Efeu - Die Kulturrundschau

Tagesbedarf an gesellschaftlich relevanten Themen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2025. Milo Rau inszeniert den "Prozess Pelicot" in einer Wiener Kirche als "Mosaik des Grauen", berichten die Kritiker. Einen Gottesdienst der anderen Art erlebt die FAZ, wenn Bruce Springsteen als letzter großer Transatlantiker in Frankfurt sein Herz heraussingt. Einen Film zum richtigen Zeitpunkt annonciert die taz mit Nima Sarvestanis Dokumentation über den Iran. Und Monopol blickt in Helsinki auf aufblasbare Bronze-Delfine.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2025 finden Sie hier

Bühne

"Der Prozess Pelicot" bei den Wiener Festwochen. Foto: Nurith Wagner Strauss


Milo Rau hat die Wiener Festwochen zu einem "diskursiven Supermarkt" gemacht, "in dem man seinen Tagesbedarf an gesellschaftlich relevanten Themen decken kann", meint Verena Mayer in der SZ - hält das aber für nichts Schlechtes. Im Gegenteil, denn wenn Rau jetzt den "Prozess Pelicot" mehr als sechs Stunden lang in der Wiener Kirche Sankt Elisabeth vortragen lässt, erkennt die Kritikerin schnell den Mehrwert. Vom Prozess gab es keine Wortlaut-Protokolle, Rau wertete tausende Seiten an Mitschriften von Journalisten aus: "Man hört Gisèle Pelicot in ihren eigenen Worten, die Dorothee Hartinger gefasst, aber durchdrungen von Schmerz vorträgt. ... Und immer wieder geht es in diesem Kirchenschiff um sexualisierte Gewalt, um detailreiche Schilderungen von Vergewaltigungen. Stärker könnte der Kontrast zwischen Inhalt und dem Raum, in dem er verhandelt wird, nicht sein."

"Dass eine Kirche der richtige Ort für eine solche Aufführung ist, zeigt sich allein daran, dass immer wieder in den Redewendungen des Religiösen Zuflucht gesucht wird", hält Manuel Brug in der Welt fest: 'Ich bin auf dem Altar der Perversion geopfert worden', sind die Worte, die Gisèle Pelicot wählte. Von vielen Menschen auf der ganzen Welt wird sie als Ikone verehrt, wie eine frühchristliche Märtyrerin und Heilige. Ihr Vorbild, dass die Scham die Seite wechseln müsse, gibt nicht nur anderen vergewaltigten Frauen, sondern auch Folteropfern des 'Islamischen Staat' die Kraft, das eigene Leiden auszusprechen." Zu sehen ist laut Brug ein "ein vielstimmiges Mosaik des Grauens, das nicht dem grellen und reißerischen Voyeurismus verfällt, sondern mit unnachgiebiger Präzision den Blick auf das Gesamtbild lenkt: Erkenntnisinteresse statt Gewaltporno." Weitere Besprechungen in nachtkritik und Tagesspiegel.

Szene aus dem "Brandner Kaspar". Foto: Sandra Then

Franz Xaver Kroetz hat mit dem 1871 von Franz von Kobell veröffentlichten "Brandner Kaspar" ein bayerisches Kulturgut neu gefasst, Philipp Stölzl das Stück mit Günther Maria Halmer und Florian von Manteuffel in den Hauptrollen für das Münchner Residenztheater neu inszeniert - und die Kritiker sind sehr zufrieden: Hier wird "nichts modernisiert und angepasst, eher reduziert auf wichtige Figuren und Konflikte und gespart am barocken Himmelsgetöse und Jagdhalali", freut sich etwa Marie Schmidt in der SZ. Auch Bernd Noack zeigt sich in der NZZ angetan: "Kroetz bleibt in seiner Version erstaunlich sanft und fast glaubenstreu. Altersmüde könnte man das auch nennen, sehnsuchtsvoll verschreibt sich der bald 80-jährige Einstkommunist, der die bajuwarische Dumpfheit früher wie kaum ein anderer gescholten hat, dem ausklingenden Lebensabend und einem sanften Abgang ohne Groll." Nachtkritikerin Susanne Greiner lobt vor allem Stölzls Regie: "Ein Stück mit schlauem Humor, das Volkstheater ohne biedere Volkstümelei atmet." In der FAZ sieht es Hannes Hintermeier ähnlich.

Weiteres: In der Welt freut sich Manuel Brug auf einen Festspielsommer, in dem vor allem Georg Friedrich Händels italienische Jahre gewürdigt werden. Besprochen wird Martin G. Bergers Stück "Der rote Wal" an der Oper Stuttgart (SZ)
Archiv: Bühne

Architektur

Fundació Joan Miró - Barcelona. Bild: Puigalder, Wikipedia.

