Efeu - Die Kulturrundschau

Süffig süß wie Liebeslyrik

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05.03.2018. Heute Nacht  wurden die Oscars vergeben. Dass vor allem Guillermo del Toros Sumpfmonster-Liebesmärchen "The Shape of Water" abräumte, geht für die Kritiker in Ordnung, nicht jedoch die belanglose Gala.  Immerhin Frances McDormand brachte ein Statement. Die taz entdeckt in Heidi Speckers Digitalfotografien das Unbequeme im Gefälligen. Nach dem neuen René-Pollesch-Abend "Hello, Mister MacGuffin!" schwirren der begeisterten NZZ Theoriebrocken wie Flipperkugeln im Hirn. Die FAZ gewinnt den netten Diskursonkel sogar schon richtig lieb.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2018 finden Sie hier

Film

Heute Nacht wurden die Oscars verliehen - und zwar in der "ödesten Oscar-Show seit Jahren", wie Filmkritiker Rajko Burchardt auf Twitter schreibt. In den wichtigsten Kategorien hat Guillermo del Toros "The Shape of Water abgeräumt - unter anderem die Trophäen für "beste Regie" und "bester Film" gingen an das Sumpfmonster-Liebesmärchen.  Hier alle Gewinner auf einen Blick. Nachtrag: critic.de bietet einen schönen kommentierten Überblick über alle nominierten Filme.

Ansonsten "wurde versucht, es allen Beteiligten Recht zu machen, und so wurde die Gala zum Gemischtwarenladen", berichtet Tobias Sedlmaier etwas zerknirscht in der NZZ. "Vielleicht geschah dies aus Unsicherheit, bloß niemandem auf die Füße zu treten oder gar eine einheitliche ästhetische Linie zu propagieren. So wurden die Preise weitestgehend aufgeteilt, keiner der vorher mehrfach nominierten Filme konnte allzu viele Preise auf sich vereinen." Womit dieses neue Gießkannen-Prinzip zusammenhängt, erklärt Hanns-Georg Rodek in der Welt: Die Zeit der Superstars sei vorbei, "der neue Star heißt 'Geschichte'."



Politische Marken wurden bei der Verleihung nur wenige gesetzt, erfahren wir. Auch der Name Weinstein fiel nur ein einziges Mal, ist Alexandra Seibel vom Kurier aufgefallen. Immerhin: Frances McDormand, die als beste Schauspielerin für "Three Billboards..." ausgezeichnet wurde, nutzte die Gelegenheit für ein starkes Statement. Was die Schauspielerin am Ende mit der Forderung nach dem "Inclusion Rider" meint, erklärt Carolin Gasteiger in der SZ. Die New York Times bringt wie stets das Defilee vom Roten Teppich.

Außerdem: Im ZeitOnline-Gespräch erklärt Jessica Chastain gegenüber Dirk Peitz, dass sich ihr neuer Film "Molly's Game" dagegen wendet, dass "Frauen nicht dafür gefeiert werden, was sie sagen oder tun. Sondern dafür, wie sie aussehen." Christina Bylow spricht für die Berliner Zeitung mit der Schauspielerin Jördis Triebel, die derzeit in Lars Kraumes (heute auch in der SZ besprochenem) Film "Das schweigende Klassenzimmer" im Kino zu sehen ist. In der Welt berichtet Gerhard Midding des französischen Filmpreises César, mit dem Robin Campillos "120 BPM" ausgezeichnet wurde. Andreas Köhnemann befasst sich auf Kino-Zeit mit den schönen Körpern der Kino-Halbstarken.

Besprochen werden der auf DVD veröffentlichte Indie-Film "Die Abenteuer von Brigsby Bear" mit Mark Hamill (SZ) und die Serie "This Is Us" (Freitag).
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Kunst

Heidi Specker: Re-Prise, Klavier 2016. Stiftung Anna und Jürgen Wilde.
In höchsten Tönen preist Johanna Schmeller in der taz die Arbeiten der Fotografin Heidi Specker, die sehr früh die Digitalfotografie als künstlerisches Medium ernstgenommen habe und im Kunstmuseum Bonn eine Überblicksschau bekommen habe: "Mit akkuratem Gespür für Oberflächentexturen, Strukturen und Muster lenkt Heidi Specker den Blick der Betrachter auf das, was sie selbst sieht. Ihre Kameraführung öffnet den Blick auf eine sehr neue, andere, brutal zärtliche Welt immer knapp jenseits der Grenze des bisherigen Wohlfühlbereichs. Schönheit ist für Heidi Specker Definitionssache: Mit präzisem Blick blättert sie das Schöne im Hässlichen auf, oder, fast noch verstörender, das Schöne im Vergänglichen. Sie richtet die Kamera auf das Unbequeme im Gefälligen, auf das, was aus dem Rahmen fällt. Müde Gesichter sind echte Gesichter."

