Efeu - Die Kulturrundschau

Besteige dieses dunkle Roß und eile her

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03.03.2025. Die Oscars bieten einige Überraschungen: Sean Bakers Independentfilm "Anora" über eine Sexarbeiterin, die sich von einem Russen nichts bieten lässt, ist der klare Gewinner: "Die Amerikaner sind offenbar begeistert davon, dass sich endlich mal jemand gegen einen mächtigen Russen behauptet", meint Moderator Conan O'Brien. "Falls die Russen kommen: Wir sind vorbereitet", warnt der estnische Schriftsteller Paavo Matsin beim Internationalen Literaturfestival Odessa, wie die SZ berichtet. Die FAZ schult in Remagen ihre Wahrnehmung mit den Nebelschwaden von Axel Hütte. taz und SZ erschrecken angesichts der Aktualität von Jette Steckels "Mephisto" in Hamburg.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2025 finden Sie hier

Film

Feiern im Oscar-Rausch: Sean Bakers "Anora" räumt ab

In der letzten Nacht wurden die Oscars verliehen: Wie haben sich die meistnominierten Filme geschlagen? Mit fünf Goldjungen in zentralen Kategorien - bester Schnitt, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Schauspielerin und bester Film - ist Sean Bakers Independentfilm "Anora" (unsere Kritik) der eindeutige Gewinner des Abends. Brady Corbets "Der Brutalist" (unsere Kritik) kommt auf drei Auszeichnungen (Kamera, Musik, bester Schauspieler). Jacques Audiards "Emilia Perez" (unsere Kritik) auf magere zwei - und James Mangolds "Like A Complete Unknown" (unsere Kritik) geht komplett leer aus. Der deutsche Oscarbeitrag, Mohammad Rasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik) unterliegt in der Kategorie "bester internationaler Film" dem brasilianischen Film Walter Salles' "Für immer hier", der in zwei Wochen bei uns startet. Hier alle Gewinner im Überblick.

Pikant: "Anora" handelt von einer Sexarbeiterin, die sich von einem Russen nichts bieten lässt. Die gallige Bemerkung von Conan O'Brien, der die Gala moderiert hat, dazu: "Offenbar sind die Amerikaner begeistert davon, dass sich endlich mal jemand gegen einen mächtigen Russen behauptet." Und tatsächlich: "Die Russen sehen in dem Film größtenteils tölpelhaft aus", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Ansonsten fehlten die politischen Spitzen etwas, notiert Daniel Kothenschulte in der FR. Dafür gab es bei den Auszeichnungen einige Überraschungen: Etwa dass die junge Mikey Madison Demi Moore den eigentlich als gesetzt geltenden Oscar für "The Substance" (unsere Kritik) wegschnappte. "Aber warum sollten die Oscars nicht einmal Nachwuchspreise sein? Wieviel mehr positiven Einfluss wird der Preis auf die Karriere einer jungen Schauspielerin haben als auf die einer Veteranin? Und, wichtiger noch: Warum sollten sich die Oscars nicht endlich in Independent-Preise verwandeln?"



"Long live Independent Film", sagte denn auch Sean Baker auf der Bühne, nachdem sein "Anora" auch als bester Film und er selbst damit mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Er "ist Autorenfilmer im klassischen Sinne", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Er nimmt alle Schritte im Entstehungsprozess seiner Filme selbst in die Hand. ... Baker nutzte seine Redezeit auf der Bühne entsprechend auch für eine Liebeserklärung an das Kino: 'In einer Zeit, in der sich die Welt sehr zerrüttet anfühlt, ist das Kino ein Ort, an dem wir zusammenkommen können.' Er wies darauf hin, dass allein in den Vereinigten Staaten während der Pandemie rund tausend Kinos schließen mussten. 'Mein Aufruf gilt daher den Filmemachern: Dreht weiterhin für die große Leinwand.'"

