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26.09.2025. Die SZ trauert um den Berenberg Verlag, der im Frühjahr schließt. Die nachtkritik durchlebt in der Volksbühne acht Stunden Totaltheater mit Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt". Monopol stellt die Künstlerin Schirin Kretschmann vor. Im Tagesspiegel findet es Michael Barenboim total okay, den Dirigenten LahavShani auszuladen, weil er Israeli ist.Die taz feiert den Northern Soul. Und: Der Filmessayist Hartmut Bitomsky ist gestorben.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der BerenbergVerlag steht mit ChristianWunnickes"Wachs" zwar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises - aber trotzdem stellt er im kommenden Frühjahr seine Geschäfte ein, seufzt Lothar Müller in der SZ. Ein Verlust für die hiesige Literatur: "Man fand bei Berenberg die Essays von Joachim Kalka über den Mond, den Staub oder das Gaslicht oder Sonia Simmenauers Innenansichten aus der Welt des Streichquartetts. Elegant sahen die Bücher aus, mit ihrer sorgfältigen Typografie und dem guten Papier, aber Preziosen für ein bibliophiles Publikum waren sie nicht, vielmehr vollgesogen mit Krisen, Abenteuern, Wendepunkten in Geschichte, Ökonomie und Politik, wie in einem der Longseller, John Maynard Keynes' 'Freund und Feind', Erinnerungsbuch und zugleich scharfe Kritik des Versailler Vertrags."
Weiteres: Anna Hoffmeister resümiert in der taz einen Abend in Dresden, bei dem die SchriftstellerinJennyErpenbeck aus ihrer Familiengeschichte in der DDR erzählte, in der FAZ schreibt Andreas Platthaus. Die SchriftstellerinTeresaPräauer verzweifelt in ihrer SZ-Kolumne darüber, wie sich in der Öffentlichkeit immer mehr apokalyptischeRhetorik festsetzt. In der Literarischen Welt (online eingereicht) gibtWanda-Sänger und nunmehr auch SchriftstellerMarcoWanda Einblick in die Bücher, die ihn am meisten geprägt haben.
Besprochen werden unter anderem YuliaMarfutovas "Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel" (Freitag), FranzSchuhs "Steckt den Sand nicht in den Kopf" (NZZ), JonasHassenKhemiris "Die Schwestern" (online nachgereicht von der FAZ), YvesKleins "Ästhetische Schriften" (FAZ) und DirkStermanns "Die Republik der Irren" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Peer Gynt" an der Volksbühne. Foto: Julian Röder
Nachtkritikerin Elena Philipp hat acht Stunden "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne durchgesessen und sich offenbar nicht gelangweilt. Wer will das Totaltheater von Regisseur Vegard Vinge, Bühnenbildnerin Ida Müller und Komponist Trond Reinholdtsen auch toppen? "Peer, der sich in seinem Teenie-Zimmer ausmalt, wie er den wilden Bock über den Gendingrat reitet, wird von seiner Mutter Aase in die Ecke geprügelt. 'Peer, du lügst!', jault sie schrill, so wie die Sau, auf der ihr Junge mit der Trollprinzessin davonreiten wird. Fast synchron zu ihren Schlägen dreschen die von der Technik eingespielten Brutalo-Western-Sounds auf Peer und das Publikum darnieder. Schwer atmend verlässt der Junge nach der Tracht Prügel das schnuckelige Papphaus - und haut wahllos einen vor der Bar sitzenden Gast von der Bank. Gewalt erzeugt Gewalt. Schlüssig, den 'Peer Gynt' als Coming-of-Age-Geschichte zu lesen. 'König, Kaiser will ich werden': jugendliche Allmachtsphantasien eines 'Gernegroß'. Beeinflusst ist der Knabe von Popkultur, daher die Filmplakate, die Ida Müller für eine instagrammable Ausstellung wandhoch ins Foyer gemalt hat. 'Taxi Driver', 'Rocky' oder 'Pulp Fiction' - alles nichts für schwache Mägen. Nur, dass Uma Thurman, lasziv auf dem Bett ausgestreckt, Hitlers 'Mein Kampf' liest."
