Efeu - Die Kulturrundschau

Elysisches Trio

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2021. FAZ und SZ feiern Anja Harteros und Jonas Kaufmann als Tristan und Isolde in München. Der Star des Abends ist allerdings der magisch leise Kirill Petrenko. In der taz erklären die anonymen Initiatorinnen von #deutschrapmetoo, warum bei ihnen auch die Täter anonym bleiben. Igor Levit schreibt in der Zeit zum Tod des revolutionär gestimmten Komponisten Frederic Rzewski. Dlf Kultur hält den Filmkritikern, die mit der Eröffnung der Kinos wieder auf die Streamingdienste herabsehen, ihre großstädtischen Privilegien vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2021 finden Sie hier

Bühne

Tristan und Isolde in München. Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper


Stehende Ovationen für Nikolaus Bachler, der seine Zeit als Intendant der Bayerischen Staatsoper in München mit einer triumphalen Aufführung von Wagners "Tristan und Isolde" beendet. Der Applaus gilt auch den Sängern Anja Harteros und Jonas Kaufmann. Der Star des Abends aber war Dirigent Kirill Petrenko: "Das in jedem Moment Unerwartbare, das im emphatischen Sinn Neue - hier ward's Ereignis", ruft ein begeisterter Stephan Mösch in der FAZ. "'Wie, hör' ich das Licht?', fragt Tristan. Ja, an diesem Abend hört man es - in unendlich feinen Brechungen. Damit ist nicht nur das Gerede vom 'symphonischen Stil' des Stückes hinfällig, sondern die Balance zwischen Orchester und Singstimmen stellt sich neu her. Die Sänger können innere Erlebniszustände in Klang fassen und müssen sich nicht mit der Produktion von Klangmasse abkämpfen. Das gelingt vor allem Anja Harteros, die als Isolde ihrer vielseitigen Karriere die Krone aufsetzt."

"Das ist klanglich ein Wunder", schreibt ein nicht weniger von der Musik berauschter Reinhard J. Brembeck in der SZ. "Petrenko macht, was er so unnachahmlich kann: Er lässt das Orchester oft magisch leise spielen, oft auch an Stellen, wo man bei anderen Dirigenten die Sänger nicht mehr hört. Für Jonas Kaufmann, im Kern ein lyrischer und kein Heldentenor, ist Petrenko die Chance, diese mörderische Partie nicht nur durchzustehen, sondern sogar tonschön zu gestalten. Das Liebesduett im Mittelakt gerät zu einem feinen Rauschen, in dem die Liebenden mit Nuancen und Schattierungen überraschen, die hier sonst gar nicht singbar sind. Durch Petrenko wird das zu einem elysischen Trio." Da macht es dann kaum etwas aus, dass die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski "reichlich konfus" ist (Marco Frei in der NZZ) und "szenisch erschreckend bieder" (so die FAZ).

Weiteres: Percy Zvomuya schickt der nachtkritik einen Theaterbrief aus Südafrika. Die nachtkritik zeigt noch bis heute abend 18 Uhr Premiere von "Im Stein", eine Auftragsarbeit für die Oper Halle der Komponistin Sara Glojnarić nach dem gleichnamigen Roman und dem Libretto von Clemens Meyer. Die FAZ porträtiert die Schauspielerin Claudia Eisinger.

Besprochen werden das inszenierte Poem "Kunst" von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo beim Theater der Welt (nachtkritik), Verdis "Macht des Schicksals" in Klosterneuburg (Standard), Aufführungen bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (Standard)
Archiv: Bühne

Film

Heute öffnen bundesweit die Kinos. Satte 28 Filme konkurrieren um die Leinwände und die wegen der Coronamaßnahmen nur ausgedünnt besetzbaren Säle - das gibt nicht nur wegen der vielen Actionfilme ein ziemliches Hauen und Stechen...

Unter der Überschrift "Vergesst Netflix" verkündet Tobias Kniebe mit viel Enthusiasmus die Rückkehr der SZ-Kinoseite und sieht in den über zwei Dutzend Filmen von Oscar-Arthouse wie Chloé Zhaos "Nomadland" (unsere Kritik) bis zur Monstersause wie "Godzilla vs Kong" das Kino in seiner ganzen Bandbreite abgebildet: "Umso besser nach der kinolosen Zeit, wenn dabei auch noch wilde Bewegung zu spüren ist, wenn Riesenviecher sich prügeln und Aliens alles zerfetzen. Wenn es röhrt und kracht. So erklärt sich auch, dass 'F9', der neunte Teil der Vollgas-Kinoreihe 'Fast and Furious' am vergangenen Wochenende in den USA der bisher erfolgreichste nachpandemische Neustart war. Mit Kasseneinnahmen von 70 Millionen Dollar reichte er fast schon an alte Zeiten heran."

