Efeu - Die Kulturrundschau

Ornament vergangener Zeiten

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28.11.2025. Der Tagesspiegel schaut mit John Singer Sargent den Reichen und Schönen von Paris in die Augen. Der amerikanische Künstler Richard Hawkins enthauptet indes eben jene, stellt Monopol verstört in Wien fest. Die FAZ wendet sich in Wien lieber frischen Avantgarde-Stimmen der Neuen Musik zu. Im SZ-Gespräch glaubt die amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid, dass der Holocaust "1492 in Spanien seinen Ursprung nahm". Und die Welt feiert einen Roboterhund in Wolfgang Menardis Inszenierung des "Richard III." am Burgtheater.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2025 finden Sie hier

Kunst

John Singer Sargent, The Daughters of Edward Darley Boit, John Singer Sargent, 1882. Foto: Wikipedia

Nicola Kuhn kann es im Tagesspiegel kaum fassen, dass es 150 Jahre gedauert hat, bis der amerikanische Maler John Singer Sargent, der als Porträtist der Reichen und Schönen in Paris startete, wieder in Frankreich ausgestellt wurde. Das Musée d'Orsay geht das Wagnis ein und Kuhn ist hingerissen: "Auch wenn die opulenten Bildnisse schon damals aus der Zeit gefallen wirkten, weil sie in der Tradition der Porträtkunst eines Tizian oder van Dyck standen, üben sie noch heute eine große Anziehungskraft aus. 'Die Töchter von Edward Darley Boit' (1882) etwa, vier Mädchen zwischen vier und 14 Jahren im großen Flur der elterlichen Wohnung mit pompösen Vasen, spielen auf Velázquez' 'Las Meninas' an. Wie sie verloren im Raum mit ihren weißen Schürzen stehen und den Betrachter aus großen Augen anschauen, möchte man sofort ihr weiteres Schicksal ergründen."

Nicht allzu lange hält das Vergnügen, das Bernhard Schulz (Monopol) beim Wiedererkennen von Schauspielern wie Robert Redford oder Clint Eastwood in den schrillen Gemälden und Collagen des amerikanischen Künstlers Richard Hawkins erlebt. Erkennt er in der Ausstellung "Potentialities" in der Kunsthalle Wien doch, dass "dass da zwar Gesichter und Köpfe zu sehen sind - aber sehr oft eben nur diese. Die Körper fehlen, oder sie gehen in den Farbwirbeln unter. In seinen Videos, teils mithilfe von K.I. geschaffen, wird Hawkins deutlicher: Da baumeln dann bluttriefende Häupter vor der (vermeintlichen) Kamera und verdrehen die Augen. (…) Hawkins, so formuliert es die Kunsthalle in einem Ausstellungstext, habe 'eine einzigartige Praxis entwickelt, die auf der Lust am Betrachten und der Dynamik von Begehren basiert'. Die Freude am Schauen teilt sich dem Besucher unmittelbar mit, die Dynamik des Begehrens erschließt sich erst in zweiter Linie."

Hubert Spiegel stutzt in der FAZ: Die Bundeskunsthalle Bonn verfügt über einen Ausstellungsetat von 6 Millionen Euro (zum Vergleich: beim Kunstmuseum Bonn sind es 300.000 Euro) - und dennoch sagt sie die für Juni geplante Ausstellung "Social Fabric. 55 Jahre Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Bonn" aus "Kostengründen" ab.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Daniel Spoerri. Ich liebe Widersprüche" in den Deichtorhallen Hamburg (taz) und die Jacques-Louis David-Ausstellung im Louvre, die dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks nicht nur Werke des Malers zeigte, der unter drei verschiedenen Regimen malte, sondern die vor allem damit punktet, dass sie drei Versionen des Gemäldes "Tod des Marat" zusammengetragen hat.
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Architektur

In der FAZ freut sich Bernhard Schulz über die Berufung von Wang Shu und Lu Wenyu zu künstlerischen Leitern der im Jahr 2027 stattfindenden nächsten Architekturbiennale von Venedig, denn: "die Auswahl des chinesischen Architektenpaares, der Begründer des in schöner Untertreibung 'Amateur Architecture Studio' genannten Büros, hebt das Innerste der Profession, die Baukunst, ins Licht der Öffentlichkeit, das in Venedig noch immer so hell strahlt wie an keinem zweiten Ort."
Archiv: Architektur

Bühne

Szene aus "Richard III." Bild: Tommy Hetzel

Jakob Hayner, kürzlich noch vergrätzt über die "freundliche Mittelmäßigkeit" des aktuellen Programms im Wiener Burgtheater (unser Resümee) feiert heute in der Welt die Rückkehr von Nicolas Ofczarek, der in Wolfgang Menardis Inszenierung einen herausragenden "Richard III." gibt. Und auch die Inszenierung, die einen Roboterhund in den Mittelpunkt stellt, überzeugt durch Frische: Indem Menardi "mit dem Robotorhund die transhumanistische Zukunft in das Spiel einbrechen lässt, fragt man sich eher, ob das Unmoralische und das Böse selbst Begriffe sind, die schon in naher Zukunft keine Bedeutung mehr haben werden. (...) Das Paradox aller KI-getriebenen Erlösungsfantasien ist nur, dass die Welt, die das Böse nur noch als Ornament vergangener Zeiten kennt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. In diesem Graubereich der Dämmerung des Maschinenzeitalters lässt Menardi seinen 'Richard III.' spielen, in dem folgerichtig der Roboterhund den letzten Auftritt hat."