Mehr von den Oscars: An diesem Abend "herrschte viel Wohlgefallen", schreibt Jan Küveler in der Welt: "Ein solider Jahrgang, nicht viel für die Geschichtsbücher." Andreas Busche und Inga Barthels sammeln für den Tagesspiegel die ausgefallensten Outfits des Abends. Inga Barthels plündert für den Tagesspiegel Social Media und sammelt so die Highlights des Abends. Und die NZZ bringt die besten Bilder des Abends in einer Strecke.

Abseits der Oscars: Der Filmproduzent Alexander van Dülmen erzählt in der FAZ von seiner Erfahrung, RP Kahls Film "Die Ermittlung" (unsere Kritik), eine Adaption von Peter Weiss' Theaterstück über den Auschwitz-Prozess, in Tel Aviv zu zeigen. Isabella Caldart schreibt in der taz zum Tod der Schauspielerin Michelle Trachtenberg, die im Alter von nur 39 gestorben ist. Besprochen wird Céline Sallettes Biopic "Niki de Saint Phalle" (NZZ).
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Kunst

Eine feine Werkschau mit vier Videos und dreißig Fotoarbeiten aus den Jahren 1997 bis 2024 widmet das Arp Museum in Remagen dem deutschen Fotografen Axel Hütte unter dem Titel "Stille Welten", die für die FAZ-Kritikerin Alexandra Wach zum "Testgelände der eigenen Wahrnehmung" wird: "Man kann von einer Ästhetik des Dunstigen, der gerade noch greifbaren Landschaft sprechen - wie überhaupt Komposition, Geduld, Zufallsvermeidung Themen sind, die sich nicht als roter Faden durch Hüttes Werk ziehen, sondern eher als gedankliche Nebelschwade. In den Tropen ist der opake Schleier durch die hohe Luftfeuchtigkeit gar so dominant, dass man sich als Betrachter im Reich gespensterhafter Erscheinungen wähnt. ... Ohnehin suggeriert das Großformat, dass man Teil des Geschehens ist und seinen ursprünglichen Standort verlassen hat, um auf seine eigenen mühsamen Versuche des Sehens und Einordnens zurückgeworfen zu werden."

Wassily Kandinsky: "Zwei Reiter vor Rot". 1911. Farbholzschnitt, © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz 

Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) findet eine Schatztruhe im Berliner Kupferstichkabinett, das seine reiche Sammlung an Grafiken aus dem Kosmos des Blauen Reiters erstmals präsentiert. Zu entdecken ist neben zahlreichen Blauen Reiterinnen "eine ganz besondere Kostbarkeit: die einzigartige Bild-Korrespondenz zwischen Franz Marc und Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie bildet ein Herzstück der Schau. Zwischen dem bayrischen Sindelsdorf und der Metropole Berlin flogen leichthändig hingetuschte Botschaften hin und her: Farbjuwelen, mit einer Briefmarke hintendrauf per Post versandt. Auf einer Karte jagt ein winziger blauer Reiter durch smaragdgrüne Berge. Auf einer anderen reckt ein schwarzes Pferd ungeduldig den Kopf. Dazu schreibt der Maler an die Freundin: '…wenn dein Milieu dich zu sehr ärgert, besteige dieses dunkle Roß und eile her.'"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel ist Nikolaus Bernau fassungslos, dass nicht mehr über den "Skandal" diskutiert wurde, den die Schließung des Pergamon-Museums für 15 Jahre bedeutet. Ebenfalls im Tagesspiegel gratuliert Christiane Meixner dem Performance-Künstler Dieter Appelt zum 90. Geburtstag und zum Gerhard-Altenbourg-Preis.

