Efeu - Die Kulturrundschau

Aus derberen Kontexten bekannte Zoten

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05.02.2026. Park Chan-Wooks Film "The Ax" zeigt Klassenkampf vom Feinsten, meint die SZ, der Perlentaucher findet ihn ein wenig vorhersehbar. Die FAZ wandert in einer Ausstellung in Kaiserslautern durch die leuchtenden Prater-Landschaften der Impressionistin Tina Blau. Außerdem ärgert sie sich über die Auswahl der Kandidaten für den Preis des Deutschen Architekturmuseums: Zu viel Blech und Sichtbeton. Backstage Classical sieht im neuen Streit um den Salzburger Festspiel-Intendanten Markus Hinterhäuser eine grundsätzliche Debatte über Geniekult und Modernisierung.   
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2026 finden Sie hier

Film

Ihm ist jedes Mittel recht, denn er hat "No Other Choice"


2004 hat bereits Costa-Gavras Donald E. Westlakes Roman "The Ax" verfilmt, nun verlegt der koreanische Genrefilm-Auteur Park Chan-wook den Stoff nach Südkorea und kleidet ihn ins Gewand eines satirischen Thrillers: In "No Other Choice" setzt sich ein Mann mit allen teils drastischen Mitteln dagegen zur Wehr, von seinem Arbeitgeber in den sozialen Abstieg wegrationalisiert zu werden. "Die eindeutige kapitalismuskritische Parabel, die der Inhalt vorgibt", ist dabei allerdings nicht entstanden, stellt Michael Kienzl im Perlentaucher fest. "Tatsächlich ist nicht immer klar, was genau Park an dieser Geschichte interessiert. Virtuos und elegant inszeniert ist sie zweifellos. Ständig dreht die Kamera Pirouetten, während die Bilder mit schrägen Perspektiven, Spiegelungen und Überblendungen neu in Schwingung versetzt werden." Aber "für die Zeit und Umwege, die sich 'No Other Choice' über seine ausladenden 140 Minuten Laufzeit hinweg gönnt, wirkt die Handlung aber letztlich ein wenig zu schlicht und vorhersehbar. Holprig erscheint mitunter auch der Wechsel zwischen ernsthafter Dramatik und überzeichneter Farce." 

"Nirgends ist der Klassenkampf so treffend und trotzdem unterhaltsam wie im südkoreanischen Kino", freut sich derweil Sofia Glasl in der SZ. Auf critic.de bescheinigt Anton Schroeder dem Film, "in seinem strengen narrativen Korsett luftdicht, fast klinisch" zu sein, was aber "doch zum Sujet" passe, nämlich dem "Tunnelblick seiner Figur". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erinnert der "makabre Fatalismus", in den diese Abwärtsspirale führt, an "französische Thriller" von einst, "von Chabrols böser Bourgeoisie bis zu Jeanne Moreaus Rächerin in Truffaus 'Die Braut trug schwarz'." Für epdFilm blickt Marcus Stiglegger auf die Filmografie von Park Chan-wook. Die Welt hat ihr Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht.

Narzissmus statt Selbstironie: Die "Muppet Show" im ursprünglichen Format

Sehr bekümmert reagiert Georg Seeßlen (Zeit Online) auf das Muppet-Revival auf DisneyPlus, bei dem für ein Special, das womöglich noch in eine Wiederaufnahme des Formats münden könnte, das alte Vaudeville-Setting der ursprünglichen Show aus den Siebzigern wieder aufgegriffen wurde. Aber, ach, der alte Charme ist dahin: "Dass es statt der Show-Schicksalsgemeinschaft mehr um sozialen Sadismus, statt der Selbstironie mehr um Narzissmus, statt der muppet-menschlichen Komödie mehr um aus derberen Kontexten bekannte Zoten geht - dafür können die Muppets nichts, vielleicht nicht einmal ihre Autoren und Produzenten. Die Zeiten haben sich geändert, und diesmal wollen sich die Muppets ihnen, wenigstens ein bisschen, anpassen, ... aber auch irgendwie die Alten bleiben. ... Dass es dazwischen keinen harmonischen Kompromiss gibt, zeigt vielleicht ein wenig von der kulturellen Bruchlinie, die von den Medien in den Alltag reicht. Nicht einmal mithilfe der Muppets können wir so tun, als ginge irgendetwas immer weiter."

