste, der das tut. Und wir sind das erste Land, das eine Kommission einsetzt, die nicht nur die NS-Zeit, sondern auch den Kolonialkontext berücksichtigt. Das ist pionierhaft. Die Schweiz hatte keine Kolonien, war aber natürlich in die kolonialen Netzwerke eingebunden, mit Handelsgesellschaften, mit Söldnern, mit Missionaren, mit Wissenschaftern. In Schweizer Sammlungen lagern zum Beispiel mehr menschliche Überreste - etwa Schädel oder andere Skelettteile - aus dem kolonialen Kontext als in Belgien, das Kolonialmacht war."
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