Efeu - Die Kulturrundschau

Und sie singt weiter

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17.06.2025. FAZ und FR wird in Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt optisch einiges geboten: Variété, Zirkus und sogar eine zersägte Frau. "Für mich ist Russland im Moment ein Monster und nichts anderes", sagt die russische Filmemacherin Svetlana Rodina im Tages-Anzeiger. Zeit Online sorgt sich um die Zukunft des Musikvideos. Und die Musikkritiker trauern um den Freejazzer und Experimentalmusiker Sven-Åke Johansson
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Alcina" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus. 

Nicht nur für die Ohren, sondern auch fürs Auge, bekommt FAZ-Kritiker Jan Brachmann bei Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt einiges geboten. Erath erzählt die Geschichte um die männerverführende Zauberin Alcina als vielschichtiges optisches Ereignis: Die "Bedeutungsschicht barock-höfischer Kultur wird überlagert durch Varieté und Zirkus. Katharina Magiera als Bradamante wird von Michael Porter als Oronte auf offener Bühne zersägt; danach gleitet der Kasten mit ihrem Kopf über den Bühnenboden - und sie singt weiter. In Tricks wie diesen erfährt die Tradition der Zauber- und Maschinenoper ihre gewitzte Aktualisierung. Varieté und Barock werden aber ihrerseits überschrieben vom Vokabular des Surrealismus: von Schwarz-Weiß-Videos blinzelnder Augen und der Deckzeichnung des Surrealisten André Masson zu Gustave Courbets Gemälde des weiblichen Genitals 'L'origine du monde'. Dazu kommen erlesene Kostüme: Alcinas blassrosafarbenes Paillettenkleid samt Umhang mit grauem Pelzbesatz ist haute couture für die Diva von heute."

"Händel so modern, wie er klingen kann", freut sich in der FR Judith von Sternburg, was nicht zuletzt an den tollen Sängerinnen liegt: "Katharina Magieras gar nicht so fülliger, aber ausdrucksstarker Alt gehört zu den individuellsten Farben des Abends, mit Alcina liefert sie sich auch darstellerisch ein grandioses Duell der Ausstrahlung und Energie. Die Frauen drücken das Objekt ihrer Begierde, den Ex-Helden, jetzt Alcina-Liebhaber Ruggiero, fast etwas zur Seite. Elmar Hauser, auch er ein Ausbund an Beweglichkeit, hat einen hochattraktiven Counter von maßvoller Durchschlagskraft. Das passt insofern. Es ist ein Abend der fitten, filigranen, bezaubernd jungen Stimmen."

Weiteres: FAZ-Kritiker Simon Strauß berichtet von der 53. Theater-Biennale in Venedig. Besprochen werden die Ausstellung "Die Macht von Theater im Kalten Krieg" über den Regisseur Benno Besson und seine Leidenschaft für das sozialistische Theater im Museum Strauhof in Zürich (NZZ) und Cordula Däupers Inszenierung von Miroslav Srnkas Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (SZ).
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Film

Martin Burkhalter unterhält sich für den Tages-Anzeiger mit Svetlana Rodina. Die seit 2018 im Schweizer Exil lebende, russische Filmemacherin hat gemeinsam mit ihrem Mann Laurent Stoop mit Schweizer Geld den Dokumentarfilm "Dom" über russische Oppositionelle in Georgien gedreht (leider noch ohne deutschen Starttermin). "Für mich ist Russland im Moment ein Monster und nichts anderes", sagt sie. "Was ich in Gesprächen merke, ist, dass in der russischen Gesellschaft eine Art Resignation eingetreten ist. Die Menschen sind freiwillig blind geworden. Sie wollen den Krieg und die Ungerechtigkeit nicht sehen." Die Protagonisten ihres Films "wollen und können nicht zurück nach Russland, weil ihnen die sofortige Verhaftung droht. Sie gelten als Staatsfeinde. Es sind aber keine Kara-Mursas oder Nawalnys, sondern ganz gewöhnliche Menschen. Sie haben alles verloren."

Weiteres: Simon Strauß plaudert für die FAZ mit Willem Dafoe. Besprochen werden die dem Film- und Multimediakünstler Julian Rosefeldt gewidmete Werkschau im C/O Berlin (FD, mehr dazu bereits hier), die Apple-Kinderserie "Das ist kein Karton" (taz) sowie Scott McGehees und David Siegels "Loyal Friend" nach dem Roman "Der Freund" von Sigrid Nunez (SZ).
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Musik

Karl Bruckmaier trauert in der taz um den Freejazzer und Experimentalmusiker Sven-Åke Johansson, der im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben ist. "Er war vor allem ein unerreicht neugieriger Hörer. ...  Mit einem ungeahnten Ernst konnte er über den Klang von Fliesen, sich drehender Ventilatoren, von geöffneten und geschlossenen Telefonbüchern, von Pappkartons oder Zweitaktern referieren. Und Gurken. Und Becken aus Schaumstoff. Und mit Springerdreckszeitungen vollgestopften Klavieren. Und wenn er im coolen Dreiteiler Alltagsgeräusche als Musik kenntlich machte, hat er so viele von uns beschämt, dass wir dieses oder jenes nicht gleich und von Natur aus so gehört haben wie er: als Manifest schwingender Schönheit."

