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19.09.2025. Das van Magazin stellt Marc Blitzsteins geometrische Oper "Parabola and Circula" vor, die 96 Jahre nach ihrer Entstehung beim Musikfest Berlin uraufgeführt wird. Die Berliner Zeitung übt im Deutschen Theater begeistert Neusinn, Quersinn, Fremdsinn oder Unsinn mit Nele Stuhlers "Leichtem Gesang". Der Standard besucht die Wiener Ausstellung der queer-feministischen Künstlerin Ashley Hans Scheirl. Selbst dem Spiegel ist unwohl beim dem von Brian Eno organisierten "Together for Palestine"-Benefizfestival: Die israelischen Opfer des 7. Oktobers wurden nicht einmal erwähnt.
Im van Magazin stellen Kai Hinrich Müller und Rebecca Schmid Marc Blitzsteins Oper "Parabola and Circula" vor, die 96 Jahre nach ihrer Entstehung am kommenden Sonntag beim Musikfest Berlin uraufgeführt wird. Das Besondere an "Parabola and Circula": Es ist "eine Oper, die im Zeichen der Geometrie steht, mit dem Herz und Schmerz typischer Opernhandlungen versehen ist und beides in bemerkenswerter Weise zusammenführt. In einem Land abstrakter Formen wird die tragische Geschichte zweier geometrischer Figuren erzählt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Parabel (Parabola) und Kreis (Circula), den Adoptiveltern von Rechteck (Rectangula) und Punkt (Intersecta). Sie leben glücklich vereint, verlieren sich aber am Ende der Oper mit dem Tod Circulas. Zelebrieren sie zunächst eine perfekte Beziehung, kommt nach und nach der Zweifel in ihr Leben - in Diskussionen mit ihren Freunden Prism, Linea und Geodesa, die über das Beziehungsglück der beiden urteilen. Es beraube sie der Selbstständigkeit, ihr Liebesverhalten sei zudem bedrückend für den modernen Geist. Aus dem wachsenden Zweifel Parabolas wächst ein schwarzes pyramidenähnliches Projektil, das Circula am Ende tötet. Der Vorhang fällt."
"Leichter Gesang" mit Franziska Kleinert in Lila am Deutschen Theater Berlin. Foto: Jasmin Schuller
Am Deutschen Theater, wo FX Mayr Nele Stuhlers "Leichten Gesang" inszeniert hat, stimmt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) begeistert in den Publikumschor ein: "Das Publikum gibt sich Mühe, aber Franziska Kleinert, einer von vier ausgeliehenen Rambazamba-Stars, die zusammen mit drei DT-Ensemblemitgliedern auf der Bühne stehen, ist nicht zufrieden: 'Das war nicht gut. Nochmal.' Wer Kleinert kennt - und wer in Berlin täte das nicht? - wird spätestens beim zweiten Versuch mitsprechen. Sie ist eine Autorität. Mit fester Stimme. Festem Blick. Und einem Ingrimm, der seine Herkunft in der Spielwut nie verleugnen kann. Also nochmal: 'Stock im Po, Stock im Po, Stock im Po, Balsamico!'. Nein, es wird nicht besser." Toll, wie das DT "mit der akrobatischen Defragmentierung von verkrusteten Sinnhierarchien" aufräumt, freut sich Seidler. "Der Text ist wie aus einer interessant missprogrammierten Strickmaschine gefallen. ... Ein paar Bedeutungskrümel bleiben immer noch kleben und verbinden sich zu einer Textur, die irgendwie (manchmal auch mit Hilfe von gröbsten Kalauern) Neusinn oder Quersinn oder Fremdsinn oder Unsinn ergeben."
Weiteres: Die französische Regisseurin Mariame Clément spricht im Interview mit der FR über ihre Frankfurter "Così fan tutte"-Inszenierung und Frauen in der Oper: "Man sagt oft, 'Così' sei frauenfeindlich. Ich finde das nicht. Ich finde, es geht nicht darum zu beweisen, dass alle Frauen schlecht sind, sondern dass alle Frauen nicht anders sind als Männer. Also, dass Männer und Frauen gleich sind. Das hat für mich eine feministische Seite." Besprochen wird eine Ausstellung zur Geschichte des Festivals d'Avignon im Maison Jean Vilard (FAZ).
Wolfgang Hamdorf schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmhistoriker MichaelHanisch, der noch zu DDR-Zeiten einige sehr geschätzte Bücher veröffentlichte. Beim Branchentreff Seriesly diskutierten in Berlin Macher über die ZukunftderTV-Serie, berichtet Marie-Luise Goldmann in der Welt.
