Efeu - Die Kulturrundschau

Zum Würfelspiel animiert ein Kröterich

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30.04.2025. Die Feuilletons stürzen sich auf Michael Lockshins Stalinismus-Satire "Meister und Margarita", die in Russland inzwischen verfemt ist: So viel Avantgarde gab's selten im russischen Kino, staunt die FR. Aber wo bleibt die Relevanz für die Gegenwart, fragt die taz. Die SZ lernt von Ed Atkins in London, was Avatare nicht können: schwitzen und riechen. taz und nachtkritik blicken auf die jüngsten Proteste gegen die Umstrukturierung der Berliner Landesbühnen. Und die Welt resümiert eine Diskussion zwischen den Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter zum Documenta-Skandal.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2025 finden Sie hier

Film

Halb Blockbuster, halb Avantgarde: "Der Meister und Margarita"

Die Feuilletons stürzen sich auf Michael Lockshins Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" - die Stalinismus-Satire wurde noch vor dem endgültigen Einmarsch Russlands in die Ukraine von den russischen Behörden erst gefördert, dann wegen ihrer Spitzen auch gegen Putin verfemt, vom Publikum aber zum Kassenhit erkoren (unser erstes Resümee zum Film hier). "In seiner Machart vollkommen verwegen, halb Blockbuster, halb Avantgarde, strahlt er eine Unbekümmertheit aus, die es im russischen Kino doch schon lange nicht mehr geben dürfte", staunt Daniel Kothenschulte in der FR. "Ein lustvolles Chaos verbreitet dieser erstaunliche Film von Anfang bis Ende. ... Träte dieser Film als Autorenfilm auf, als kunstvolle filmische Farce über den Stalinismus, wie es sie etwa von Alexander Sokurow gibt, hätte er es kaum durch die Zensur geschafft. Als eher kommerzielles Produkt jedoch, als Fantasy-Epos, scheint die staatlich geförderte Produktion Narrenfreiheit genossen zu haben. ... Glücklich und völlig überrumpelt verlässt man nach zweieinhalb Stunden einen Film voll ungelöster Rätsel, wie ihn vielleicht auch Salvador Dalí hätte drehen können."

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Fabian Tietke widerspricht in der taz vehement: Dieser Film "ist kein besonders gutes Werk. Es ist als Phänomen interessanter denn als Film". Der Regisseur "versteht keine Sekunde, dass es mehr bräuchte als gute Ausstattung und schöne Kulissen, um der Komplexität des Romans auch nur halbwegs gerecht zu werden." Entstanden ist so "ein generischer, mittelguter Blockbuster ohne jede Relevanz für die Gegenwart". Andreas Kilb von der FAZ sieht den Film mit voranschreitender Laufzeit "ins Straucheln" kommen, da "Lockshins Inszenierung die historischen und die fantastischen Anteile von Bulgakows Roman - hier die Love Story zwischen dem Dichter und seiner Angebeteten (Julia Snigir), dort die Späße des Teufels mit den sozialistischen Spießern - nicht wirklich zusammenbringt. ... Mit dem Körper steckt der Film tief in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, während sein Kopf in den digitalen Wolken des Marvel-Universums hängt." Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur.

Weiteres: David Steinitz (SZ), Berit Dießelkämper (Zeit) und Marie-Luise Goldmann (Welt) erzählen, wie Alec Baldwin nach einer Verkettung fahrlässigen Handelns 2021 bei den Dreharbeiten zum Western "Rust", der jetzt in die Kinos kommt, die Kamerafrau Halyna Hutchins erschoss und wie dieser Unfall juristisch aufgearbeitet wurde. Alexander Riedel meldet in der Jüdischen Allgemeinen, dass das Jüdische Museum Berlin Claude Lanzmanns mehr als 200 Stunden Material umfassendes Audioarchiv mit den für seinen Film "Shoah" geführten Interviews zugänglich machen und aufbereiten will. Für November ist außerdem die Ausstellung "Claude Lanzmann - Die Aufzeichnungen" geplant.

Besprochen werden Albert Serras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (critic.de, FR, mehr dazu bereits hier), die auf Hector German Oesterhelds gleichnamigen argentinischen Kultcomic basierende Netflix-Science-Fiction-Serie "Eternauta" (taz), Saulė Bliuvaitės "Toxic" (Jungle World, unsere Kritik), Alain Chabats Netflix-Animationsserie "Asterix & Obelix: Der Kampf der Häuptlinge" (FAZ) und der neue Marvel-Blockbuster "Thunderbolts" (Presse).
Archiv: Film

Literatur

In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" widmet sich Dietmar Dath den zwei Bänden aus Volker Brauns "Werktage: Arbeitsbuch" (unsere Rezensionsnotizen dazu hier und dort). Björn Hayer (FR) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren der Schriftstellerin Ulla Hahn zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Szczepan Twardochs "Die Nulllinie" (FAZ), die Neuübersetzung von Bolesław Prus' "Die Puppe" (Zeit) und Johann Scheerers "Play" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Ed Atkins: Hisser, Videostill, 2015. © Ed Atkins

