Efeu - Die Kulturrundschau
Fluide Verbindung zum Göttlichen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Kunst

Selfies gab es auch früher schon, stellt Alexander Menden für die SZ in der Katharina-Sieverding-Retrospektive im Düsseldorfer K21 fest. "Ungeheuer vielgestaltig" sind ihre Polaroid-Selbstporträts von 1973, staunt Menden: "mal Vamp, mal Mädchen, mal maskierte Fetisch-Projektion." Übrigens, merkt der Kritiker an, hat sie "nicht nur das Selfie, sondern auch den Genderdiskurs auf ihre Art vorweggenommen. Schon früh setzte sie sich kritisch mit dem Konzept des Geschlechts auseinander. Ihre Werke hinterfragen traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und verwenden Techniken wie Mehrfachbelichtungen und Überlagerungen, um die Grenzen zwischen Identitäten zu verwischen. In ihrer Serie 'Transformer' beispielsweise kombiniert sie in Doppelbelichtungen ihr eigenes Bild mit dem ihres Partners Klaus Mettig - visuelle Vereinigung und Befragung individueller Identität zugleich. Diese Arbeit ... hat eine spielerische Wärme, nach der man in anderen Werken Sieverdings manchmal sucht."
Peter Richter schildert in der SZ noch einmal detailliert die Positionen, die auf dem Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" vertreten wurden, das begleitend zur Nan-Goldin-Ausstellung stattfand (unser Resümee). Richter begrüßt, dass hier unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen können "mehr oder weniger schroff. Aber immerhin wird ausnahmsweise mal ruhig gesprochen, und man fällt sich - mit ein paar Ausnahmen - nicht ins Wort." Auf dem Podium vertreten war unter anderen María Inés Plaza Lazo, Herausgeberin der Straßenzeitung Arts of the Working Class, die als "israelkritische Stimme" fungierte. "Ihr Gegenüber ist hier zum einen der Künstler Leon Kahane, der in seiner Kunst oft seine jüdische und seine ostdeutsche Identität thematisiert und von dem Antisemitismus spricht, unter dem er im deutschen Kunstbetrieb immer wieder zu leiden habe. Er weist darauf hin, dass der Antisemitismus - unter diesem spezifischen Namen - eine deutsche Erfindung war, zu dem sich nach 1945 natürlich niemand mehr offen bekennen wollte, wobei im Osten Deutschlands schon bald der Begriff des Antizionismus dem alten Ressentiment eine neue Hülle gab. Tatsächlich hatte sich im Ostblock schon bald nach Stalins israelpolitischer Wende die Formulierung durchgesetzt, Antizionismus sei kein Antisemitismus, sondern Teil eines antiimperialistischen Volksbefreiungskampfes."
Welt-Kritiker Jakob Hayner war zumindest vom ersten Teil der Veranstaltung ziemlich genervt und beklagt "bauchlinkes Geraune." Interessanter waren für ihn die Äußerungen der israelischen Künstlerin Ruth Patir. Sie "ist das lebendige Beispiel, wie die Kollektivhaftlogik der 'Israelkritiker' den Regierungskritikern in Israel in den Rücken fällt. So kann Patir ihren Studenten nicht einmal die Werke der von ihr geschätzten Goldin näherbringen, weil Goldin nämlich die Zusammenarbeit mit einer israelischen Institution kategorisch ablehnt. Die Solidarität reicht letztlich nur so weit wie die selbstgerechte radikale Pose. Dass man mit der Kunst der Boykotteure trotzdem etwas anfangen kann, unterstrich Remsi Al Khalisi, Schauspieldirektor am Theater Münster: 'Das Kunstwerk ist schlauer als der Künstler.' Gemünzt war das auf Annie Ernaux, es passt aber auch zu Goldin und ihrer Ausstellung." In der taz schreibt Sophie Jung zum Thema.
Vor zwei Tagen forderte Cornelius Tittel in der Welt nach dem Goldin-Eklat den Rücktritt vom Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach. In der FAZ hält Stefan Trinks heute dagegen: "Die Ausstellung war lange vor dem 7. Oktober 2023 geplant (vor dem Goldin sich ausschließlich als Aktivistin in der US-Opioidkrise betätigte, nicht aber als Propalästinenserin). Die Retrospektive kurzfristig abzusagen hätte Biesenbach definitiv den Schwarzen Peter des Cancelns eingebracht, zumal die Schau eine Übernahme aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum und dem Moderna Museet Stockholm ist, wo sie zuvor ohne jeden Zwischenfall ablief."
