Efeu - Die Kulturrundschau

Unschärfe als notwendige Strategie

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06.06.2025. Die Feuilletons gratulieren Thomas Mann zum 150. Geburtstag. FAZ und taz raten gerade jetzt, den politischen Mann zu hören, der vor Irrationalismus warnte. In der FR sucht Mann-Biograf Tilmann Lahme vergeblich eine bedeutende Frauenfigur im Werk des Dichters. En attendant Nadeau feiert eine Pariser Ausstellung über die Unschärfe in der Kunst. Die SZ wollte von Musikfestival-Veranstaltern wissen, was sie gegen Antisemitismus unternehmen wollen. Spoiler: Kaum jemand reagierte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2025 finden Sie hier

Literatur

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Am heutigen 6. Juni hätte Thomas Mann seinen 150. Geburtstag gefeiert. Die Neuerscheinungen über Mann sind zahllos - hochgelobt wird aber vor allem Tilmann Lahmes große Biografie, die sich stark auf Manns Homosexualität konzentriert. Mann war ein Homosexueller, der sein Begehren mit Heterosexualität als "Therapie" bekämpfte, erzählt der Literaturwissenschaftler im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Er selbst spricht in den Tagebüchern von einer 'Galerie' seiner Lieben. ... Alles Männer. Und dann all das Leid an der ehelichen Sexualität. Er begehrte seine Frau nicht. Er bemühte sich sehr, hatte ja sogar sechs Kinder mit ihr. Aber oft funktionierte es nicht. Das Geschlechtliche sei 'ein boshaftes Element', schimpft er im Tagebuch. Das wurde dann beim Druck alles herausgestrichen. Nebenbei: Man sucht dort vergeblich nach einer Frau, die ihn interessiert hätte. Das ist so in seinen Briefen, in den Tagebüchern, selbst im Werk. Zeigen Sie mir eine bedeutende Frauenfigur bei Thomas Mann, bei der man spürt: Da hat ein Autor mit echter innerer Anteilnahme geschrieben."

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taz-Kritiker Dirk Knipphals greift derweil lieber zu Manns, gerade vom S. Fischer-Verlag unter dem Titel "Deutsche Hörer" neu edierten Rundfunk-Ansprachen, die auch heute wachrütteln könnten, ist er überzeugt: "Den Fake News und den auf Massensuggestion ausgerichteten Inszenierungen der Nazis hält er ein Setzen auf Demokratie und eine kämpferische Vernunft entgegen. Es lohnt sich unbedingt, auch heute noch tiefer in diese Radioansprachen einzusteigen. Man wird viele Argumente finden, die sich auch in der gegenwärtigen Lage mit einer erstarkten AfD gut verwenden lassen. Vollends aktuell klingt etwa, was Thomas Mann über Freiheit schreibt: 'Der deutsche Freiheitsbegriff war immer nur nach außen gerichtet; er meinte das Recht, deutsch zu sein, nur deutsch und nichts anderes.' ... Und noch weiter: 'Ein vertrotzter Individualismus nach außen, im Verhältnis zur Welt, zu Europa, zur Zivilisation, vertrug er sich im Inneren mit einem befremdenden Maß von Unfreiheit, Unmündigkeit, dumpfer Untertänigkeit.'"

Nicht nur die FAZ pflegte bis in die Achtziger hinein ein eher "vergiftetes" Verhältnis zu Thomas Mann, erinnert Andreas Platthaus auf Seite 1 der FAZ. In Deutschland verzieh man ihm lange nicht, dass er den "Irrationalismus als Auslöser der deutschen Verbrechen" identifizierte, so Platthaus, der gerade jetzt zu Mann-Lektüre rät: "In Zeiten eines höchst angespannten Verhältnisses zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten bietet die Erinnerung an einen Exponenten deutscher Kultur, der in den USA Zuflucht und eine neue Heimat fand, sowohl eine Leitschnur bezüglich des heute notwendigen Verhaltens angesichts von staatlicher Willkür als auch eine Mahnung zur Zurückhaltung bei allzu rascher Gleichsetzung eines totalitären Systems mit einer zwar taumelnden, aber noch existierenden Demokratie."

