Efeu - Die Kulturrundschau
Der gelenkige Schatten gewinnt
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14.07.2025. Dass die Schlösser von Ludwig II. jetzt Weltkulturerbe sind, ist für die Welt Grund, über die "Rehabilitation des Historismus" zu jubeln. Die FAZ fragt sich allerdings, ob das wohl im Sinne des Erbauers war. Die FR langweilt sich ein wenig auf den Nibelungenfestspielen in Worms, das Rad wird auch von Roland Schimmelpfennig nicht neu erfunden, die SZ hingegen freut sich über die anspruchsvolle Inszenierung von Mina Salehpour. Justin Biebers neues Album kann weder Zeit noch NZZ überzeugen. Laut den Jazz-Musikern Terri Lyne Carrington und Christie Dashiell ist Jazz keine per se aktivistische Musikform.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.07.2025
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Bühne

Egbert Tholl sieht für die SZ erst einmal "eine Hügellandschaft aus 600 Tonnen Kies, die einen kleinen Teich umrahmt, und 180 billige, weiße Plastikstühle. Die Bühnenbildnerin Andrea Wagner denkt auch ökologisch, den Kies kann man leicht weiterverwerten, mit den Stühlen lassen sich zahlreiche Eisdielen ausstatten. Und zuvor, in der Aufführung, treffliche Dinge veranstalten. Nachhaltig ist auch Schimmelpfennigs Text: Er ist viel zu gut, um nicht von 'normalen' Theatern nachgespielt zu werden. (…) Gerade im ersten Teil ist das Tempo enorm, dabei bräuchten die vielen epischen Passagen mehr Hallraum, damit man vergegenwärtigen könnte, was da gerade erzählt wird. Im Kern ist das hier Kopftheater, da muss der Kopf auch mitkommen." Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.
Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Fall des Theaterintendanten Daniel Ris aufmerksam, der seinen Posten an der Neuen Bühne Senftenberg nach nur drei Jahren wieder räumen muss. In der Region erreicht die AfD Wahlergebnisse von bis zu 30 Prozent und Ris setzt sich entschieden für die Demokratie ein, was möglicherweise nicht allen passt - das Kulturministerium würde ihn gerne halten, hat aber keine Entscheidungsmacht bezüglich Personalentscheidungen: "Hier rächt sich eine echte Fehlkonstruktion. Das Kulturministerium trägt zwar mehr als die Hälfte der Zuwendungen des Theaters, hat aber bei Personalentscheidungen rein gar nichts zu melden. Im Zweifel kann der Landrat alles allein entscheiden. Die lokale AfD dürfte sich über seine Entscheidung freuen. Die Intendanten der Brandenburger Theater jedoch protestieren in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Rauswurf ihres Kollegen, die sie 'mit Befremden und Erstaunen' zur Kenntnis nehmen."
Weiteres: Die FAZ unterhält sich mit Andreas Homoki, der nun nach 13 Jahren die Opernintendanz in Zürich an Matthias Schulz abgibt.
Besprochen wird "Von meiner Freiheit bis zu deiner Freiheit" von Milan Gather am Landestheater Tübingen, Regie führt Mirijam Kälberer (Nachtkritik).
Architektur
Die Schlösser von Ludwig II. sind nun Weltkulturerbe, für Dankwart Guratzsch in der Welt eine große und gute Sache: "Ein grandioser Sieg für die Rehabilitation des Historismus, den prägenden Baustil des 19. Jahrhunderts! Mehr als hundert Jahre war er die bestgehasste 'Stilarchitektur' aller Zeiten - verfolgt, verfemt, verlästert von allen Kunst- und Denkschulen der Moderne, von der Denkmalpflege, vom Deutschen Werkbund, vom Bauhaus, von den Expressionisten und den Nazis, zuletzt von den Wiederaufbauarchitekten im Westen wie im Osten. Keine andere Bauart wurde so anhaltend und so hasserfüllt gemeinschaftlich bekämpft. Von nun an wird man nicht mehr leugnen können, dass sie Herausragendes hervorgebracht hat. (…) Die Gebäude des Historismus haben das Bild, dass wir uns heute von Deutschland machen, überhaupt erst geschaffen. Sie prägen das Selbstverständnis, das wir uns von unserem Land machen, von seiner Herkunft, Kultur und seinen Leistungen."
