Efeu - Die Kulturrundschau

Zwänge eines geriatrischen Literatursystems

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09.09.2025. Die Kulturkritik ist zum zahnlosen Tiger geworden, ruft die SZ angesichts der Besprechungen der neuen Bücher von Caroline Wahl und Ulf Poschardt. Zeit Online stellt fest, dass auch in der Literatur die Grenzen zwischen Links und Rechts zunehmend verschwimmen. Die FAZ reist mit Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Pompeo Magno" ins Venedig des Jahres 1666. Die Musikkritik trauert um den Dirigenten Christoph von Dohnányi.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2025 finden Sie hier

Literatur

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Die Kulturkritik ist zum zahnlosen Tiger geworden, der sich ins ungesalzen Lauwarme flüchtet, statt mal ordentlich auf den Tisch zu hauen und mit Leidenschaft ein Urteil zu vertreten. So jedenfalls Philipp Bovermanns in der SZ geäußerter Befund, nachdem er die Kritiken zum neuen Roman von Caroline Wahl und Ulf Poschardts so "denkfauler" wie "seichter" Kulturbetriebsabrechnung "Shitbürgertum" gelesen hat. "Wohin ist die Energie entwichen? Wo sind (...) die empörten Verrisse von Caroline Wahls derzeit vielstimmig besprochenem neuen Buch 'Die Assistentin'? Oder die Jubelchöre? Ist doch super, ließe sich beispielsweise argumentieren, dass eine junge Autorin sich traut, sich frei zu machen von den Zwängen eines geriatrischen Literatursystems und seinen Manieren. (...) Etliche Stimmen der Kulturöffentlichkeit und der Literaturkritik hielten sich mit klaren Urteilen zurück. Stattdessen begleiteten sie das Phänomen neugierig bei seinem Zug durchs Land, sorgsam darauf bedacht, nur ja nicht von oben herab darüber zu sprechen. (...) Zu viele Felder werden kampflos geräumt, aus Angst, elitär zu wirken."

Zelda Biller blickt sich für Zeit Online im literarischen Underground zwischen Wien und Hamburg um - und erblickt dort unter jungen Literaten eine irritierende Melange aus unbekümmertem Rechts-Links-Schriftstellertum. Im Wiener Literaturkeller "Erdstall" etwa, der sich zwar links gibt, sind auch neurechte Autoren aus dem einschlägigen Umfeld zu Gast. Oder es liest dort der Schriftsteller Jens Winter, vor kurzem journalistisch noch eher antideutsch unterwegs, heute beim rechtspopulistischen Portal Nius als Autor tätig. Auch andere Bündnisse werden geschmiedet: Sebastian Schwaerzel etwa "sei ein großes literarisches Talent, fuhr der Linksradikale fort", mit dem Biller ins Gespräch gekommen ist, "und ein guter Freund, obwohl er ein Rechter sei. Rechts, links, rechts, links - mein Kopf begann sich langsam zu drehen, ich dachte an berühmte Wendehälse der deutschen Geschichte, an Mohler und Mahler, und fragte mich: Warum führt der Weg fast immer nur in die eine Richtung? (...) Links und rechts. Ich erinnere mich an ein Zitat" des Verlegers Ledio Albani, "das ich neulich in einem Schwaerzel-Porträt im Falter gelesen und angestrichen habe: 'Links und rechts sind für die junge Generation keine Kategorien mehr', sagte Albani dort. Und diese Generation wolle er erreichen."

Außerdem: Gerhard Gnauck erzählt in der FAZ von seiner Begegnung mit dem ukrainischen Autor Andrij Ljubka in Warschau. Chris Melzer plaudert für den Tagesspiegel mit Bestseller-Autor Dan Brown. Roman Bucheli spricht für die NZZ mit dem früheren Unternehmer Benedikt Weibel über dessen Literaturbegeisterung. Ute Scheub und Konrad Melchers schreiben in der taz zum Tod der Schriftstellerin Ruth Weiss. Tilman Krause schreibt in der Welt einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Hansgeorg Schmidt-Bergmann.

Besprochen werden unter anderem Cristina Rivera Garzas "Lilianas unvergänglicher Sommer" (Standard), die Neuausgabe von Gerti Tetzners "Karen W." (FR), Paul Therouxs "Burma Sahib" (FAZ) und Jens Harders Comic "Gamma" (Tsp). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Die Agenturen melden, dass ein 1.700 Filmschaffende umfassendes Bündnis - darunter Susan Sarandon, Emma Stone, Tilda Swinton, Javier Bardem, Julie Christie, Aki Kaurismäki, Beatrice Dalle, Ken Loach, Mike Leigh, Xavier Dolan und Mark Rufallo - dazu aufruft, israelische Filminstitutionen zu boykottieren. Mehr Hintergründe dazu liefert der Guardian. Der Aufruf der "Filmworkers for Palestine" ist hier veröffentlicht.

Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive Thomas Arslan in Wien. Michael Hanfeld (FAZ), Harry Nutt (FR) und Markus Ehrenberg (Tsp) schreiben zum Tod des Schauspielers Horst Krause. Besprochen wird Truong Minh Quýs in Vietnam verbotenes, schwules Liebesdrama "Viet und Nam" (Jungle World).
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Bühne

Szene aus "Pompeo Magno" bei Bayreuth Baroque © Clemens Manser Photography

Was für ein Spektakel! Werner M. Grimmel ist in der FAZ hingerissen von Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Pompeo Magno" aus dem Jahr 1666, die das Festival Bayreuth Baroque eröffnete. Es geht um den Feldherrn Pompeo, der nach seinem Sieg über König Mitridate dessen Gattin Issicratea und ihren Sohn Farnace nach Rom verschleppt - daraus entsteht "ebenso unterhaltsames wie vielschichtiges Welttheater", das der Regisseur "szenisch kongenial auf Helmut Stürmers Breitwandbühne bringt, die keine Zweifel aufkommen lässt, dass das alte Rom hier nur als historische Kulisse und Namenslieferant für Geschehnisse im Venedig zur Entstehungszeit der Oper dient. Die Dogenrepublik spiegelt sich im Glanz und inoffiziell auch im Elend von Cäsars Imperium. Über feudalem Ausblick auf die Lagune prangt der Markuslöwe zwischen Butzenscheiben. Eine veritable Gondel gleitet im Hintergrund unter verzierten Steinbalkonen vorüber. Permanent halten kurzweilige Parallelaktionen das Publikum optisch und akustisch auf Trab."

Weiteres: Kathrin Ullmann unterhält sich für die taz mit Klaus Schumacher, Leiter des Hamburger Jungen Schauspielhauses. Besprochen werden Stephanie Mohrs Inszenierung von Daniel Kehlmanns neuem Stück "Ostern" im Theater in der Josefstadt und Stefan Bachmanns Inszenierung von Ferdinand Schmalz' Stück "Bumm Tschak" am Burgtheater Wien (FAZ), Nicolai Sykoschs Inszenierung von "Mephisto" nach Klaus Mann am Staatsschauspiel Dresden (taz), das Theaterprojekt "Der Bus ist abgefahren" (eine "theatrale Busfahrt") in Chemnitz (taz).
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Kunst

Leiko Ikemura, "Das Meer in den Bergen", Ausstellungsansicht. Foto: Bündner Kunstmuseum Chur. 

Als geradezu existenzielle Erfahrung beschreibt Roman Bucheli in der NZZ den Besuch einer Werkschau der japanisch-schweizerischen Künstlerin Leiko Ikemura im Bündner Kunstmuseum in Chur: "Die Besucher treten zunächst in einen Skulpturengarten. Auf Kiesinseln aus grünem Granit hat Ikemura bronzene Fabelwesen versammelt. Teils liegen sie einzeln auf den Inseln, teils stehen sie in Gruppen wie ins Gespräch vertieft beieinander. Mitunter findet sich in den akkurat geformten Kiesbetten auch bloß ein Felsbrocken, als sei ein Meteorit zur Erde gestürzt. Zwischen den Inseln bewegt man sich wie in einem Archipel, halb geht man noch, halb meint man, im Raum zu schwimmen oder zu schweben." Mit "riesigen, raumhohen Videoprojektionen ihrer Gemälde schafft die Künstlerin zudem überwältigende Raumerlebnisse. Die gegenläufig ineinanderfließenden Bilder entfalten eine enorme Sogwirkung: Man taucht förmlich in die abstrakten Farbkompositionen ein und wird damit Teil des Kunstwerks."

