Efeu - Die Kulturrundschau

Mit flamboyanter Dringlichkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.06.2026. Auf die Kritik an einer Nacktszene mit der dreizehnjährigen Nastassja Kinski reagierte Wim Wenders beim Deutschen Filmpreis eher ratlos: Es geht es hier aber um die Sexualisierung eines Kindes, erinnert die FAZ. Wie die DDR ihre Kunst auf der Biennale in Venedig präsentierte, erforscht Monopol. Mit Balanchine und Spuck schwingen nicht nur die Tänzer durch die Berliner Staatsoper, sondern auch die hingerissenen Kritiker. Die NZZ ist hin- und hergerissen, wie man Teodor Currentzis nun eigentlich beurteilen soll.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2026 finden Sie hier

Film

Die Feuilletons diskutierten Wim Wenders' Ansprache bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises, bei der der Regisseur auch auf die aktuelle Debatte um eine mögliche Entfernung der Nacktszene der damals 13-jährigen Nastassja Kinski in seinem Film "Falsche Bewegung" von 1974 zu sprechen kam (unser Resümee). Dass Wenders die deutsche Filmbranche dazu auffordert über diesen Wunsch aus Perspektive des Filmerbes zu diskutieren (hier ab 12:47), "war eine erstaunliche rhetorische Volte", findet Michael Hanfeld in der FAZ. "Dafür gab es Beifall im Saal, und man fragt sich, warum. Wim Wenders begeht hier nämlich einen Kategorienfehler erster Ordnung. Hier geht es nicht um die Kunst- und Meinungsfreiheit und nicht ums Filmerbe, es geht nicht darum, sich dem Zeitgeist anzupassen und - was zuletzt vor allem im Fernsehen in Mode kam - woke Verbeugungen im Dienst der politischen Korrektheit zu machen. Hier geht es um die Tatsache, dass ein dreizehn Jahre altes Kind sexualisiert und nackt vor die Kamera gezogen wird. Das war 1974 falsch, und das wäre heute falsch."

Claudia Tieschky ärgert sich in der SZ darüber, dass Wenders mit seiner Ansprache den Eindruck erweckt habe, "als sei eine bedrohliche Zensurbehörde am Werk, die ihn, der ja seinem 29-jährigen Ich keinen Vorwurf für all diese Dinge machen könne, zu einem Eingriff im Sinne des aktuellen Zeitgeistes zwinge. Falls er, Wenders, also diesem Zeitgeist-Zwang nachgebe, suggerierte die Rede, dann sei der deutsche Film geliefert. ... Es war dies nicht weniger als das Wegducken eines sich nachdenklich gebenden Regisseurs vor seiner realen Verantwortung in den imaginierten Opfergestus gegenüber irgendeiner kulturbedrohenden Verbotsmaschine." 

Carolin Ströbele (ZeitOnline) vermisst in Wenders' Statement eine wirkliche Entschuldigung, auch dass hier Zensur wider das Filmerbe drohe, sieht sie eher nicht, da es in der deutschen Filmgeschichte ja kaum Filme gibt, in denen Minderjährige in sexualisiertem Kontext gezeigt werden. Zweifel äußerst sie allerdings daran, ob man besagte Szene wirklich so einfach entfernen kann, ohne den ganzen Film zu zerstören: "Damit würde ein Teil des Films fehlen, auf den sich nachfolgende Szenen beziehen, wie eben die, in der die Hauptfigur Wilhelm Meister mit seiner Freundin Therese (Hanna Schygulla) über Mignon und seine Beziehung zu ihr spricht. Im Grunde ist die gesamte Anlage der stummen Artistin Mignon höchst problematisch, weil sie im Drehbuch von Wenders und seinem damaligen Co-Autor Peter Handke als sogenannte Kindfrau angelegt ist, die ständig körperliche Nähe sucht."

Allgemeine Resümees der Preisverleihung: Trotz zehn Lolas für Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" gab es an diesem Abend "die gesamte Bandbreite des alten weißen Mannes live zu erleben", ärgert sich Jenni Zylka in der taz. In der Welt wiederum erzählt Jan Küveler von seinem Eindruck, "in Deutschland im Jahr 2026 herrsche ein bitterer Generalverdacht der Frauen gegen die Männer". Marius Nobach führt im Filmdienst durch den Abend und die Preisträger.