Weiteres: Die Hamburger Kunsthalle widmet dem englischen Maler Thomas Gainsborough eine Retrospektive, und SZ-Kritikerin Kia Vahland lernt darin, dass Landschaften nicht nur Orte der Sehnsucht sind, sondern  auch des Vermögensnachweis. Jens Hinrichsen stellt im Tagesspiegel die Künstlerin Judith Hopf vor, die in den Berliner Kunst-Werken gerade mit der Ausstellung "Stepping Stairs" vertreten ist.
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Stichwörter: Specker, Heidi

Bühne


René Polleschs "Hello, Mister MacGuffin!" am Zürcher Schauspiel. Foto: Lenore Blievernicht

Hat Zürich so viel Theaterglück verdient, fragt in der NZZ Daniele Muscionico, ganz protestantisch nach René Polleschs jüngstem Abend "Hello, Mister MacGuffin!", der als Star-Trek-Parodie "Planlos durchs Weltall" beginnt und mit Hitchcock endet: "'Hello, Mister MacGuffin!' ist ein Endlostext, der nie zu einem Schluss kommen wird. Denn Pollesch hat das Theater nicht neu erfunden. Aber er hat das Theater-Elend in Zeiten des materialistischen Prekariats erkannt und mit einem neuen Genre der darstellenden Kunst reagiert. Er feiert Theater als Versuchsanordnung aus der Negation. Es gibt kein Drama mehr, keine kohärente Figur, und Theoriedebatten werden süffig süß wie Liebeslyrik behandelt. Polleschs Sätze treffen wie Flipperkugeln auf den Widerstand einer Person, werden umgeleitet und abgedreht und rasen sinnlos durch den Hirnkasten."

In der FAZ sieht Martin Halter allerdings von Pollesch ein "Minimum an Bedeutung" mit maximaler Wirkung erzielt. Und er gibt dem Regisseur ordentlich eins mit: "Pollesch ist zum Glück kein Regietyrann alter Schule. Aber er muss aufpassen, dass er nicht der Helge Schneider des Theaters wird. Oder gar der nette Diskursonkel von der Studiovolksbühne, der für Probenquatsch mit René und bedeutungslose Selbstreflexionen zuständig ist." In der Nachtkritik schreibt Mirja Gabathuler.


Nora Buzalka und Pauline Fusban am Kältepol im Cuvilliéstheater. Foto: Matthias Horn

Im rokokoprächtigen Münchner Cuvilliéstheater hat der 33-jährige Timofej Kuljabin, Leiter des Theaters Rote Fackel in Nowosibirsk, Warlam Schalamows Gulag-Erzählungen auf die Bühne gebracht. Christine Dössel fragt sich in der SZ leicht unbehaglich, ob diese niederschmetternden Texte sinnvoll auf die Bühne gebracht werden können: "Sie erzählen von Menschen, die hungern, frieren, Leichen fleddern. Von Menschen, die geschunden und getötet werden. Wie bringt man das mit wohlgenährten Schauspielern auf die Bühne? Und warum? Eine befriedigende Antwort darauf gibt der Abend letztlich nicht." Für Nachtkritiker Tim Slagman zeigt sich bei Kuljabin das alte Dilemma, historisches Grauen ästhetisch zu fassen zu bekommen: "Und doch ist es notwendig."

Begeistert berichtet Julika Bickel in der taz von den neuesten Berliner Projekten von Rimini Protokoll: "Staat I-IV" befassen sich mit Überwachung, Davos, Gesellschaftsordnung und kollektiven Träumen: "Die partizipativen Inszenierungen fühlen sich an wie Abenteuer und das macht wirklich großen Spaß." Atemberaubend komplex findet Doris Meyerheinrich das Projekt in der Berliner Zeitung. Verhalten freundlich zeigt sich Peter von Becker im Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem die Tribute Show "The Club 27" in der Zürcher  Maag-Halle (NZZ), Henri Purcells "Fairy Queen" an der Cape Town Opera (FAZ) und die Ausstellung über Goethes "Faust" auf deutschen Bühnen im Deutschen Theatermuseum in München (FAZ).
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Literatur

