Efeu - Die Kulturrundschau

58.555 Euro pro Quadratmeter

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17.10.2025. In der FR fordert Claus Leggewie die europäischen Regierungen auf, Algerien mit Blick auf die Haft von Boualem Sansal ein Ultimatum zu stellen. Die SZ bermerkt besorgt, dass Justiziare der Verlage immer häufiger in die Gestalt von Büchern eingreifen. Tagesspiegel und Welt bewundern im Berliner Gropiusbau, wie radikal und respektvoll sich Diane Arbus den Rändern der Gesellschaft näherte. Ganz bescheiden wird das Berlin Modern nun als 'Erweiterung' der Neuen Nationalgalerie bezeichnet, weniger bescheiden sind die inzwischen eingeplanten 600 Millionen Euro Baukosten, notiert der Tagesspiegel fassungslos.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2025 finden Sie hier

Literatur

Heute Abend findet in Frankfurt anlässlich der Buchmesse ein Solidaritätsabend für Boualem Sansal statt (hier alle Informationen). Bisherige Versuche, Druck auf Algerien auszuüben, sind gescheitert - Sansal sitzt weiterhin, im Alter von 80 Jahren und an Krebs erkrankt, in einem algerischen Gefängnis. In der FR kritisiert Claus Leggewie, dass "europäische Regierungen und Institutionen ... in der Auseinandersetzung mit einem autokratischen Regime" auf ihre Macht verzichten. Dabei "haben die EU-Staaten und die EU-Kommission Druckmittel: Mit Algerien bestehen bi- und multilaterale Abkommen, die um den Export von Erdgas und Zukunftstechnologie wie grünen Wasserstoff kreisen. Algerien sucht auf dem wirtschaftlichen Sektor nach noch besseren Bedingungen und sollte diese nur erhalten, wenn es Sansal und Gleizes freilässt (und im Übrigen weitere politische Gefangene), und sie verweigert bekommen, wenn das Regime weiter stur bleibt. Es muss ein Ultimatum geben, dass die Verhandlungen mit Brüssel platzen, wenn Sansal nicht bis spätestens Jahresende auf freiem Fuß ist und wir ihn in der Paulskirche begrüßen dürfen."

Formal wurden in der Bundesrepublik zwar erst zwei Romane von einem Gericht aus dem Verkehr gezogen. Doch die Luft wird dünner, schreibt Felix Stephan in der SZ. Mittlerweile gibt es bei einzelnen Büchern sogar ein juristisches Lektorat: "Über die Aushandlung, die heute zwischen den Autoren, den Gerichten und den Justiziaren stattfindet und die längst zu einem Teil jenes Prozesses geworden ist, der der Literatur ihre Form verleiht, ist das Publikum heute weit überwiegend nicht im Bilde. ... Von Zensur ist dieser Prozess von Aushandlung und Abwägung zwar weit entfernt. Aber es ist doch ein Instrument entstanden, mit dem man gute Chancen hat, einen Roman, den man nicht in der Öffentlichkeit sehen möchte, relativ preiswert aus dem Verkehr zu ziehen. Oft reicht schon ein anwaltliches Schreiben an die großen Buchhändler, die einen Roman dann bisweilen prophylaktisch aus dem Sortiment nehmen, weil ihnen schon die Möglichkeit, sich damit Ärger und Kosten einzuhandeln, zu riskant erscheint. Und ohne die großen Händler ist ein Buch in Deutschland praktisch vom Markt, ohne dass es je zur Klage gekommen ist." 

Weiteres: Ausgehend von Adornos Entsetzen über die damals neuartigen Taschenbücher auf der Frankfurter Buchmesse 1959, denkt Josephine Bewerunge in der FAZ angesichts des digitalen Umbruchs in der Bücherwelt darüber nach, was ein Buch heutzutage eigentlich ist. Kerstin Holm berichtet in der FAZ von einem Treffen russischer Exilverlage, bei dem vor allem über Aspekte von Zensur und Selbstzensur diskutiert wurde. Nina Apin berichtet in der taz von der Verleihung des Deutschen Verlagspreises an Kleinverlage. Gerrit Bartels (Tsp) und Christiane Lutz (SZ) berichten vom Kritikerempfang des Suhrkamp-Verlages auf der Frankfurter Buchmesse, der diesmal erstmals nicht in der (im letzten Jahr verkauften) Suhrkamp-Villa stattfand, sondern im Holzhausenschlösschen - "ein würdiger Ort", meint Lutz. Sehr schade findet es Andreas Platthaus, dass ein Prachtband aus dem Hause Taschen zwar Carl Barks' frühe Abenteuergeschichten mit Donald Duck in einer bis dato nicht gesehenen philologischen Qualität hochformatig reproduziert - aber die Geschichte mit dem Zombie Bombie auch weiterhin von Disney wegen rassistischer Stereotype in der Darstellung afrikanischer Ureinwohner im Giftschrank zurückgehalten wird und also auch hier stillschweigend ausgelassen wurde. Ursula Scheer geht in der FAZ dem Trend von Romanen nach, die sich in cozy Buchhandlungen mit Cafés abspielen. Julia Hubernagel schaut sich für die taz in der Welt von Romance- und New-Adult-Romanen um.

