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01.11.2024. NZZ und Tagesspiegel erliegen dem morbiden Charme von The Cures neuem Album, die SZ vermisst was fürs Herz. Die Komödie am Kurfürstendamm wird Hundert, in der FAZ ist Katharina Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Theaterhauses. Artechock hätte sich von Andres Veiels Riefenstahl-Doku mehr Einordnung gewünscht. Monopol lässt sich von Max Herre erklären, warum die Einrichtungsgegenstände seines Großvaters Richard plötzlich bunt sind.
Die Feuilletons hören "Songs Of a Lost World", das Comebackalbum von The Cure nach 16 Jahren. Für NZZ-Kritiker Ueli Bernays knüpft RobertSmith damit an das Album "Disintegration" an: "Die peitschenden Rhythmen erinnern ebenso an das Hauptwerk aus den Achtzigerjahren wie die melancholische Pracht von E-Gitarre, Elektronik und Streichern." Oft "erst nach langen Instrumental-Parts stimmt der Sänger seine traurigen, teilweise apokalyptischen Gesänge an: als würde ihm sein Schicksal erst angesichts des nahen Endes bewusst. Endzeitvisionen und Todessehnsucht haben Robert Smith schon früher beflügelt. Damals mochte man das als postpubertäres Getue herunterspielen. Unterdessen aber beglaubigen 65 Jahre eines prallen Lebens seinen pessimistischen Tonfall. Umso schlimmer die Botschaften, die er in den Herbst einer Welt heult, die von Krieg und Krisen erschüttert wird." Tagesspiegel-Kritiker Christian Schröder hört auf diesem "meisterhaften" Album einen "Stoßseufzer des Nihilismus".
Stimmt schon, irgendwie ist alles wie früher, schreibt Joachim Hentschel in der SZ, der auch an "Disintegration" denken muss. Dennoch wird er nicht warm damit. "Es ist das erste Album von The Cure, das für die große Bühne konzipiert zu sein scheint. ... Die meiste Zeit ist alles irrsinnig laut." Die Band leistet "besten Fanservice. Es gibt die berühmten langen Intros, die Bassläufe, die sich wie raucherhustenkranke Raupen durch die Gewitterlandschaft winden. Das ganze Heulen und Fliegen." Doch "in besten Zeiten war es gerade die Stärke von The Cure, eben nicht nur die Erwartungen zu erfüllen. Sondern auch auf den dunkelsten, endlosesten Wald- und Wallfahrten immer ein paar Lieder dabeizuhaben, die sich mit überraschenden Wendungen und Melodien gleich tief ins Herz setzten. Auf dieser soliden Kollektion ist keines dabei."
Weitere Artikel: Maxi Broecking porträtiert in der taz die argentinische Saxofonistin CamilaNebbia, die heute Abend beim JazzfestBerlin mit dem Trio Exhaust auftritt. Tabea Köbler führt in der taz durch die Indie-SzeneinLeipzig, die gerade mit einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen auf sich aufmerksam macht. "Die herrlich melancholisch getönte Melodie" eines kürzlich in den Beständen einer New Yorker Bibliothek aufgetauchten Walzers verweise "unverkennbar auf Chopin", freut sich Christian Wildhagen in der NZZ über dieses Fundstück.
Besprochen werden TobiLs Dokumentarfilm "Blur: To The End" (ZeitOnline), ein Konzert von LaurynHill in Berlin (Tsp) und das neue Album "Shine Away" der Naked Giants (FR).
Die Komödie am Kurfürstendamm könnte am Sonntag 100. Geburtstag feiern - wenn ihr danach zumute ist. Denn das Berliner Traditionstheater ist heimatlos, seit sein Gebäude 2018 abgerissen wurde. Von der versprochenen Spielstätte im dort entstandenen Neubau ist noch nichts zu sehen, berichtet Andreas Hergeth in seiner taz-Hommage an das Theater. Für die Übergangszeit spielte man erst am Schillertheater und jetzt im Theater am Potsdamer Platz. "Natürlich hat die Firma in den Zeiten des Aus- und Umzugs gelitten, räumt [Inspizient Stephan] Emmerich ein, der das durch seinen Job als Inspizient und Betriebsratsvorsitzender gut beurteilen kann. 'Als Familienunternehmen am Ku'damm hatten wir alles an einem Ort, die beiden Bühnen links und rechts, die Verwaltung in der Mitte, die Werkstätten. Alles an einem Standort.' Das hatte seine Vorteile: kurze Wege, jeder kannte jeden. 'Das ist jetzt zerrissen. Und das tut vielen Leuten weh, auch heute noch, die dieses Familiending liebten.' Als Beispiel nennt er die Werkstatthalle, die sich nun in Spandau befindet, das bedeutet lange Wege für die Bühnenbauer und Elektriker. 'Und man sieht sich so selten. Das ist anstrengend und macht auch traurig. Und verbraucht mehr Ressourcen als früher.'