Markus Bauer berichtet in der NZZ, wie der rumänische Schriftsteller Dan Lungu in seiner Heimat für das Präsidentenamt des Autorenverbandes kandidiert, um dort dringend benötigte Reformen anzustrengen: "Eine Union von Kreativen, die eine maßgebliche Zahl ihrer eigenen Mitglieder ausschließt, unter denen sich einige der wichtigsten Autoren unserer Zeit befinden, aus der zudem eine Welle von jungen Autoren und Kritikern austritt, hat ein großes Problem, was ihre Glaubwürdigkeit angeht", zitiert Bauer Lungu.

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung porträtiert Petra Pluwatsch den früheren Musiker und Punk Tony Parsons, der jetzt als Thrillerautor erfolgreich ist. Im Tagesspiegel gratuliert Gerrit Bartels Thriller-Autor James Ellroy zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden J.R.R. Tolkiens "Die Geschichte von Kullervo" (SZ), Jens Harders Comicadaption des Gilgamesch-Epos (Tagesspiegel), Georg Kleins "Miakro" (FR), eine Hörspieladaption von William Faulkners "Licht im August" (SZ) und neue Krimis, darunter Margriet de Moors "Von Vögeln und Menschen" (FR) und Gary Dishers "Leiser Tod" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Klaus Demus' "Der Mensch vor der Nacht":

"Ich seh die Stufen einer großen Nacht
herabgebaut bis dicht an meinen Fuß.
..."
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Musik

Mit einem sehr persönlichen Nachruf verabschiedet sich Thomas Schmid in der Welt von Trikont-Labelmacher und Alt-68er Achim Bergmann, mit dem er einst ein linkes Blatt herausgegeben hat. Von Abgrenzung hielt Bergmann nicht viel: "Er hatte immer einen Schlag ins Volkstümliche, hatte kein Bedürfnis, sich die kleinen Leute vom Hals zu halten ... Trikont spürte die verschlungenen Wege auf, die böhmische Volksmusik in den USA ging. Der Verlag sammelte die Lieder der amerikanischen Wanderarbeiter oder alte deutsche Gassenhauer. Und nicht zuletzt widmete er sich - fernab aller Heimattümelei - bayerischen Traditionen. Denn hier kam für Achim Bergmann zusammen, was für ihn zusammengehörte: konservatives Beharrungsvermögen, Respektlosigkeit gegenüber der Obrigkeit, Lebens- und Trinklust und vor allem ein eigenbrötlerischer Hang zum Anarchischen." Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder einen Nachruf.

Weitere Artikel: In der Jungle World schreibt Niklas Dommaschk über den "avantgardistischen Ambient", den Dedekind Cut mit seinem Album "Tahoe" (mehr dazu bei Pitchfork) vorlegt. Für den Tagesspiegel hat sich Andreas Hartmann mit der Elektro-Musikerin Ziúr getroffen. Robert Barry spricht für The Quietus mit U-God, einem der Gründungsmitglieder des Wu-Tang Clans, über die Ursprünge der HipHop-Gruppe.  The Quietus bringt einen Auszug aus Val Wilmers wiederveröffentlichem Buch über Sun Ra. Karl Fluch erinnert im Standard daran, wie Udo Jürgens 1966 zum Superstar wurde. Marc Zitzmann besucht für die FAZ das französische Städtchen Bougival, wo die bei Künstlern, Schriftstellern und Komponisten seit jeher beliebte Maison de Bizet zu einem großen europäischen Musikzentrum ausgebaut werden soll. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Christina Dongowski über Joni Mitchells "Free Man in Paris".



Besprochen werden Anna von Hauswolffs Album "Dead Magic" (Spex), ein Fishbach-Konzert (FR), ein Konzert des Collegiums Novum Zürich unter Peter Rundel (NZZ), Timo Bluncks Pop-Autobiografie "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" (Spex), ein Auftritt der Hiphop-Band Deine Freunde (taz), ein Konzert des Litauischen Nationalorchesters unter Mirga Grazinyte-Tyla (Tagesspiegel), ein Konzert der hr-Bigband mit Vincent Peirani (FR), Robin Ticciatos Gastauftritt bei den BR-Sinfonikern (SZ) und Soccer Mommys Album "Clean", das uns Pitchfork-Kritikerin Jenn Pelly wärmstens ans Herz legt. Eine Hörprobe:

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