Auf Zeit Online sorgt sich Tobi Müller um die Zukunft des Musikvideos: Während Künstler von Rang und Namen immer mehr auf Fanvideos setzen, um ihre Musik zu promoten, gibt es für Künstler mit geringerer Reichweite immer weniger bis kein Budget, um ansprechende Videoclips zu produzieren. Vor zehn Jahren etwa engagierte Adele noch Autorenfilmer wie Xavier Dolan ("Hello"), Childish Gambinos Clip-Klassiker "This is America" wurde 2018 gar noch auf Filmmaterial gedreht. Aber es regt sich auch Hoffnung: "Interessanterweise erinnern viele, die trotzdem noch gedreht werden, wieder an eine Grundlage der Musik, nämlich den Körper in Bewegung. Die aussagekräftigsten Videos waren in den letzten Jahren weniger Konzept- und Materialschlachten als Tanzclips. Man muss etwa die deutschtürkische Rapperin Ebow tanzen sehen, um ihre queerfeministische Aneignung von deutschem Hip-Hop besser zu begreifen ... Tanz ist im Pop schon immer ein Mittelfinger gegen Disziplinierung und Vereinzelung gewesen. Wenn Videos in Zukunft wieder von diesem Freiheitswunsch erzählen, wird die Kunstform ein zweites Mal auferstehen."



Besprochen werden eines der raren Konzerte des Pianisten Krystian Zimerman (NZZ), das Wiener Konzert von Primal Scream (Presse), Carlos Santanas Auftritt in Hamburg (FAZ), ein Frankfurter Konzert des Jazz-Kollektivs FÄZZ mit Stefan Karl Schmid (FR), Pressyes' Album "Sundrops!" (Presse) und ein neues Album von Haim (Tsp).

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Literatur

Ilo Toerkell unterhält sich für die taz mit der Kinderbuchautorin Zilan Sarah Kößler, die mit "Jina. Das Mädchen, das Leben heißt" ein Buch über die Lage kurdischer Frauen in Iran verfasst hat. Das Buch basiert auf Jina Mahsa Amini, die 2022 von Handlangern des iranischen Regimes ermordet wurde. Sie "kam aus einer kurdischen Familie", unterstreicht Kößler, und wie viele Kurden auch, durfte sie ihren kurdischen Namen Jina nicht tragen. Dennoch "wurde in den Medien oft von Mahsa Amini, der Iranerin, gesprochen, dabei ignoriert diese Art von Berichterstattung die Lebensrealität von Kurdinnen. In Iran, Syrien, Irak und der Türkei gibt es Tausende Jinas, die ihren Namen nicht tragen und ihre Kultur nicht leben dürfen. ... Sie werden nicht nur als Frauen unterdrückt, sondern auch weil sie kurdisch sind. Seit dem Mord an Jina ist das internationale Interesse an der Situation der Frauen in Iran gewachsen. Aber wenn sich dabei nur auf iranischen Feminismus bezogen wird und die Unterdrückung von Minderheiten nicht mitgedacht wird, ist das nur die halbe Geschichte."

Außerdem: Bei einem Raketenangriff Israels auf Teheran ist auch die junge Lyrikerin Parnia Abbassi ums Leben gekommen, berichtet Yasmin Müller in der NZZ. Paul Ingendaay erinnert in der FAZ daran, dass heute vor 75 Jahren die ersten Taschenbücher in Deutschland erschienen sind. Die Agenturen melden, dass der Schriftsteller und Filmemacher Michael Bergmann gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (Intellectures), Stephen Kings "Kein zurück" (Welt), Katharina Hackers "Handbuch für Traurigkeiten" mit Minutenessays (Standard), Liz Moores "Der Gott des Waldes" (FR), Hasso Spodes "Traum Zeit Reise" über die Geschichte des Tourismus (Standard), Martina Behms "Hier draußen" (FAZ) und Christoph Heins "Das Narrenschiff" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Camille Pissarro: Boulevard Montmartre, Abenddämmerung, 1897. © Sammlung Hasso Plattner. 

FAZ
-Kritiker Andreas Kilb schwelgt im Museum Barberini in den Landschaften und Stadtbildern Camille Pissarros. Was brachte den Maler dazu, sich immer wieder mit den Landschaften Frankreichs auseinanderzusetzen? Vielleicht war es das Gefühl der Fremdheit, deutet die Ausstellung an, denn Pissarro wurde "1830 auf der Karibikinsel Saint Thomas als Kind sephardischer Juden geboren, die vor der Inquisition aus Portugal nach Frankreich geflohen und von dort nach Dänisch-Westindien ausgewandert waren, er kam als Zwölfjähriger auf ein Pariser Internat." Pissarros Sujets, so Kilb, "mögen simpel sein, seine Kunst ist es nicht. Die Gemüsegärten, Landstraßen und Flussufer, die er an seinem Wohnort Pontoise malt, sind Wunder der Geometrie, die Rautenmuster der Felder, die Vertikalen der Pappeln und Erlen lenken den Blick wie die Bodenfliesen und Stuhlrücken bei Vermeer."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Anna-Eva Bergman and Hans Hartung. We'll Never Be Parted" in der Kunsthalle Prag (Tsp), und im NZZ-Interview mit Rico Bandle erzählt der Kunsthändler und Regisseur Arne Glimcher von seinem Aufstieg und seiner Arbeit.
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