Für Hannes Hintermeier in der FAZ wird mit der Entscheidung, die Schlösser sozusagen in den Adelsstand zu erheben "die Intention ihres Erbauers konterkariert. Denn der Märchenkönig, der nur vierzig Jahre alt wurde, hatte nicht im Sinn, den Plebs jemals in die Nähe seiner Schlösser, geschweige denn in sein Schlafzimmer zu lassen. Im Gegenteil: Zerstört werden sollten die Schlösser nach seinem Tod, gesprengt. Ihm ging es bis zuletzt und immer radikaler um die Selbstfeier seines Ingeniums. Als Eklektiker sagte er sich vom Ahnenkult seiner Vorfahren los, inszenierte stattdessen seine Privatmythologie mit Versatzstücken aus allen Stilen und Epochen."
Weiteres: Die SZ macht sich Gedanken über die Zukunft des nachhaltigen Bauens, in der "Häuser auch aus Algen, Hanf, Moos und Kaffeesatz bestehen" können. Monopol schaut sich die Architektur von Antonio Padrón Barrera auf Fuerteventura an
Besprochen wird: Die Doku "SEP RUF - Architekt der Moderne" von Johann Betz (Welt).
Für Hannes Hintermeier in der FAZ wird mit der Entscheidung, die Schlösser sozusagen in den Adelsstand zu erheben "die Intention ihres Erbauers konterkariert. Denn der Märchenkönig, der nur vierzig Jahre alt wurde, hatte nicht im Sinn, den Plebs jemals in die Nähe seiner Schlösser, geschweige denn in sein Schlafzimmer zu lassen. Im Gegenteil: Zerstört werden sollten die Schlösser nach seinem Tod, gesprengt. Ihm ging es bis zuletzt und immer radikaler um die Selbstfeier seines Ingeniums. Als Eklektiker sagte er sich vom Ahnenkult seiner Vorfahren los, inszenierte stattdessen seine Privatmythologie mit Versatzstücken aus allen Stilen und Epochen."
Weiteres: Die SZ macht sich Gedanken über die Zukunft des nachhaltigen Bauens, in der "Häuser auch aus Algen, Hanf, Moos und Kaffeesatz bestehen" können. Monopol schaut sich die Architektur von Antonio Padrón Barrera auf Fuerteventura an
Besprochen wird: Die Doku "SEP RUF - Architekt der Moderne" von Johann Betz (Welt).
Kunst
Nicht nur aufgrund der aktuell politisch ziemlich dunklen Lage findet Alexandra Wach für Monopol die Ausstellung "From Dawn Till Dusk - Der Schatten in der Kunst der Gegenwart" im Kunstmuseum Bonn spannend und brisant: So "schlägt die Videoinstallation der 2013 verstorbenen Iranerin Farideh Lashai düstere Töne an und liefert posthum den Kommentar der Stunde. Sie basiert auf Goyas ikonischer Druckserie 'Schrecken des Krieges'. Lashai entfernte die Figuren und ließ nur die Landschaftselemente übrig, um sie in einem abgedunkelten Raum mit animierten Bildern zu präsentieren, die von einem beweglichen Scheinwerfer darauf projiziert werden. Bei Beleuchtung erscheinen Goyas Figuren flüchtig auf den Drucken, dann verhüllt der Schatten wenige Sekunden später die Brutalität ihrer Taten. (…) Metaphysische Ängste des Individuums gilt es dagegen bei Vito Acconci durchzustehen. Wenn sich der Videokunst-Pionier dabei filmt, wie er verzweifelt gegen den eigenen Schatten boxt, scheint sich sein Körper in einem sinnlosen Kampf in der Tradition der Sisyphus-Sage zu verausgaben. Der gelenkige Schatten gewinnt immer."
Weiteres: Die taz besucht den kubanischen Künstler Michel Mirabal in seinem Atelier.
Besprochen werden: "Stand up! Feministische Avantgarde" im Sprengel Hannover (taz), "Peter Fischli: People Planet Profit" im Luma Arles (NZZ), "Art brut - Dans l'intimité d'une collection" im Grand Palais des Centre Pompidou (FAZ) und "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus mit Kunstwerken von DDR-Künstlerinnen und Künstlern (FR).
Weiteres: Die taz besucht den kubanischen Künstler Michel Mirabal in seinem Atelier.
Besprochen werden: "Stand up! Feministische Avantgarde" im Sprengel Hannover (taz), "Peter Fischli: People Planet Profit" im Luma Arles (NZZ), "Art brut - Dans l'intimité d'une collection" im Grand Palais des Centre Pompidou (FAZ) und "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus mit Kunstwerken von DDR-Künstlerinnen und Künstlern (FR).