Literatur
Es gibt immer noch keine Neuigkeiten über den Verbleib von Boualem Sansal. Dass er festgenommen wurde, scheint inzwischen festzustehen. Staatshörige Medien werfen dem 75-jährigen Autor "Negationismus" in Bezug auf die Existenz der algerischen Nation vor. Im französischen Fernsehsender RTL hat sich Sansals französischer Anwalt François Zimeray geäußert, berichtet Loïse Delacotte bei huffingtonpost.fr. Es gehe erstmal darum, dass Sansal einen algerischen Anwalt, möglichst seiner Wahl konsultieren könne. "Zimeray sagte auf RTL, er wolle mit seinen Äußerungen 'äußerst vorsichtig' sein, um zu verhindern, dass sie gegen Boualem Sansal verwendet werden. Einige ihm Nahestehende fürchten, dass er eine lange Haftstrafe riskiere oder gar seine Tage im Gefängnis beenden könnte, denn man muss sein Alter bedenken', so der Anwalt. Unabhängig davon, ob er selbst nach Algier reist oder nicht, sehe er seine Aufgabe darin, 'über die Einhaltung der grundlegenden Rechtsprinzipien, wie sie Algerien in internationalen Verpflichtungen unterschrieben hat zu wachen'."
In einem Interview mit dem französischen Sender BFM.tv äußerte Zimeray gestern Abend die Hoffnung, dass die algerischen Behörden heute - zehn Tage nachdem Sansal verschwunden ist - Näheres über die Anklage bekannt gibt. Le Point veröffentlicht eine Hommage von Jean-Marie Gustave Le Clézio auf Sansal.
Außerdem: Michael Wurmitzer resümiert im Standard einen Wiener Abend mit dem Bestsellerautor Sebastian Fitzek. Sandra Kegel gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Castle Freeman zum Siebzigsten.
Besprochen werden unter anderem Alexej Nawalnys Memoiren (Presse), Giulia Beckers "Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes" (taz), Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (FAZ) und Wolfgang Hardtwigs Memoiren "In der Geschichte - Historiker in West und Ost 1964-2024" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik

Auf der Seite Drei der SZ porträtiert Fabian Müller die chinesische Rockband Round House Kick, die mit ihrer Musik ganz groß rauskommen wollen - alles andere als ein leichtes Unterfangen unter den Bedingungen der paradoxen Kulturpolitik Xi Jinpings, wo Rockmusik zwar nicht verboten ist, aber als mutmaßlicher Importeur westlichen Gedankenguts hinreichend unter Dekadenzverdacht steht, um gegängelt zu werden. "'Es ist manchmal schwierig für uns, hier Musik zu machen', sagt Kevin D und klingt jetzt ganz anders als vorhin, als die Kameras des Staatsfernsehens mitliefen. 'Manchmal kann man nicht echt sein. Man kann nicht ausdrücken, was man wirklich denkt.' Vor jedem offiziellen Gig müssen sie die Liedtexte beim Veranstalter einreichen, damit die Behörden sie auf politische oder unsittliche Sprache prüfen können. 'Manchmal steht eine Person an der Bühne, wenn wir auftreten. Wenn ein Wort anders ist, könnten sie uns abschalten.' ... Dabei sei die Zensur oft ziemlich willkürlich: 'Man darf keine Schimpfwörter verwenden', sagt Kevin. In ihrem Heimat-Dialekt gehe das aber doch irgendwie. Oder sie nutzen Wörter, die im Chinesischen ähnlich klingen, statt 'Hure' sagen sie dann beispielsweise 'gelähmt'."
Weitere Artikel: Christina Mohr spricht für die FR mit Kim Deal, die nun nach ihren Jahren mit den Pixies und den Breeders mit über 60 ihr erstes Solo-Album vorlegt. Dorothea Walchshäusl porträtiert für die NZZ die Geigerin Rachel Kolly. Carolin Gasteiger spricht für die SZ mit Gianna Nannini, die in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden ist und nun ein neues Album veröffentlicht. Axel Brüggemann blickt für Backstage Classical auf die Klassikwoche zurück.