Besprochen werden die Installation "We Felt a Star Dying" der französischen Künstlerin Laure Prouvost im Kraftwerk Mitte (Welt), die Ausstellung "Mis(s)treated. Mehr als Deine Muse!" in der Kunsthalle Bremen, die auf marginalisierte Kunst von Frauen blickt (taz) und die Ausstellung "Apocalypse. Hier et demain" in der Bibliothèque nationale de France in Paris (NZZ).
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Musik

Der Schriftsteller Tex Rubinowitz schreibt im Standard ausführlich mäandernd über Andreas Doraus Konzeptalbum "Wien". Stella Schalamon (Zeit Online) und Manuel Brug (Welt) resümieren Stefan Raabs Vorentscheid für den Eurovision Song Contest. Joachim Hentschel schreibt in der SZ einen Nachruf auf David Johansen, den im Alter von 75 Jahren gestorbenen Sänger der New York Dolls. In der FAZ erinnert Jan Brachmann an den Pianisten und Komponisten Moritz Moszkowski, der vor 100 Jahren gestorben ist. Bei den Brit Awards hat Charli XCX abgeräumt, melden die Agenturen. Außerdem melden sie, dass die Soulsängerin Angie Stone bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Besprochen werden ein Konzert des Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons mit Lucas und Arthur Jussen (FR) und das neue Album von Panda Bear (NZZ).

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Literatur

"Das war hart", antwortet Jutta Person auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten Büchern deutscher Sprache der letzten 25 Jahre. "Aber eigentlich auch klar, dass die Sache mit der Selbstbefragung ausufern würde. Je länger ich frage, desto mehr Bücher antworten, und wenn es eben nur fünf sein dürfen, dann nehme ich diese hier. Weil sie mich mit irgendwas angesteckt haben, weil ich hin und weg war beim Erst-, Zweit- oder Drittlesen, weil ich mir ihren Klang ins Gedächtnis rufen kann, weil mir ihre Figuren durch den Kopf geistern, weil sie mit ihren Sätzen neue Welten bauen, weil sie abgründig, psychedelisch, traurig oder komisch sind oder alles zusammen." Schreibt's und listet Bücher auf von Esther Kinsky, Georg Klein, Brigitte Kronauer, Marion Poschmann und Judith Schalansky. Alle weiteren Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

Viktoria Großmann berichtet in der SZ vom Internationalen Literaturfestival Odessa, das wegen der russischen Invasion erneut in Krakau stattfinden muss. Der estnische Schriftsteller Paavo Matsin reagiert mit galligem Galgenhumor auf die auch durch Trumps Entgleisungen nochmal neu aufgeladene, geopolitische Großwetterlage: "Falls die Russen kommen, sagt Paavo Matsin: 'Wir sind vorbereitet.' Ein paar Vorräte und ein Kurbelradio hätten die meisten Esten im Haus, sagt der Schriftsteller aus Tartu. Er selbst mache Judo und habe auch Waffen. Dann lacht er. Ernst, Scherz und Prophetentum bilden eine Einheit bei dem Autor des grotesken Romans 'Gogols Disko'. Vor zehn Jahren hat er den Roman geschrieben und darin die Dystopie entworfen, dass die Russen zurück sind im Baltikum. ... Das mit den Russen meint Matsin schon ernst. Er habe schließlich noch 20 Jahre in der Sowjetunion gelebt. ... Die Sowjets hätten zu Beginn der Besatzungszeit in den Vierzigern aus manchen Orten fast die gesamte Bevölkerung nach Sibirien deportiert und andere Menschen angesiedelt. Dass die Russen nun wieder sein Land überfallen, das 'kann jeden Moment passieren', sagt Matsin: 'Vor allem jetzt, nach dieser Trump-Disko.'"

Außerdem: Die Schriftstellerin Sabine Scholl erinnert sich in einem Standard-Essay ans Aufwachsen in Armut. Mia Eidlhuber spricht für den Standard mit der Schriftstellerin Elke Laznia, die in einer Woche mit dem erstmals vergebenen Helena-Adler-Preis ausgezeichnet wird. Meredith Haaf porträtiert für die SZ die Schriftstellerin Natasha Brown, die früher in der Finanzbranche gearbeitet hat. Für die NZZ porträtiert Nadine A. Brügger den Schriftsteller Joël Dicker. Björn Hayer schreibt in der FR zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke.