"Mord im Orientexpress", inszeniert von Katharina Thalbach. Foto: Franziska Strauss
Ab morgen ist in der Komödie wieder Katharina Thalbachs Inszenierung von Agatha Christies"Mord im Orientexpress" zu sehen. Im Interview mit der FAZ ist Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Hauses: "Man misst sich so gern mit dem Berlin der goldenen Zwanzigerjahre - dabei gab es damals doppelt so viele Theater wie heute! Ich bin fassungslos. Und ich schäme mich." Und jetzt drohen auch noch Kürzungen für die Berliner Kultureinrichtungen: "Dass man die Fördermittel nicht einmal einfrieren kann, sondern dass man sie sogar kürzen will, ist obszön. Der Kulturetat ist mit zwei Prozent schließlich der kleinste im Berliner Haushalt. Soll mir mal einer erklären, warum der noch kleiner werden soll. Und übrigens - bei uns Schauspielerinnen und Schauspielern wurden die Gagen seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr erhöht. Bei den Diäten der Politiker ist das anders, hört man."
Weiteres: Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit Nadja Loschky über deren Frankfurter Inszenierung von Alban Bergs "Lulu". Besprochen werden zwei Inszenierungen von Wagners "Rheingold": von David McVicar an der Mailänder Scala und von Tobias Kratzer an der Bayerische Staatsoper ("Das neue Münchner "Rheingold" verhält sich zu Mailands gepflegter Langweile wie das Feuer zum Wasser. Es lodert und sprüht", schwärmt Eleonore Büning in der NZZ) und Wilfried Fiebigs Stück "Die Violine spielt das Holz" im Frankfurter Gallus-Theater (FR)
Lars von Törne freut sich im Tagesspiegel, dass die Berliner Staatsbibliothek die umfangreiche Comicsammlung des 2022 verstorbenen Vorsitzenden des Deutschen Comicvereins, StefanNeuhaus, übernimmt. Besprochen werden unter anderem KatjaOskamps "Die vorletzte Frau" (TA), ManfredKrugs "Ich beginne wieder von vorn. Tagebücher 2000-2001" (FR), DoğanAkhanlıs posthumer Roman "Sankofa" (54books), Won-pyungSohns "Mandel" (Freitag), LucieRicos "Die Ballade vom vakuumverpackten Hähnchen" (Freitag), JeremyEichlers "Das Echo der Zeit" (taz), KeanuReeves' und ChinaMievilles "Das Buch Anderswo" (Freitag) und neue Sachbücher, darunter TatjanaTönsmeyers "Unter deutscher Besatzung. Europa 1939-1945" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Laura Ewert spricht für Monopol mit dem Musiker MaxHerre über seinen Großvater, den Bauhaus-Gestalter RichardHerre, dessen Einrichtungsgegenstände er jetzt wieder auf den Markt bringt. Dafür musste erst einiges zusammengelesen werden, wie für den Zet Kelim Teppich etwa: "Seine Entwürfe waren teilweise noch im Besitz unserer Familie. Aber dieser Kelim hat auch mit einem Artikel in der Monopol zu tun. ... Daraufhin meldete sich Dr. Nordmann, der Neffe von Frau Mörike, der Weberin meines Großvaters. Weil mein Großvater sie damals nicht bezahlen konnte, bekam sie für ihre Arbeit Möbel von ihm. ... Neben den Möbeln gab es auch eine Mappe, in der sich Teppich-Entwürfe meines Großvaters fanden. Von ihm mit Wasserfarben gemalt, Entwürfe, die Frau Mörike als Vorlage dienten. Das Tolle war, wir kannten seine Skizzen zwar in Schwarz-weiß aus frühen Publikationen, aber wir hatten nie ein Farbspektrum gesehen."
