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22.01.2026. Kaouther Ben Hanias Film "Die Stimme von Hind Rajab" über ein palästinensisches Mädchen, das bei einem israelischen Angriff stirbt, spaltet die Kritiker: Die FR ist überwältigt, die taz fragt, ob der emotionale Effekt hier nicht ausgeschlachtet wird. Monopol sieht sich in einer Berliner Ausstellung Georg Kolbes und Herbert Lists Männer-Darstellungen an, die von heiß bis eiskalt variieren. Die Welt empfiehlt Lyrik als Medizin gegen seelenlose KI-Texte. Georg Baselitz ist im SZ-Interview auch im hohen Alter noch auf Krawall gebürstet.
Szene aus Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" KaoutherBenHanias "Die Stimme von Hind Rajab" wurde schon bei der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig sowohl gefeiert, aber auch kontrovers diskutiert (unsere Resümees). Der Film erzählt anhand von Tonaufzeichnungen aus Perspektive einer Notruf-Einsatzzentrale von den letzten Lebensminuten des palästinensischen Mädchens Hind Rajab, das bei einem israelischen Angriff auf Gaza-Stadt getötet wurde und per Telefon um Hilfe rief. Dass dieser Fall schrecklich ist, steht für Menschen mit Empathievermögen unabhängig von politischer Positionierung völlig außer Frage, schreibt Chris Schinke in der taz. Aber er stellt sich auf Fragen zum Gestus und ob es richtig ist, das Massaker vom 7. Oktoberals Kontext auszublenden. Es "ist ein Film, der vehement emotionalisieren, der wachrütteln, der erschüttern soll. Ein erzählerisch grobschlächtiger, beinaheschonerpresserischerGestus." Zwar "darf ein Film radikal einseitig, durchaus auch parteiisch sein. Die Frage ist vielmehr, ob die erzählerisch-ästhetischen Setzungen bei Zuschauern zu einer vielversprechenden Auseinandersetzung führen. 'The Voice of Hind Rajab' lässt mit seinem Überwältigungsgestus eine solche kaum zu, sondern erzielt seinen emotionalen Effekt auf Kosten des Originalmaterials, bei dem sich die Frage stellt, ob die Stimme eines toten Mädchens instrumentell zum Gegenstand von Dramatisierung werden sollte."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah den Film völlig anders, widerspricht sich aber auch ein wenig selbst: "Beim Filmfestival Venedig versetzte die Regisseurin das Premierenpublikum in gebannte Anspannung, die sich in den angeblich längsten dokumentierten Ovationen der Festivalgeschichte von 23 Minuten entlud." Doch gibt es laut Kothenschulte "keine unangemessene Emotionalisierung, nichts wird einer dramaturgischen Zuspitzung oder einer Spannungsdramaturgie untergeordnet." Was denn nun?
Auch SZ-Kritiker Moritz Baumstieger fragt sich, ob "man stundenlange Aufzeichnungen eines fünfjährigen Kindes nutzen darf, um einen emotionalen Effekt zu erzielen", wischt diese Bedenken aber schnell weg, denn schließlich haben die Eltern ihr Okay gegeben. Dass der Film keinen Kontext liefert, hält er derweil für einen Vorteil, so werde wenigstens niemand "dämonisiert. ... Dass bei dieser Herangehensweise kein ausgewogener Film mit Informationscharakter herauskommt, ... ist logisch." Zwar "kann man es falsch finden, in Zeiten von KI-Fakes und allgemeiner Verwirrung mutwillig Fakten und Fiktion zu vermischen. Doch jedem, den das stört, steht es frei, sofort nach dem Abspann wieder von Emotion auf Ratio zu schalten."
Weitere Artikel: Die DeutscheKinemathek eröffnet ihr auf zehn Jahre (und womöglich länger) angelegtes Provisorium im Berliner E-Werk, berichtet Michael Meyns in der taz. Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit ChloéZhao über ihr Shakespeare-Drama "Hamnet". Katja Nicodemus sendet in der Zeit eine Notiz von Rosa von Praunheims Beerdigung.
Besprochen werden LeelaVargheses und EmmaHoughHobbs' Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (Perlentaucher, Tsp), die DVD-Ausgabe von FrancisLawrences Stephen-King-Adaption "The Long Walk" (taz), TimDünschedes neuer "Die Drei ???"-Film (Welt), IldikóEnyedis "Silent Friend" (Jungle World, mehr zum Film hier), PaulFeigs "The Housemaid" (NZZ, unsere Kritik) und RonjavonRönnes und ThiloMischkesZDF-Doku "German Guilt" über die Suche in den eigenen Familien nach NS-Tätern (Welt).
