Efeu - Die Kulturrundschau

Ein trauriger Maschinenraum

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19.05.2025. Mit dem Countertenor JJ hat zum ersten Mal ein Opernsänger den Eurovision Song Contest gewonnen, die Zeitungen gratulieren. Die Nachtkritik verfolgt in Jette Steckels Inszenierung von Annie Ernauxs "Die Jahre" am Thalia Theater gebannt, wie eine Frau gegen gesellschaftliche Zwänge ankämpft. Sowohl Standard als auch taz sind reichlich erschöpft von den anspruchsvollen Filmen, die in Cannes auf dem Filmfestival laufen. Die NZZ bestaunt die wundersamen Pappmaché-Insekten von Monster Chetwynd im Kunsthaus Zürich. Und alle trauern um die Schauspielerin Elisabeth Orth.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2025 finden Sie hier

Musik



Beim ESC in Basel hat der Countertenor JJ mit seiner Powerballade "Wasted Love" Österreich den Sieg beschert. Yuval Raphael landete für Israel insbesondere wegen des großen Publikumszuspruchs mit "New Day Will Rise" auf Platz 2. Das österreichische Duo Abor & Tynna verteidigte unter der Federführung des Wiedergängers Stefan Raab mit "Baller" Deutschlands tradtionell angestammten Platz in der unteren Hälfte des Rankings.

Es ist der "erste Sieg eines Opernsängers beim Eurovision Song Contest", hält Marco Scheuder im Standard fest (JJ - bürgerlich Johannes Pietsch - ist ansonsten an der Wiener Staatsoper tätig, informiert Backstage Classical). Der junge Künstler "mischt Oper mit Pop und Techno und entwickelte sich mit seiner spitzbübischen Art und seinem beeindruckenden Stimmumfang zum Liebling der Jury und des Publikums", berichten Esthy Baumann-Rüdiger und Aline Wanner in der NZZ. Er "sticht als Künstler mit seinen musikalischen Fähigkeiten heraus. JJ ist mehr als der übliche Eurovision-Klamauk." Marco Schreuder porträtiert für den Standard Teodora "Teya" Špirić, die das Lied komponiert hat, mit dem JJ den ESC gewonnen hat.

tazler Jan Feddersen hatte viel Freude an der "Show, mit der das Schweizer Fernsehen sehr cool und ausgesprochen charmant mit allen Klischees in eigener Sache spielte, Alphörner, Schokoladenproduktion und eine gewisse Heidi-eske Spießigkeit inklusive." Ansonsten fällt ihm auf, "dass das Friedensthema, sonst ein klassisches ESC-ästhetisches Anliegen, faktisch blind blieb. Dafür kreisten die meisten Acts um das Thema Selbstbehauptung (Finnland und Malta mit jeweils von manchen auch als vulgär missverstandenen Vorträgen), Liebeskummer (der Österreichs JJ, auch der deutsche Beitrag von Abor & Tynna), Identitätssuche (Spanien, Italien u.a.) und Selbstbestimmung (Dänemark, Frankreich, Albanien)."

In Österreich sorgt dieser Erfolg wohl schon für das eine oder andere graue Haar, so Lukas Moser in der Berliner Zeitung: Ein ESC bringt zwar hohe touristische Einnahmen, aber man muss monetär erstmal erheblich in Vorleistung gehen - und weder der nun in der Verantwortung stehende ORF noch die Staatsfinanzen stehen diesbezüglich gerade sonderlich gut da. "Der diesjährige Song Contest in Basel kostete um die 60 Millionen Euro. Für 2026 muss der ORF wohl mindestens 30 Millionen Euro aus dem eigenen Budget aufbringen. Die Erwartungen Europas an den nächstjährigen ESC sind aber umso größer, als das 70-Jahr-Jubiläum ansteht. Passend dazu kommentierte ORF-Chef Roland Weißmann den Sieg gegenüber der Kronen Zeitung mit einem typisch österreichischen 'Na, servas' - übersetzt: 'Bist du wahnsinnig.'"

Weiteres: Jakob Biazza erzählt in der SZ von seinem Videotelefonat mit Pete Doherty, der nach Jahren wüstester Drogeneskapaden heute offenbar einen geerdeteren Lebensstil pflegt. Edo Reents (FAZ) und Joachim Hentschel (SZ) gratulieren Pete Townshend zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "Amadeus" von Falco.

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Bühne

"Die Jahre". Foto: Armin Smailovic.


Gebannt verfolgt Nachtkritiker Tim Schomacker Jette Steckels Inszenierung von Annie Ernauxs "Die Jahre" am Thalia Theater. Ein "Schauspieler- und Schauspielerinnen-Septett" erzählt Ernauxs Geschichte davon, als Frau in Frankreich aufzuwachsen und von der Schwierigkeit, ein eigenes Selbst auszubilden: "Jette Steckels von einer schier unerschöpflichen Vielzahl an Mikroideen, Rand- und Nebengesten gespickte Bühnenfassung präsentiert uns Ernaux' Ich-Text, der vor lauter konkreter Verallgemeinerung ungern Ich sagen möchte, fast als eine Art Maschine. (…) So entsteht ein trauriger Maschinenraum, der die weibliche Gemeinschaftsfigur immer wieder an ihrer eigenen Originalität zweifeln lässt, so sehr wird 'sie' von den Repräsentanten von 'Gesellschaft' unter Kuratell und Regelwerk, unter Beobachtung und Erwartung gestellt."

