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28.05.2025. Die Zeit porträtiert den neuen Shooting-Star des deutschen Kinos: die Regisseurin Mascha Schilinski, die gerade in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Die FR staunt in Chemnitz über ein Stück von Karin Breece, das Vergangenheitsbewältigung als höchst realistisches Figurentheater auf die Bühne bringt. Außerdem fragt sich die Zeit: Was hat es nur mit dem Wohlfühl-Hype in der Museumswelt auf sich? Die FAZ lässt sich in einer Wiener "Tannhäuser"-Aufführung von Malin Byströms glühendem Sopran betören.
Für die Zeitporträtiert Katja Nicodemus die Filmemacherin MaschaSchilinski, die mit ihrem deutschen Wettbewerbsbeitrag "In die Sonne schauen" gerade in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. "In ihrer Dankesrede hatte sie junge Filmemacher und vor allem Filmemacherinnen ermutigt, für ihre Visionen zu kämpfen, ihren Weg trotz aller Widerstände zu gehen. Welche Widerstände schlugen ihr entgegen? 'Wir haben diesen Film immer wieder verteidigen müssen, weil er keiner klassischen Dramaturgie folgt', sagt sie. 'Ich musste mir ziemlich oft Sätze anhören wie: So kann man doch keinen Film machen. Oder: Das wird doch nichts, lass es lieber gleich bleiben.' Acht Jahre sind seit Schilinskis erstem Film 'Die Tochter' mit Helena Zengel vergangen. Ihre Entschlossenheit, ihr Ding durchzuziehen, hat sie zum wichtigsten Filmfestival der Welt gebracht."
Poster "The Sorrow and the Pity". Regie: Marcel OphülsDie Feuilletons verneigen sich weiterhin vor dem großen Dokumentaristen MarcelOphuls (unser Resümee zu den ersten Nachrufen). Gerade jetzt sollte man seine Dokumentarfilme über Schuld und Verantwortung, Verstrickung und Ethik wieder sehen, schreibt Georg Seeßlen auf Zeit Online. "Wenn man in seinen Filmen den Tätern begegnet, die nichts gelernt haben und nichts bereuen, muss man gelegentlich an böse Komödien denken, an die menschlichen Enttarnungen der Diktatoren und ihrer Vasallen von Charlie Chaplin oder Ernst Lubitsch. Aber genau diese menschliche Nähe, diese angedeutete Tendenz zur Nachsicht, dieses durch und durch Konkrete in seinen Filmen, machen das Grauen umso schrecklicher. ... Anders als etwa Claude Lanzmann, der mit langen Sequenzen arbeitete und auf diese Weise eine unerbittliche Teilhabe erzeugte, schnitt Ophüls oft scharf und konfrontativ." Es "war sein Ziel, Menschen und Ereignisse als Ganzes zu erfassen, hinter die Masken, hinter die Funktionen, hinter die Mechaniken zu sehen. In seinen Filmen wird die Geschichte befragt - und es antworten Menschen. Das ist oft erschreckend, manchmal komisch und hier und da erschreckend komisch."
Katja Nicodemus erinnert sich in der Zeit an eine turbulente Begegnung in Paris: "Ophuls drehte Dokumentarfilme, wie er Auto fuhr: furchtlos, unorthodox. ... Als wir spazieren gingen, spielte Marcel Ophuls Filmszenen nach, legte mit Tippelschrittchen und Regenschirm Chaplin-Auftritte hin, lief wie Buster Keaton gegen Laternen." Im Filmdienstschreibt Dietrich Leder zu Ophuls' Tod.
Weiteres: Susanne Lenz und Claus Löser sprechen in der Berliner Zeitung mit ArminMueller-Stahl. Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" (FR), die Arte-Serie "Sowjet Jeans" (Perlentaucher), MehdiIdirs und GrandCorpsMalades Biopic "Monsieur Aznavour" (Standard), DavidMinahans "On Swift Horses" (taz), NabilAyouchs Musikfilm "Alle lieben Touda" (FR), der sechste Teil der Horror-Reihe "Final Destination" (Zeit, unsere Kritik) und die vom ZDF online gestellte SF-Serie "Twisted Metal" (FAZ).
