Efeu - Die Kulturrundschau
Undine kommt und sieht
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27.01.2026. Die SZ stellt die jüdische Trans-Sängerin Ezra Furman vor, die sich vor ICE und Trump fürchtet. Die HBO-Serie "Heated Rivalry" über zwei homosexuelle Eishockeyspieler begeistert Zeit Online. Die FR erlebt in Agostino Steffanis Oper "Amor vien dal destino" in Frankfurt ein "Feuerwerk" frühbarocker Musik. Die Künstlerin Gabriele Stötzer erhält als erste Ostdeutsche den Goslarer Kaiserring und unterhält sich darüber mit der taz.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.01.2026
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Kunst

Weitere Artikel: Die FAZ stellt die Sieger das Onewater-Fotopreises vor.
Literatur

Außerdem bringt die FAZ zum Holocaust-Gedenktag mit "Stützpunkt Ponary" eine Erzählung von Józef Mackiewicz, die laut Teaser "in Polen ... als einer der wichtigsten literarischen Texte über die Shoa" gilt, in Deutschland aber bislang nur einmal 1992 veröffentlicht wurde.
Besprochen werden unter anderem Anatoli Kusnezows "Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen" (taz, unsere Kritik), Dimitré Dinevs "Zeit der Mutigen" (NZZ), Elias Hirschls "Schleifen" (Standard) und Margaret Atwoods Memoiren "Book of Lives" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
Film

Diese Serie ist "großer subversiver Pop", schreibt Rabea Weihers, die auf Zeit Online darüber nachdenkt, warum die demnächst auch in Deutschland startende HBO-Serie "Heated Rivalry" über die romantische und sexuelle Annäherung zweier homosexueller Eishockeyspieler insbesondere von Frauen zu so einem Erfolg gemacht wurde. "Kampfmaschinen" sind diese Männer nur auf dem Eis, aber "privat entwickeln sie sich im Laufe der Serie zu Idealtypen, wie liberale, progressive Heterofrauen sie sich wohl vorstellen: umsichtig, fürsorglich, aufrichtig, bei sich." Damit "führt die Serie ein neues Narrativ von Männlichkeit in die Popkultur ein. ... Sie zeigt Männer in so leidenschaftlicher Tiefenschärfe, wie" Frauen "sie selbst gern erleben würden."
Tobias Sedlmaier steht der Serie in der NZZ skeptisch gegenüber. Nicht nur stört ihn, wie "erstaunlich klinisch und mechanisch" hier "makellos-muskulöse Männerkörper" inszeniert sind. Auch wundert ihn, dass kaum problematisiert wird, dass die Serie mit queeren Inhalten vor allem auf ein heterosexuell-weibliches Publikum schielt, was in der schwulen Szene durchaus für Stirnrunzeln sorgt. "Die omnipräsente Euphorie über 'Heated Rivalry' überdeckt die Kritik an Stereotypen, die leise auch aus der queeren Community zu hören ist: Echte Homophobie ist nur angedeutet, das Versteckspiel der beiden hingegen romantisiert. Die Vielfalt homosexueller Lebensweisen wird stellvertretend in ein abgenutztes Romance-Schema gepresst. Womöglich liegt es an der Sympathie für die gute Sache, dass "Heated Rivalry" oft mit Samthandschuhen angefasst wird."

Tazler Wilfried Hippen kann Wilfried Haukes auf Grundlage von Astrid Lindgrens Tagebüchern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandener Doku-Fiction "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" zwar einiges abgewinnen: Die Spielszenen sowie das Archivmaterial überzeugen. "Allerdings problematisch" wird der Film oft dann, wenn sich die Erben der schwedischen Kinderbuchautorin "in arg gestellten Gesprächsszenen" ins Bild drängen. "Da wird auch deutlich, dass dies ein von der Familie autorisierter Film ist (Urenkel Johan Palmberg wird im Abspann als executive producer genannt). So wirken diese Sequenzen zu oft wie Homestorys, in denen all die schön restaurierten Wohnungen und Häuser der Lindgren-Familie vorgestellt werden. Spätestens bei den werbespotartigen Aufnahmen vom Vergnügungspark 'Astrid Lindgrens Värld' kann man schon von Product-Placement sprechen." Zuvor hatte der Filmdienst mit dem Regisseur gesprochen (unser Resümee).
Weiteres: Der Tages-Anzeiger übernimmt aus La Republicca ein Gespräch mit Gwyneth Paltrow über ihr Kino-Comeback in Josh Safdies "Marty Supreme" an der Seite von Timothée Chalamet. Besprochen wird Thilo Mischkes ZDF-Dokuserie "German Guilt", in dem der Journalist gemeinsam mit Ronja von Rönne und Katja Riemann die eigenen Familiengeschichten aus dem Nationalsozialismus zu rekonstruieren versucht (NZZ).
Musik
Leon Frei porträtiert in der SZ die US-Popsängerin Ezra Furman, die gläubig jüdisch und trans ist und mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung in den USA blickt, von wo aus seit Wochen Horrormeldungen von gewalttätigen ICE-Angestellten das öffentliche Leben bestimmen. "'Bundesagenten mit Masken kommen in die Nachbarschaft und entführen Menschen. ... Man kann das Leuten kaum erklären, dass es so schlimm ist, wie es klingt. Es ist ein verdammter dystopischer Film. ... Und hier bin ich …', der Satz bleibt kurz stehen, er zieht sich bleischwer, 'in Deutschland, wo meine Großmutter gelebt hat. Und vor den Nazis geflohen ist. Unser ganzes Leben haben wir uns gefragt: Was hätten wir damals getan? Das ist unmöglich zu beantworten, bis man in einer Gesellschaft lebt - ich hasse es, das zu sagen, und ich sage es nicht leichtfertig -, in der etwas Vergleichbares passiert."
Weiteres: US-Rapper Kanye West hat sich mit einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal für seine antisemitischen Tiraden und andere politische Fehltritte entschuldigt und sein früheres Verhalten mit einer Gehirnverletzung begründet, die er sich bei einem Autounfall zugezogen haben soll, berichtet Inga Barthels im Tagesspiegel. Besprochen wird ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Karina Canellakis (Standard),
Weiteres: US-Rapper Kanye West hat sich mit einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal für seine antisemitischen Tiraden und andere politische Fehltritte entschuldigt und sein früheres Verhalten mit einer Gehirnverletzung begründet, die er sich bei einem Autounfall zugezogen haben soll, berichtet Inga Barthels im Tagesspiegel. Besprochen wird ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Karina Canellakis (Standard),
Bühne