Elena Wolf ist in einem von Backstage Classical übernommenen Kontext-Artikel mindestens irritiert: Ausgerechnet die Oper Stuttgart, die sie als progressiv und feministisch schätzt, besetzt die Rolle des Otello in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper mit dem Tenor Alfred Kim, der verurteilt wurde, nachdem er im Jahr 2017 eine Frau in einem Hotelzimmer brutal zusammengeschlagen hatte: "Diese Besetzung ist so zynisch wie die mediale Verklärung tödlicher Gewalt von Männern gegen Frauen im echten Leben als 'Beziehungsdrama'. Aus rasender Eifersucht erwürgt Otello seine Geliebte Desdemona, weil er einer Intrige zum Opfer gefallen ist und fälschlicherweise glaubt, dass sie ihn betrügt." Wolf geht es erklärtermaßen nicht darum, Kim zu "canceln". Aber vielleicht hätte die Leitungsebene der Oper "mal die Frauen ... bei dieser brisanten Besetzungsfrage" miteinbeziehen können, meint sie.

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Und nochmal Othello. Esther Slevogt spricht in der nachtkritik mit der Regisseurin Isabelle Redfern, die sich geärgert hatte, dass bei der Gala zum 125. Geburtstag des Deutschen Schauspielhauses Hamburg historisches Foto- beziehungsweise Filmaterial der "Othello"-Inszenierungen von Peter Zadek aus dem Jahr 1976 sowie von Stefan Pucher aus dem Jahr 2004 gezeigt wurden - zwei Inszenierungen also, denen man heute Blackfacing vorwirft. Rassismuskritisch seien beide Inszenierungen nie gewesen, widerspricht sie Slevogt: "Sonst hätten ja schwarze Menschen mitgearbeitet, statt über sie ein Narrativ zu bauen." Derweil fragt sich Dorion Weickmann in der SZ, was sich in den letzten zehn Jahren, seit die nun scheidende Misty Copeland als erste schwarze Ballerina des American Ballett Theatres tanzte, in der Ballett-Branche für nicht-weiße Personen getan hat. Bei den 25 namhaftesten Compagnien der USA sei der PoC-Anteil in den letzten fünf Jahren von sieben auf schätzungsweise 20 Prozent gestiegen, aber vor allem in Europa gebe es noch einiges nachzuholen, liest Weickmann etwa in Osiel Gouneos 2024 erschienener Autobiografie "Black Romeo".

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel begrüßt Patrick Wildermann das neue vierköpfige Leitungsteam am Berliner Grips-Theater, das "auf Akzentverschiebungen, auf Entschleunigung und Reduktion" setzt: "Zum Beispiel wurde das Gremium, das am Grips über die meisten künstlerischen Fragen mitentscheidet, von zwölf auf acht Personen verschlankt. Und es wird in dieser Spielzeit lediglich drei Premieren geben."
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Literatur

Akademie der Künste, Berlin / Foto: Roman März. Günter Grass. Entwurf für den Buchumschlag seines Romans "Die Blechtrommel, 1959. Akademie der Künste.

Lothar Müller leuchten in der SZ die Augen: Die Akademie der Künste öffnet für die Ausstellung "Out of the Box" ihr Archiv und zeigt Objekte aus den vergangenen 75 Jahren. So kommen allerhand Schätze verschiedener Künste zum Vorschein: "In der Nähe der komplexen Partituren von Bernd Alois Zimmermann der rotierende 'Nullstrahler' von Hermann Scherchen, die hoch aufragende Lautsprecherkugel und Franz Fühmanns hinreißende großformatige Collage mit Bergwerks-, und Unterweltmotiven, um 1981 für das Romanprojekt 'Im Berg' entstanden, hält nicht nur seine Einfahrten in die Gruben des Mansfelder Landes fest, sondern auch die Collagetraditionen der Zwanzigerjahre. Neben der Blechtrommel, die in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Grass-Romans David Bennent als Oskar Matzerath gerührt hat, und den Privataufnahmen, die Mario Adorf während der Dreharbeiten gemacht hat, liegt eine in Paris entstandene Manuskriptseite des Romans."

