Efeu - Die Kulturrundschau
LSD-Charakter der messiaenschen Eucharistie
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02.09.2025. Dreißig Jahre nach seiner Uraufführung ist William Kentridges Stück "Faust in Africa!" mehr ein "faszinierendes Kunstwerk" als ein aufrüttelndes Manifest, stellt die SZ beim Zürcher Theaterspektakel fest. Die FAZ schläft bei Jim Jarmuschs neuem Film "Father, Mother, Sister, Brother" beinahe auf dem Kinosessel ein. Der Guardian sieht mit den frühen Arbeiten Stephen Shores in die Gesichter New Yorks. Die Architekturwelt trauert um den Stadtplaner Hans Stimmann.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.09.2025
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Bühne

Vor 30 Jahren sorgte der südafrikanische Künstler William Kentridge mit "Faustus in Africa!" für Aufregung. SZ-Kritiker Egbert Tholl kann das Stück jetzt beim Zürcher Theaterspektakel erleben - und weiß gar nicht, wo er zuerst hingucken soll: "Alles flirrt, man könnte den Abend fünfmal sehen und würde immer noch Neues entdecken. Helena ('Faust II') ist als Puppe eine Lady in Satin, gemahnt an Billie Holiday und deren Song 'Strange Fruit', obwohl man den hier nicht hört. Man hört ihn sozusagen stumm mit. Die seltsamen Früchte, von denen Holiday singt, sind die Leichen gelynchter Schwarzer, die in den Bäumen hängen. Kentridge denkt immer über Afrika, nach wie vor Abenteuerspielplatz des Westens, hinaus. Und doch: Dieser 'Faustus in Africa!' wirkt 30 Jahre nach seiner Uraufführung mehr wie ein faszinierendes Kunstwerk als ein aufrüttelndes Pamphlet. Vielleicht liegt das auch daran, dass man in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten sehr viele sehr wütende Theaterarbeiten aus Afrika sehen konnte."
Weiteres: Die Nachtkritik bringt die Hamburger Poetikvorlesung des Schauspielers Samuel Finzi. In der FAZ gratuliert Roger Vontobel dem Regisseur Frank Baumbauer zum Achtzigsten. In der SZ fragt sich Reinhard J. Brembeck, ob man von Opern süchtig werden kann.
Film

"Trivial, öde, müde" dürfen Filme zwar schon gerne sein, findet Dietmar Dath (FAZ), aber wenn, dann bitte nicht so wie in "Father, Mother, Sister, Brother", der "aktuellen Unerheblichkeit" von Jim Jarmusch, präsentiert beim Filmfestival Venedig. In drei Episoden erzählt der Regisseur von Familien, die sich wenig zu sagen haben. Doch "wer Kräfte wie Charlotte Rampling, Cate Blanchett oder Adam Driver vor die Kamera holt, muss ihnen schon was zu tun geben", schreibt Dath. "Verbunden sind diese drei Teile mit schimmelig bunten Schmierklecksen und lauwarm nostalgischen Klängen aus verstorbenen Woody-Allen-Handübungen." Aber auch "dazu, den Fokus auf dem Unwichtigen und dem Langweiligen durchzuhalten, fehlt Jarmusch der Mut, weshalb er sich im Finale auf Wichtiges wirft, etwa auf die Zerbrechlichkeit des Lebens. Stimmt, was lebt, muss sterben, manchmal jählings."
Tazler Tim Caspar Boehme mag sich diesem Totalverriss zwar nicht unumwunden anschließen, aber es ist schon "ein bisschen altersmüde, das alles". Pavao Vlajcic spricht in seinen Festivalnotizen auf critic.de von "einer intimen, humanistischen Versuchsanordnung über Familienbeziehungen in drei wunderbar austarierten Vignetten".
SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh kann die schlechten Kritiken ihrer Kollegen zu Olivier Assayas Putin-Film "The Wizard in the Kremlin" vom Filmfestival in Venedig (unser Resümee) nicht stehen lassen. Der Regisseur "findet großartige Bilder und Räume, um sehr knapp ein paar Wahrheiten zusammenzufassen über den geschmacklosen Reichtum der Oligarchen und den unsanften Übergang in die Kleptokratie". Er hat "auf jedweden Kitsch verzichtet, zugunsten genauer Beschreibung und langer Dialoge. Das ist anstrengend - aber man kann dieses Stück russischer Geschichte jetzt wirklich nicht einfach in ein hübsches Bild fassen." Bei diesem Film ist "pure Fantasie am Werk", kontert Tobias Sedlmaier in der NZZ, "leider bleibt der Erkenntnisgewinn (...) überschaubar".