Weitere Artikel: Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer droht Deutschland mit "Vergeltungsmaßnahmen", sollten US-Streamer tatsächlich per Gesetz dazu gezwungen werden, in den deutschen Film zu investieren, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Die von einer Gruppe deutscher Filmschaffender in Cannes vorgestellte Selbstbeschränkungsmaßnahme Dogma25 (in Anlehnung an Lars von Triers "Dogma '95") "klingt nach einem Hirngespinst von Idealisten", schreibt Denise Bucher in der NZZ, doch "ein wenig Idealismus ist notwendig", denn "das Mainstreamkino überrascht nur noch selten mit Kreativität". Sarah Pines (Welt), Jenni Zylka (taz), Daniel Kothenschulte (FR), Maria Wiesner (FAZ) und Tobias Sedlmaier (NZZ) erinnern an Marilyn Monroe, die heute vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen wird die zweite Staffel der Disney-Serie "Rivals", die beim britischen Publikum bereits mächtig einschlägt (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

"Was bedeutet es überhaupt, Menschen zu begegnen", fragt sich die österreichische Schriftstellerin Ilse Kilic im Standard in ihren zehn Thesen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Alltag. Die Literaturwissenschaftlerin Karin S. Wozonig plädiert im Standard dafür, dass wir alle mehr lesen sollten. Alexandru Bulucz (FAZ) und Andreas Breitenstein (NZZ) gratulieren dem Schriftsteller Mircea Cărtărescu zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Petra Morsbachs "Orion" (FR), Henning Ahrens' Gedichtband "Inventur eines Dinosauriers" (taz), Özge Samancıs Comic "In den trüben Gewässern Istanbuls" (NZZ) und neue Kriminalromane, darunter Tokuro Nukuis "Tokyo. Schwarzer Sommer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Edgar Degas: Le Souper au bal. Public Domain, Quelle: Wikimedia.


Im Pariser Musée d'Orsay gibt es nun einen neuen Ausstellungsraum, der nur 13 Gegenstände zeigt, aber enorm wichtig ist, wie Bettina Wohlfahrt in der FAZ befindet. Es handelt sich um Kulturgüter, die von den Nazis geraubt wurden und die mit dem Kürzel MNR (Musées Nationaux Récupération), versehen von den französischen Nationalmuseen, untersucht und erforscht werden: "Zu den interessantesten Exponaten gehört das Gemälde 'Le Souper au bal' von Edgar Degas. Genauer gesagt handelt es sich um eine Kopie des Gemäldes 'Das Ballsouper' von Adolph von Menzel, das sich in der Alten Nationalgalerie in Berlin befindet. Menzel stellte es 1879, ein Jahr nach seinem Entstehen, in Paris aus. Sein Kollege Edgar Degas bewunderte die flirrende Ballraumszene derart, dass er eine recht freie Kopie malte, die er bis zu seinem Lebensende behielt. 1919 kam das Gemälde in die Sammlung des jüdischen Komponisten Fernand Ochsé, der 1940 nach Südfrankreich in die freie Zone floh, dann 1944 in Cannes verhaftet, nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet wurde. 1941 tauchte das Gemälde in einer Pariser Galerie auf und wurde - natürlich von besonderem Interesse für die deutschen Besatzer - vom Museumsdirektor Kurt Martin für die Kunsthalle in Karlsruhe erworben." Derzeit wird geklärt, ob das Gemälde restituiert werden kann.

