Efeu - Die Kulturrundschau

Quasi Selfie-Charakter

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2026. Die taz freut sich im MK Hamburg in der Ausstellung "Früher hießen wir Gastarbeiter" über die selbstbewussten Selbstporträts der griechischen Künsterlin Asimina Paradissa. Das Museum für bildende Künste in Leipzig zeigt in einer Installation der israelischen Künstlerin Shlomit Lehavi die Biografien wichtiger jüdischer Mäzene - endlich, seufzt die FAZ. Der Filmdienst blickt voraus auf das Kinojahr 2026. Die NZZ entdeckt mit Aufnahmen der Werke Frank Martins einen "der am meisten unterschätzten Komponisten" wieder. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2026 finden Sie hier

Kunst

Unbekannte Fotografin (Kollegin von Asimina Paradissa mit deren Kamera), Asimina Paradissa auf dem Fahrrad, Wilhelmshaven, 1966/67, © Asimina Paradissa

Wie die Arbeit - und Lebenswelt sogenannter Gastarbeiter, aber vor allem Gastarbeiterinnen, in Deutschland aussah, kann Dagmar Leischow für die taz in einer Foto-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entdecken. "Früher hießen wir Gastarbeiter" zeigt Foto-Arbeiten der Künstler Muhlis Kenter, Nuri Musluoğlu, Mehmet Ünal und Asimina Paradissa. Vor allem letzere fasziniert die Kritikerin mit ihren Selbstporträts: "Die gebürtige Griechin hat sich ab 1968 immer wieder von Verwandten oder Kolleginnen ablichten lassen. Ursprünglich hatten diese Aufnahmen quasi Selfie-Charakter, die Fabrikarbeiterin schickte ihrer Familie Fotos, um sie zumindest ein bisschen an ihrem Alltag in der Fremde teilhaben zu lassen (...) Asimina Paradissa erzählt die Geschichte der Gastarbeiterinnen aus der Ich-Perspektive. Egal, ob man sie im Wohnheim für unverheiratete Frauen in Wilhelmshaven oder bei der Arbeit in einer Fabrik in Wuppertal sieht: Sie blickt stets offen in die Kamera, ohne Frage präsentiert sie sich ziemlich selbstbewusst. Sogar wenn sie ihr Zimmer reinigt, lacht sie. Sie posiert wie eine Ballerina, ihren Putzlappen hält sie wie eine Trophäe hoch. In ihrer Freizeit wirkt sie fröhlich, an ihrem Arbeitsplatz deutlich ernster."

Das Museum für bildende Künste in Leipzig hat endlich die Biografien seiner jüdischen Mäzene recherchiert und damit das sogenannte "Stiftermosaik", ein Gruppenporträt mit Stifterpersönlichkeiten, ergänzt: Das wird aber auch höchste Zeit, meint in der FAZ Andreas Platthaus. Die israelische Künstlerin Shlomit Lehavi bringt die Leben wichtiger jüdischer Akteurinnen in einer Installation mit dem Titel "Sichtbarmachen" näher: "Es ist eine Hörstation, die in fünf Kapiteln Erzählungen der Biographien von sechs Leipziger Persönlichkeiten bietet, denen das MdbK Werke etwa von Van Gogh, Mentzel, Spitzweg, Rodin, Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Max Klinger oder Renée Sintenis verdankt. Und das grandiose Selbstporträt, das der jüdische Künstler Eduard David Einschlag, ein wichtiger Protagonist der Leipziger Secession, 1924 gemalt hat. Schon 1927 wurde es dem Museum geschenkt, von Hermann und Toni Halberstam, einem Mäzenatenehepaar, dem die Stadt auch die Gründung einer nach Toni Halberstams Vater Julius Ariowitsch benannten Stiftung verdankt, die 1931 ein jüdisches Altersheim eröffnete, dessen 350 Insassen 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden."

Weiteres: In der FR macht sich Björn Hayer auf einem Spaziergang durch Venedig Gedanken über den Zusammenhang von Kunst und Politik.
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Bühne

Im Tagesspiegel gibt Corina Kolbe einen Vorgeschmack auf Matthias Pintschers Oper zu Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz", die im Januar in der Berliner Staatsoper zur Aufführung kommen wird. Der Köhler Peter verkauft sein Herz und sein Mitgefühl an den bösen Holländer-Michel - soweit der Hauff'sche Plot: "Pintscher wurde sogleich bewusst, dass er den romantischen Stoff nicht einfach übernehmen konnte. Der Pianist und Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg, den er von gemeinsamen Projekten her kannte, schrieb daraufhin ein Libretto, das Hauffs Märchen mit unserer Gegenwart verbindet (...) Auf der musikalischen Ebene ließ sich Pintscher von der Frage leiten, warum Menschen auf der Bühne singen, welche Emotionen dadurch zum Ausdruck kommen. 'Ich habe ein Werk geschrieben, das sich an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert und zugleich eine Mikrokomplexität in der Klangsprache aufweist. Alles wird mit einem großen Pinsel auf eine große Leinwand aufgetragen.'"
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Musik