Für Marie Schmidt (SZ) ist der Brite Ed Atkins, dem die Londoner Tate Britain gerade eine Retrospektive widmet, ein "Francisco de Goya des Uncanny Valley", also jenes Bereichs anthropomorpher Figuren, die dem Menschen ähneln. Vor allem aber, staunt Schmidt, ist der 1982 geborene Videokünstler früh seiner Zeit voraus gewesen, als er noch vor Zeiten generativer KI perfekt scheinende Avatare schuf, um zu zeigen, dass das "Vegetative, Spontane, Unkontrollierbare unserer Körper nie technisch reproduzierbar ist". So etwa in seiner Installation "Old Food" aus dem Jahr 2017: "Die Installation besteht aus zweistöckigen Garderobenständern der Deutschen Oper, dicht behängt mit erdfarbenen Kostümen, die noch nach Körpern riechen - wie verlassene Häute. Dazwischen drei Bildschirme, auf denen computergenerierte Figuren panisch Rotz und Wasser heulen: ein Baby, ein kostümierter Junge, ein alter Mann. Und Atkins behält recht, man spürt augenblicklich: Der Menschgeruch ist echt, aber die Tränen fließen nicht. Beides ist ein bisschen eklig. Zumal man merkwürdigerweise trotzdem mit den virtuellen Gestalten fühlt - selbst wenn es eine hohle, erschlichene, moralisch fragwürdige Empathie ist."

Cyprien Gaillard: Retinal Rivalry, 2024 (film still), 3D motion picture. Foto: Sprüth Magers Berlin

Zehn Jahre war es still um Cyprien Gaillard, der spätestens mit seiner Arbeit Artefacts, für die er 2011 durch den zerstörten Irak reiste und die Reste des antiken Babylons filmte, berühmte wurde. Nun ist der Pariser Performancekünstler zurück, freut sich Gabriel Proedl, der Gaillard für die Zeit gleich ein paar mal in Paris und München getroffen hat. München spielt auch in Gaillards aktueller filmischer Arbeit "Retinal Rivalry", die im Rahmen des Gallery Weekends bei Sprüth Magers in Berlin gezeigt wird, eine Rolle. Erneut arbeitet er sich am von Hitler geplanten Haus der Kunst ab: "Zu sehen sind eine Totale der Theresienwiese während des Oktoberfests, Wanderwege in Sachsen, das Michael-Jackson-Memorial beim Bayerischen Hof in München oder eben das Haus der Kunst. Die Methode ist schon etwas außergewöhnlicher: Die Alltagsszenen filmte Gaillard mit zwei höchstauflösenden Arri-Kinofilmkameras, die eigentlich für Ultrazeitlupen-Aufnahmen konzipiert sind. ... Durch die hohe Frame-Rate und die gewaltige Helligkeit der 3D-Bilder wirkt die Welt kurz, als würde sie durch Facetten-Augen einer Fliege betrachtet."

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In der Welt resümiert Boris Pofalla die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen, aber klare Worte zum seit dem 7. Oktober verstärkt grassierenden Antisemitismus in der Kunstwelt vermissen ließen, wie Pofalla anmerkt. Hutter vertritt in "Anstößige Bilder. Gesellschaftskampfspiele um den documenta- fifteen-Skandal" die These eines "konservativen Backlash": Die deutschen Medien seien dem Kollektiv Ruangrupa mit Ignoranz begegnet, es herrsche ein "Nicht-Kennen-Wollen der kulturellen Umgangs- und Traditionsformen, die in anderen Gegenden der Welt gängig sind." Bude geht in "Kunst im Streit" hingegen vom "Niedergang einer Orthodoxie, 'dem Ende des durchgehenden globalen Kunstsprechs" aus und widerspricht Hutte vehement: Man könne an indonesische Künstler keine anderen Maßstäbe ansetzen, "schließlich bewegten sich alle im selben System, dem der bildenden Kunst, und Kunst sei 'eine Form des Übersetzens'."

Weitere Artikel: Private Kunstmuseen boomen, vermutlich auch aufgrund der anwachsenden Vermögenskonzentration bei Superreichen, schreibt Florian Heimhilcher in der FAZ. Das Publikum darf sich freuen, staatliche Museen ziehen indes den Kürzeren, etwa beim Erwerb von Werken lebender Künstler, die, sobald sie in Privatmuseen hängen, höhere Verkaufspreise erzielen: "So berichtet der französische Soziologe Alain Quemin darüber, dass staatliche Käufer zunehmend aus dem Markt für begehrte zeitgenössische Künstler gedrängt werden." Kathleen Reinhardt, aus Thüringen stammende Direktorin des Berliner Georg-Kolbe-Museums, wird auf der Biennale in Venedig kommendes Jahr den deutschen Pavillon kuratieren, meldet Jörg Häntzschel in der SZ erfreut: "In ihrer Arbeit hat sie sich auch immer wieder mit der Geschichte der ehemaligen sozialistischen Länder beschäftigt und sie mit Postkolonialismus und Black Studies in Beziehung gesetzt." In der FAZ betrachtet Stefan Trinks das Gemälde, das Trump im Weißen Haus aufhängen ließ, und das ihn als Märtyrer mit "perforiertem Ohr" zeigt.