Obwohl Barbara Bürk die psychologischen Tiefen von Henrik Ibsens "Frau vom Meer" in ihrer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt eher links liegen lässt, ist Judith von Sternburg in der FR ziemlich zufrieden mit dieser Neuauflage des Stücks. Es geht um eine "Undine-hafte Frau, die durch eine alte Verlobungsgeschichte mit einem Fliegender-Holländer-haften Mann in ihrer Ehe mit einem braven Witwer und Vater zweier Mädchen nicht heimisch und glücklich werden kann." Das Stück wird inszeniert "mit so einer Zärtlichkeit dem Stoff und den Figuren gegenüber, dass es in den Kammerspielen ein besonderer Abend wird. (…) Bürks Zärtlichkeit: Sie schickt das Ensemble als skurriles Trüppchen auf die kleine Bühne, die älteren Figuren sind peinlich, die jüngeren sind unglücklich. Aber es sind doch Menschen."

Elisabeth Orth ist tot: Ronald Pohl trauert im Standard um die Großmeisterin des Wiener Burgtheaters, die aus der Schauspieldynastie Hörbiger kommt. Nicht nur an ihre Schauspielkunst, sondern auch an ihre Haltung erinnert Pohl: "Mit wenigen, kräftigen Strichen baute sie Figuren wie aus dem Nichts. Sie widerstand der überwältigenden Übermacht des Unglücks, etwa als Julie in Büchners Dantons Tod (1982, unter Achim Benning). Sie verkörperte grundsätzlich Widerstandsgeister. Orth half als Schauspielerin mit beim Zerstören von Illusionen, allen voran derjenigen, dass Österreich das erste 'Opfer' des Nazi-Terrors gewesen sei. Noch eine Grille verscheuchte sie: dass Schauspieler, überhaupt darstellende Künstler, allen Fragen der Moral enthoben seien. Dass ihre Eltern an netten Komödien mitgewirkt hätten, nur um die Menschen den Alltag in der Diktatur vergessen zu lassen. Bis an ihr Lebensende trat Orth ein für die Anerkennung jener Verantwortung, die auch Mitläufer zu tragen haben." Weitere Nachrufe bei Zeit Online, in der SZ und in der FR.

Weiteres: Peter Laudenbach zeigt sich in der SZ vergleichsweise unterwältigt vom diesjährigen Berliner Theatertreffen.

Besprochen werden: Giacomo Puccinis "Turandot" inszeniert von Gianluca Falaschi am Staatstheater Mainz (FR), "Anne Sophie Melita - Stimmen" vom Ensemble Kortmann & Konsorten in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), "Sew Me to Your Pillow, Maman" von Raha und Ala Dehghani Vinicheh im Frankfurter Mousonturm (FR), "Das Letzte Jahr" vom Performanceduo Signa bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik, Standard), Shakespeares "Der Sturm" am Staatstheater Braunschweig in einer Version von Sharon Dodua Otoo, inszeniert von Dagmar Schlingmann (Nachtkritik), Shakespeares "Romeo und Julia" inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater (SZ) und Robert Carsens Inszenierung von "Oedipus in Kolonos" und Roberto Andòs "Elektra" im Amphitheater Syrakus (FAZ).
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Film

Einfach mal zu Atem kommen - mit "Nouvelle Vague" von Richard Linklater

So ein Filmfestival in Cannes ist strapaziös, ächzt Valerie Dirk im Standard. Nicht nur, weil um die Pressetickets ein einziges Hauen und Stechen stattfindet, sondern auch weil die Filme einem gerade sehr viel abverlangen: Ari Aster, Spezialist für haarsträubenden Irrsinn jedweder Art, blickt mit "Eddington" auf ein Kaff in New Mexiko, das während der Coronapandemie völlig durchdreht. Lynne Ramsay ummantelt derweil in "Die My Love" das Filmpaar Jennifer Lawrence und Robert Pattinson fortlaufend mit "ohrenbetäubender Musik" und lässt eine Wochenbettdepression so richtig eskalieren. "Lawrence, die Ähnliches schon in Darren Aronofskys 'Mother' gespielt hat, wirft sich furchtlos hinein in die Rolle der psychisch labilen Mutter. Das könnte an Gena Rowlands in 'A Woman Under the Influence' erinnern, wenn Ramsays Film nicht derart empathielos seinen unliebsamen Figuren begegnen würde." Von Dirk dankbar angenommen wird hingegen die "Atempause", die Richard Linklaters "Nouvelle Vague" bietet, ein Spielfilm über die Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards "Außer Atem" - ausgerechnet.