Szene aus "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater. Foto: Arno Declair
Total hingerissen ist nachtkritiker Leon Frei am Münchner Volkstheater von Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter", das die Handlung in ein SciFi-Universum versetzt: "Es ist vielleicht die größte Leistung des Stücks, dass darin alles derartig hoffnungslos scheint, ja bretthart apokalyptisch - dass man der allgemeinen Verzweiflung angesichts der deprimierenden Gegenwart draußen vor den Theatertüren Ausdruck verleiht, und man doch am Ende kollektiv kathartisch summend in die Nacht hinaustritt." Park lässt die in die Prostitution getriebene Elisabeth, die in Horvaths Stück "aus Hoffnungslosigkeit stirbt", als Roboter weiterleben. "Ein Roboter, der anschließend von Stromkabeln zu Emotionen stimuliert wird, die Henriette Nagel mit so reduzierten Mitteln und doch so eindrücklich spielt, dass sie alle Blicke bannt. Und ist das nicht absurd? Fühlt man mit den sympathischen, singenden, lachenden und weinenden Robotern, mit diesen körperlichen, selbständigen, künstlichen Intelligenzen?"
Weitere Artikel: Moritz Rinkeerinnert sich im Tagesspiegel an seine späten Begegnungen mit Claus Peymann. Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit dem neuen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer über seine Pläne.
Besprochen werden außerdem Yousef Sweids Solo-Performance "Between the River and the Sea" am Berliner Gorki-Theater (SZ), Paula Lynn Breuers Inszenierung von Guillaume Poix' Stück "Die Stille" am Zürcher Theater Neumarkt (NZZ) und zwei Premieren am Thalia Theater in Hamburg - Jorinde Dröses Inszenierung von Jarka Kubsovas "Marschlande" und Ran Chai Bar-zvis Adaption von Klaus Manns Roman "Frommer Tanz" (taz).
Der große Filmessayist HartmutBitomsky ist tot. Weder die Agenturen, noch die Zeitungen haben davon bislang Notiz genommen. Für Dlf Kultur hat Matthias Dell einen kurzen Radio-Nachruf verfasst.
Außerdem: Derya Türkmen spricht für die taz mit NubarHamamci und RizanAbdulaziz, die in Berlin das Kurdische Filmfestival organisieren. Jakob Thaller hat für eine Standard-Reportage die neuen Archiv-Räumlichkeiten des ÖsterreichischenFilmmuseums in Wien besucht. China zensiert westliche Filme mittlerweile mit KI-Einsatz, meldet Valerie Dirk im Standard: Beim Horrorfilm "Together" wurde zum Beispiel der Kopf eines Mannes bei einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit durch den einer Frau ersetzt. Urs Bühler plaudert für die NZZ mit BenedictCumberbatch, der beim Zurich Film Festival geehrt wird. Peer Teuwsen spricht in der NZZ mit AnkeEngelke. Wiebke Hüster liest für die FAZ ein Piece, das der kürzlich verstorbeneRobertRedford 1976 für die National Geographic über seine Reise auf dem Outlaw Trail geschrieben hat.
Besprochen werden GabrielMascaros auf der Berlinale ausgezeichneter Film "Das tiefste Blau" (Tsp, SZ), Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (Welt, mehr dazu bereits hier und dort) und die neue Staffel von "Slow Horses" mit GaryOldman (FAZ).
In monopol stellt Simon Elson in einem ausführlichen Artikel die Künstlerin Schirin Kretschmann vor, die gerade eine Ausstellung im Freiburger PEAC Museum hat: "Kretschmann führt auf zwei Metern Höhe ein dunkelgraues, gut hundert Meter langes Gurtband durch die - inklusive Vorzimmer - zehn Museumsräume, setzt es mit einer riesigen Ratsche unter Spannung, verschnürt oder umarmt damit die gesamte Institution. 'Ten By One', so heißt diese Arbeit und auch die Ausstellung. Weil in diesem Museum 'alles Malerei ist', so formuliert es Kretschmann, funktioniert ihr vorsichtiger und doch kompromissloser Eingriff exzellent. Mit kleinen Mitteln erzeugt sie große Wirkung, eben auch, weil sich alles auf die Geschichte des hier gesammelten radical painting bezieht. Dieses hat der Malerei längst ihre einst durch klassische Verfahren, Farbpalette, Pinsel und Bilderrahmen gesetzten Grenzen eingerissen. Und Kretschmann findet den aus dem Bildlichen gelösten ästhetischen Kern im gesamten Bewegungsraum. So können die farbigen Schaumstoffpolster, die den Druck des Gurts auf die Türrahmen abfangen, ebenso malerische Impulse sein wie die grauschwarzen, zerschnittenen Schmutzfangmatten von 'Exit'."