Was Bandbreite betrifft, denkt der auf dem Land lebende Filmkritiker Hartwig Tegeler im Kommentar auf Dlf Kultur eher an seinen Internetanschluss: Die Filmkritiker aus den großen Städten und in den großen Zeitungen sprechen doch in erster Linie nur für sich und ihr Umfeld, wenn sie jetzt das heilige Kino feiern und das Streaming verachten. "Für uns Provinzler, deren 'Lichtspielort' Kilometer um Kilometer von zu Hause entfernt sein kann, weit weg von der Chance, das Kino als 'heiliges' Gemeinschaftserlebnis zu feiern - was die Metropolen-Filmkritiker allzu gerne tun -, für uns bieten die Streamingdienste inzwischen ja auch erstaunliche Filmbibliotheken. ... Wir Landpomeranzen freuen uns über die zahlreich ausgebauten Portale. Kinobesuch bleibt infrastrukturell eben einfach die Ausnahme. Das erste Verlorengehen im Strudel eines Films, in seinen unendlichen Tiefen hatte ich beim Anschauen von Kurosawas "Schloss im Spinnwebwald". Auf einem kleinen Schwarzweiß-Fernseher. Da gab es keine Magie der Leinwand. Aber es gab eine Magie des Films!"

Das Kino kehrt zurück und so tut es auch die Filmförderung, stöhnt Rüdiger Suchsland auf Artechock nach Durchsicht jüngster Entscheide: "Auffällig ist, dass man an der Kinokasse oder auf der TV-Couch erfolgreichen Schauspielern zutraut, gute Filme zu machen: Andere, in jedem Fall interessante Filmemacher wurden nicht gefördert. Es nutzt inzwischen auch nichts mehr, dass die Antragsteller mit ihren letzten Filmen 'gute Zahlen gemacht' haben oder in einem A-Festival-Wettbewerb gelaufen sind. Sie bekommen kein Geld."

Weitere Artikel: Ironie der Geschichte, wenn das Kino jetzt wieder als Ort der Begegnung mit echten Menschen gefeiert sind: Gleich drei Filme der vielen Kinostarts befassen sich mit unechten Menschen, wie tazler Tim Caspar Boehme aufgefallen ist. Thomas Abeltshauer (taz) und Wolfgang Hamdorf (Filmdienst) sprechen mit der Filmemacherin Icíar Bollaín über ihren neue Komödie "Rosas Hochzeit". Dunja Bialas (Artechock) und Jörg Seewald (FAZ) stimmen auf das heute startende Filmfest München ein. Edo Reents porträtiert in der FAZ die Schauspielerin Claudia Eisinger. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Leslie Caron zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Chloé Zhaos "Nomadland" (Perlentaucher, SZ, FR), Shaka Kings "Judas and the Black Messiah" über den Black-Panther-Aktivisten Fred Hampton (Tagesspiegel, Freitag), Adam Wingards "Godzilla vs. Kong" (für Jens Balzer auf ZeitOnline "der beste Exzessersatz" bis die Clubs wieder aufmachen), Maria Schraders "Ich bin Dein Mensch" (Artechock), Brandon Cronenbergs "Possessor" (Artechock), Paul W.S. Andersons "Monster Hunter" (Perlentaucher), Pepe Danquarts "Vor mir der Süden" (Freitag) und Ottos "Catweazle"-Neuauflage (Tagesspiegel).
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Kunst

In der Welt berichtet Tobias Käufer in einem ausführlichen Artikel vom Schicksal des kubanischen Künstlers Hamlet Lavastida, der ein Jahr mit einem Stipendium im Berliner Künstlerhaus Bethanien arbeitete, und nach seiner Rückkehr in Kuba von der Staatssicherheit verhaftet wurde. "Der Fall Lavastida sorgt nicht nur in der Kunstszene in Berlin für Aufregung, dabei ist seine Verhaftung kein Einzelfall. Seit Monaten führt die Regierung des sozialistischen Präsidenten Miguel Diaz-Canel einen Kreuzzug gegen Kulturschaffende, die sich nicht dem alles dominierenden Einparteiensystem unterwerfen. Einige Künstler hatten sich zur Bewegung '27N' zusammengeschlossen, um dagegen zu protestieren, dass es immer wieder zu Verhaftungen und Repression gegen Künstler kommt und die Kunst und Kultur in Kuba per Dekret komplett unter die Kontrolle des Staates gestellt ist."

Hier stellte sich Lavastida zu Beginn seines Stipendiums vor:



In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) tritt die Heidelberger Kunsthistorikerin Dagmar Hirschfelder die Nachfolge von Michael Eissenhauer als Direktor der Berliner Gemäldegalerie an, meldet ebenfalls in der Welt Hans-Joachim Müller, der dankbar wäre, "wenn die Gemäldegalerie ein bisschen aufwachen und von ihrem Apnoe-ähnlichen Schnarchen erlöst würde. Das Haus, wir sagen es gerne wieder und wieder, beherbergt eine der fantastischsten Altmeister-Sammlungen in Deutschland. Aber wenn nicht gerade eine Schulklasse oder ein Touristenbus vorfährt, ist man mit den fantastischen Gemälden allein."
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Literatur

ZeitOnline dokumentiert Annika Reichs und Dominique Haensells Laudatio auf Fatima Daas und ihre Übersetzerin Sina de Malafosse, die für den (in der taz besprochenen) Roman "Die jüngste Tochter" mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Arno Widmann liest sich für die FR durch Émile Zolas Zyklus "Die Rougon-Macquart". In der Dante-Reihe der FAZ widmet sich die Komponistin Lucia Ronchetti dem Auftritt von Odysseus in der "Commedia".

