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29.12.2025. Brigitte Bardot ist tot: Die Kritiker erinnern an eine Schauspielerin, die sich zwischen emanzipierter Weiblichkeit und männlichem Blick bewegt hat, politisch aber ziemlich weit rechts stand. Mit Claire M Singer und ihrem neuen Album unternimmt die taz anregende Spaziergänge durch Schottland. Die FR lauscht in Peter Ronnefelds Oper in Bonn einer Ameise beim Gesangsunterricht. In Russland wird es immer schwieriger, die stalinistischen Verbrechen auch künstlerisch aufzuarbeiten, stellt die FAZ fest.
BrigitteBardot ist tot. Die Filmkritiker hängen nochmal buchstäblich an ihren Lippen, "diesen einmaligen Lippen", wie Katja Nicodemus in der Zeit schreibt. Bardots erster großer Erfolg in Roger Vadims "Und immer lockt das Weib" machte 1956 ja auch tatsächlich Epoche: "Nie zuvor hatte man eine Frau auf der Leinwand so tanzen sehen. Brigitte Bardot tanzt wild, enthemmt und ganz für sich. Sie tanzt vor dem Spiegel und an den Blicken der Männer vorbei. Trotzdem wurde der Auftritt zum Sinnbild erotischer Verheißung und Verfügbarkeit."
Fortan stand Bardot zumindest im Kino - privat war sie äußerst konservativ und später eine ausgesprochene Antifeministin - "für eine selbstbestimmte Weiblichkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Doch "war die sexuelle Autonomie, die sich ihre Filmfiguren so selbstverständlich erstritten hatten, ein bestens verkäufliches Produkt im Markt sexualisierter Bilder." Heutzutage "muten die zarte Erotik", aber auch "die Geschichte - Frau flirtet mit unterschiedlichen Männern - etwasaltbacken an", schreibt David Steinitz zu Vadims Film, doch war Bardots Figur im "Kino, in dem damals devote Frauenfiguren ohne eigenen Willen an der Tagesordnung waren, etwas völlig Neues." Ja, "andere Schauspielerinnen galten als geheimnisvoller, vielschichtiger, kunstvoller, klüger", schreibt Cosima Lutz in der Welt. "Deren Kurven wurden drapiert, geschnürt, insrechteLichtgerückt; die athletische Bardot ließ sich vom Wind zerzausen und tanzte ungestüm."
Alles richtig, aber "fast schon ein Allgemeinplatz", findet Georg Seeßlen im taz-Essay über "BB". In Vergessenheit gerate dabei rasch, "was sich zwischen der scheinbar so einfachen und direkten Leinwand- und Presse-Persona, dem um etliches komplizierteren Menschen Bardot und der hochkomplexen Verarbeitung der erotischen Provokation in der liberal-kapitalistischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre abspielte". Schon Simone de Beauvoir dachte damals darüber nach und sah in Bardot eine "neue Eva" heraufdämmern. Doch "nicht diese neue Eva war das, was am Ende bleiben sollte, sondern die Erinnerung an das wunderbare Durcheinander, die heilloseaber lustvolleVerwirrung, die sie ... anzurichten imstande war. Die Unruhe, die blieb, auch als aus der realen Brigitte Bardot statt einer neuen Eva eine alte Dame mit schlechter Laune und hochreaktionären Ansichten geworden war."
Jenni Zylka zeichnet in der taz nach, wie Bardot sich spätestens ab Godards "Le mépris" dem männlichen Blick, dem sie einst angedient wurde, immer mehr entzog, bis sie sich 1973 schließlich konsequent von der Leinwand verabschiedete: "In der legendären ersten Szene liegt sie zwar noch nackt neben dem (angezogenen) MichelPiccoli, und fragt ihn, ob und wie sehr er ihre verschiedenen Körperteile mag, lässt ihren Körper dabei gleichsam durch seine Augen entstehen. Doch im Laufe des Films, in dem der Regisseur Paul (Piccoli) seine Kunstidee zugunsten von Kommerz verkauft, wendet sich Bardots Charakter Camille von ihm ab. Sie beginnt, ihn zu verachten; verwandelt sich mit schwarzer Perücke oder Sonnenbrille auch bildlich in eine andere Frau, die den Konsens deutlich verweigert." Ja, pflichtet Andreas Kilb in der FAZ bei: "Dieses Objekt seiner Begierde will sie nicht sein." Der Film steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.
