Efeu - Die Kulturrundschau

Wider die menschliche Hybris

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11.01.2025. Tagesspiegel und FAS sind beeindruckt von Thomas Riedelsheimers Dokumentarfilm "Tracing Light", der das komplexe Wesen des Lichts ergründet. Die SZ liest Alice Munros Romane mit dem Wissen darum, dass sie ihre Tochter nicht vor dem Missbrauch durch ihren Ehemann schützte, noch einmal neu. Die FAZ muss schlucken angesichts der Bilder von Collage-Künstlerin Annegret Soltau, für die Kunst nicht Erlösung, sondern Schmerz bedeutet. Außerdem schlendert sie mit dem Medienwissenschaftler Alexander Gutzmer mit New-York-Romanen unterm Arm durch New York.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2025 finden Sie hier

Film

Licht als Mysterium: "Tracing Light" (Piffl Medien)

Gunda Bartels vom Tagesspiegel ist sehr beeindruckt von "Tracing Light", dem kommenden Donnerstag startenden Film von Thomas Riedelsheimer, der auf Dokumentarfilme über Phänomene der Ästhetik spezialisiert ist. Dass dieser sich nun "daran macht, das komplexe Wesen des Lichts aufzudröseln, ist ein früher Glücksfall des Kinojahres. Bildermächtig, poetisch und informativ zugleich. ... Doch selbst die geballte Imaginationskraft der Avantgardisten von heute - Künstler und Wissenschaftler - reicht nicht aus, um das Wesen des Lichts gänzlich zu ergründen. 'Die Wiege von Kunst und Wissenschaft ist das Mysterium', weiß Riedelsheimer." Ihm geht es "darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie beschränkt die Wahrnehmung des Menschen sei. Dass darin mittelbar auch eine politische Botschaft wider die menschliche Hybris und für die Bewahrung des Planeten steckt, begreift und fühlt, wer 'Tracing Light' sieht."

Auch Bert Rebhandl ist in der FAS sehr angetan: Der Film überzeugt "gerade deswegen, weil Riedelsheimer nicht versucht, selbst als Lichtkünstler aufzutreten. Er bleibt strikt der Zeuge, der Menschen und Orte gesucht hat, an und mit denen er etwas über das Licht erfahren kann. Er verzichtet auf Didaktik, er bleibt der Laie, der versucht, in einem - dafür allerdings besonders disponierten - Medium etwas anschaulich zu machen, das zugleich höchste, ja blendende Sichtbarkeit mit sich bringt und sich doch fundamental entzieht."

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Weitere Artikel: Tobias Rüther spricht für die FAS mit Lee Unkrich, der gerade einen dicken Doppel-Prachtband über die Dreharbeiten von Stanley Kubricks Horrorklassiker "The Shining" veröffentlicht hat. Hanns-Georg Rodek spricht für den Filmdienst mit Tim Fehlbaum über dessen (in FAZ, taz, Presse und bei uns besprochenen) Journalistenthriller "September 5", der das Münchner Olympia-Attentat von 1972 aus Perspektive amerikanischer Journalisten erzählt (mehr zum Film bereits hier). Valerie Dirk spricht für den Standard mit Alexander Horwath über dessen so großartigen wie epischen Essayfilm "Henry Fonda for President", der in Deutschland ab Ende Januar im Kino zu sehen ist.  Die Filmproduzenten Alexa Karolinski schildert in der SZ ihre Eindrücke von den verheerenden Bränden in und um Los Angeles. Marie-Luise Goldmann porträtiert für die WamS die Drehbuchautorin Anika Decker.