Film
Literatur
Die FAZ füllt das Sommerloch mit TikTok: Die ganze erste Seite des Feuilletons ist der Buchkritik auf der Social-Media-Plattform gewidmet - und was diese mit unseren Gehirnen angestellt. Philipp Schröder sieht es nicht ein, ins Horn des Kulturpessimismus zu blasen. Klar, auf BookTok und BookTube trenden vor allem "einfach gestrickte Fantasy- und Liebesgeschichten", und doch "ist das Lesen in den sozialen Medien zu dem Statussymbol geworden, das es andernorts immer schon war. ... Zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts warf man jungen Buchnarren 'Romanleserey' vor, weil sie sich für Goethes 'Werther' begeisterten. Heute darf man fragen, ob der Untergang des Leselandes wirklich näher rückt, weil junge Menschen ihr Bücherverlangen in denjenigen Medien ausdrücken, in denen sie ohnehin schon unterwegs sind. Ist es nicht schön, wenn die eine Sucht für einen Moment der Lesesucht weicht?"
Florian Heimhilcher hingegen winkt ab: "Bemerkenswert ist, dass das subjektive Geschmacksurteil als alleiniger Modus der Kritik gilt. Bücher werden daran gemessen, ob sie die Vorlieben der eigenen Booktoker-Stilgemeinschaft treffen, nicht, ob sie literarisch bedeutsam sind. ... Die Geste vieler Booktoker ist eine zutiefst regressive: Gepriesen wird, was das eigene Weltbild bestätigt, ein überpersönliches Urteil gar nicht erst angestrebt. Empathie im Sinne eines Perspektivwechsels wird durch eine solche Literaturkritik nicht geschult. Dabei ist doch gerade der Austausch über divergierende Kunstgeschmäcker das Trainingsfeld für eine demokratische Öffentlichkeit."
Weiteres zu diesem Thema: Julia Schymura staunt über den Online-Erfolg von Jack Edwards, der es auch ganz ohne sich an TikTok-Trends ranzuhängen akkumulativ auf den großen Videoplattformen zu drei Millionen Followern gebracht hat und dabei durchaus auf Niveau Literatur diskutiert. Majd El-Safadi beklagt, dass man vor lauter Lust machenden Buchempfehlungen gar nicht mehr zum Lesen kommt, während der Buchstapel immer größer wird. Und die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf rät zu täglich 20 Minuten vollkonzentrierte Lektüre, um im Zeitalter ständig lockender Ablenkungen den eigenen Konzentrationsmuskel zu trainieren.
Außerdem: Ronald Pohl blättert für den Standard nach, was in Literaturklassikern über die Sommerhitze steht. Besprochen werden unter anderem Mirko Bonnés Gedichtband "Wege durch die Spiegel" (taz), Jeff Lemires Comic-Autobiografie (Tsp), Ruth Zylbermans "Rue Saint-Maur 209" (online nachgereicht von der FAZ) und Nora Osagiobares "Daily Soap" (SZ).
Florian Heimhilcher hingegen winkt ab: "Bemerkenswert ist, dass das subjektive Geschmacksurteil als alleiniger Modus der Kritik gilt. Bücher werden daran gemessen, ob sie die Vorlieben der eigenen Booktoker-Stilgemeinschaft treffen, nicht, ob sie literarisch bedeutsam sind. ... Die Geste vieler Booktoker ist eine zutiefst regressive: Gepriesen wird, was das eigene Weltbild bestätigt, ein überpersönliches Urteil gar nicht erst angestrebt. Empathie im Sinne eines Perspektivwechsels wird durch eine solche Literaturkritik nicht geschult. Dabei ist doch gerade der Austausch über divergierende Kunstgeschmäcker das Trainingsfeld für eine demokratische Öffentlichkeit."
Weiteres zu diesem Thema: Julia Schymura staunt über den Online-Erfolg von Jack Edwards, der es auch ganz ohne sich an TikTok-Trends ranzuhängen akkumulativ auf den großen Videoplattformen zu drei Millionen Followern gebracht hat und dabei durchaus auf Niveau Literatur diskutiert. Majd El-Safadi beklagt, dass man vor lauter Lust machenden Buchempfehlungen gar nicht mehr zum Lesen kommt, während der Buchstapel immer größer wird. Und die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf rät zu täglich 20 Minuten vollkonzentrierte Lektüre, um im Zeitalter ständig lockender Ablenkungen den eigenen Konzentrationsmuskel zu trainieren.