In französischen Medien ruft man ihr (hier, dort oder hier) besonders auch als Person der politischen Öffentlichkeit nach. Spätestens seit den frühen Neunzigern hatte sie sich immer wieder lautstark für den FrontNational engagiert hat, mit dessen Führungspersonal sie freundschaftlich verbunden war. Mit ihren teils derb formulierten, rechtspopulistischen Äußerungen beschäftige sie auch die französischen Gerichte meist zu ihren Ungunsten. Die deutschen Filmkritiker erwähnen das aus Chronistenpflicht eher nebenbei. Willi Winkler befasst sich in der SZ nochmal damit, wie Bardots Liaison mit Playboy GunterSachs die hiesigen Klatschspalten-Reporter in Lohn und Brot hielt. ZeitOnlinebringt eine Bilderstrecke. Weitere Nachrufe in NZZ und Standard. Außerdem hat Arte einen Videoessay über Bardot online.
Themenwechsel: Rüdiger Suchsland wünscht sich auf Artechock fürs neue Jahr mehrwaghalsige, Aufsehenerregende, spektakukläre Filme - und zwar insbesondere im Independentbereich, der seine Rolle als aufregender Innovator des Kinos in den letzten Jahren arg hat schleifen lassen. "Kino ist kein gedämpfter Spaß, sondern Ekstase, HighundLow. Der wohltemperierte Akademismus und dasmanufactum-haftevielerheutigerFilme, ihre Furcht, irgendwo anzuecken, interessiert stattdessen nur die Minderheiten des universitären Spektrums und das, was vom Bildungsbürgertum noch übrig ist. Wirkungsvolle Filme überschreiten aber Klassengrenzen."
Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den New Yorker Regisseur AmosPoe. Die Zeit hat Timo Posselts Gespräch mit JudiDenchonline nachgereicht. Die FAZkürt die besten Serienmomente des Jahres. Besprochen wird AndersThomasJensens "Therapie für Wikinger" mit MadsMikkelsen (NZZ).
Für ihr Album "Gleann Ciùin" hat sich die schottische Organistin ClaireMSinger von Spaziergängen in der schottischen Natur inspirieren lassen. Tazler Thaddeus Herrmann lässt sich davon gerne mitnehmen, zumal Singer ihrem Instrument eigenwillige Klänge entlockt. Vor dem geistigen Auge erscheinen "epische Abbilder einer Landschaft, in der die Menschheit noch kaum Spuren hinterlassen hat. Erhaben, unbeschreiblich, überlebensgroß. Und doch nahbar und vertraut, trotz aller Schroffheit." Das "sind in Musik gegossene Field Recordings, ohne die Umwelt faktisch hörbar zu machen. Die ist vielmehr omnipräsente Metapher. Singer hat die vielleicht purpursten Drones der bisherigen Musikgeschichte aufgenommen - kontrastiert und kontextualisiert von den weiteren Instrumenten, die die Idee von Weite und Nähe ganz anders aufnehmen. ... Das ist pure Trance. Fokus und Vertrautheit, immer gepaart mit dem verstörenden Unnahbarem. Statt leise Geräusche und Aufnahmen des Draußen eins zu eins abzubilden und in die Kompositionen zu integrieren, ist der Sound der Orgel Verstärker des persönlichsten Inneren. Allesleuchtet, allesatmet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: Klaus Walter spricht in der FR mit SonjaEismann über die Benachteiligung von Frauen im Pop, worüber Eismann mit "Candy Girls" gerade auch ein Buch verfasst hat. Peter Praschl verdrückt in der Welt eine Träne darüber, dass MTV zum Ende des Jahres das M im Titel endgültig obsolet macht und Musikvideos komplett aus dem Programm streicht: "Kein junger Mensch weiß noch, wie verdammtgroßartig dieser Sender mal war." Im Reflektor-Podcast von Tocotronics Jan Müller blickt Jens Balzer zurück aufs Popjahr2025. Im Dlf tut er dies mit Jenni Zylka und Ina Plodroch. In der SZ erzählt Josef Wirnshofer die Geschichte, wie sich NeilGust und ElliottSmith einst entzweiten.
