Efeu - Die Kulturrundschau

Ein theatrales Missverständnis

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27.05.2026. Sonny Rollins ist tot. Die Feuilletons trauern um einen Jazzmusiker, der in seiner Musik, so die SZ, nach einer tieferen Wahrheit schürfte. Die FAZ taucht in Venedig in KI-generierte Mittelalter-Fantasien ein. Ein offener Brief gegen die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen ist im Umlauf - die nachtkritik ist skeptisch. Der Tagesspiegel feiert das Frühlingslicht im Berliner Hauptbahnhof.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2026 finden Sie hier

Bühne

Ein neuer offener Brief steht ins Haus, gibt Erik Zielke im ND durch. Das noch unveröffentlichte, jedoch wohl bereits von jeder Menge Theaterprominenz unterzeichnete Schreiben wendet sich gegen die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen. Zielke ist not amused: "Man ist sich sicher, das Theatertreffen habe mit der Quoteneinführung 'einen wirksamen strukturellen Impuls gegeben', während man zugleich feststellt, die 'strukturelle Benachteiligung von Frauen im Theaterbetrieb' bestehe 'heute mehr denn je' - was selbstredend kontrafaktisch ist und den Fortbestand der Quote absurd erscheinen ließe. 'Die Frauenquote hat im Theaterbetrieb nachweislich Wirkung entfaltet', meinen die Unterzeichner und bleiben ebendiesen Nachweis schuldig. Eine Mitarbeit bei der Weiterentwicklung wird freimütig von den Künstlern angeboten. Ein kurioser Fall, möchten also diejenigen, die mit einer Einladung zum renommierten Festival geehrt werden könnten, nun selbst die Kriterien festlegen, nach denen diese Einladungen zu erfolgen haben."

Esther Slevogt argumentiert auf nachtkritik ähnlich - obwohl sie 2019 die Einführung der Quote begrüßt hatte. Seitdem, glaubt sie, hat sich einiges geändert: "Hat der wachsende Einfluss außerkünstlerischer Kriterien der Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst (beziehungsweise dem Theater) am Ende vielleicht mehr geschadet, als er (etwa im Fall der Quote) den Frauen nutzte, die hier ja bloß noch als Vehikel für außerästhetische Bilanzen fungieren, die mehr die Fortschrittlichkeit der Institution und weniger die des Theaters ausweisen sollen? Sind Leuchtturminstitutionen wie das Theatertreffen überhaupt dazu in der Lage, an Fehleinstellungen im Betrieb zu schrauben? Lauter Fragen, die für mich gerade schwer zu beantworten sind. Und so schaue ich etwas neidisch in Richtung all derer, die so vehement gegen diese Entscheidung in der Meinungslandschaft sich positionieren und wäre gerne dabei. Doch meine Zweifel sind lauter und hindern mich daran."

Festwochen Wien - Mythen des Alltags © Marcella Ruiz Cruz

Sophie Klieeisen berichtet in der FAZ von den Wiener Festwochen. Allzu viel Gutes hat sie von den ersten Produktionen nicht zu vermelden. Schuld am lauen Auftakt trägt laut Klieeisen die "politaktivistische Ausrichtung", die Leiter Milo Rau den Wochen verordnet hat. Das wirkt sich vor allem auf das Schauspielprogramm aus, "das nicht mehr mit renommierten Schauspiel- und Regiepositionen, sondern mit internationalen Produktionen aufwartet, die der ästhetischen und politischen Tradition der freien Szene verpflichtet sind. Das zeigte sich bereits am ersten Festivalsamstag mit der Koproduktion des Volkstheater 'Mythen des Alltags', einem Rechercheabend über die Bewohner Wiens. Die vollständige Titelübernahme des gleichnamigen Essays des Semiotikers Roland Barthes verweist auf den Anspruch, Gegenwartsphänomene realitätsgetreu abzubilden. Ein theatrales Missverständnis." Besser gefallen hat der Rezensentin Alice Diops Lesung "Die Reise der schwarzen Venus".

Weitere Artikel: Manuel Brug besucht für die Welt die Salzburger Pfingstfestspiele - und vermisst den geschassten langjährigen Leiter Markus Hinterhäuser: "Dieses geistige Loch wird sich nicht so schnell stopfen lassen, die Salzburger Festspiele sind ohne Not kreativ um einiges zurückgeworfen worden". Sophie Diesselhorst berichtet auf nachtkritik von einer Aufführung des Vinge/Müller/Reinholdtsen-"Peer Gynt" in der Volksbühne, bei der sich eine Zuschauerin einen Armbruch zugezogen hat. Dorothea Marcus schaut sich für die taz auf dem inklusiven Kulturfestival Sommerblut um, das in Köln stattfindet. Patrick Bahners gratuliert in der FAZ der Theaterkritikerin Sibylle Wirsing zum Neunzigsten.