Besprochen werden Kendrick Lamars neues Album (Standard, mehr dazu hier), Will Hermes' Biografie über Lou Reed (NZZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Ballads of Harry Houdini" von David Pajo alias Papa M, der auch schon bei Postrock-Legenden wie Slint und Tortoise gespielt hat ("tolles Album", schwärmt Karl Fluch im Standard).
Film

Tilman Baumgärtel staunt in der taz: Yan Feis und Peng Damos chinesischer Publikumshit "Successor" stammt zwar von der China Film Group Corporation (und damit von der chinesischen Propagandaabteilung), aber die Tragikomödie "zeichnet ein düsteres Bild von einem China, in dem Konsum und Statussymbole, Egoismus und Materialismus im Vordergrund stehen - nicht die klassenlose Gesellschaft, die eigentlich das Ziel des Kommunismus war". Erzählt wird die Geschichte von einem wirtschaftlich prächtig dastehenden Elternpaar, das seinem Sohn Jiye ein Leben in Armut vorheuchelt, damit dieser den Wert von Fleiß und Disziplin lernt. Mit solchen "schrillen Kontrasten beleuchtet der Film die Wohlstandsexzesse und die soziale Ungleichheit, die das immer wohlhabender werdende China prägen. ... Die Eltern verlassen zwar in abgewetzten Wintermänteln das Haus, aber an der nächsten Ecke wartet schon ihr Luxus-SUV, in dem sie sich in ihre Designergarderobe zwängen. Und als Jiye auf die Idee kommt, Flaschen zu sammeln, um die Familienkasse aufzubessern, mietet sein Vater ein ganzes Fußballstadion, damit sein Sohnemann dort nach einem Spiel die Wasserflaschen auflesen kann."
Weitere Artikel: Sollte die Reform der Filmförderung im Zuge des vorzeitigen Endes der Ampelkoalition scheitern, könnte dies für die deutsche Filmindustrie im schlimmsten Fall geradezu desaströse Folgen haben, erklärt Derya Türkmen in der taz. Elisabeth Knetsch berichtet für die FAZ vom International Documentary Film Festival in Amsterdam. Marian Wilhelm empfiehlt im Standard Filme aus dem "This Human World"-Festival in Wien. Stefan Volk denkt im Filmdienst über Weihnachtsfilme nach. Besprochen wird Malte Hageners Buch "Splitscreen. Das geteilte Bild als symbolische Form in Film und anderen Medien" (Jungle World).
Bühne

Ein "Kaleidoskop von Seelensplittern" bekommt ein beeindruckter Welt-Kritiker Manuel Brug an der Dutch National Opera zu sehen. Romeo Castelluccis und Raphaël Pichons Oper "Le Lacrime di Eros" verbindet Musiken des Frühbarock von unter anderem Claudio Monteverdi, Giulio Caccini und Jacopo Peri mit "schönen, aber auch brutalen, bisweilen verstörenden Bildern": "Blut fließt durch Plastikschläuche, die von der Decke als abstrakt pumpendes Mobile hängen, die Schlange der Versuchung klammert sich an einen schwebenden Ring. Das lebensnotwendige Wasser kann schlimmen Schmerz bereiten, und es dient während einer Taufe doch wieder als fluide Verbindung zum Göttlichen. Hemden und Laken werden mit Blut übergossen und getränkt, dann werden die Flüssigkeiten auf dem Boden ganz prosaisch mit zwei elektrisch rotierenden Kehrmaschinen entfernt. Puppen haben Sex. Schließlich beschwören zwei Liebende ihre Lust und ihr Selbstvergessen. Und töten einander doch schrecklich einsam und sachlich wie tristanesk - durch die Autoabgase des Anderen, die in die jeweils eigene Limousine geleitet werden."
Besprochen werden Felicitas Bruckers Inszenierung von Henrik Ibsens "Baumeister Solness" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Miloš Lolićs Inszenierung von Robert Ickes Stück "The Doctor" am Cuvilliéstheater in München (FAZ) und Guillermo Amayas Inszenierung von Johann Sigismund Kussers Oper "Adonis" im Schlosstheater Schwetzingen (FR).