Besprochen werden JaanBossiers Album "draad" (FR), HeinzRudolfKunzes "Angebot und Nachfrage" (FAZ), eine neue Aufnahme von JohannStrauss' "Waldmeister" des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter MichaelBrandstätter (FAZ) und das neue Blood-Orange-Album "Essex Honey", dem FAZ-Kritiker Wolfgang Schneider "etwas Versponnenes, Traumschönes" bescheinigt.
Peter Ronnefelds einzige Oper "Die Ameise", inszeniert von Kateryna Sokolova, tritt sechzig Jahre nach dem Tod des Komponisten einen "späten Siegeszug" an, berichtet Judith von Sternburg für die FR aus der Oper Bonn. Ein eingeknasteter Gesangslehrer versucht im Gefängnis einer Ameise das Singen beizubringen, bis sie unglücklicherweise zertreten wird: "Die Musik: Sicher und waghalsig, vonprofundem Unernst, aber großer Raffinesse. Unverschämt anspruchsvoll die Struktur, souverän der Umgang mit Anzitierungen der Musikgeschichte von der rhythmisch fies eingebauten Gregorianik bis zum bröckligen Bigbandjazz. Originell und farbenreich die Instrumentierung. Ein großes Orchester (selten gewaltig eingesetzt) steht zur Verfügung, aber auch Kochlöffel auf Töpfen sind vorgesehen. Der Komponist muss Richard Strauss und Puccini gut kennen, aber süffig schreibt er nicht. Vor allem aber und trotz langer instrumentaler Passagen: Ja, das ist eine Oper, eigen und modern, aber eine Feier dermenschlichen Stimme."
Weiteres: Die Nachtkritikerblicken auf das Theaterjahr 2025 zurück.
Besprochen werden unter anderem PercivalEveretts "Dr. No" (ZeitOnline), J. C. Mastermans "Die Oxford-Tragödie" (FR) und CésarAiras "Der Hase" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Immer schwieriger ist es in Russland, die Verbrechen der Stalinzeit aufzuarbeiten, das gilt auch für die zeitgenössische Kunst, erzählt der Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko in der FAZ. Gerade in den Nullerjahren waren Kunstwerke und Performances der Enkelgeneration der Unterdrückten ein wichtiges Medium, die russische Geschichte zu verstehen - heute braucht es dazu großen Mut, so Ilchenko. Den hat der Künstler Dmitri Machow, "der in der nordrussischen Stadt Syktywkar lebt, der bei einem seiner jüngsten Projekte dort den seltsamen Ausdruck 'Aktentag' (Aktirovannyj den) auf ein gefrorenes Fenster gekratzt hat. Im Kommentar zu seinem Werk erklärt Machow, das Wort habe in der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Workuta, in der er seine Kindheit verbrachte, etwas Freudiges, Festliches bedeutet. Ein 'Aktentag' ist einer, an dem man wegen großer Kälte nicht zur Schule gehen muss. Später stellte er jedoch fest, dass die Schüler von Workuta den Ausdruck aus dem Wortschatz des Arbeitslagers Workuta übernommen hatten, einem der größten und schrecklichsten des Gulag. An 'Aktentagen' mussten die Lagerhäftlinge nicht zur Arbeit."
Um Kunstwerke, die unter freiem Himmel der Witterung ausgesetzt sind, macht sich Rainer Stamm in der FAZ offenbar mehr Sorgen als die Künstler und Käufer es bisweilen selbst getan haben. Dabei ergeben sich aber manchmal Geschichten, von denen der Kritiker einige zusammengetragen hat: "1965 besuchte Bob Dylan Andy Warhol in dessen Atelier an der East 47th Street und erhielt von ihm die 2,10 mal 1,34 Meter große Fassung des Gemäldes 'Double Elvis', die sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art befindet. Als Bob Dylan Warhols Factory verließ, musste er feststellen, dass das Bild nicht in den Kofferraum seines Wagens passte. Die Verbringung in freier Weltstadtluft hat, soweit man das durch Autopsie im Museum heute feststellen kann, keine bleibenden Schäden hinterlassen."
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