Besprochen werden das "Banū Hilāl Epos" des palästinensischen Kashabi-Theaters auf den Wiener Festwochen (Standard - "Die Neufassung transportiert die chauvinistische Geschichte mit Augenzwinkern schön weiter", Matthias Goernes Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" am Théâtre du Capitole in Toulouse (FAZ - "Über weite Strecken hinweg dröhnt es"), ein "Ring" an der Wiener Staatsoper (Standard - "sanfte Legato-Phrasen von unverbrüchlicher Vaterliebe"), Magdalena Fuchsbergers Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" am Theater Heidelberg (FR - "Ein doppelt aufgeweckter Abend"), Montati Masebes "Isithunzi" am Staatstheater Wiesbaden (FR - "souverän und konsequent undramatisch"), Cathy Marstons Inszenierung des Prokofjew-Balletts "Romeo und Julia" am Opernhaus Zürich (NZZ - "schön sind die Bewegungen und abwechslungsreich") und Marco da Silva Ferreiras "Sugar Rush" am Staatstheater Mainz (FR - "unerbittliche Steigerung der Bewegungsintensität").
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Architektur

Eine "weltweit einzigartige Inszenierung des Massenverkehrs": Der Berliner Hauptbahnhof. © Ansgar Koreng, Lizenz: CC BY 3.0 DE

Es gibt genug Gründe über den Berliner Hauptbahnhof zu schimpfen, gesteht Nikolaus Bernau im Tagesspiegel ein: die unvollständigen Bahnsteighallen, das fehlende Bahnhofsviertel und manches mehr. Dennoch ist Bernau ein Fan des Gebäudes. Bei einem kürzlichen Besuch konnte er sich gar nicht daran sattsehen, "wie grandios das Frühlingslicht durch alle Geschosse des Hauptbahnhofs hindurch bis auf meinen Bahnsteig fiel. Wie die Aufzüge, gigantischen Motorzylindern gleich, durch den Raum gleiten, vorbei an den grauen Bündel-Stahlstützen und den mit Holz verkleideten Handläufen. Wie rasant die Menschen in dieser riesigen Transportmaschine wirken. (…) Europas größter Kreuzungsbahnhof ist trotz aller Mängel eine weltweit einzigartige Inszenierung des Massenverkehrs, der Kreuzung der Wege, des Zusammenkommens, der Kraft der Züge, der Geschwindigkeit."

Außerdem: Lara Crinò interviewt in der Welt den Architekten Wang Shu, der die nächste Architekturbiennale kuratieren wird (siehe auch hier).
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Stichwörter: Berliner Hauptbahnhof

Film

Stephan Ahrens schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf die Schauspielerin Angelica Domröse. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Regisseur Giuseppe Tornatore zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Kirk Jones' Tourette-Drama "Verflucht normal" (taz).
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Kunst

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Die Oberflächen der KI-Kunst, die FAZ-ler Stefan Trinks in der Ausstellung "Strange Rules" im Palazzo Diedo Berggruen Arts & Culture Venedig betrachtet, reißen den Rezensenten nicht vom Hocker. Aber das Besondere an der Schau ist weniger die sinnliche Oberfläche als der Mechanismus der ihr zugrunde liegenden Prompts. Es geht also darum, wie sich die Produktionsbedingungen von Kunst verändern, wenn die KI zum Ko-Creator wird. Manchen der ausgestellten KI-Experimente kann Trinks aus dieser Perspektive dann doch etwas abgewinnen, wie beispielsweise Fabien Girauds potentiell tausend Jahre langem Film "The Feral", der in immer neuen Variationen eine dezidiert düstere Mittelalterfantasie erzählt: "Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass in Girauds KI-Endlosapokalypse zwei durch das damals weitverbreitete 'Mutterkorn'-Antoniusfieber (auf Grünewalds Isenheimer Altar schauerlich verewigt) verkrüppelte, 'ausgewilderte' Jungen in zerlumpten Kutten wie Sisyphus einen schlammigen Hügel hochzukriechen versuchen, über den gegenläufig Wasser fließt, während sich die beiden in einer Kunstsprache stammelnd unterhalten. Der sicher nicht zufällig tausendjährige, doch mit modernster Technik generierte Filmmethusalem lässt jedenfalls keinen kalt."