Mehr zu Thomas Mann: Die FR bringt außerdem ein großes Thomas-Mann-Glossar. Besprochen werden die Ausstellung "Meine Zeit - Thomas Mann und die Demokratie" im St.-Annen-Museum Lübeck (FAZ, Tsp), Tilmann Lahmes Mann-Biografie, der Briefwechsel zwischen Thomas Mann & Katia Mann, der unter dem Titel "Liebes Fräulein Herz" erschienen ist und Michael Maars "Das Blaubartzimmer" über Thomas Mann und die Schuld (SZ), mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Weitere Artikel: Nach achteinhalb Jahrzehnten Forschungsarbeit ist die 43-bändige Schiller-Nationalausgabe fertig, die nicht nur Werke des Dichters in allen Fassungen, sondern Briefe und Lebenszeugnisse enthält. Im Welt-Gespräch mit Matthias Heine erzählt Christoph Hain, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, warum die Arbeit so lange dauerte: "Er starb schon 1805, und dann ging ja sofort ein regelrechter Auflösungsprozess des Nachlasses los. Die Handschriften wurden vereinzelt. Man hat kleine Schnipsel als Andenken verteilt." Ebenfalls in der Welt erzählt Jens Ulrich Eckhard die Geschichte des DDR-Schriftstellers Reinhard O. Hahn, der 1991 die Novelle "Ausgedient" schrieb, in der ein Stasi-Major seine Geschichte erzählt, und der selbst durch eine Verwechslung in einer Akte der nach der Wende gegründeten Robert-Havemann-Gesellschaft als Stasi-Spitzel geführt wurde. Der amerikanische Schriftsteller Edmund White, der mit Werken wie "The Joy of Gay Sex" zum Wegbereiter der queeren Literatur wurde, ist im Alter von 85 Jahren gestorben, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ verkündet Karen Krüger, dass das Kunsthistorische Institut in Florenz mit der in den 1920er Jahren von Filippo Serlupi Crescenzi begründeten, mehr als 13.000 Bücher aus fünf Jahrhunderten umfassenden Biblioteca Serlupiana die größte Schenkung seiner Geschichte erhält.
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Bühne

Besprochen werden Luis Dekants Inszenierung von Maria Lazars Stück "Der blinde Passagier" am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Nikolaus Habjans und Manuela Linshalms Puppenspiel "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (NZZ) und Jan Lauwers' Musiktheater "Lee Miller in Hitler's Bathtub" im Künstlerhaus der Wiener Staatsoper (FAZ).
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Stichwörter: Staatstheater Mainz

Kunst

Eine spannende Ausstellung stellt uns Laurent Jenny in En Attendant nadeau vor. Das Pariser Musée de l'Orangerie zeigt in "Dans le Flou" Werke von 1945 bis heute, die, wie der Katalog verrät, die Unschärfe als notwendige Strategie aufnahmen: "Nach der Entdeckung der Konzentrationslager, angesichts der Unmöglichkeit, das Unwiederbringliche darzustellen, verwischt die Unschärfe eine Realität, die der Blick nicht ertragen kann." Spätere "Werke zeugen davon, dass die traumatische Gewalt der Geschichte zu einer historischen Konstante des zwanzigsten Jahrhunderts geworden ist, von der der Holocaust nur der Vorbote war. Wir werden uns zum Beispiel mit dem Foto von Alfredo Jaar 'Six Seconds' (2000) befassen, das die unscharfe Silhouette einer schwarzen Frau von hinten zeigt: Wir erfahren, dass der Künstler sie um eine Aussage über die Gräueltaten gebeten hat, die sie während des Völkermords an den Tutsi erlebt hat, dass sie es sich zum Zeitpunkt des Treffens anders überlegt hatte, dass sie nicht sprechen konnte und dass er nur einige Sekunden ihres Weggehens aufnehmen konnte."