Peter Blaha verabschiedet sich in der FAZ von zwei Dirigenten, die die Wiener Häuser demnächst verlassen. Vor allem Philippe Jordan gibt in Lydia Steiers "Tannhäuser"-Inszenierung an der Staatsoper eine hervorragende Abschiedsvorstellung. Unterstützt wird er dabei von einer "sehr guten Besetzung, allen voran von Clay Hilley, der mit seinem imposanten Material und seiner ausdrucksstarken Stimme Tannhäusers Tragik hörbar machte. Und von wegen keuscher Elisabeth - Malin Byström machte als sinnliche Frau mit ihrem dunkel schattierten, glühenden Sopran der Liebesgöttin durchaus Konkurrenz. Szenisch wurde Venus stark aufgewertet: Sie erscheint Tannhäuser auch im zweiten Akt, und zwar immer dann, wenn sich seine Sängerkollegen mit ihren prüden Ansichten über die Liebe blamieren." Auch die Volksoper verliert einen Dirigenten, und zwar Omer Meir Wellber. Dessen Abschiedsvorstellung gerät weniger glücklich: Lotte de Beers Inszenierung des "Figaro" sorgt zwar "mit brachialer Komik (...) für einzelne Lacher, überspannt dabei zuletzt jedoch den Bogen."
Weitere Artikel: Leonard Haverkamp liest sich für nachtkritik durch diverse Regieanweisungen. An selber Stelle interviewt Elena Philipp die Schauspielerin Nele Stuhler und den Regisseur Fx Mayr, die gemeinsam das Sprechstück "Und oder" erarbeitet haben. In einem dritten nachtkritik-Text denkt Shirin Sojitrawalla über Theater im Fernsehen nach - eine gute Sache, findet sie. Alexander Menden besucht für die SZ das derzeit noch von Francis Hüser geleitete Theater Hagen, das demnächst eine Bühnenversion von Diane Foleys vielbeachtetem Selbstbericht "American Mother" auf die Bühne bringen wird: Geschrieben wird das Stück von niemand geringerem als Colum McCann, eine Wahl, mit der man auf der auch sonst die hochkulturellen Herausforderungen nicht scheuenden Bühne Mut und Ambition beweise.
Besprochen wird Benjamin Verdoncks Stück "All Before Death Is Life" bei den Wiener Festwochen (Standard, "Verdonck führt vor, wie er bei seiner Darstellung eines Scheiterns auf so gewinnende Art versagen kann, dass das Publikum in Rührung gerät und dabei weitgehend aufweicht").
Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von der Buchmesse in AbuDhabi, wo HarukiMurakami "als kulturelle Persönlichkeit des Jahrzehnts ausgezeichnet wurde". Besprochen werden unter anderem PatrikBangas "Zigeuner lügen" (NZZ), der Briefwechsel zwischen ThomasMann und KatiaMann (FAZ), CordtSchnibbens "Lila Eule" (Zeit) und SvealenaKutschkes "Gespensterfische" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Julian Weber erinnert in der taz an Arnold Odermatt, einen Polizisten, dessen fotografische Dokumentation von Unfallschauplätzen zu Kunstwerken wurden. Vier Jahrzehnte lang hielt Odermatt Autoschrott im Bild fest und entwickelte dabei rasch außergewöhnliche Techniken: "Er experimentierte mit der Perspektive, fotografierte aus weiter Ferne und von großer Höhe. So wurden seine Fotos zu Stillleben des Schrotts: eine Pietà aus zerbeultem Blech, Beton und Teer. Obwohl die Aufnahmen in der Chronologie postdramatisch entstanden sind, lassen sich kleine Katastrophen und große Karambolagen erahnen. In ihrer strengen Komposition und nüchternen Bestandsaufnahme geraten die verkümmerten Karosserien in den Hintergrund, stattdessen treten Schraffuren und Linien hervor, Signalgegenstände und Warndreiecke werden zu abstrakten Symbolen. Ein Panoptikum aus schiefen Bremswegen, abgerissenen Kotflügeln, Pneuresten und allerlei Hindernissen, an denen die Unfallfahrzeuge zerschellt sind." Dieser Tage wäre Odermatt 100 Jahre alt geworden.
Anlässlich neu eingerichteter Meditationsräume im Berliner Bode-Museum macht sich Zeit-Autor Hanno Rautenberg Gedanken über das neue Wohlfühlideal der Kunst, das dem avantgardistischen Telos von der Erschütterung des Selbst komplett fremd ist. Dabei ist die Idee, dass Kunst heilen kann, nicht neu und auch heute "angesichts der Ab- und Umbrüche, der Pandemie, des Krieges, einer verwilderten Politik, nicht weiter verwunderlich. Die Kunst soll die Trostlosen trösten. Soll die Risse, die alle und alles durchziehen, für den Moment verarzten. Die Idee der Entgrenzung jedoch, die Hoffnung der Kunst, den realen Verhältnissen ihre Autorität zu bestreiten, hat im Gesundungsdenken der Gegenwart nichts mehr zu suchen. Das Museum, ein Sanitätshaus fern der Welt."