Besprochen werden Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (taz), Patryk Vegas Groteske "Putin" (dieses "leicht größenwahnsinnige Machwerk spekulativ zu nennen, ist noch eine freundliche Beschreibung", findet Andreas Busche im Tagesspiegel, mehr zum Film bereits hier), Florent Bernards Tragikomödie "Es liegt an dir, Chéri" mit Charlotte Gainsbourg (Standard) und die Amazon-Mockumentary "Gerry Star" (FAZ).
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Bühne

In der Berliner Zeitung unterhält sich die Theaterregisseurin Wera Herzberg mit Susanne Lenz über ihr neues Stück "Heimat wonach", in dem sie sich mit der Lebensgeschichte ihrer jüdischen Mutter auseinandersetzt. Nachtkritik lässt über die besten Theaterproduktionen des Jahres 2024 abstimmen.
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Literatur

"Wer Alice Munro heute liest, wird ganz Neues erkennen", stellt Aurelie von Blazekovic in der SZ nach Lektüre dieser aktuellen Reportage im New Yorker fest, die die bereits im vergangenen Jahr laut gewordenen Vorwürfe gegen die Nobelpreisträgerin - sie habe eine Tochter vor den sexuellen Übergriffen ihres Ehemanns nicht nur nicht beschützt, sondern ganz im Gegenteil zu ihm gehalten - nochmals unterfüttert, konkretisiert und plastisch macht. "Mit diesem Wissen nun stellen sich neue Fragen zu ihrem Werk. Neben der Enttäuschung natürlich, die sich breitmacht, wenn man einen Künstler, eine Künstlerin so sehr schätzt, dass man vergisst, dass sich größte Brillanz und größte Verfehlungen leider nicht ausschließen." Da ist "die magnetische Stille, die Tiefe in Munros Schreiben, in der, so die Schwedische Akademie, 'der größte Schmerz unausgedrückt bleibt'. Dieses Passive, Erstarrte ihrer Figuren, die den Dingen zunächst mal ausgesetzt und ausgeliefert sind. Beschreibt Munro eine konsequent weibliche Rolle in einer patriarchalen Welt? Oder gewährt sie auch einen Einblick in die Psychologie von Mittäterinnen? ... Erklärungen für Munros Verhalten finden sich in diesen Geschichten nicht, eine Ahnung dieses Seelenlebens in einer luziden Sprache und Erzählform, das aber schon."

Der Medienwissenschaftler Alexander Gutzmer durchstreift für das "Literarische Leben" der FAZ New York mit New-York-Romanen unterm Arm, um die Metropole, aber vor allem das zerrüttete Verhältnis zwischen dieser und ihrem Sohn Donald Trump besser zu verstehen. Paul Austers in den Achtzigern entstandene New-York-Trilogie, die einst das literarische Bild der Stadt in der Welt prägte, taugt eigentlich nur noch für nostalgische Lektüren, stellt er fest. Sind Austers "postmodern sinnsuchende Detektivfiguren noch Embleme unserer Zeit? Welcher urbane Typus würde sie ersetzen? Der polternde Social-Media-Aktivist vielleicht? Die vegane Verkäuferin mit lila Haaren, die vor der Columbia University ... an einem der Dutzenden Salatstände das Modegemüse Grünkohl verkauft? Oder die Polizistin, die vor dem Trump Tower mit professionell-resolutem Gesichtsausdruck arglose Touristen aus China wegscheucht? ... Vielleicht ist es auch der New Yorker Donald Trump selbst. Die Geschäftsstrategien des Bald-wieder-Präsidenten sind von einer metropolenbezogenen Ambivalenz gekennzeichnet. Einerseits die demonstrativen Pressekonferenzen in seiner golfoptimierten Provinz in Florida, andererseits die Obsessivität, mit der er New York seinen vulgärästhetischen Stempel aufdrückt."

Volker Weidermann erzählt auf Zeit Online die Geschichte der aktuell von den verheerenden Bränden in Los Angeles bislang offenbar weitgehend verschonten Villa Auroa und des Thomas-Mann-Hauses, letzteres zur Nazizeit "der symbolische Regierungssitz des Teils der deutschen Kultur, den die Nazis in Deutschland für undeutsch erklärt hatten. ... Die deutsche Kultur weiter Teile des 20. Jahrhunderts, auf die wir heute so stolz sind, ist eine Flüchtlingskultur. Ist eine - durch Glück, durch menschenfreundliche Regierungen, durch heldenhaft agierende Menschen - gerettete Kultur. Und der Hügel von Pacific Palisades, der in Flammen steht oder nur noch ein grauer Ascherest ist aus Gebäudegerippen und verkohlten Palmen, der ist ein Symbol jener kühnen, heute märchenhaft erscheinenden Rettungsbereitschaft eines Landes."