Sarah Alberti zeichnet für Monopol die Geschichte der DDR auf der Biennale nach, fünfmal waren Künstlerinnen und Künstler des Landes vertreten, allerdings nicht in einem eigenen Pavillon: "Zur ersten Präsentation 1982 schickte der Künstlerverband bewusst nicht die großen Namen - keinen Heisig, keinen Tübke, keinen Sitte -, sondern vier Künstlerinnen und Künstler aus der jüngeren Generation: Sighard Gille, Heidrun Hegewald, Uwe Pfeifer und Volker Stelzmann. Vor allem Pfeifer und Stelzmann zählten zu den kritischen Geistern, die sich mit Missständen im Osten befassten. Pfeifers 'Feierabend' von 1977 - dicht gedrängt stehende Menschen in einer Unterführung, ohne Blickkontakt, ohne Verbindung, nur einer ballt hinter dem Rücken die Faust - hatte auf der VIII. Kunstausstellung für Aufruhr gesorgt. Der Rheinische Merkur wertete solche Kunst als 'pessimistisch in selbstkritischer Nabelschau verharrend'. In der DDR wurde über den ersten Auftritt in Venedig nur eine knappe Meldung über die staatliche Nachrichtenagentur verbreitet. Auch zwei Jahre später schwiegen die DDR-Medien. Dafür sprach ein britischer Kritiker umso deutlicher: 'Mit viel grimmiger Malerei voller Wildheit, Gewalttätigkeit und schmerzvollem Protest über die Unmenschlichkeit ist der ostdeutsche Pavillon wahrscheinlich der am härtesten zuschlagende.'"

Weiteres: Marc Reichwein protokolliert in der Welt Uwe Tellkamps Rede zur Eröffnung der Ausstellung 'Feine Herrschaft' in Aschersleben mit Werken von Jonathan Meese und Neo Rauch.

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "James McNeill Whistler" in der Londoner Tate Britain (SZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Balanchine und Spuck an der Berliner Staatsoper. Bild: Carlos Quezada.


Das Doppelballett "Symphony in C/Fearful Symmetries", ersteres von George Balanchine nach Georges Bizet, zweiteres von Christian Spuck nach John Adams, ist für Rahel Bueb in der taz ein so freudiger wie beeindruckender Abend. Spuck inszeniert die beiden zusammen aufgeführten Stücke auch an der Berliner Staatsoper, sie sind getragen von der Ausdruckskraft der Tänzerinnen und Tänzer: "Bei Balanchine gilt das Motto: maximale Präzision bis in die Fingerspitzen, nichts dem Zufall überlassen, alles unter äußerster Kontrolle. Diese Anforderung meistern die Tänzer:innen über das Stück hinweg nahezu perfekt - eine großartige Leistung. Besonders eindrücklich sind die Momente des Gleichklangs, in denen sich die gesamte Bühne synchron bewegt, sowie die kurzen, intimen Soli. Im zweiten Satz etwa lässt sich Polina Semionova langsam rückwärts in die Arme ihres Partners Martin ten Kortenaar fallen. Es ist ein Augenblick fragiler Schönheit, der den Atem kurz stocken lässt, bevor die Bewegung wieder in Fluss gerät."
 
Auch Sandra Luzina sieht für den Tagesspiegel "betörende Leichtigkeit als Hochleistungssport" und lobt das Spiel mit Spiegelungen, Symmetrie und Abweichung: "Spuck will die Macht der Symmetrien veranschaulichen, doch diese sind bei ihm nichts Unverrückbares. Er löst sie immer wieder auf, zeigt Abweichungen und kleine Störungen. Doch das mündet bei ihm nie in Anarchie. Am Ende beruhigen sich die Klänge und Polina Semionova und Cohen Aitchison-Dugas stehen allein auf der Bühne, die mit goldenen Kugeln übersät ist. Sie umkreisen einander in einem Duett, das sich ins Unendliche fortzuspinnen scheint. Bei dieser Tour de force zu Adams Musik zeigte sich das Ensemble in Topform."

Peter Thiel wurde nach Protesten nun doch von den Wiener Festwochen ausgeladen (unsere Resümees). In der SZ glaubt Christine Dössel, dass die Skandalwirkung der ganzen Angelegenheit mit Sicherheit von Milo Rau beabsichtigt war: "Es wäre wahrscheinlich naiv zu denken, Milo Rau hätte sie nicht einkalkuliert. Seit er 2023 die Leitung der Wiener Festwochen übernommen hat, sind diese wieder im Gespräch - und ausverkauft. Dass der 49-Jährige dafür auf kalkulierte Zuspitzungen setzt, ist Teil seiner Agenda. Allerdings ergibt die Einladung Thiels schon auch Sinn in einem Programm, das sich unter dem Motto 'Republic of Gods' mit den Verbindungen zwischen Religion, Tech- Kapitalismus und Realpolitik befasst. Hätte man diesen Darth Vader des Silicon Valley, der sich in einem Kampf mit dem 'Antichristen' begreift, im Theater- und Kunstkontext der Festwochen nicht einfach mal aushalten können? Jetzt können sich rechte Kulturkämpfer einmal mehr als Opfer linker Cancel-Culture-Mechanismen inszenieren - und lachen sich ins Fäustchen."