Besprochen werden DamianHarris' "Brave the Dark" (Perlentaucher), ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" (FAZ, SZ, mehr dazu bereits hier), FlorianPochlatkos "How to Be Normal" (Standard), Freddy Macdonalds "Sew Torn" (NZZ), die Netflix-Serie "Black Rabbit" (FAZ) und RachelLeeGoldenbergs auf Disney+ gezeigter Film "Swiped" (SZ).
Ashley Hans Scheirl, Dandy Dust, 1998. 16-mm-Film, courtesy sixpackfilm
Katharina Rustler besucht für den Standard eine Ausstellung der queer-feministischen Künstlerin Ashley Hans Scheirl im Wiener Belvedere 21. Passt, meint sie: "Die einzelnen Bereiche wirken wie eine riesige Installation, und dennoch passen sie in ihrem Design nicht ganz zusammen. Genre, Medium und Gender sind bei Scheirl immer fließend zu verstehen. ... Das älteste Werk in der Schau animiert das Publikum, gleich selbst in Aktion zu treten. In Dialog mit dem 1979 entstandenen Film 'Die Artisten in der Zirkuskuppel' wartet ein metallenes Turngerüst (mit darunterliegender Matte) auf mutige Freiwillige. Humor ist integraler Bestandteil von Scheirls Werk, den die Künstlerin gekonnt mit kritischen und tiefgründigen Fragestellungen zu Identität, Neoliberalismus oder Macho-Gesten in der Kunst verwebt."
Die Ausstellung "Kirchner x Kirchner" im Kunstmuseum Bern "ist eine kleine Sensation", staunt Hans-Joachim Müller in der Welt, und er meint es nicht freundlich angesichts friedlich lümmelnder Bergbauern oder Sonntagsszenen am Brunnen: "Selten einmal ist in einer Kirchner-Ausstellung so deutlich geworden, wie sich das Werk von seinen nervösen Anfängen in dekorative Gefälligkeit verwandelt hat, wie es die performative Aktmalerei der Dresdener Zeit und die bizarren Straßen-Szenen der Berliner Zehnerjahre im Davoser Exil wie abgetane Kapitel hinter sich gelassen hat und mit Louis de Marsalles Hilfe um den französischen Picasso-Thron herumgeschlichen ist."
Weitere Artikel: Bettina Wohlfarth unterhält sich für die FAZ mit dem Präsidenten des Centre Pompidou Laurent Le Bon über die Schließung des Museums, dem eine gründliche Renovierung bevorsteht. Und Gina Thomas besucht für die FAZ das neue David-Bowie-Zentrum im Victoria & Albert Museum in London, in der tazschreibt dazu Stephanie Grimm, die außerdem ein neues Album und ein Buch zu Bowie vorstellt.
In der FAZgratuliert Hubert Spiegel dem Literaturkritiker UlrichGreiner zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem MaxGoldts "Aber?" (taz), J.K. Rowlings unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlichter Krimi "Der Tote mit dem Silberzeichen" (NZZ) und Marko Dinićs "Buch der Gesichter" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In London fand das von BrianEno organisierte "TogetherforPalestine"-Benefizfestival statt. Enos Ruf folgten zahlreiche namhafte Musiker aus Pop und Rock, diverse Schauspielerinnen und Schauspieler überbrückten auf der Bühne die Pausen zwischen den Acts. Auch weil radikalisierte Aufrührer wie Kneecap und Bob Vylan von vornherein nicht eingeladen waren, war der Abend "weitgehend frei von Hass und antisemitischer Hetze", berichtet Andreas Borcholte im Spiegel. Unbehagen bleibt trotzdem: "Kein einziges Mal in vier Stunden wurden die israelischen Opfer des 7. Oktobers, 1200 Menschen, die größte Anzahl jüdischer Menschen nach dem Holocaust, auch nur erwähnt. Niemand in Wembley nahm den Namen der islamistischen in Gaza herrschenden Hamas in den Mund, die dieses Massaker verübt hat. Als hätte es keine 200 israelischen Geiseln gegeben, von denen mehr als 40 immer noch von der Hamas festgehalten werden. ... Die vereinfachende, unmittelbareGefühlswucht von Pop auf einen Konflikt anzuwenden, der nicht griffig in Gut gegen Böse einzuteilen ist, Recht gegen Unrecht, ist auf diese unbalancierte Art und Weise unfair."