Besprochen werden der von Urmila Seshagiri herausgegebene Band "The Life of Violet" mit drei frühen, bislang unveröffentlichten Geschichten von Virginia Woolf, die nach dem Willen der Autorin eigentlich nie an die Öffentlichkeit dringen sollten (SZ), Thomas Pynchons "Schattennummer" (Standard), Jegana Dschabbarowas "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" (NZZ), Maggie Nelsons "Pathemata - Die Geschichte meines Mundes" (FAZ), Gustavo Faverón Patriaus "Unten Leben" (Intellectures), Marko Dinićs "Buch der Gesichter" (taz), Nils Langhans' "Irgendwann kommt immer ein Meer" (taz) und neue philippinische Romane von Katrina Tuvera und Jose Dalisay (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Architektur

Im Tagesspiegel staunt Nikolaus Bernau nicht nur, dass der Rohbau des Berlin Modern so weit fertig ist, dass die Richtkrone gezogen werden kann. Fassungsloser ist er über die Kostenexplosion: Kalkuliert wurde zunächst mit 149 Millionen Euro, inzwischen wird offen über 600 Millionen Euro Baukosten diskutiert, das sind 58.555 Euro pro Quadratmeter, weiß Bernau. Zum Vergleich: Das Berliner Humboldt Forum kostete "nur" 21.000 Euro pro Quadratmeter. "Neuerdings wird das Riesenprojekt bescheiden als 'Erweiterung' der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe annonciert. Dabei ist mit dem versprochenen unterirdischen Verbindungssaal oder wenigstens dem Korridor auf alle absehbare Zeit nicht zu rechnen: Unter der Sigismundstraße verläuft eine Hochspannungsleitung, deren Verlegung immens teuer wäre. Und wer bezahlte den Tunnel? Übrigens: Die Giebelwand des breiten Satteldachs ragt schon jetzt deutlich über die strikt horizontalen Linien der Neuen Nationalgalerie hinaus. Offenbar hatte es schon seinen Grund, dass Herzog & de Meuron nie eine Perspektivzeichnung vorlegten, die beide Bauten zusammen zeigt. Der edelste deutsche Museumsbau der Nachkriegszeit wird nun von seiner 'Erweiterung' regelrecht degradiert. Ein Affront, den die Berliner Denkmalpflege nur unter dem immensen Druck der Politik genehmigte."

Lange wurde über die Sanierung der 1934 nach Plänen von Albert Speer errichteten Zeppelintribüne auf dem Reichsparteigelände in Nürnberg debattiert - nun wurde das Richtfest gefeiert, berichtet Jannis Koltermann, der für die FAZ an einer Führung teilgenommen hat - und erschaudert: "Betritt man … von hinten das Innere der Tribüne, kommt man der ursprünglich beabsichtigten Wirkung näher. Im sogenannten 'Goldenen Saal', einer Art Eingangsfoyer auf der Rückseite der Ehrentribüne, sieht der Muschelkalk noch wie Marmor aus, Hakenkreuzmosaike schimmern von der Decke, und nicht nur die Wandnischen und hohen Treppenaufgänge erinnern an Repräsentationsbauten aus dem alten Rom." Wichtig für die Erinnerungskultur ist der Erhalt dennoch, meint er, denn: man "kann sich ja nicht darauf beschränken, das Böse dort zu zeigen, wo es besonders offensichtlich ist, sondern muss auch jenen Stellen nachspüren, an denen das Böse im Gewand des Guten daherkam."
Archiv: Architektur

Kunst

Bild: Diane Arbus, Lady bartender at home with a souvenir dog, New Orleans, La. 1964 © The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation

Diane Arbus fotografierte "Alte, Dicke, Menschen mit Behinderung, trans Personen, Paare mit schrägen Hobbys", Susan Sontag verwendete in ihrem Essay "Über Fotografie" von 1977 den Begriff "Freak Show", erinnert uns Birgit Rieger im Tagesspiegel - und widerspricht: Denn die Schau "Konstellationen" im Berliner Gropiusbau zeigt: "Arbus' Herangehensweise spricht dagegen. Sie lässt die Kamera arbeiten und die Menschen sich selbst inszenieren. Meist trifft sie die Personen mehrmals, baut langfristige Beziehungen auf, besucht sie zu Hause." Auch Marcus Woeller kann in der Welt keineswegs erkennen, dass Arbus auf "die Anderen" herabsehe, wie Sontag behauptete: "Arbus' Interesse an den Rändern der Gesellschaft erscheint hier als humanistischer Impuls: keine zynische Gleichmacherei, sondern radikale Gleichbehandlung. … Sie wollte zeigen, was die plurale Gesellschaft beinhaltet - und hat damit die Akzeptanz des Andersseins vorweggenommen. Für Arbus war Fotografie nie Mittel der Idealisierung, sondern Medium der Wahrhaftigkeit - ein Gegenentwurf zu den Schönheitsnormen, die sie als Fotografin für Modemagazine einst bedient hatte."