Wie man zu anderen eine Verbindung aufbaut: "Renoir" von Chie Hajakawa

Aus Ramsays "Die My Love" kam tazler Tim Caspar Boehme ebenfalls nach allen Regeln der Kunst erschöpft aus dem Saal gewankt. Mit Chie Hajakawas "Renoir" - "ein so zauberhafter wie verstörender Film" - kann er aber von einer Entdeckung aus dem japanischen Kino berichten. Der Film handelt "von einer Teenagerin, die sich von ihren Eltern buchstäblich verlassen sieht." Die Regisseurin "erzählt von Einsamkeit zwischen nüchternem und magischem Realismus. Ihre Hauptfigur Fuki beginnt sich immer mehr für Telepathie zu interessieren, probiert alles Mögliche aus, von Kartentricks bis Hypnose. Dabei kreist 'Renoir' um die Frage, wie man zu den Gedanken und damit überhaupt zu anderen eine Verbindung aufbauen kann. Die freundlich-warmen Bilder sind trügerisch, denn Chie Hayakawa flicht in ihr Gesellschaftsporträt im Kleinen nicht nur Themen wie Sterben, sondern auch Kindesmissbrauch mit ein."

Mehr aus Cannes: Für Zeit Online spricht Anke Leweke mit Fatih Akin über dessen in Cannes gezeigten (und in der FAZ von Maria Wiesner besprochenen) "Amrum" (unser Resümee). "Besser geht's ja wohl kaum" jauchzt David Steinitz in der SZ und kann sein Glück gar nicht fassen, dass er mit Robert de Niro in Cannes an einem Tisch zum Interview sitzt, und dann erzählt der Schauspiel-Titan auch noch davon, aktuell Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G.W. Pabst zu lesen (auch wenn de Niro Kehlmann "Leckmann" nennt). Im critic.de-Podcast sprechen Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk und Andreas Busche über die Wettbewerbsfilme der letzten Tage. Artechock berichtet ebenfalls multimedial von der Croisette.

Außerdem: Marc Zitzmann führt in der FAZ durch die Filmografie Gérard Depardieus und die bis zuletzt trotz allerlei Eskapaden und Übergriffen allzu blinde Verehrung, die Frankreich dem Schauspieler angedeihen ließ. Besprochen wird außerdem Reto Caduffs Kino-Dokumentarfilm "Einfach machen" über Frauen im Punk von 1977 bis heute" (taz).
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Kunst

Dass Monster Chetwynd gerade diesen Künstlernamen gewählt hat, leuchtet NZZ-Kritiker Philipp Meier nach dem Besuch ihrer Ausstellung "The Trompe L'Oeil Cleavage" im Kunsthaus Zürich völlig ein. Ihre Freude an Pappmaché-Insekten lässt ihn ein wenig an Surrealismus und Pop-Art denken: "Diese bunten Pappmaché-Insekten sind Requisiten aus Monster Chetwynds Kostümbällen und Mysterienspielen, die sie jeweils mit Dutzenden von Künstlerfreunden aufführt. Das karnevaleske Treiben, das in der Schau in einigen Filmen zu sehen ist, artet dabei regelmäßig in eine Orgie mit selbst gebastelten Fantasiewesen aus. Viele dieser Objekte aus Monster Chetwynds Performances wie etwa die riesigen Tatzelwürmer haben nun in der Ausstellung ein zweites Leben bekommen."

Weiteres: Die taz erinnert an den Maler Gustav Wunderwald, der vor achtzig Jahren gestorben ist.

Besprochen werden: Alex Müllers Ausstellung "Alexandraplatz" in der Zitadelle Spandau (Monopol) und Rashid Johnsons Ausstellung "A Poem for Deep Thinkers" im Guggenheim New York (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

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In der NZZ erzählt Nadine A. Brügger online nachgereicht davon, wie F. Scott Fitzgeralds in neuer Übersetzung vorliegender "Der große Gatsby" sich vom Flop zum Literaturklassiker mauserte. Die Literarische Welt hat Mara Delius' Bericht von ihrer Begegnung mit dem Schriftsteller Graham Swift online nachgereicht. Manfred Rebhandl spricht für den Standard mit der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie, die eben ein gleichnamiges Buch übers Wohnen veröffentlicht hat.

Besprochen werden unter anderem der Band "Feuerdörfer" mit Zeitzeugenberichten über Wehrmachtsverbrechen in Belarus (NZZ), Pieter Waterdrinkers "Monsieur Poubelle oder: Der Mülleimer der Geschichte" (Intellectures), Georgi Gospodinovs "Der Gärtner und der Tod" (online nachgereicht von der Zeit), Nora Weinelts Essay "Versagen" (FR), Romane von Sara Gmuer und Isabella Straub (Standard) und neue Hörbücher, darunter Jens Wawrczecks Lesung von Robert Blochs "Psycho", der literarischen Vorlage zu Alfred Hitchcocks gleichnamigem Thriller-Klassiker (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Belarus