Jan Brachmann freut sich in der FAZ, dass der Siemens-Musikpreis in diesem Jahr an JodiSavall und damit "an einen der bedeutendsten Musiker, Forscher und Wissensvernetzer des vergangenen halben Jahrhunderts" geht. "Musik erschöpfte sich für ihn seit je nicht in Partituren, Traktaten und historischen Spieltechniken. Wie der Berliner Musiksoziologe Christian Kaden begreift auch Savall Musik als kommunikative Praxis, als soziales, kulturelles Handeln, das in Zusammenhängen von Riten, Repräsentationen, Arbeitsformen und körperbasierten Techniken der Verständigung verankert ist. Musik steht für Savall in engster Beziehung zu unserem kulturellen Gedächtnis." Insbesondere Savalls Verdienste in der Musikpublizistik mit sorgfältig besorgten CD-Buch-Kombinationen und sein Engagement für die Wiederbelebung der Gambe lobt Brachmann.
Außerdem: Julian Weber unternimmt in der taz mit John McEntire und Doug McCombs von der Post-Rock-Band Tortoise einen Deepdive in deren neues Album "Touch" (mehr dazu bereits hier). Ueli Bernays führt in der NZZ durch Leben und Werk des Afrobeats-Musiker BurnaBoy. Holger Noltze erzählt in VAN von seinem Ausflug nach Dießen am Ammersee, wo an CarlOrffs letztem Wohnsitz ein neuer Ausstellungsraum eröffnet wurde. Besprochen werden LucindaWilliams' neues Album "World's Gone Wrong" (Tsp) und ein Frankfurter Konzert von KeralaDust (FR).
Nachdenklich wandert Monopol-Kritiker Oliver Koerner von Gustorf durch die Ausstellung "Liaisons" im Georg Kolbe Museum in Berlin. Der Bildhauer Kolbe und der Fotograf Herbert List haben sich nur einmal gesehen, erklärt der Kritiker, "aber sie verbindet eine Menge. Sie lieben die klassische Antike, Italien, Michelangelo, den idealisierten Körper". Die Kombination führt zu faszinierenden Kontrasten: Herbert List zeigte klassisch schöne nackte junge Männer und "jugendliche Geilheit" in der heißen Sonne. Georg Kolbe arrangierte sich mit den Nazis, keine Wärme hier: "Da ist nur Stein, und, bro, seine 'Nazi-Beefcakes' lieben dich nicht. Sie tun nur ihre Pflicht, du Schwuli! Oder sie sprechen Code mit dir. Etwa die beiden nackten Männer, Daddy und Jüngling, die er 1934/35 für das Krieger-Ehrenmal in Stralsund in Bronze goss."
Im großen SZ-Interview erinnert sich der Maler Georg Baselitz an den Moment, als er begann, seine Bilder auf den Kopf zu stellen: "Vorher hatte ich nichts übrig für Naturähnlichkeit, Abhängigkeit, Illustrationen und dergleichen. Danach habe ich mir gesagt, jetzt kannst du alles machen. Das, was dir fremd ist, und das, was du verwerflich findest. Ich könnte jetzt sogar eine Schlacht malen. Oder unseren Ministerpräsidenten. Oh, das schreiben wir lieber nicht rein. Dann muss ich den malen. Es gibt keinen Künstler, der so angefeindet wurde wie ich." Auf die Frage, wer ihn angefeindet habe, antwortet Baselitz: "Die Demokratie." Aha.
Weiteres: Elke Linda Buchholz lässt sich für den Tagesspiegel von der Direktorin des Kunstgewerbemuseums, Sibylle Hoiman, erklären, wie sie das im Moment ziemlich erfolglose Museum auf Trab bringen möchte. Besprochen werden "Magritte. La ligne de vie" im KMSKA in Antwerpen (FAZ), Pierre Huyghes Installation "Liminals" in der Halle am Berghain (Zeit) und eine Ausstellung mit Fotografien von Thomas Hoepker "DDR/East Germany Colour Works" in der Galerie Buchkunst Berlin (taz).