Die Biennale von São Paulo ist nicht nur die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Südamerika, sondern auch die nach Venedig zweitältesten Kunstbiennale der Welt, erinnert Martina Farmbauer, die für die Welt die 36., aktuell von HDK-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung kuratierte Ausgabe besucht hat. Auch im "Globalen Süden muss der Globale Süden erst einmal ankommen", erkennt die Kritikerin hier, denn auch in Brasilien werden viele Künstler erst jetzt entdeckt: "Im Fokus stehen unter ihnen vor allem afrobrasilianische und indigene Künstler. Die Bronzeskulpturen von Nádia Taquary, deren Arbeit von Geschichten und Traditionen schwarzer Frauen aus der Kolonialzeit inspiriert ist, waren der Favorit mehrerer Besucher, etwa des deutsch-brasilianischen Sammlerpaares Stefan Vilsmeier und Sérgio Linhares aus München. Taquarys beeindruckende, unheimliche Skulpturen interpretieren den weiblichen Körper als Vogel ähnliche Figuren. Zu der Installation 'Ìrokò: A árvore cósmica' gehört auch ein leuchtend-orangener Baum aus Fiberglas."

Besprochen werden außerdem die Schau "Gothic Modern" in der Wiener Albertina (NZZ, mehr hier) und - im Welt-Print - die Minimal Art Ausstellung in der Pinault Collection in Paris (wir haben schon darauf hingewiesen).
Archiv: Kunst

Bühne

Besprochen werden Emanuel Şipals Inszenierung "Der Zauberer von Öz. Eine Fußballtragödie" über Aufstieg und Fall von Mesut Özil am Theater Bremen (Welt) und Stefan Puchers Inszenierung von Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" am Theater Basel (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Jan Feddersen (taz), Harry Nutt (FR) und Peter-Philipp Schmitt (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schlagerproduzenten Jack White. Besprochen werden Ozzy Osbournes Autobiografie "Last Rites" (Welt) und das zweite Album der britischen Band The Last Dinner Party (NZZ).

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Film

In der critic.de-Reihe zum deutschen Genrefilm widmet sich Robert Wagner (der auch für den Perlentaucher tätig ist) ausführlich der Reportfilm-Welle der Siebziger: Aufgrund ihrer Defizite und ihres einschlägig spekulativen Charakters zwar leicht zu verdammen, "lauerten hinter dem Aufklärungsgestus nicht selten grelle Satiren und bittere Grotesken. ... Es geht in den Reporten selten um feine gesellschaftliche Analysen, die soziologische und sexual-psychologische Wahrheiten vermitteln wollen, aber doch immer wieder um Unschönes und Derbes im Gewand einer bitteren Gaudi. So zu verallgemeinern ist selbstredend unlauter. Die Filme sind schon jeder für sich grundlegend disparat, voller Stimmungs- und Qualitätsschwankungen, ein Panoptikum aus teutonischem Holzhammerhumor, spritzigen Frivolitäten, Ringen um Verständnis und Lässigkeit, völlig überzogenen Porträts einer gesellschaftlichen Enge, die Fassbinderfilme im Vergleich entspannt wirken lässt." Die Reportfilme "machen es einem nicht einfach, in ihnen finden sich aber Teile einer Gesellschaft, Teile von uns, die andere Filme sich nie getraut haben zu zeigen".

Außerdem: Valerie Dirk bespricht im Standard die auf der Viennale gezeigten Regiedebüts der Schauspielerinnen Kristen Dunst und Harris Dickinson. John C. Reilly kommt in einem italienischen Western als Buffalo Bill zur Viennale, berichtet Marian Wilhelm im Standard. David Steinitz spricht in der SZ mit dem Schauspieler Jeremy Allen White.

Besprochen werden Kelly Reichards "The Mastermind" (Welt, mehr dazu bereits hier), Luca Guadagninos "After The Hunt" (Perlentaucher, Tsp, mehr dazu bereits hier), Kent Jones' Schnitzler-Adaption "Late Fame" mit Willem Dafoe (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "The Iris Affair" (FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Deutscher Film, 70er, Erotikfilm