Zum 50-jährigen Jubiläum besucht Hans-Christian Rößler für die FAZ die Miro-Stiftung, geschaffen vom Corbusier-Schüler Josep Lluís Sert im Auftrag von Joan Miró als Geschenk für die Bürger Barcelonas nach dem Ende der Franco-Diktatur: "Miró wollte ein menschliches Kunstzentrum, das nach den bleiernen Jahrzehnten der Diktatur in seine Geburtsstadt Barcelona ausstrahlt und Spanien neu belebt. Sein Freund Sert entwarf für ihn einen transparenten, von rein funktionaler Architektur geprägten Bau mit mediterranen Einflüssen. Diese Offenheit war 1975 ein politisches Statement: Am 10. Juni wurde die 'Fundació' eröffnet, am 20. November starb der Diktator Francisco Franco. Für Marko Daniel ist es 'ein perfektes Beispiel für die Architektur der Demokratie'. So habe eine spanische Architektin das Gebäude beschrieben, das 'mehr Fenster als ein Gewächshaus hat', sagt der aus Deutschland stammende Direktor der Miró-Stiftung: Der Maler wollte so viel Licht wie möglich, auch wenn seine Kunstwerke dann weniger lang leben könnten."

Für den Tagesspiegel besucht Gunda Bartels das neue Archäologie-Zentrum Petri Berlin, das am Montag eröffnet wird: "Das in betont funktionaler, unspektakulärer Architektur in sechs Jahren Bauzeit errichtete Haus trägt den fancy Namen 'Lab', also Labor. Errichtet wurde es auf den Fundamenten einer Lateinschule, die als 'ältester Lernort der Stadt' gilt, wie Matthias Wemhoff, der Direktor des gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt eingezogenen Museums für Vor- und Frühgeschichte sagt."
Archiv: Architektur

Kunst

Sara Bjarland: Stranding, 2025. Helsinki Biennial 8.6.-21.9.2025, Vallisaari Island. Photo: HAM / Helsinki Biennial / Sonja Hyytiäinen


"Shelter", also "Schutz" lautet der Titel der diesjährigen Helsinki-Biennale, aber es geht hier, anders als derzeit sonst in Finnland, nicht um die Bedrohung durch Russland, sondern um die Beziehung zwischen Mensch und Natur, erzählt Saskia Trebing in Monopol. Neue Räume des Schutzes für Tiere, Pflanzen, Pilze, Insekten und Mineralien stehen im Vordergrund, gelegentlich erscheinen die Werke dabei allerdings zu "gefällig", räumt sie ein: "Die Arbeit von Sara Bjarland nähert sich dem Thema der nicht-menschlichen Wesen mit bildhauerischer Präzision und Leichtigkeit. Sie hat aufblasbare Pooltiere in Form von Delfinen aus Bronze nachgegossen und diese auf Felsen nahe dem Ostseeufer von Vallisaari platziert. Da liegen sie nun, angespült und fast camoufliert, diese scheinbar leicht erschlafften Wesen, die doch aus knallhartem Metall bestehen und sowohl auf die Plastikvorliebe des Homo sapiens als auch auf die Gefährdung der echten Meeressäuger verweisen. Hier liegt es, das Anthropozän, aber in Ferienparadies-Optik."

Bild: Alice Adams: Threaded Drain Plate. 1964. Zürcher Gallery New York. Collection of Beth Rudin DeWoody © Howcroft Photography Boston.

Im Jahr 1966 kuratierte Lucy Lippard in der Fischbach Gallery die Ausstellung "Abstract Erotic", bei der auch Werke von Alice Adams, Eva Hesse und Louise Bourgeois gezeigt wurden. Die Werke der drei Frauen hat die Londoner Courtauld Gallery nun noch einmal zusammengetragen und im Guardian erkennt Adrian Searle das Ephemere der Arbeiten: "Auch wenn die Ideen noch lebendig sind, sind viele der Werke, die Hesse aus handgegossenen Latexharzplatten schuf, heute nur noch schwer zu zeigen oder zu konservieren, da das Material im Laufe der Zeit durch die Einwirkung von Tageslicht nachgedunkelt und brüchig geworden ist. Dasselbe gilt für die Skulpturen, die Bourgeois mit Latex herstellte. Einige von Bourgeois' Skulpturen sind dunkel geworden und verschrumpelt und wirken wie archäologische Relikte, wenn nicht gar wie Versteinerungen. Ihre Latex- und Stoffskulptur 'Le Regard', eine Art runde Schale oder ein Gefäß, das aufgeschnitten wurde, um etwas zu enthüllen (sind da Zähne drin, ist das ein Auge oder eine Klitoris?), scheint nun einer archaischen Vergangenheit anzugehören. Vielleicht kann Zeitlosigkeit immer nur zufällig sein."
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Literatur

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Quirin Knospe unterhält sich für die taz mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel über ihr gemeinsames Buch "Muslimisch-jüdisches Abendbrot": "Worum es uns gerade mit Blick auf die Nahost-Debatte geht, ist, zunächst etwas gegen die Polarisierung zu tun. Wir sehen noch immer, dass es Menschen sehr stark unter Druck setzt, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Viele Menschen positionieren sich eher ideologisch und haben häufig keinen persönlichen Bezug zu Israel oder Palästina. Da spielt Projektion eine ganz große Rolle", sagt Cheema.