Besprochen werden die Viviane Sassen-Ausstellungen: "This Body Made of Stardust" in der Collezione Maramotti sowie die Ausstellung "Being Twenty" in Chiostri Di San Pietro und im Palazzo da Mosto, beide in Reggio Emilia (taz) und die und die Ausstellung "Anselm Kiefer - Sag mir wo die Blumen sind" im Van-Gogh-Museum und im Stedelijk-Museum in Amsterdam (NZZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Hieronymus B." Foto: Oliver Look.

So viel "bezaubernde Sinnlichkeit" hätte Jens Fischer (taz) Hieronymus Bosch gar nicht zugetraut. Aber wenn Nanine Linning Boschs Monsterwesen und Chimären im Theater am Domshof in Osnabrück tanzen lässt, wirken sie geradezu "apart", staunt Fischer: "Wie von ihm gemalt ist in Osnabrück eine Frau in Harfensaiten wie in einem Foltergerät verstrickt; durch einen Schlüsselring schlängelt ein Akrobat, ein anderer entwindet sich einem Metallgefängnis; zum Würfelspiel animiert ein Kröterich; aus einem messerdurchbohrten Ohr wird eine Frau geboren. Zwischen den Zuschauer:innen tanzen in hautfarbenen Trikots entblößte Menschen mit aufgenähten Gummibrüsten. Alle wirken schmerzgepeinigt, von Qual gekrümmt und von Begehren getrieben. Der räkelige Verlockungsreigen mündet in einen zärtlichen Pas de deux - was wiederum ein aggressives schweinsköpfiges Wesen stört."

Während in einem von Kai Wegner (CDU) mit der parteilosen Kulturstaatssekretärin Sarah Wedl-Wilson anberaumten Kulturdialog mit Geschäftsführungen und Intendanzen der Landesbühnen derzeit über die Pläne, Volksbühne, Gorki-Theater, Deutsches Theater, Theater an der Parkaue und Konzerthaus in eine gemeinsame Stiftung öffentlichen Rechts zu überführen, diskutiert wird, protestierten betroffene Mitarbeiter vor der Volksbühne, schreibt Andreas Hergeth in der taz. Auch, weil bei einer Umstrukturierung der landeseigenen Theater die jeweiligen Personalräte miteinbezogen hätten werden müssen, so Hergeth, der mit verschiedenen Vertretern gesprochen hat. Etwa mit  Philipp Friesel vom Personalrat des Gorki-Theaters: "Vor allem die Aussicht auf Haustarife, der damit einhergehende Austritt aus dem Tarifvertrag und damit auf Lohnverzicht würden viele vor den Kopf stoßen. Auch weil die Gehälter an den landeseigenen Theater eine Orientierung für alle anderen Theater und auch die Freie Szene darstellen. 'Wenn wir nach unten trudeln, trudelt auch der Rest nach unten.'" In der nachtkritik kommentiert Christian Rakow wütend: "Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung, verspielt sein Vermögen, verschleudert das Tafelsilber. Unter dem Deckmantel der ökonomischen Alternativlosigkeit. ... Berlins Theaterstrukturdebatte bezeichnet das jüngste postdemokratische Schlachtfeld."

Besprochen werden Reinhard Hinzpeters Inszenierung von Lot Vekemans' Dialogstück "Blind" am Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt (FR), Frank Castorfs Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Zeit) und Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (NZZ).
Archiv: Bühne

Musik

Gerald Felber schreibt in der FAZ zum Tod des Komponisten Christfried Schmidt. Der im Alter von 92 Jahren Verstorbene war "ein Hineinwühler von rigoroser, auch gegen sich selbst rücksichtsloser Entschlossenheit" und also kein Mensch, der ringsum nichts als Freunde sammelte. Ob in der DDR oder später in der BRD: "Ein Außenseiter blieb Schmidt im alten wie im neuen Staat. ... Wenn man, was er über ein reichliches halbes Jahrhundert hin komponiert hat, auf den kürzesten Nenner bringen will, dann vielleicht so, dass sie dringlichst mit ihren Hörern reden will. Das schließt gewiss auch Brüllen oder heiseres Flüstern ein, lockt zu gefährlichen Ausflügen in somnambule Traumwelten, reißt Verschwiegenes und Verborgenes ans Licht, ist immer eine Herausforderung und manchmal eine Zumutung - aber nie anbiedernd oder distanziert-technizistisch kühl." 2022 befasste sich Florian Neuner in einer Radiodoku für Dlf Kultur mit Schmidts Leben und Werk.

Besprochen werden Uwe Schüttes Buch "Sternenmenschen" über den Aufenthalt von David Bowie in Gugging 1994 (NZZ), das neue Album von Bon Iver (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Abyss" von Anika ("leidenschaftlich und laut, rockend und kratzbürstig, eingängig und erhaben", schwärmt Karl Fluch im Standard).

Archiv: Musik