Besprochen werden unter anderem Anne Boyers Essay "Die Unsterblichen" (ZeitOnline), Ralf Königs "Lucky Luke"-Hommage "Zarter Schmelz" (Tagesspiegel) und Claudia Durastantis "Die Fremde" (FAZ).
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Stichwörter: Odysseus

Architektur

Im Tagesspiegel verteidigt Bernhard Schulz Herzog & de Meuron gegen die Kritik an ihrem Museum des 20. Jahrhunderts (unser Resümee) für Berlin. Das Museum "wird eine Landmarke im Stadtgefüge sein, von Hunderttausenden Tag für Tag gesehen. Für den Wettbewerbsentwurf nahm eine vielfach durchbrochene Ziegelmauerfassade ein, die tagsüber Licht ins Gebäude holen und nachts aus ihm heraus leuchten sollte. Nun wird die komplizierte Konstruktion zugunsten einer herkömmlichen Stahlbetonkonstruktion mit einer äußeren Mauerschale aufgelöst. Das müssen die Basler offenbar besonders verteidigen, wenn sie erklären, es handele sich gerade nicht um die üblichen, vorgehängten fertigen Fassadenteile, 'sondern eine tatsächlich gemauerte Klinkerfassade. Die dabei verwendeten Steine sind gebrochen und haben im Verbund eine ,textile' Anmutung'. Diese reine Klinkerkonstruktion setze sich als Dachziegel im Dach fort. Die im Wettbewerb angedeuteten Beleuchtungseffekte nach innen wie nach außen soll es weiterhin geben."
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Musik

Fatma Aydemir spricht in der taz mit den anonymen Initiatorinnen von #deutschrapmetoo, einer Aktion bei der Betroffene von sexualisierter Gewalt in der deutschen Rapszene im Schutz der Anonymität ihre Erfahrungen veröffentlichen können. Allerdings bleiben auch die Täter ungenannt: "Wir sind gerade in rechtlicher Beratung deswegen und versuchen, Wege zu finden. Aber unser primäres Ziel ist nicht das Outcalling von Tätern. Wir wollen, dass sich langfristig etwas ändert. Wir hoffen, dass unsere Aktion Angst schürt bei Tätern und vor weiteren Taten abschreckt." Was mögliche gefakte Beschuldigungen betrifft, gibt es für sie "keinen Grund, den Betroffenen nicht zu glauben. ... Dieser häufige Vorwurf, dass Falschbeschuldigungen gemacht werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen, greift auf unserer Plattform überhaupt nicht, da die Berichte ja sowieso anonymisiert sind."

Igor Levit schreibt in der Zeit zum Tod des Komponisten Frederic Rzewski (mehr dazu bereits hier). Für seine Aufnahme dessen Werks "The People United Will Never Be Defeated" erhielt der Pianist mehrfach Preise. "Politisch dachte Rzewski radikal. Sein Ziel: die Revolution. Den Imperialismus und Rassismus der westlichen Welt verabscheute er. ... Und er hatte eine Theorie darüber, woran die bisherigen Revolutionen sämtlich gescheitert waren: 'They weren't beautiful', sie waren nicht schön. Nur einer schönen Revolution, so Rzewski, würden die Menschen auch folgen. Was er mit dieser 'Schönheit' meinte? Seine Musik verrät es. Sie ist klar und nachvollziehbar, nichts an ihr ist abstrakt, nie ist sie leere Hülse. In einer Zeit, in der Musik so gern zur unpolitischen, beliebigen, museal anmutenden Abspielbrache degradiert wurde (und allzu häufig noch immer wird), war sein Werk das Gegengewicht. Seine Musik hat gebrannt, gebebt. Sie hat gelebt. Ihr Herz schlägt noch immer."

Weitere Artikel: Die Ansteckungsgefahr beim Chorgesang sollte gut in den Griff zu kriegen sein, glaubt Marcus Stäbler in der NZZ nach Durchsicht neuer wissenschaftlicher Studien. Michael Ernst berichtet in der FAZ von den Schostakowitsch-Tagen in Hellerau. Zack Ferriday überprüft im Selbsttest für VAN, ob die Motivationsrituale von Dvořák, Satie, Grieg, Strawinsky und Beethoven auch heute noch etwas taugen. In der Zeit unterhält sich Christoph Dallach mit Robby Krieger von den Doors über den vor 50 Jahren gestorbenen Jim Morrison. Frederik Hanssen gratuliert im Tagesspiegel dem Komponisten Klaus Wüsthoff zum 99. Geburtstag. Arno Lücker widmet sich in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen Ruth Crawford Seeger.

Besprochen werden das neue Album von Amythyst Kiah (Standard, mehr dazu bereits hier), Mykki Blancos Album  "Broken Hearts And Beauty Sleep" (Tagesspiegel) und ein Konzertabend mit den Pianistinnen Martha Argerich und Maria João Pires in Hamburg (Zeit).
Archiv: Musik