MichaelBarenboim, der die am kommenden Wochenende in Berlin stattfindende Großkundgebung "All Eyes on Gaza" mitorganisiert, äußert sich im Tagesspiegel-Interview auch zur Ausladung LahavShanis vom FlandersFestival in Gent: Mit Antisemitismus habe diese nichts zu tun gehabt "und ich finde es wirklich krass, dass sich ranghohe deutsche Politiker dann hinstellen und das behaupten." Seiner Ansicht nach war das Flanders Festival sogar eher nicht konsequent genug, da es Shani die Möglichkeit einräumte, spielen zu dürfen, sofern er die israelische Politik in der Öffentlichkeit verdamme. "Wenn man ein klares Zeichen setzen will, muss man, wie es nun auch Staaten wie Spanien beim Eurovision Song Contest tun, deutlich sagen: Wenn Israel da mitmacht, sind wir raus. Natürlich ist davon dann auch ein Künstler, ein Individuum betroffen. Aber das lässt sich nicht vermeiden. Wie sich diese Künstler politisch äußern, darf dann aber keine Rolle spielen. ... Niemand sollte gezwungen werden, ein Bekenntnis abzulegen. Es geht schließlich um institutionellenBoykott, nicht darum, ein Individuum als Individuum zu canceln."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der taznimmt Julian Weber BenjaminMyers' aktuellen Roman "Strandgut" zum Anlass, auf die Geschichte der Northern-Soul-Fankultur insbesondere in Deutschland zu blicken. Auch der von Olaf Karnik und Frank Schäfer herausgegebene Band "The Soulful Shack" liefert ihm dazu Material. In Großbritannien enstanden die Northern-Soul-Partys in den frühen Siebzigern im Norden Englands (daher auch der Name) und zogen vor allem Jugendliche aus Arbeiterfamilien an, die auf den "Allnightern" das ganze Wochenende durchtanzten. Eine bis heute aktive "Fankultur, in der es neben Musik auch um Mode, TanzstileundSammelleidenschaft geht. Sta-Prest Hosen, Röcke mit Hahnentrittmuster, Halbschuhe mit Quasten, aber auch Amphetamine, um die nächtlichen Tanzmarathons durchzustehen und die Jagd nach seltenen Schallplatten." Deutschland griff dies erst in den Achtzigern auf, "Northern Soul ist hierzulande nur über den Umweg von Punk heimisch geworden."
Über die deutsche Northern-Soul-Szene hat Olaf Karnik vor kurzem auch ein tolles Radiofeature beim SWR veröffentlicht. Außerdem sprach das Kaput Mag mit Karnik und Schäfer.
Weitere Artikel: "Ich war ein Angestellter, der das Glück hatte, seinen Traumberuf ausüben zu können", sagt FreddyQuinn, der sich im Welt-Gespräch mit Stefan Frommann sehr erleichtert darüber zeigt, dass er in seiner eben erschienenen Autobiografie die aus Imagegründen von seinem Manager einst fabulierte Biografie des einsamen Seefahrers endlich bereinigen konnte. Mit seinem als Gegengewicht zum als zu queer empfundenen Eurovision Song Contest konzipierten Intervision Contest hat "sich das Kreml-Regime einen Schuss ins Knie eingehandelt", amüsiert sich Stefan Weiss im Standard: Gewonnen hat der Vietnamese DucPhuc, der in seinen Liedern auch schon mal über schwule Liebe singt. Manuel Brug resümiert in der Welt das MusikfestBerlin. Adrian Schräder hört sich für die NZZ in der weiblichen Schweizer Popszene um. Ueli Bernays (NZZ) und Joachim Hentschel (SZ) gratulieren BrianFerry zum 80. Geburtstag. Im Podcast "Soundtrack meines Lebens" unterhält sich Jan Schwarzkamp ausführlich mit DirkvonLotzow von Tocotronic.
Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit AlainAltinoglu in Frankfurt (FR), ein Konzert von ParkwayDrive in Frankfurt (FR), das neue Album von 7Sioux (Standard) und RobertPlants neues Folk-Album "Saving Grave" ("Onkel Robert altert in Würde", freut sich Max Fellmann in der SZ).
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