Weiteres: Patrick Holzapfel empfiehlt in der NZZ die japanischen Klassiker von Kozaburo Yoshimura, die das Filmpodium Zürich zeigt (den Programmtext zur Filmreihe hat unser Filmkritiker Lukas Foerster verfasst). Helmut Hartung berichtet in der FAZ von den Auseinandersetzungen zwischen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und den Streamingdiensten und Fernsehsendern, die zur Finanzierung der neuen Filmförderung zu Investitionen verpflichtet werden sollen. Eine BBC-Produktion über die Schlacht von Hastings sorgt bei manchen Zuschauern für erheblichen Unmut, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Kino-Flatrates haben sich in Österreich als Hit erwiesen, erfahren wir von Hannah Segers im Standard. Besprochen wird Mia Maariel Meyers Verfilmung von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (Welt, Tsp).
Architektur
In der FAZ schreibt Matthias Alexander den Nachruf auf den Architekten und Stadtplaner Hans Stimmann, der im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Von kurz nach der Wende bis 2006 bekleidete er das Amt des Senatsbaudirektors von Berlin: "Er wollte den alten Stadtgrundriss so weit als möglich wiederherstellen ('Kritische Rekonstruktion'), um den Osten und den Westen der Stadt auch im Stadtbild wieder miteinander zu verbinden. Zu diesem Zweck formulierte er klare Vorgaben: Er vertraute auf die einigende Kraft des Blockrands und der Traufhöhe von 22 Metern, und er setzte auf die vormoderne Gestalt steinerner Fassaden. Dass Investoren und Architekten, die vor dem inneren Auge das Berliner Stadtbild schon mit gewaltigen Spektakelbauten aufgemöbelt sahen, darüber nicht amüsiert waren, focht Stimmann nicht an, im Gegenteil, es motivierte ihn, seine Maximen durchzusetzen, dabei um keinen Kniff verlegen, von der Zusammensetzung der Wettbewerbsjurys bis hin zur Verwaltungspraxis."
Stimman habe "entscheidend mit auf den Weg gebracht, dass die 'europäische Stadt' wieder Gestalt annahm, niemals fertig, gewiss, sondern als Aufgabe für Gegenwart und Zukunft", meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Besonders für die Zukunft, wenn man sich das Ergebnis anguckt.
Stimman habe "entscheidend mit auf den Weg gebracht, dass die 'europäische Stadt' wieder Gestalt annahm, niemals fertig, gewiss, sondern als Aufgabe für Gegenwart und Zukunft", meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Besonders für die Zukunft, wenn man sich das Ergebnis anguckt.
Kunst

Weiteres: Erstmals seit dem Jahr 1070 ist der "Teppich von Bayeux", der die Schlacht von Hastings zeigt, wieder in England zu sehen, berichtet Alexander Menden in der SZ, und zwar im British Museum. Besprochen wird die Ausstellung "Edvard Munch. Angst" in den Kunstsammlungen Chemnitz (FR).
Literatur
Die Welt hat das Figaro-Gespräch mit Sabeha Sansal ins Deutsche übertragen, aus dem wir bereits an dieser Stelle zitiert haben. Josephine Bewerunge berichtet in der FAZ vom Poetenfest in Erlangen. Petra Ahne erinnert in der FAZ an eine auch unter tätiger Mitwirkung von Theodore Roosevelt befeuerte Kontroverse in den USA des frühen 20. Jahrhunderts darüber, wie man über Tiere schreiben sollte. Marc Reichwein präsentiert die Welt-Sachbuchbestenliste - auf Platz Eins: Götz Alys Studie "Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945", aus dem wir an dieser Stelle zahlreiche Leseproben präsentieren.