Weitere Artikel: Irene Genhart resümiert im Filmdienst die Solothurner Filmtage. Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Jarmusch-Retro im Wiener Metro-Kino. Christian Schröder (Tsp) und Andreas Kilb (FAZ) gratulieren Charlotte Rampling zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Koya Kamuras gleichnamige Verfilmung von Elisa Shua Dusapins Roman "Ein Winter in Sokcho" (FR, taz), Hasan Hadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (FAZ, Artechock, mehr dazu bereits hier), die DVD-Ausgabe von Larry Yangs Actionthriller "Shadow Chase" mit Jackie Chan (taz), Francis Meletzkys "Der Schimmelreiter" (Artechock), Lauro Cress' "Ungeduld des Herzens" (Artechock), Stefan Jungs "Lydia - Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" über die Tochter von Alfred Escher (NZZ), Lauro Cress' "Ungeduld des Herzens" (critic.de), Brett Ratners "Melania" (critic.de), Katarina Schicklings 3sat-Doku "Das Kentler-Experiment - staatlich finanzierter Kindesmissbrauch" (taz) und die Netflix-Serie "Unfamiliar", in der deutsche und russische Agenten in Berlin aufeinander prallen (FAZ).
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Architektur

In der FAZ ärgert sich Matthias Alexander über die Auswahl der zwanzig Kandidaten für den Preis des Deutschen Architekturmuseums. Alexander findet hier "wenig Überzeugendes", dafür ein klares Muster: "Sie sollten ein Wohngebäude planen, dessen Bauherren Wert auf Gemeinschaftsflächen und flexible Grundrisse legen und einen Materialmix aus Sichtbeton und Holz zu schätzen wissen. Neuerdings ist auch Blech wieder sehr angesagt, sei es in Form von Wellen oder Trapezen. Wer dann noch in der Lage ist, alte Bausubstanz in das Projekt zu integrieren, darf sich einer Nominierung ziemlich sicher sein. Wer aber ein Bürogebäude, ein Einfamilienhaus, eine Fabrik oder gar einen Bau für militärische Zwecke entwirft, sollte sich keine Hoffnungen machen. All diese Gebäudetypen tauchen in diesem Jahr auf der Shortlist nicht auf, und auch in den vorangegangenen Jahren waren sie unterrepräsentiert."
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Literatur

Robert Mießner berichtet in der taz von seinem Besuch in der Akademie der Künste, wo Vor- und Nachlass des 2023 verstorbenen DDR-Underground-Dichters und Anarchisten Bert Papenfuß eingelagert sind und in den morgen Nachmittag der Öffentlichkeit ein Einblick gewährt wird. Besprochen werden unter anderem Ulrike Draesners "penelopes sch()iff. Postepos" (Zeit OnlineDavid Bs Comic "Monsieur Chouette" (FAZ.net), Dorota Maslowskas "Im Paradies" (NZZ) und Alaa Al-Aswanis "Die Bäume streifen durch Alexandria" (FR). Mehr in unserer Bücherschau.
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Kunst