Besprochen werden Lukas Maisels "Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete" (NZZ), Bea Davies' Comic "Super-GAU" (Standard), Anna Weidenholzers "Hier treibt mein Kartoffelherz" (Standard) und neue Krimis, darunter Liz Moores' "Der Gott des Waldes" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mirko Bonné über Hedva Harechavis "Migo":

"bringt meinen Migo wieder
bringt mein Heiliges wieder
bringt meinen Orakelstern meinen Augenstern wieder ..."
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Bühne

Szene aus "Mephisto". Bild: Armin Smailovic

Einen "erschreckend aktuellen" Abend erlebt taz-Kritikerin Sabine Leucht an den Münchner Kammerspielen, wo Jette Steckel Klaus Manns "Mephisto" inszeniert hat und die Frage nach der Verantwortung von Kunst stellt. Vor allem Thomas Schmauser als Höfgen beeindruckt sie: "Er tastet ihn von innen ab, sucht nach den Selbstzweifeln und Brüchen im Künstler-Ego. So sieht man diesen Höfgen sich lust- und fast liebevoll von seiner 'Schwarzen Venus' Juliett - hier ein prächtiger Julien -, erniedrigen lassen und wie einen Hund heulen, wenn er seinen kommunistischen Freund nicht retten kann." In der SZ läuft es Egbert Tholl kalt den Rücken runter, auch wenn er den Abend zunächst "beflissen" findet. Er werde aber zum "Fanal", wenn Edmund Telgenkämper als Göring dem Star aus der Provinz erklärt: "Man müsse 'ein geistiges Zollsystem schaffen', damit die deutsche Kunst nicht länger vergiftet werde. Und: 'Die Aufgabe des deutschen Theaters war von Beginn an Vermittlung deutscher Nationalität.' Kunst, die nur existieren könne, wenn sie Subvention erhalte, 'lohnt nicht der Förderung'. Die beiden Sätze stammen aus dem 'Kulturprogramm' der AfD, hier wirken sie wie eine logische Weiterführung dessen, was ohnehin in Manns heller Analyse steht."

Szene aus "Frauen der Revolutionsstraße". Bild: Behrouz Badruj

Der iranische Regisseur Ayat Najafi war während der Massenproteste 2022 in Teheran und gab dort Untergrundtheater-Workshops, weiß Katja Kollmann in der taz. Drei der Teilnehmerinnen sind nun in seinem Stück "Frauen der Revolutionsstraße", das derzeit im Berliner Ballhaus Ost läuft, im Video zu sehen: "Sie stehen vor einem Fenster mit weißen Gardinen, haben Vogelschnäbel über die Nasen gestülpt und denken laut über eine inhaftierte iranische Theaterregisseurin nach, die ihr Kind in Deutschland in Sicherheit brachte."

Weitere Artikel: Arno Widmann erinnert in der FR an die Eröffnung des von Andrea Palladio entworfenen Teatro Olimpico in Vicenza vor 440 Jahren. Der Choreograf Boris Charmatz schmeißt beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch schon wieder hin, meldet Sylvia Staude ebenfalls in der FR.

Besprochen werden außerdem Edward Clugs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" in der Berliner Staatsoper (Welt), das Stück "(un)leashed" des Physical Theatre am Stadttheater Gießen (FR), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Tagesspiegel, taz), Sidi Larbi Cherkaouis Choreografien "Fall" und "Orbo Novo" am Landestheater Linz (Standard), Sarah Berthiaumes Stück "Wollstonecraft" am Theater Freiburg (taz), Wajdi Mouawads Inszenierung der Debussy-Oper "Pelléas et Mélisande" an der Pariser Nationaloper (FAZ), Johan Simons' Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubu" am Thalia Theater Hamburg (FAZ), Jan Bosses Inszenierung von Ayad Akhtars "Der Fall McNeal" am Wiener Burgtheater (nachtkritik), Helge Schmidts Inszenierung von Maria Ursprungs "Halluzinationen" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ, nachtkritik) und Swantje Lena Kleffs Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik).
Archiv: Bühne