Gegen die Seelenlosigkeit der KI-Text-Schwemme hilft nur der Rückzug in die Lyrik, ist Jens Ulrich Eckard in der Weltüberzeugt. Das wird die KI zwar nicht aufhalten, schafft aber Resilienz: "Generative KI macht uns einmal mehr klar: Der Mensch ist nichts Besonderes, seine Kommunikation ist reproduzierbar und sein 'Haus des Seins', wie Heidegger die Sprache nannte, hat er sich fortan mit den Algorithmen zu teilen. Gegen die Schwemmgebiete im Digitalen, die sprachliche Landschaften aus Kies und Geröll hinterlassen, hilft somit nur die Ausweichbewegung in die Höhe. Das Gedicht als karstiger Fels, in dessen Spalten züngelnde Salamander hausen. Wer Weltfremdheit aushält, wird dort oben eine schöne Zeit haben."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mit seinem autobiografisch grundierten Roman "Babyn Jar" erinnert AnatoliKusnezow an den Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion und an das Massaker, das ein deutsches Sonderkommando in der Schlucht Babyn Jar an 33.000 Juden verübt hat. Ursprünglich erschien der Roman 1965 in der Sowjetunion - und wurde dort prompt schwer zensiert. Gut, dass Kusnezow in der nun vorliegenden deutschen Fassung "die ursprünglich zensierten Teile kenntlich gemacht hat und die Zensurbehörden der Sowjetunion in all ihrer Absurdität vorführt", schreibtPerlentaucherin Benita Berthmann. "Als die Deutschen in Kiew einziehen, lässt er eine Anwohnerin einen deutschen Soldaten als 'jung und so hübsch' beschreiben. Hübsch ist gestrichen, hübsch darf er nicht sein, der Deutsche, zumindest wenn es nach der Zensur geht. Das löst einerseits Kopfschütteln aus und macht andererseits den unendlich wichtigen doppelten Dokumentencharakter des Buches sichtbar: Den Geschehnissen in Babyn Jar wird ebenso ein Denkmal gesetzt wie der strammen Zwangsjacke der finsteren sowjetischen Zensurpolitik. Kusnezow fordert damit aber auch von seinen Leserinnen und Lesern, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu denken: Auf der des Kindes im Krieg, auf der des Schriftstellers in der immer noch antisemitisch geprägten Sowjetunion der 1960er-Jahre, auf der des Exilierten, der seinen Text fernab der krakenhaft darüber wachenden Behörden im Westen überarbeitet." Alle sprechen über Trad-Wives - Frauen also, die sich auf Social Media bewusst nach traditionellen Rollenbildern inszenieren und diese auch propagieren -, aber niemand über WeirdGirls. Darauf stürzt sich gerade BookTok, berichtet Amely Wild in der SZ. "Zeitgenössische Romane, in denen Frauen zu extremenMitteln greifen, Außenseiterpositionen einnehmen, sich durch und durch merkwürdig verhalten, gibt es bereits seit einigen Jahren. Doch ausgerechnet jetzt werden diese Bücher in den sozialen Medien wiederentdeckt, verstärkt rezipiert und gefeiert. ... Nach kurzer Suche stößt man dort auf Tausende, meist englischsprachige Videos" zum Thema. "Die Bandbreite der Romane, die in den kurzen Clips empfohlen werden, ist enorm, umfasst sowohl Neuerscheinungen als auch Wiederentdeckungen. Und natürlich wurde in diesem Jahr längst der #weirdgirlwinter ausgerufen."
Weiteres: Timo Posselt porträtiert in der ZeitLaaliLyberth, die mit ihrem Inuit Verlag der grönländischen Literatur in Deutschland ein Forum bieten will. Dirk Knipphals macht sich in der taz Gedanken darüber, ob der zünftige Verriss wirklich noch das Eingangstor in die Welt des Feuilletons darstellt. Patrick Bahners berichtet in der FAZ von einem Marbacher Abend mit MichaelKrüger. Judith von Sternburg schreibt in der FR einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler und Dichter KarlRiha.
Besprochen werden unter anderem SonLewandowskis "Die Routinen" (NZZ), JeganaDschabbarowas "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" (taz), LiliKörbers "Abschied von gestern" (FR), Michal Ajvaz' "Die andere Stadt" (taz), CamilleJourdys Comic "Pippin & Olivia" (FAZ.net), Andrej Platonows Erzählband "Der Staatsbewohner" (Zeit), Magnus Wielands "Schreibmaschinen. Eine Geschichte des Tippens" (FAZ) und Stefan Hertmans' "Dius" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.
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