Besprochen wird die Ausstellung "Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve" mit Videoarbeiten von Asta Grötings im Städel Museum Frankfurt (FR) und die Ausstellung "Strange! Surrealismen 1950-1990 aus den Sammlungen der Nationalgalerie" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (FAZ).
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Musik

Die Musikkritik trauert um den Dirigenten Christoph von Dohnányi. "Seine Interpretationen beeindrucken durch ihr hohes Maß an Kultiviertheit, Wohlproportioniertheit und innerer Balance", schreibt Julia Spinola in der NZZ. "Alles exzessive Ausdruckswühlen ist ihnen fremd. Aus Dohnányis Deutungen stehen nicht allerorten jene Nägel und Spitzen heraus, die manchem schon als vordergründiger Beleg genügen für einen zeitgemäss 'entschlackten' Zugriff auf vermeintlich letzte musikalische Wahrheiten. Sein Interpretationsideal war vielmehr getragen von nüchtern-analytischer Leidenschaft, von einem Geist bruchlos gelingender Sublimiertheit."



Diese Qualitäten hebt Reinhard J. Brembeck in der SZ anhand einer 1978 entstandenen Mendelssohn-Aufnahme der Wiener Philharmoniker hervor: "Dohnányis Nüchternheit bedeutet Modernität, nichts ist sentimental, altmodisch, fremd. So könnte das Stück ohne Befremden zu erwecken noch heute musiziert werden. Die Details sind klar zu hören, ohne sich vorzudrängen, Streicher, Holz- und Blechbläser sind klar zu unterscheiden, fügen sich aber bei aller Andersartigkeit zu stimmiger Einheit. Die Metiersicherheit, die Genauigkeit, die Demut vor der Partitur verblüffen. Da gibt es aber noch etwas anderes, genauso Wichtiges bei diesem Dirigenten. Der warme Klang, die nie auf sterile Brillanz zielende Eleganz, das lässige Vorantreiben künden von einem Musiker, dem die Romantik zutiefst vertraut war, weil sie einst Avantgarde und nicht Gefühlsduselei war. Und Avantgarde war Dohnányi immer ein Anliegen." Weitere Nachrufe schreiben Judith von Sternburg (FR) und Manuel Brug (Welt).

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Sebastian Leber spricht im Tagesspiegel mit der Politologin Maria Kanitz über Antisemitismus im Pop, worüber sie gerade mit "Lauter Hass" auch ein Buch veröffentlicht hat. Den BDS brauche es fürs Anheizen der Stimmung eigentlich gar nicht mehr, lautet ihr Befund: "Die Boykottaufrufe, Drohungen und antisemitischen Ressentiments kommen heute aus ganz unterschiedlichen Milieus. Was BDS vor zwei Jahrzehnten begonnen hat, trägt sich seit dem 7. Oktober quasi von allein weiter." Seitdem "geben sich viele Künstler (...) als Sprachrohr für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten aus. Bei einigen wird man leider den Eindruck nicht los, es gehe ihnen nicht darum, auf das Leid im Gazastreifen aufmerksam zu machen, sondern um performativen Widerstand. (...)  Dort findet eine Aneignung des Leids statt, um sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen und damit obendrein Geld zu verdienen. Es geht um die Pose. Auffällig ist dabei das Credo 'Palestine will set us free'. Da wird die Palästinafrage zur Menschheitsfrage erhoben. Der dahinterstehende Gedanke richtet sich indirekt nicht nur gegen Israel, sondern gegen Juden weltweit. Mit Frieden, Menschenrechten oder Humanismus hat das wenig zu tun."

Weitere Artikel: NZZ-Kritiker Christian Wildhagen nutzt die Gelegenheit, beim Lucerne Festival internationale Orchester miteinander abzugleichen. Sven Beckstette stimmt in der taz auf die Abschiedstour des Ethio-Jazz-Pioniers Mulatu Astatke ein. Peter Kemper berichtet in der FAZ von seinem Besuch im Musikarchiv Lippmann + Rau in Eisenach, wo mit der Sammlung Benny Goodman ein "Jazznachlass von internationaler Strahlkraft" lagert. Jens Balzer (Zeit Online), Andreas Platthaus (FAZ) und Andrian Kreye (SZ) schreiben Nachrufe auf Supertramp-Sänger Rick Davies. Koochi Ariana gratuliert im Standard dem Label Fettkakao zum zwanzigjährigen Bestehen.

Besprochen werden ein Konzert der US-Band Cave-In in Hamburg (taz), Addison Raes Auftritt in Berlin (Zeit Online), ein Heino-Konzert in Berlin (SZ), das Album "Planetentochter" des Norbert Stein Pata Trios (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter das Album "Unbemanntes Raumschiff" des Trios Purple is the Color ("ein Beweis, dass Virtuosität und Originalität kein Widerspruch sein müssen", schreibt Ljubiša Tošić im Standard).

Archiv: Musik