Außerdem: Ronald Pohl blättert für den Standard nach, was in Literaturklassikern über die Sommerhitze steht. Besprochen werden unter anderem Mirko Bonnés Gedichtband "Wege durch die Spiegel" (taz), Jeff Lemires Comic-Autobiografie (Tsp), Ruth Zylbermans "Rue Saint-Maur 209" (online nachgereicht von der FAZ) und Nora Osagiobares "Daily Soap" (SZ).
Musik
Andrian Kreye spricht in der SZ mit den Jazzmusikerinnen Terri Lyne Carrington und Christie Dashiell, die gerade ihr neues Album "We Insist" herausgebracht haben und Jazz auch für politischen Protest nutzen. Der gängigen Auffassung, dass Jazz generell eine aktivistische Kunstform sei, widerspricht Carrington allerdings vehement: "Meiner Meinung nach war er das meist nur in Bezug auf Rassengerechtigkeit. Aber bei anderen Themen, insbesondere beim Thema Geschlecht, hat der Jazz meiner Meinung nach versagt." Die Gründe dafür sind historisch bedingt: "Als die Sklaverei zu Ende ging, konnten Menschen zum ersten Mal reisen. Es waren aber vor allem Männer, die reisen konnten. Für Frauen war es nicht sicher. Jazz wurde in Bordellen, Juke Joints, Bars gespielt." Das "war nie ein Umfeld, das Frauen zur Teilnahme eingeladen hat - es sei denn, sie standen vorn und sangen. ... Es gab (und gibt) eine gewisse Aggressivität in der Musik, die sich bis heute hält. Das ist großartig - das hat seinen Platz. Ich sage nur: Es sollte auch Platz geben für eine andere Ästhetik in dieser Musik."
Bill Calahan kommt für eine kleine Handvoll Konzerte nach Deutschland und hat Max Dax von der FR eines seiner seltenen Interviews gegeben. Unter anderem geht es die Wurzeln des heute alternativen Country-Folk spielenden Musikers im Noise, um die Schönheit und Flüchtigkeit der Wahrheit und darum, dass seine Songs vom Text her entstehen: "Manchmal dauert es ewig, und es gelingt mir einfach nicht, diese Worte in Musik umzusetzen. ... Ich ändere den Text dann so lange, ersetze die Songzeilen mit anderen Niederschriften von Tagträumereien, bis mir die Musik in den Schoß fällt. ... Die Phrasierung ist der Schlüssel zum Song. Wenn ich einen Text schließlich mit geschlossenen Augen singen kann, wenn ich ihn richtig rüberbringen kann, dann ist es egal, welche Musik mir ursprünglich vorgeschwebt haben mag. Die Phrasierung erweckt den Song zum Leben und hebt ihn auf eine andere Ebene, die über das Verständnis der Sprache hinausgeht. Deshalb kann man großartige Songs in fremden Sprachen verstehen, etwa den arabischen Gesang von Oum Kalthoum. Wenn die Phrasierung stimmt, kann man trotzdem etwas ganz Konkretes aus einem Song mitnehmen."
Jens Balzer hat auf Zeit Online keine Freude an "Swag", dem neuen Album von Justin Bieber. Zum einen klingt es so, "als ob es von einem Mann eingespielt worden wäre, der durch den Gebrauch von Jugendwörtern des Jahres 2011 jugendlich zu klingen versucht, mit entsprechend überschaubarem Erfolg." Zudem haben die Stücke "eine gute einschläfernde Wirkung. Sie sind durchweg in mittlerem Tempo komponiert und in lauwarmen Temperaturen gehalten. Das Klangbild wird vom Gebrauch des Yamaha-DX7-Synthesizers geprägt, dessen metallisch-glockenartige Töne man aus vielen R'n'B- und Soulproduktionen der Achtzigerjahre kennt, darunter auch 'Thriller' und 'Billie Jean' von Michael Jackson, der schon immer ein großes Vorbild von Justin Bieber war. Am Anfang kann man diesen Einsatz antiquierter Technologie für eine Reminiszenz an eine schönere Vergangenheit halten; wenn freilich auch das zehnte Lied immer noch mit denselben Achtzigerjahreklängen beginnt, nimmt demgegenüber der Eindruck einer starken Inspirationslosigkeit überhand." Auch NZZ-Kritiker Ueli Bernays sieht den früheren Teeniestar nicht gerade auf der Höhe seiner Kunst: "Biebers erstaunliche Musikalität schwächelt bisweilen wie eine E-Gitarre ohne Verstärker oder eine Orgel mit defekter Pneumatik."
Weitere Artikel: Axel Brüggemann wirft für Backstage Classical einen Blick darauf, wie Orchester und Opernhäuser in Zeiten schwindender Öffentlichkeit selber zu Medienhäusern werden. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "My Sister" von den Tindersticks.