Weitere Artikel: Hendrik Feindt liest für "Bilder und Zeiten" der FAZ Stefan Zweigs letztes Romanfragment, mit dem auch die Salzburger Ausgabe zu Zweigs Werk endet. Marc Zitzmann blickt für "Bilder und Zeiten" auf die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Matthias Heine fühlt sich in der WamS von den Territorialansprüchen, die Donald Trump auf Grönland erheben will, an Carl Barks' Donald-Duck-Comicklassiker "Der Goldene Helm" von 1952 erinnert.

Besprochen werden Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (Presse), Barbra Streisands Memoiren (taz), Leonardo Paduras "Anständige Leute" (taz), Hans-Ulrich Jörges' "Der Kobaltkanzler" (FR), Maria Stepanovas "der absprung" (NZZ), Anne Cathrine Bomanns "Rosa" (Presse), Sarah Pines' "Der Drahtzieher" (FAZ) und die fünfzehnbändige "Handliche Bibliothek der Romantik" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Noch Mitte der Neunziger wurde das Bild "Generativ" der Collage-Künstlerin Annegret Soltau nach Protesten aus mehreren Ausstellungen entfernt, erinnert Freddy Langer in der FAZ, weil es angeblich "schamverletzend" sei. So konservativ ist man heute zum Glück nicht mehr - und so kann Langer ihre Arbeiten in einer Ausstellung im Museum Goch bei Düsseldorf betrachten. Ein bisschen mitgenommen ist er aber auch von diesem Werk, das sich mit schmerzhaften Themen auseinandersetzt: dem verschwundenen Vater, der mangelnden Liebe der Mutter - Kunst ist für Soltau nicht "erlösend", so Langer, das Leid der Künstlerin wird sichtbar. In Bildern "mit bezeichnenden Titeln wie 'Körperöffnung' oder Aufnahmen von zerschnittenen Leibern wie auf dem Tisch eines Kriminalpathologen und zusammengeflickt, als entstammten sie dem Labor eines Doktor Frankenstein. Da sind Körper eng verschnürt oder eingewoben wie von Spinnennetzen, aber nicht aus Lust wie in den japanischen Fesselpraktiken des Bondage, sondern als Metaphern für ein Gefühl der Unfreiheit. Figuren sind neu zusammengesetzt mit enorm vergrößerten Augen oder Geschlechtsteilen anstelle von Bäuchen. Und es sind Gesichter zusammengenäht zu Fratzen aus den Augen, Nasen und Mündern von drei oder vier verschiedenen Menschen, bisweilen auch Tieren."

In der FAZ blickt Frauke Steffens nach Los Angeles, wo die verheerenden Brände auch Museen und Galerien bedrohen. Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ macht sich Raquel Erdtmann Gedanken über visuelle Strategien des historischen Antisemitismus. Dafür zeichnet sie den Lebenslauf des Betrügers Aron Abrahamsz nach, der 1737 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde sowie den Fall des Bankiers Joseph Süskind Oppenheimer, der 1738 in Folge einer antisemitischen Hetzkampagne hingerichtet wurde. Ebendort ergründet Thomas Combrink die graphischen Arbeiten des Schriftstellers Günter Kunert. Außerdem veröffentlicht die FAZ einige Fotografien von Alexandros Avramidis, der ukrainische Soldaten auf einer Pilgerreise in die Ägäis begleitet hat. Zeit Online meldet mit dpa, dass die bildende Künstlerin Katharina Fritsch den begehrten Kaiserring erhält. Besprochen wird die Ausstellung "Karl-Heinz Adler: Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen + Art (tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Musik

Besprochen werden das Comeback-Album der Britpopper Franz Ferdinand, das laut Zeit-Online-Kritiker Maximilian Sippenauer "rillengleich auch im Jahr 2005 hätte erscheinen können", ein per KI finalisiertes Album des 2008 verstorbenen Austropoppers Hansi Lang (Standard) und Ringo Starrs Countryalbum "Look Up" ("Er ist wirklich nicht der beste Sänger", seufzt in der SZ Sara Peschke, die auf Starrs oft belächeltes Drumming allerdings nichts kommen lassen will).

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