"Ein Feuerwerk nebst Funkenregen von hohem Unterhaltungswert", erlebt FR-Kritikerin Judith von Sternburg an der Oper Frankfurt: Agostino Steffanis frühbarocke Oper "Amor vien dal destino" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Aeneas und Lavinia, bei deren Verkupplung die Götter im Olymp mitmischen. R. B. Schlather hat hier "barocke Intimität im großen Raum" inszeniert, so Sternburg. "Im leicht angehobenen Graben also Frankfurter Opernmusikerinnen und -musiker mit voller Alte-Musik-Expertise, dazu Harfe, Lauten, Gitarre, eine ausgeklügelte, mit dumpfen Trommeln und glitzernden Glöckchen versehene Perkussion sowie Psalterium und mehrere Chalumeaux - Psalter und Schalmeien nämlich. Das bekommt man nicht jeden Tag zu Gesicht und Gehör, der Rasanz der über weite Strecken tanzbaren Musik gibt es ein enormes, von Luks auch voll ausgeschöpftes Farbspektrum."
"Es muss nicht immer Händel sein", bestätigt auch Wolfgang Fuhrmann in der FAZ und lobt vor allem die Sänger und Sängerinnen: "Aus der Tradition der venezianischen Oper des siebzehnten Jahrhunderts kommend, ist das Werk auch in der Stimmverteilung individuell: Wo bei Händel das hohe Paar stets auch hoch singt, ist hier Lavinia eine Altpartie, von Margherita Maria Sala mit ausdrucksvollem tiefen Register gestaltet, Enea ein von Michael Porter kultiviert gestalteter tiefer Tenor. Dass diese beiden erst nach dreieinhalb Stunden zusammenfinden, liegt auch an grandiosen Dialogen des Librettisten Ortensio Mauro, in denen die füreinander Entbrannten in preziös-uneigentlichem Liebesdiskurs ständig aneinander vorbeireden."
Bei Backstage Classical reagiert Axel Brüggemann auf einen Essay von FAZ-Kritikerin Lotte Thaler (unser Resümee), in dem diese das Regietheater massiv kritisiert, und vorgeschlagen hat, sich die Ideen des Wagnerianers Adolphe Appia zum Vorbild zu nehmen. Dieser schlug eine Bühnenästhetik vor, die sich komplett der Partitur verpflichtet. Manche Kritik ist berechtigt, findet Brüggemann, aber "die ästhetischen Schablonen die Thaler vorstellt, scheinen einfach nicht ins 21. Jahrhundert zu passen. Natürlich würden die meisten heute arbeitenden Opernregisseurinnen und Opernregisseure für sich ebenfalls den Anspruch erheben, die Partitur als Grundlage ihrer Arbeit zu verstehen. Und natürlich richten sie sich in ihren Inszenierungen meist auch nach Zeit(Ablauf) und Raum, wie sie in der Partitur vorgegeben sind. Aber selbst wenn sie das nicht tun, wie zum Beispiel im genialen Pasticcio 'Hotel Metamorphosis' von Barrie Kosky, wird doch gerade das von einem Großteil der Kritik und des Publikums heute zu Recht auch gelobt! Mir anderen Worten: Nicht einmal die Partitur als einzig gültige und unantastbare Grundlage hat Bestand."
Weitere Artikel: Die ruandische Schauspielerin und Regisseurin Odile Gakire Katese gratuliert in der SZ zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung des Müncher Residenztheaters. In der FR schreibt Wilhelm von Sternburg zum 125. Todestag von Giuseppe Verdi. Besprochen werden Yana Ross Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ, taz), das "Wintertanzprojekt" der Hochschule im Frankfurter Gallus Theater (FR) und Volker Löschs Inszenierung von Voltaires "Candide" am Dresdner Schauspielhaus (taz).
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