Die klaffende Aussparung des Hamas-Terrors ärgert auch Jens Balzer auf Zeit Online. Deren Taten "scheinen - jedenfalls dort, wo wir uns am Mittwoch befanden, im Herzen der politisch engagierten Popkultur unserer Gegenwart - aus der historischen und politischen Erinnerung gänzlich getilgt worden zu sein. Alle Künstlerinnen und Künstler, die in der Öffentlichkeit stehen, müssten ihre Plattformen nutzen, um sich politisch zu positionieren, so sagte es die Schauspielerin Florence Pugh in einem flammenden Appell gegen Ende des Abends. Es gebe nicht mehr die Möglichkeit, sich nicht zu äußern, denn Schweigen sei Komplizenschaft. ... Aber wenn das so ist, wie können wir das Leid der israelischen Opfer beschweigen? Zu wessenKomplizen werden wir dann?"
In der Debatte um die Ausladung Lahav Shanis beim FlandersFestival in Gent hat Hartmut Welscher von VAN bei aller Solidarität mit Shani Hinweise aufs Leid in Gaza vermisst: "Dem Kampf gegen Antisemitismus, so könnte man ergänzen, ist auch nicht geholfen, indem man den Anschein erweckt, mit Mitgefühl und Empörung selektiv umzugehen und beim Thema 'Ausladung' zweierlei Maß anzulegen, je nachdem, wie es einem gerade ideologisch in den Kram passt. ... Die Forderungen nach Boykott haben in der Kultur auf allen Seiten mittlerweile ein Ausmaß angenommen, das mal ängstlich, mal kindisch ('wie du mir, so ich dir'), mal aufmerksamkeitsheischend, mal identitätsstiftend ('ich cancel, also bin ich') wirkt. Das Bedürfnis, der eigenen Ohnmacht im Angesicht von Unrecht und Leid irgendetwas entgegenzusetzen, und sei es eine symbolische Ersatzhandlung, ist verständlich. Angesichts der offensichtlichen Wirk- und Sinnlosigkeit der meisten Kulturboykotte, und angesichts der Tatsache, dass es in der Kultur wirklich nur sehr wenige 'Gergievs' gibt, fragt man sich bisweilen, ob es den Aufrufenden nicht eher um Stabilisierung der eigenen Gruppen-Identität und Feindbilder geht."
Am Samstag lässt Putin in Russland den IntervisionSongContest inszenieren, für den sich einige Länder - bis vor kurzem sogar noch die USA - "bereitwillig vor Putins Karren spannen lassen", kommentiert Karl Fluch im Standard. "Tatsächlich ist es ein ideologisch gesteuerter Gegenentwurf zum Eurovision Song Contest, der für all das steht, was das offizielle Russland am Westen abstoßend und verwerflich findet: persönliche Freiheit, Minderheitenrechte oder das Gift der Welt, Männer in hohen Schuhen. ... Es ist eine Ausgeburt des Zynismus: als brutaler Aggressor von Dialog und Vertrauen zwischen den Nationen zu sprechen und im selben Atemzug Millionen Tod und Verderben zu bringen." Derweil "geriert sich Außenminister Sergej Lawrow als Schutzherr der menschlichen Natur - so wie er sie sieht. Er verspricht, dass es bei der Show 'keine Perversionen und Verhöhnungen der menschlichen Natur geben wird'. ... Dabei ist nichts perverser und obszöner als Krieg. Aber Hauptsache, der Tod kommt nicht in Stöckelschuhen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Gina Thomas hat für die FAZ das neue, vom Victoria-&-Albert-Museum betreute und (wenn auch eingeschränkt) öffentlich zugängliche David-Bowie-Archiv in London besucht. Für die tazwirft Stephanie Grimm generell einen Blick auf aktuelle Aktivitäten zu Bowies Gedenken und bespricht dabei auch UweSchüttes Buch "Sternenmenschen - Bowie in Gugging". Bernhard Uske resümiert in der FR das Fratopia-Festival in Frankfurt. Max Nyfeller berichtet in der FAZ vom ZermattFestivalin der Schweiz. In Windsbach werden nun erstmals auch Mädchen im Chorsingen ausgebildet, berichtet Merle Krafeld auf VAN. Unter anderem die (seit geraumer Zeit in Berlin ansässigen) PetShopBoys engagieren sich in der Aktion "Tree Aid" für den Erhalt des Berlin-Neuköllner Emmauswaldes, meldet Ji-Hun Kim im Freitag. Und Benjamin Poore versucht auf VAN, sich Vivaldis zu Tode gerittenen "Vier Jahreszeiten" mit neuen Ohren zu nähern.
Besprochen werden ein von PaavoJärvi dirigierter Schostakowitsch- und Rachmaninow-Abend in Zürich mit dem Tonhalle-Orchester und der Solistin SolGabetta (NZZ), die Memoiren des Kreator-Frontmanns MillePetrozza (SZ) und Sophie Ellis-Bextors Album "Perimenopop" (taz).
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