Ebenfalls in der SZ trifft Johanna Adorjan die amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid, die sich derzeit in der Berliner American Academy am Wannsee aufhält. Bald kommen die beiden auf den Holocaust zu sprechen, und Kincaid wundert sich "wie prominent Berlin sich die einst hier begangenen Gräueltaten ins Schaufenster stellt. Als Tourist bekomme man alles gezeigt. … Aber natürlich, entgegnet sie sich selbst, sei das besser, als die Verbrechen totzuschweigen, so wie das in den USA betrieben würde. Es ist eine ihrer Thesen, dass das, was im Holocaust gipfelte, 1492 in Spanien seinen Ursprung nahm. Damals trat Christoph Kolumbus von Spanien aus seine erste Entdeckungsreise an, infolge derer Europa weite Teile der übrigen Welt mitsamt ihren Bewohnern unterwarf, ausbeutete, versklavte. Und Europäer alles, was bis dahin in diesen Ländern, Kontinenten stattgefunden hatte, überschrieben, neu benannten, ihr gewaltsames Erscheinen zur Stunde null in deren Geschichte erklärten. 'Es ist sehr viel Leid und Gewalt von Europa aus über die Welt gebracht worden', sagt Jamaica Kincaid." Vom Rest der Welt zu schweigen.

Außerdem: In Leipzig droht die Schließung des Literaturhauses - FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus ist alarmiert. Dabei bräuchte das Literaturhaus, das nach jetziger Lage im Jahr 2027 schließen müsste, nur 205.000 Euro von der Stadt, so Platthaus.

Besprochen werden Verena Luekens Buch "Alte Frauen" (taz), zwei Hannah-Arendt-Biografien (NZZ), Marko Dinics Roman "Buch der Geister" (SZ), Walter Moers' "Qwert" (FR) und Britta Langes "Passfotos unter Zwang" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

"Der Hochstapler" Channing Tatum


Wunderhübsches Starkino mit etwas seltsamem Plot (Gentleman-Einbrecher in Spielzeugladenfilialen) ist Derek Cianfrances "Der Hochstapler - Roofman" mit Channing Tatum und Kirsten Dunst, findet jedenfalls Perlentaucher Lukas Foerster: "Solange der Film diesen Schwebezustand eines Make-Believe, das seine eigene Unmöglichkeit nicht wahrhaben will, hält, ist er ziemlich phänomenal. Und zum Glück hält Cianfrance ihn ziemlich lang durch, so lang, dass das dicke Ende, in dem sich Realitätsprinzip auf arg konventionelle Weise wieder in sein Recht setzt, nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Soweit 'Der Hochstapler - Roofman' funktioniert, funktioniert er zuallererst als Schauspielerkino. Kirsten Dunst zum Beispiel erhält jede Menge Gelegenheit, ihre Rolle jenseits bloßer Plotfunktionalität auszubauen; kein bloßes Love Interest ist ihre Leigh, vielmehr eine Frau, die die unerwartete Liebesgeschichte, die in ihr Leben einbricht, selbst als ein Spiel mit offenem Ausgang betrachtet."

Weiteres: Die SZ gibt auf der Medienseite einen Überblick über die Serien des Monats. Besprochen werden die finale "Stranger Things"-Staffel (NZZ) und Rian Johnsons Film "Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery" (SZ).
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Musik

Ausführlich und recht positiv resümiert Peter Blaha in der FAZ das "Wien Modern"-Festival. Helmut Lachenmann konnte hier seinen Neunzigsten feiern. Aber es gab auch neue Stimmen, etwa die Avantgardistin Francesca Verunelli, deren siebzigminütige Komposition "Songs and Voices" zum Angedenken an ihre Schwester den Rezensenten beeindruckte - unter anderem gerade durch die lange Abwesenheit der Stimmen: "Dadurch entsteht eine Leerstelle, die symbolisch für die verstorbene Schwester steht. Die menschlichen Stimmen - mit Liegetönen, Flüstern, Hauchen und allenfalls rudimentärem Gesang - treten überhaupt erst nach rund zwanzig Minuten zum Instrumentalensemble hinzu. Wellenartig baut sie große Steigerungen auf, die von relativ simplen Motiven ihren Ausgang nehmen, deren konstruktives Potential und Ausdruckskraft sich erst allmählich offenbart."

Hier Verunellis Werk "Cinemaolio":



Außerdem: Obwohl der israelische DJ Avichai Partok doch schon ein "erklärter Gegner des israelischen Besatzungsregimes" ist, wird er von internationalen Clubs immer noch boykottiert, muss Jessica Ramczik  in der taz feststellen. Ebenfalls in der taz befasst sich Henrik von Holtum mit den künstlerischen Schwierigkeiten von ebenfalls nicht mehr jungen Kindern berühmter Popstars wie Baxter Dury oder Moon Unit Zappa. In der FR gratuliert heute Bernhard Uske Helmut Lachenmann zum Neunzigsten. Besprochen werden das neue Blawan-Album "SickElixir" (FR) und eine CD der türkischen Pomusikerin Peki Momés, die Iggy Pop in seiner Radiosendung "Iggy Confidential" vorstellte.

Archiv: Musik
Stichwörter: Neue Musik, Wien Modern