Weiteres: Nils Minkmar spaziert mit Patrick Modianos Romanen für die SZ durch Paris. Besprochen wird u.a. Andrey Gurkovs Band "Für Russland ist Europa der Feind" (NZZ, mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Film

"Surviving the Death Committee." Bild: Nima Sarvestani.


"Manche Filme werden zum rechten Zeitpunkt fertig", befindet Tazler Tom Mustroph zu Nima Sarvestanis "Surviving the Death Committee". Ursprung dieses Dokumentarfilms über die Gewalt des iranischen Regimes ist die Ermordung von Sarvestanis Bruder durch die islamischen Revolutionsgarden 1982. Die jüngsten Geschehnisse zwischen Israel und dem Iran sorgen bei der Vorführung im HAU für Diskussionsstoff: "In der sehr emotional geführten Diskussion drohte eine Zeitlang die große Leistung des Films unterzugehen. Sie besteht darin, nicht nur Einzelfälle der massiven Repression im Iran vorgestellt zu haben. Zahlreiche Angehörige von Getöteten und Verschwundenen werden interviewt. Eine Mutter etwa wird gezeigt, wie sie inmitten von Massengräbern auf einem Friedhof in Teheran das Grab eines ihrer Söhne aufsucht. Sie weiß genau, dass ihr Sohn dort liegt. Denn unmittelbar nachdem er dort verscharrt wurde, tauchte sie nach dem Hinweis eines Bewachers mit einer kleinen Schaufel am Friedhof auf und grub so lange, bis sie auf die Überreste ihres Sohnes stieß."

28 Years Later. Bild: Miya Mizuno.


Zwar nicht 28 Jahre, aber doch eine Weile nach dem ersten Film haben Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland mit "28 years later" wieder eine Zombieapokalypse gedreht, in der diesmal der zwölfjährige Spike, gespielt von Alfie Willims, im Zentrum steht. Der Film schafft es laut Tagesspiegel-Autor Simon Rayß "immer wieder, die Figuren geradezu pathologisch in möglichst unmenschliche Situationen zu führen. Gleich in der Eröffnungssequenz etwa, in einer Rückblende zum Ausbruch des Virus, metzeln die Zombies eine Gruppe Kinder dahin - ohne dies jedoch explizit im Bild zu zeigen. Auf diese Weise tänzeln Boyle und Garland lustvoll auf dem Grat des moralisch Vertretbaren. Wer in dieser Hinsicht zu Abwehrreaktionen neigt, sollte sich überlegen, ob er ihnen bei der Rückkehr in die Welt der Zombies folgen will." Weitere Besprechungen im Spiegel und in der FAZ.

Besprochen werden außerdem David Schalkos neue Serie "Warum ich?" (FAZ) und der Pixar-Film "Elio" unter der Regie von Adrian Molina (SZ).
Archiv: Film

Musik

Bruce Springsteen macht auf seiner Europatournee Halt in Frankfurt, und Jan Wiele pilgert für die FAZ hin. Ihm kommt das Konzert ein bisschen wie ein "Gottesdienst" vor, was er ganz angemessen findet: "Die Liedzeile 'Maybe everything that dies someday comes back' bezieht man plötzlich nicht mehr nur auf die besagte Stadt, sondern auch auf das transatlantische Verhältnis, um das es bekanntlich nicht mehr so gut bestellt ist wie einst. Springsteen sagt an diesem Abend einmal, er habe immer versucht, ein guter Botschafter für Amerika zu sein. Dieses Sendungsbewusstsein ist so ungebrochen, dass man fast denken könnte: Hier steht ein letzter großer Transatlantiker und singt sein Herz raus. Wer, wenn nicht er, sollte die Dinge zum Besseren wenden?"

Auch Sylvia Staude ist für die FR da, auch sie sieht ein zutiefst politisches Konzert, erfreut sich aber auch an der musikalischen Performance des mittlerweile 75-jährigen: "Dies ist aber schon auch ein typisches Springsteen-Konzert, das das gloriose Können der E Street Band nicht unter den Scheffel stellt, das hingebungsvolle Gniedeln von Steven Van Zandt und Nils Lofgren, die Unerschütterlichkeit des Drummers Max Weinberg, Patti Scialfas Allgegenwärtigkeit. Im Zugabenblock stimmen alle - und natürlich das Publikum - ein beim Cover 'Twist and Shout'." Wir hören rein:



Weiteres: Der Pianist Francesco Piemontesi erinnert sich an den soeben verstorbenen Alfred Brendel (FAZ). Der Tagesspiegel überprüft neue Alben im Soundcheck der Woche. Besprochen wird Bruce Springsteens "Tracks II. The Lost Albums" (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Springsteen, Bruce