Nachtkritiker Christian Rakow hält sich auch nicht zurück: "Das ist dann also die endgültige Bankrotterklärung eines theatralen Projekts. Der Anspruch, ein Durcheinander von polarisierenden Meinungen aus dem Mediengewühl zurück in die Agora zu bringen, der sich mit Milo Raus einstmals visionärem Prozess/Tribunal-Format verband, wird sang- und klanglos beerdigt. Als sei das Ganze nie mehr als wandernder Diskurszirkus gewesen."

Besprochen werden außerdem "Die einen Schatten haben - Anleitung zur Kumpanei" von Vanessa Stern im TD Berlin (taz), "Ruf der Wildnis / Stimme des Kapitals" von Soeren Voima nach Jack London, inszeniert von Saskia Kaufmann und Raban Witt (Nachtkritik), Annie Ernaux' "Das Ereignis", inszeniert von Necati Öziri (Nachtkritik) und Trajal Harrells "Music Music" am Wiener Volkstheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Soll, ja darf man überhaupt Teodor Currentzis applaudieren? Beim Konzert von Currentzis' Utopia Orchestra in Zürich stellte sich niemand im Saal diese Frage, notiert Christian Wildhagen in der NZZ: Der griechisch-russische Dirigent, der seit 2022 für sein Schweigen zu Putins Krieg in der Ukraine schwer kritisiert wird, wurde vom Publikum frenetisch gefeiert. "Rein künstlerisch betrachtet, erscheint der Jubel nach der Aufführung des Violinkonzerts von Alban Berg mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang aber auch berechtigt. Genau dies ist die Ambiguität, die man als kritischer Zeitgenosse bei Currentzis-Konzerten im Zweifel aushalten muss." Doch "in der nachfolgenden 1. Sinfonie von Gustav Mahler (...) zeigen sich allerdings auch die fragwürdigen Seiten des Dirigenten. Wieder wird hier jedes Detail mit flamboyanter Dringlichkeit gestaltet, die Intensität erinnert mehr als einmal an Leonard Bernstein. Doch wie etliche Interpreten während der Frühzeit der Mahler-Renaissance verzettelt sich Currentzis in diesen überreichen Partituren. ... Das Positive an dieser permanenten Übertreibung: Man bekommt eine Ahnung davon, was für ein ästhetischer Schock Mahlers Musik mit ihrem unbekümmerten Stilmix zwischen dem Erhabensten und dem Trivialen um 1900 gewesen sein muss." 

Im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann erklärt Florian Amort, Leiter der Händel-Festspiele in Halle, warum in diesem Jahr unter dem Schlagwort "Mannsbilder" Geschlechterrollen im Vordergrund des Festivals stehen: "Wir haben uns gefragt: Was bedeutet Männlichkeit in der Barockzeit? Das bedeutete damals, seine Gefühle zu kontrollieren und zu konditionieren, also seine Affekte nicht zu zeigen. Auf der anderen Seite aber gibt es die Welt der Oper, die von Affekten geradezu geladen ist. Ein mentaler Widerspruch. Die Männerbilder, die uns Händel präsentiert, sind sämtlich wandelbar. Männer werden verführt, sind rein, müssen sich aber beweisen, sind schlecht und müssen gut werden. Was die Handlung vorantreibt, ist immer wieder das gerade nicht regelkonforme Verhalten von Männern, ihre Un-Höflichkeit, die Missachtung von Moral und gesellschaftlichem Anstand."

Besprochen werden Metallicas Berliner Konzert ("So viel Energie, so viel Metall, so viel Schönheit", jubelt Gerrit Bartels im Tagesspiegel), ein Konzert der Mighty Oaks mit dem HR-Sinfonieorchester in Frankfurt (FR), ein Konzert des Rappers Flo Rida in Wien (Standard) und Christof Lauers Album "Odyssea Sonorum" (FR). Wir hören rein: 

Archiv: Musik