Besprochen werden unter anderem Sylvie Schenks "In Erwartung eines Glücks" (Standard), Tanja Paars "Am Semmering" (Standard) und Alexander Kluges "Sand und Zeit. Bilderatlas" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Sylvie Schenks "In Erwartung eines Glücks" (Standard), Tanja Paars "Am Semmering" (Standard) und Alexander Kluges "Sand und Zeit. Bilderatlas" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Yannick Nézet-Séguin und dem Lucerne Festival Orchestra ist mit ihrer Darbietung von Bruckners Vierter Beachtliches gelungen, nämlich eine "durchaus auch eigenwillige Interpretation, die Bruckners Musik emotional entfesselt und ihr alles Weihevolle austreibt", lobt Christian Wildhagen in der NZZ. "Hier werden, anders als üblich, keine Klangkathedralen errichtet, die in ihrer Erhabenheit überwältigen, aber auch einschüchtern können. Stattdessen entfalten Nézet-Séguin und das Orchester ein ungeheuer reiches Panorama wechselnder Stimmungen und Naturbilder vor den Ohren der Hörer. Das hat etwas Einladendes, ja Verführerisches - das 'Romantische' ist in dieser Lesart nicht bloss die Losung einer vergangenen Epoche, sondern ein packendes, sehr gegenwärtiges Lebensgefühl. Konzerte, die in so profilierter Weise neues Licht auf Werke des gängigen Kanons werfen, sind Glücksfälle."
Albrecht Selge resümiert für VAN die ersten Konzerte des Musikfests Berlin, darunter auch den Abend, den das niederländische Radio Filharmonisch Orkest (international auch als Netherlands Radio Philharmonic Orchestra bekannt) bestreitet. Diesem glückt ein "herrlich schräger Bogen von Boulez zu Rachmaninow" und es "lässt indes schon in Olivier Messiaens frühen 'Les Offrandes oubliées' staunen, wie gerade Musiker aus dem calvinistischen Flachland einen derartigen Sensor für den LSD-Charakter der messiaenschen Eucharistie haben können. Auf rosiger Wolke (der Synästhet Messiaen hätte natürlich andere Farbempfindungen parat) levitieren uns da die kristallhohen Streicher durch sich verdünnisierende Luft in eine unbekannte Stadt." In der Mediathek des Festivals ist ein Mitschnitt des Konzerts für Mitte September angekündigt.
Weitere Artikel: Ben Robin König resümiert in der taz das Festival Berlin Atonal. Stephanie Grimm berichtet in der taz vom Berliner Pop-Kultur-Festival. Mit "einer doch recht holzschnittartigen Unverblümtheit" protestiert Neil Young in einem neuen Song gegen Donald Trump, meldet Edo Reents in der FAZ.
Besprochen werden ein Konzert des Orchestre Philharmonique de Radio France mit Mirga Gražinytė-Tyla und Julia Hagen in Grafenegg (Standard), Cindy Laupers Abschiedskonzert in Los Angeles (Standard), ein Konzert von Candy Dulfer & the Kids in Wiesbaden (FR), das neue Album von Sabrina Carpenter (SZ), der dritte und abschließende Band von Ricky Riccardis monumentaler Louis-Armstrong-Biografie (FAZ) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Hymns and Fiery Dances" von The Division Men (Standard).
Albrecht Selge resümiert für VAN die ersten Konzerte des Musikfests Berlin, darunter auch den Abend, den das niederländische Radio Filharmonisch Orkest (international auch als Netherlands Radio Philharmonic Orchestra bekannt) bestreitet. Diesem glückt ein "herrlich schräger Bogen von Boulez zu Rachmaninow" und es "lässt indes schon in Olivier Messiaens frühen 'Les Offrandes oubliées' staunen, wie gerade Musiker aus dem calvinistischen Flachland einen derartigen Sensor für den LSD-Charakter der messiaenschen Eucharistie haben können. Auf rosiger Wolke (der Synästhet Messiaen hätte natürlich andere Farbempfindungen parat) levitieren uns da die kristallhohen Streicher durch sich verdünnisierende Luft in eine unbekannte Stadt." In der Mediathek des Festivals ist ein Mitschnitt des Konzerts für Mitte September angekündigt.
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Besprochen werden ein Konzert des Orchestre Philharmonique de Radio France mit Mirga Gražinytė-Tyla und Julia Hagen in Grafenegg (Standard), Cindy Laupers Abschiedskonzert in Los Angeles (Standard), ein Konzert von Candy Dulfer & the Kids in Wiesbaden (FR), das neue Album von Sabrina Carpenter (SZ), der dritte und abschließende Band von Ricky Riccardis monumentaler Louis-Armstrong-Biografie (FAZ) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Hymns and Fiery Dances" von The Division Men (Standard).
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