Besprochen werden der Auftritt von Grace Jones beim Jazz Festival Montreux (Standard), ein Konzert der Queens of the Stone Age (Standard), das Oasis-Konzert in Manchester (NZZ), ein Auftritt von Robbie Williams in Wien (Standard), ein Konzert des Splitter Orchesters in einer leerstehenden Rossmann-Filiale (taz), ein Konzert von Anna Vinnitskaya und Jan Lisiecki in Frankfurt (FR), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine von John Eliot Gardiner dirigierte Brahms-Aufnahme (FAZ), und das Album "Po$t American" der ziemlich angepissten US-Post-Punkband Dead Pioneers (Standard).
Bill Calahan kommt für eine kleine Handvoll Konzerte nach Deutschland und hat Max Dax von der FR eines seiner seltenen Interviews gegeben. Unter anderem geht es die Wurzeln des heute alternativen Country-Folk spielenden Musikers im Noise, um die Schönheit und Flüchtigkeit der Wahrheit und darum, dass seine Songs vom Text her entstehen: "Manchmal dauert es ewig, und es gelingt mir einfach nicht, diese Worte in Musik umzusetzen. ... Ich ändere den Text dann so lange, ersetze die Songzeilen mit anderen Niederschriften von Tagträumereien, bis mir die Musik in den Schoß fällt. ... Die Phrasierung ist der Schlüssel zum Song. Wenn ich einen Text schließlich mit geschlossenen Augen singen kann, wenn ich ihn richtig rüberbringen kann, dann ist es egal, welche Musik mir ursprünglich vorgeschwebt haben mag. Die Phrasierung erweckt den Song zum Leben und hebt ihn auf eine andere Ebene, die über das Verständnis der Sprache hinausgeht. Deshalb kann man großartige Songs in fremden Sprachen verstehen, etwa den arabischen Gesang von Oum Kalthoum. Wenn die Phrasierung stimmt, kann man trotzdem etwas ganz Konkretes aus einem Song mitnehmen."
Jens Balzer hat auf Zeit Online keine Freude an "Swag", dem neuen Album von Justin Bieber. Zum einen klingt es so, "als ob es von einem Mann eingespielt worden wäre, der durch den Gebrauch von Jugendwörtern des Jahres 2011 jugendlich zu klingen versucht, mit entsprechend überschaubarem Erfolg." Zudem haben die Stücke "eine gute einschläfernde Wirkung. Sie sind durchweg in mittlerem Tempo komponiert und in lauwarmen Temperaturen gehalten. Das Klangbild wird vom Gebrauch des Yamaha-DX7-Synthesizers geprägt, dessen metallisch-glockenartige Töne man aus vielen R'n'B- und Soulproduktionen der Achtzigerjahre kennt, darunter auch 'Thriller' und 'Billie Jean' von Michael Jackson, der schon immer ein großes Vorbild von Justin Bieber war. Am Anfang kann man diesen Einsatz antiquierter Technologie für eine Reminiszenz an eine schönere Vergangenheit halten; wenn freilich auch das zehnte Lied immer noch mit denselben Achtzigerjahreklängen beginnt, nimmt demgegenüber der Eindruck einer starken Inspirationslosigkeit überhand." Auch NZZ-Kritiker Ueli Bernays sieht den früheren Teeniestar nicht gerade auf der Höhe seiner Kunst: "Biebers erstaunliche Musikalität schwächelt bisweilen wie eine E-Gitarre ohne Verstärker oder eine Orgel mit defekter Pneumatik."
Weitere Artikel: Axel Brüggemann wirft für Backstage Classical einen Blick darauf, wie Orchester und Opernhäuser in Zeiten schwindender Öffentlichkeit selber zu Medienhäusern werden. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "My Sister" von den Tindersticks.
Besprochen werden der Auftritt von Grace Jones beim Jazz Festival Montreux (Standard), ein Konzert der Queens of the Stone Age (Standard), das Oasis-Konzert in Manchester (NZZ), ein Auftritt von Robbie Williams in Wien (Standard), ein Konzert des Splitter Orchesters in einer leerstehenden Rossmann-Filiale (taz), ein Konzert von Anna Vinnitskaya und Jan Lisiecki in Frankfurt (FR), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine von John Eliot Gardiner dirigierte Brahms-Aufnahme (FAZ), und das Album "Po$t American" der ziemlich angepissten US-Post-Punkband Dead Pioneers (Standard).
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