Mit einer von Philippe Bach gemeinsam mit diversen Solisten und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn besorgten Aufnahme von Werken von Frank Martin lässt sich einer "der am meisten unterschätzten Komponisten" wiederentdecken, freut sich Marcus Stäbler in der NZZ. Höhepunkt der CD ist für ihn das Stück "Polyptyque" mit dem Geiger Bartłomiej Niziol als Solist. Er "formt einen leuchtenden Ton, mit vielen Facetten im Klang, in der Dynamik, im Gebrauch des Vibrato." Im zweiten Satz bringt "Niziol den wehmütigen Ton der Musik unglaublich schön und ausdrucksvoll zum Klingen. Er gibt dem Klang aber auch, im Einvernehmen mit dem Orchester, eine schneidende Schärfe, wenn Martin im fünften Satz die Verurteilung Jesu nachzeichnet. Dort spiegeln sich die Brutalität und der Sadismus der Volksmasse in der Musik, bevor das Stück mit dem Bild der Verherrlichung endet. Auch da findet Frank Martin eine ganz eigene Tonsprache: mit geheimnisvollen Harmonien, deren Zauber das Kammerorchester zusammen mit den Solisten ausleuchtet."

Von der aktuellen Veröffentlichung lässt sich kein Klangbeispiel im Netz finden, aber ARD Klassik bietet das von Stäbler geschätzte Stück "Polyptyque" in einem Konzert des WDR-Sinfonieorchesters auf Youtube an: 



Neue Musik gibt es hier: Vor zehn Jahren starb Pierre Boulez, nicht nur einer der berühmtesten Komponisten, sondern auch Gründer des Ensemble Intercontemporain. Dieses stellt zusammen mit der Philharmonie de Paris aus diesem Anlass eine ganze Reihe von Konzerten des Ensembles als Videos online.
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Literatur

Die taz bringt Hannah Beckmanns Erzählung "Fortuna", mit der die Autorin beim Open Mike '25 den Publikumspreis gewonnen hat. Public Domain Review klärt auf, welche Autoren und Bücher 2026 zumindest in den USA gemeinfrei werden.

Besprochen werden unter anderem die Memoiren von Margaret Atwood (TA), Zyta Rudzkas "Lachen kann, wer Zähne hat" (NZZ), Maria Navarro Skarangers "Emily Forever" (NZZ) und der von Alexander Kluy herausgegebene "Idiotenführer durch die Regierungskrise" mit Texten von Carl von Ossietzky (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

"Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr": Fünfte Staffel von "Stranger Things" (Netflix)

In der Welt kann sich Richard Kämmerlings beim besten Willen nicht vorstellen, dass "ausgerechnet im Zeitalter der Prequels, Sequels, Spin-offs und Remakes" mit dem Ende der finalen Staffel von "Stranger Things" tatsächlich Schluss sein soll mit dem Netflix-Überhit. "Die Recycling-Zyklen für popkulturelle Großphänomene umfassen bekanntlich Jahrzehnte" und diese Serie "ist längst auf diesem Level angekommen. ...  Für Paranoia, Supermachtstreben und geheime Regierungslabore wird es auch nach den achtziger Jahren genug Stoff geben. Der Kampf zwischen Gut und Böse hat gerade erst begonnen."

Hat einen guten Riecher für Gesellschaftssatire: "Fallout" geht in die zweite Staffel (Amazon Prime Video)

Bis dahin könnten sich Fans von Science-Fiction-Serien mit Horror-Elementen mit der Amazon-Serie "Fallout" nach dem gleichnamigen Computerspiel trösten, die zwar nicht in den Achtzigern, sondern in den Siebzigern spielt - wenngleich des 21. Jahrhunderts. Und sie zeigt auch in der zweiten Staffel wieder, "was mit einer Nation geschieht, die sich in moralisch aufgeladener Selbstgewissheit technokratischer Herrschaft überlässt", schreibt Jannis Holl in der FAZ über diese "kluge Gesellschaftssatire". In dieser Erzählwelt hat es "einen Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal oder gar eine Gegenkultur nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben". Das führt nicht nur zu einer USA, die "gesellschaftlich, ästhetisch und politisch ... in der Selbstherrlichkeit der Eisenhower-Ära der Fünfzigerjahre verharrt", sondern auch zu einem Atomkrieg mit China, "wobei offenbleibt, wer den ersten Atomschlag ausgeführt hat. ... Allein die Erkundung dieser vielfältigen Welt mit ihrer komplexen Geschichte, in der vieles (noch) unbeantwortet bleibt, macht 'Fallout' sehenswert."

Michael Kienzl blickt für den Filmdienst voraus aufs Kinojahr 2026, für das sich wohl Christopher Nolans aufwändige Homer-Adaption "Odyssee" als Publikums-Zugpferd erweisen dürfte. Aber bietet das nicht letzten Endes more of the same? Dagegen "in die Zukunft weist das neue Projekt des für seine hyperkinetischen Actionreißer bekannten Michael Bay. Aktuell arbeitet er an einer Kinoversion der mit Computergrafik animierten, sich oft nur zwischen einer Minute und einer halben Stunde Laufzeit bewegenden Webserie 'Skibidi Toilet'. Lebendige Toiletten, aus deren Schüsseln menschliche Köpfe ragen, kämpfen darin gegen Cyborgs, deren Gliedmaßen aus elektronischen Geräten bestehen. Bay war schon immer ein Regisseur, der seine Zielgruppe bei jungen männlichen Zuschauern fand. Man darf also gespannt sein, wie er die Meme-Kultur und kurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Alpha mit der geschlossenen Form eines Kinofilms versöhnen wird. Das Ergebnis dürfte nicht ganz unwesentlich für die Zukunft der großen Leinwand sein."
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