Weitere Artikel: Marion Ackermann übernimmt, wie mehrere Zeitungen (FAZ, Tagesspiegel, BZ) berichten, die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von Hermann Parzinger. Leonie March berichtet in der FR über boomende afrikanische Kunsthandel-Plattformen. Auf monopollesen wir in einem von Stefan Kubel verfassten Beitrag wiederum, dass das Kunstmarktportal Artnet von Investor Andrew Evan Wolff übernommen wird. Susanne Lenz spricht in der BZ mit dem HKW-Intendanten Bonaventure Ndikung über die Kunstwelt, Postkolonialismus und andere Themen. Silke Hohmann klärt auf monopol darüber auf, wie es bei der Venedig-Biennale nach dem Tod der Kuratorin Koyo Souoh weitergehen könnte. Tobias Timm schreibt in der Zeit über Henrike Naumann und Sung Tieu, die den deutschen Pavillon in Venedig bespielen werden.
Besprochen werden eine dem Künstler Robbie Williams gewidmete Schau im Londoner Moco Museum (SZ), die Ausstellung "Mission Dakar-Djibouti" im Pariser Musée du Quai Branly (Tagesspiegel) und "Die Welt von morgen wird eine weitere Gegenwart gewesen sein", eine eklektische Schau im Wiener Mumok (Standard).
"Jung-Siegfried, lasseskrachen", denkt sich Christine Lemke-Matwey euphorisch, wenn der finnische Dirigent KlausMäkelä beim Strauss-Konzert in die Vollen greift. Dem bestrickenden Charme des Jungstars - noch keine Dreißig, aber 2027 übernimmt er in Amsterdam und Chicago "gleich zwei spitzenträchtige Spitzenorchester" - ist die Zeit-Kritikerin spürbar erlegen. Ein Jahr lang hat sie sich für ihr Porträt an dessen Fersen geheftet und ist ihm, der ihr auch mal Pralinen anbietet, spürbar nahe gekommen ("Er riecht gut, nach Sandelholz, Eberesche und Norden, nach frischem Moos vielleicht"). Und die Musik? "Mäkeläs Lesart der Alpensinfonie mit den Münchner Philharmonikern im Juni 2024 ist kein Lebensgleichnis, sondern der Gipfelsturm eines jungen Mannes, der sich vor dem Wiedereinbruch der Nacht fürchtet, mit kantig herausgemeißelten Dissonanzen und dumpfem Dröhnen. Auch Gustav Mahlers Erste Symphonie, die er zur Eröffnung des diesjährigen Mahler Festivals am Pult des Concertgebouw Orchestras dirigiert, tunkt er nicht ins übliche Weltschmerzbad, sondern befreit sie vielmehr von allen solchen Rückständen. Ob der Kuckuck sich in den Kopfsatz der Symphonie verirrt hat und deshalb klagend ruft, warum das Cello so seufzt und was das Volkstümliche hier zu suchen hat, all die Tanzböden und Schanigärten - wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Da dräutetwas."
Heute vor 100 Jahren wurde der in der frühen Bundesrepublik allseits hochverehrte Sänger DietrichFischer-Dieskau geboren. Bereits am Montag erinnerte die FAZ mit einem großen Gespräch an ihn (unser Resümee), heute ziehen weitere Feuilletons nach. Er war der "universalste Sänger in der Geschichte der deutschen Musik", schreibt der Theater- und Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer mit entflammtem Enthusiasmus in der NZZ. In der SZ empfiehlt Michael Stallknecht BenjaminAppls Buch-und-CD-Kombi "For Dieter", in der sich der frühere Fischer-Dieskau-Schüler vor seinem Mentor verbeugt. Dazu passend hat Dlf Kultur sehr ausführlich mit Appl gesprochen. Knappe Würdigungen schreiben Judith von Sternburg (FR) und Frederik Hanssen (Tsp). Ein "Musikfeuilleton" im Dlf Kulturpräsentiert außerdem O-Töne aus Fischer-Dieskaus Karriere.
Weiteres: "Hört hin, mit offenen Ohren", ruft uns Manuel Brug in der Welt völlig begeistert von AndrisNelsonsSchostakowitsch-Festival in Leipzig (unser Resümee) zu. Edo Reents gratuliert in der FAZ dem Rockmusiker JohnFogerty zum 80. Geburtstag. Besprochen wird das neue Album von MileyCyrus ("Die im Dunkeln Verstummten sollen mitsingen, damit sie sehen lernen: Es wird wieder Tag", schwelgt ein getrösteter Dietmar Dath in der FAZ).
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