Weiteres: Thomas Wochnik blickt im Tagesspiegel voraus auf das Berliner Klangkunst-Event Singuhr XXX, das diesen Freitag unter anderem in der Parochialkirche und in der daadgalerie zu erleben sein wird. Im Standard berichtet Michael Wurmitzer über den fortgesetzten Streit um eine Statue, die den Wiener Bürgermeister und bekennenden Antisemiten Karl Lueger darstellt. Besprochen wird eine Winston Churchills Malkünsten gewidmete Ausstellung in der Londoner Wallace Collection (Standard).
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Literatur

Gerrit Bartels erinnert in seiner Proust-Reihe im Tagesspiegel an die Chronistin Madame de Sévigné, deren Briefe in Prousts "Recherche" der Mutter und Großmutter des Erzählers als Lektüre dienen. Besprochen werden unter anderem Donald Windhams "Verlorene Freunde" (Intellectures), Oliver Jahraus' "Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus" (FAZ) und Andrea Hammels "Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien" (NZZ).
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Musik

Die Feuilletons trauern um Jazzmeister Sonny Rollins, der im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Mit ihm stirbt der letzte jener Großen, die den Jazz ab den Fünfzigern maßgeblich modernisiert haben. "In seiner Heimat Amerika war er so viel mehr als nur einer der größten Tenorsaxofonisten des Modern Jazz", würdigt ihn Andrian Kreye in der SZ. "Er war ein Suchender, für den sein Instrument und seine Musik oft nur ein Vehikel waren, um nach einer tieferen Wahrheit zu schürfen, sei sie politisch, spirituell oder ästhetisch. ... Sein Ton war rau und fordernd, ließ sich nicht auf die klare Ästhetik des Modern Jazz ein, in der die Kraftmeiereien der Swing-Ära keinen Platz mehr hatten." Er "befreit die Musik von allzu engen Fesseln", erzählt Tobi Müller auf ZeitOnline, doch anders als "Coltrane sprengt er nicht alle Grenzen. Rollins denkt selbst dann noch an die Harmonie im Hintergrund und das rhythmische Gerüst, wenn er beides bis kurz vor den Einsturz führt." Wie er und Don Cherry "den Rollins-Klassiker 'Oleo' über den Harmonien von George Gershwins 'I Got Rhythm' zerlegen: höchste Spannung, wobei Cherry die Akkordfolge früh verlässt, während Rollins sie noch lange abstrakt moduliert. Cherry: Revolution. Rollins: Reform. Beides geht gleichzeitig - ein Highlight der Jazzgeschichte, in dem sich scheinbar unversöhnliche Prinzipien ganz nahekommen."



Auch Wolfgang Sandner kommt in der FAZ auf das Verhältnis zwischen Coltrane und Rollins zu sprechen: "Wie Coltrane - schnell, virtuos, unaufhörlich intensiv - wollten alle, wie Rollins - überraschend, eckig, tänzerisch - konnte fast niemand spielen. Der kantige Rollins war eine unverwechselbare Stimme, ein Monolith des Bebop. ... Der selbstvergessene Coltrane trieb die Skalenbildung so weit, dass sich in seinen 'Sheets of Sound' die Restbestände funktionaler Harmonik buchstäblich in Luft auflösten. ... Bei Rollins werden dagegen die weitschweifigsten Soli aus kleinsten Fragmenten und Formeln, oft auch aus einem einzigen rhythmischen Kürzel zusammengesetzt", was "ebenso hochexpressiv wie eine jener monströsen Séancen von Coltrane" war. Von den beiden gibt es nur eine gemeinsame Aufnahme: 



Josef Engels erinnert in der Welt an ein spätes Konzert von 2008 in Berlin: "Ein blitzendes, schillerndes Neuronenfeuerwerk offenbarte sich da, das Gestalt in Rollins' kratzendem, knurrendem, kantigem Saxofonton annahm. Weitere Nachrufe schreiben Hans-Jürgen Linke (FR), Maxi Broecking (taz) und Ueli Bernays (NZZ).

Bei den 41. Tagen Alter Musik in Regensburg floh SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck vor den glühend heißen Temperaturen auf den Straßen in die kühlen Kirchen, wo ihm insbesondere beim Spiel der jüngeren Musiker schier die Augen übergingen vor Staunen: Diese "sind virtuos wie Callas und Horowitz, und alle pflegen die Zentraltugenden historischer Aufführungspraxis: Leichtigkeit, Witz, Eleganz, Rasanz, Tanzlust." Besonders hebt er Jermaine Sprosse und Bertrand Cuiller hervor. In der NMZ berichtet Juan Martin Koch.

Weitere Artikel: Elmar Krekeler spricht in der Welt mit Stefan Kelber von der Joseph-Schmidt-Musikschule in Berlin über die zusehends existenziell gefährdende Lage von Musikschulen. Manuel Brug resümiert in der Welt den Auftakt des Lucerne Festivals. Robert Mießner wirft für die taz einen Blick in die "im besten Sinne eklektische" Vinylsammlung des 2025 verstorbenen Stadtsoziologen Klaus Ronneberger, die vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni Berlin übernommen wurde.
Archiv: Musik