Auf Artechockkommt Rüdiger Suchsland nochmal auf AndresVeiels "Riefenstahl" zu sprechen - ihm fehlen die Einordnung und auch Stimmen von Experten. Stattdessen verlässt sich Veiel auf sein Material. Damit ist es ein "Film, der zu viel offenlässt. Diese Methode hat aber Nachteile für unbedarfte und uninformierte Zuschauer, und solche gibt es heute ziemlich viele. Man vertraut darauf, dass die Leute sich selber ihr Urteil bilden können. Ich bin überzeugt, dass das nicht genug ist, um mit den Selbsterklärungen und Selbstbeschreibungen der Leni Riefenstahl umgehen zu können. Insofern ist dieser Film eine Enttäuschung. Es bleibt eine beflisseneFleißarbeit, die dem Thema nicht gerecht wird und die Aktualität des Faschismus in unserer Zeit verfehlt."
Außerdem: Dunja Bialas verabschiedet sich auf Artechock vom Stadtcafé, wo sich sich einst die MünchnerCinephilie nach den Vorstellungen im Filmmuseum zum Diskutieren traf. Für eine Reportage fürs ZeitMagazin hat Andreas Öhler mit viel nostalgischer Melancholie im Gepäck das Autokino in Köln-Porz besucht, das heute - trotz Aufwind in den Coronajahren - endgültig seine Tore schließt. Artechock dokumentiert die Laudatio von Dunja Bialas auf PeterGoedel, der den Filmpreis der Stadt Hof erhalten hat. Valérie Catil erinnert in der taz an QuentinTarantinos "Pulp Fiction", der vor 30 Jahren in die Kinos gekommen ist. Florian Schoop schreibt in der NZZ über den Niedergang von GérardDepardieu.
Besprochen werden SeanBakers Cannes-Gewinner "Anora" (Artechock, Welt, Standard, mehr dazu bereits hier), Ben Knights Dokumentarfilm "Wir werden alle sterben!" über Prepper und andere Apokalyptiker (Freitag), SimonVerhoevens "Alter weißer Mann" (Artechock, unsere Kritik), GritLemkes Dokumentarfilm "Bei uns heißt sie Hanka" über die sorbischeMinderheit (Intellectures), neue Horrorfilme (Standard) und die ZDF-Serie "Love Sucks" (taz).
Adrian Ghenie, Weltwehmut 1, 2024. Foto: Infinitart Foundation
Karoline Heinzl wandert in der Wiener Albertina maßvoll inspiriert durch eine Ausstellung des rumänischen Künstlers Adrian Ghenie, der sich von den "Schattenbildern", den verloren gegangenen Bilder Egon Schieles, von denen einige nur durch ein paar Fotografien dokumentiert sind, hat inspirieren lassen. Nur dass er seine Figuren noch stärker zergliedert als Schiele, erzählt sie in der FAZ: "Schon Schieles Figuren entsprangen keinem Naturalismus und entsprachen noch seltener der 'Realität': Meist äußerst hager, wirken die Extremitäten oft insektenhaft. Ghenie scheint diese Evolution des Grauens im 21. Jahrhundert um einen weiteren Faktor zu erweitern, namentlich die Technologie. Laptops, Smartphones, moderne Laufschuhe und andere Insignien der Jetztzeit finden sich in den Gemälden wieder. Ghenies Werke spiegeln damit nicht nur den Grundgedanken Schieles wider, nach dem man manchmal suchen muss, sondern auch wie bei diesem eine verzerrte Darstellung der Gegenwart. Er erweitert den menschlichen Körper damit um die Komponente der technologischen Entwicklung; das Smartphone wird zu einem eigenen Körperteil."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ kann Hubertus Butin nachvollziehen, warum die Beratende Kommission NS-Raubgut keinen Grund sah, zwei Bremer Bilder George Grosz' an dessen Nachfahren zu restituieren.
Besprochen werden Egidio Marzonas Sammlung an Künstlerbüchern in der Neuen Nationalgalerie Berlin (Tsp), Folke Köbberlings Ausstellung "Mash & Heal" im Stadtraum München (taz) und Cordula Ditz' Video-Installation "They Speak to Us in Dreams" im Kunsthaus Hamburg (taz).
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