Tina Blau, Apriltag im Prater, 1889, mpk. Foto:mpk

FAZ-Kritiker Stefan Trinks möchte die Werke der österreichischen Malerin Tina Blau am liebsten direkt von der Wand des MPK Kaiserslautern stehlen, wo man die Impressionistin wiederentdecken kann. Obwohl sie in Österreich, aber auch international, Erfolge feierte, blieb Blau in Deutschland weitgehend unbekannt. Für Trinks ist das völlig unbegreiflich, der unter anderem vor ihren Bildern aus dem Prater ins Staunen gerät: "Sie findet zu einem sehr eigenen Stil, indem sie das Spiel aus Licht und Schatten intensiviert und in der malerisch baumbestandenen Prater-Parklandschaft Merkmale der den Impressionisten vorausgegangenen Schule von Barbizon einflicht, aber beispielsweise das Kaiserslauterner Prater-Bild auch nachträglich im Atelier mit minutiösen Schilderungen Hunderter sich im Wind biegender Grashalme versieht, was ein Monet ebenfalls nicht getan hätte. Traumschön ist ihre herbstlich eingefärbte Allee auf der 'Praterlandschaft' von 1915/16 mit ihren spalierstehenden Baumindividuen (...), denen - als Intervention einer zeitgenössischen Künstlerin - Simone Nieweg mit ihren Fotografien stimmig sekundiert."

Weitere Artikel: Die Rückgabe des Tänzerinnen-Brunnens von Georg Kolbe an die  Nachfahren des jüdischen Vorbesitzers steht kurz bevor, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. In der Zeit unterhalten sich Jolinde Hüchtker und Tobias Timm mit der deutschen Kuratorin Julia Stoschek über ihre Videokunst-Ausstellung "What a wonderful World: An Audiovisual Poem" in der Stoschek-Foundation Los Angeles. Tilman Baumgärtel beklagt in der taz die diesjährige "Wurstigkeit" und "Beliebigkeit" des Festivals "Transmediale".
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Musik

Im Stadtarchiv Leipzig entdeckte Akten zur Leipziger Kirchenmusik, darunter ein Zeugnis, das Johann Sebastian Bach seinem Bassisten Gottlob Friedrich Türsch 1740 ausgestellt hat, "belegen erstmals, dass der Leipziger Rat studentische Sänger und Instrumentalisten gezielt durch Stipendien förderte", schreibt Jan Brachmann in der FAZ: "So schlecht, wie 2024 in dem ARD-Film 'Bach - Ein Weihnachtswunder' behauptet, kann das Verhältnis Bachs zum Leipziger Rat also nicht gewesen sein." Anna Schors recherchiert in VAN dazu, dass beim Gesangsstudium viele Studierende heimlich Privatunterricht nehmen, da dies an den Ausbildungsorten üblicherweise als Tabu gilt. Adrian Schräder wärmt in der NZZ Zürich für das anstehende Konzert von Earl Sweatshirt auf.
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Bühne

Bei Backstage Classical berichtet Alexander Brüggemann über den neuerlichen Zoff um den Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser, der seine Favoritin Karin Bergmann als neue Schauspielleitung am Bewerbungsprozess vorbeischmuggeln wollte. Die Festspielleitung erwägt nun sogar eine vorzeitige Entlassung. Für Brüggemann zeigt der Streit Grundsätzlicheres: "Letztlich wirkt der Streit um Markus Hinterhäuser wie ein Streit über die Zukunft der Festspiele und des Theaters an sich - und darüber, wie es in Zukunft zu führen ist. Hinterhäusers Verteidiger gehören oft selber dem kulturellen Auslaufmodell an. Sie sind nicht selten Fürsprecher eines Geniekultes, verzeihen gern emotionale Ausraster und finden, dass Kultur eben Reibung braucht - Notfalls auch jenseits der moralischen Konventionen." In der SZ schreibt Reinhard J. Brembeck zum Thema. 

Weitere Artikel: Die italienische Regierung setzt ihre politische Agenda in der Kultur weiterhin konsequent um, berichtet Ulrike Sauer in der NZZ: Der neueste Coup ist die Einsetzung der rechtsgerichteten Dirigentin Beatrice Venezi als Intendantin des Teatro La Fenice, die ob Venezis Unerfahrenheit für Kritik sorgt. In der FAZ unterhält sich der Schriftsteller Christoph Hein mit Michael Ernst über seine Arbeit als Opernlibrettist für den Komponisten György Kurtág. Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg (Zeit) und Matthew Dunsters Inszenierung von "Die Tribute von Panem" im Carry Warf Theatre in London (SZ).
Archiv: Bühne