Weitere Artikel: Uta Schleiermacher spricht für die taz mit Benav Mustafa, dem Leiter des kurdischen Kunst- und Kulturfestivals in Berlin, über die Zeitenwende in Syrien. In der FAZ beklagt Hannes Hintermeier, dass das Maximum, das private Kunstmuseum des Stifters und Sammlers Heiner Friedrich, im bayrischen Traunreut schließt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Friedensreich Hundertwasser - Paradiese kann man nur selber machen" im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück (taz).
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Film

Auf der FAZ-Medienseite beschwert sich Achim Rohnke, Geschäftsführer des Verbands Technischer Betriebe für Film & Fernsehen, bitter darüber, dass so viele deutsche Fernsehfilme im Ausland gedreht werden. Der Grund: in vielen Ländern gibt es für die Filmindustrie "großzügige" staatliche Förderungen. Nur nicht in Deutschland. Dafür können ARD und ZDF zwar auch nichts, "dennoch stehen sie in der (Mit-)Verantwortung. Diese hat Rainer Esser, Leiter der Zeit-Verlagsgruppe, kürzlich in einem Interview aus Verlagssicht so benannt: 'Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der durch die Gebühren gut finanziert ist, hat auch eine Bringschuld denjenigen gegenüber, die auch in dem Boot der Qualitätsmedien sitzen, dass die überleben.' Darin sollten auch die technisch-kreativen Film- und Fernsehdienstleister am Produktionsstandort Deutschland eingeschlossen werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen an einem starken Marktumfeld Interesse haben, in dem auch die privatwirtschaftlichen Partner und Dienstleister auskömmlich existieren können. Deshalb muss die 'Projektflucht' des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ins benachbarte Ausland aufhören, der Braindrain und der Abbau von technischen Ressourcen schleunigst gestoppt werden!"

Besprochen werden Emilie Blichfeldts Debütfilm "The Ugly Stepsister" (Standard, Filmdienst, Zeit) und Martin Provosts Film über den Maler Pierre Bonnard (FR, Filmdienst).
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Musik

So viel ist für Joachim Hentschel in der SZ bereits sicher: Bei den Festivals wird von "Rock am Ring" bis zur "Fusion" wird es diesen Sommer jede Menge "Viva Palestina" und ähnliche Gesänge geben, kaum jemand wird aber offen die Hamas verurteilen oder "an die Juden erinnern, auf die gerade auf den Straßen von Washington und Boulder Mordanschläge verübt wurden". Wie gehen die Veranstalter aber mit Boykott-Aufrufen und Cancel-Vorwürfen um, wollte Hentschel wissen und fand von fünfzehn nur drei Festivalagenturen, die zum Gespräch bereit waren: "Fast keiner will derzeit das Risiko eingehen, ohne Not einen Shitstorm zu entfachen, der im blödesten Fall dem Ticketumsatz schadet. Anti-Eskalationspläne haben aber mit Sicherheit auch die, die nicht über sie reden wollen. 'Bei uns treten über 350 Künstlerinnen, Künstler und DJs auf', sagt Oliver Vordemvenne, Geschäftsführer der Eventagentur I-Motion, die das Tanzmusikfestival Nature One veranstaltet. 'Um hier das Risiko auf Null zu reduzieren, müssten wir alle vorab einem Gesinnungstest unterziehen und auf sämtlichen Social-Media-Kanälen rund um die Uhr checken, wie sie sich zu politischen Themen äußern.'"

Im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann setzt Tobias Rempe, neuer Intendant des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt, alle Hoffnung auf Berlins neue Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson - und er erzählt, wie er das Kernrepertoire des klassischen Konzerts erweitern will: "Mit 'Berlin Tracks' legen wir eine neue Reihe im Konzerthaus auf, die sich an Berliner Künstlerinnen und Künstlern orientiert, die an der Peripherie der Kunstmusik unterwegs sind und sich dort ein eigenes Publikum herangezogen haben. Da ist Derya Yıldırım dabei, die in einer Begegnung der Zupfinstrumente Bağlama und Mandoline auf Avi Avital trifft."

Besprochen wird "Lotus", das neue Album der britischen Rapperin Little Simz (taz, mehr hier), die Ausstellung "Kompakt 500" zur 500. Platte des Lölner Techno-Labels im Kölnischen Kunstverein (ZeitOnline), "Black Samson, the Bastard Swordsman", das neue Album von Wu-Tang Clan (NZZ) und ein Konzert mit Mozarts drei letzten Sinfonien unter dem Dirigat von Paavo Järvi in der Zürcher Tonhalle (NZZ).
Archiv: Musik