Efeu - Die Kulturrundschau

Der Geist ist kein eloquenter Ort

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28.04.2026. Die Jury in Venedig verkündet, weder Israel noch Russland zu berücksichtigen: Die Welt ärgert sich, dass sich ein ästhetisches Urteilsgremium zum politischen Akteur aufschwingt. Die FR bewundert in Aschaffenburg die geretteten Schätze des Kiewer Khanenko Museums. Junge Autorinnen haben es auf dem Buchmarkt heute leichter als ältere Männer, glaubt der Freitag. Im Tagesspiegel erzählt Kent Nagano, wie er in Leonard Bernsteins selten gespieltem Ballett "The Dybbuk" die Dämonen tanzen lässt. Und die FAZ staunt in Aachen, wie gut Ingeborg Bachmanns "Malina" auf der Bühne funktioniert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2026 finden Sie hier

Kunst

Werkstatt des Hieronymus Bosch, "Die Versuchung des heiligen Antonius", um 1520-1550. ©  Museen der Stadt Aschaffenburg/Stefan Stark

73 Meisterwerke der europäischen Malerei des 15. bis 19. Jahrhunderts aus dem Kiewer Khanenko Museum, das seit vier Jahren unter Beschuss steht, sind jetzt im Aschaffenburger Christian Schad Museum zu sehen - und Lisa Berins (FR) entdeckt allerhand Schätze: "An der Stirnseite Marco Palmezzanos eindrucksvolle 'Madonna mit dem Kind und den Heiligen Petrus und Johannes dem Evangelisten', die, wenn man die perspektivische Zeichnung der Füße genau betrachtet, an ihrem einstigen Bestimmungsort ein gutes Stück über Augenhöhe gehangen haben muss. Erstaunlich die impressionistisch-lockere Malweise eines Gemäldes des Barockmalers Alessandro Magnasco, das die Beisetzung eines Trapistenmönchs zum Thema hat. Es gibt noch mehr zu entdecken, und auch im zweiten Obergeschoss warten wahre Highlights. Dort sind die nördlichen Schulen - Niederlande, Flandern, Frankreich und Spanien - ausgestellt."

Es war eine kluge Entscheidung des Berliner Gropiusbaus, die zeitgenössischen postkonzeptionellen Fotografien der New Yorkerin Liz Deschenes den sezierenden Porträts und Aufnahmen von Tieren, Landschaften und Architekturen von Peter Hujar gegenüberzustellen, zeigen beide doch "schlicht, was ist", findet Hilka Dirks in der taz. So machte Hujar auch vor dem Festhalten Tod und Sterben nicht halt: In der Ausstellung "leuchtet 'Candy Darling on Her Death Bed' von 1973 mit weißer Haut auf weißen Laken inmitten des dunklen Krankenhausraums, bewacht von gefüllten Chrysanthemen. Die Haut spannt sich über die mageren Glieder, der Kopf ist gesenkt, die glamourös geschminkten Augen blicken direkt aus dem Bild heraus. Gerade mal 29 Jahre alt ist die Schauspielerin und Muse Andy Warhols auf den Fotos. Darling stirbt an einem Lymphom. Hujar hält sie fest mit trotzigem Blick und sinnlicher Pose: Es ist das Mädchen selbst, das hier den Tod verführt."

Was denn nun? Der Präsident der Biennale-Stiftung, Pietrangelo Buttafuoco, hatte angekündigt, Russland bei der diesjährigen Biennale in Venedig wieder teilnehmen zu lassen, die Jury, besetzt mit fünf Kuratorinnen und Kunsthistorikerinnen, ließ mit Blick auf die "Verteidigung der Menschenrechte" nun verlauten, "'man werde davon absehen', … jene Länder zu berücksichtigen, deren führende Repräsentanten derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind'", weiß Marcus Woeller in der Welt und ärgert sich: Angeklagt seien Putin und Netanjahu nicht, erinnert er. Und: "Mit dem Vorstoß verschiebt die Jury ihre Rolle grundlegend. Ein ästhetisches Urteilsgremium versteht sich als ein politischer Akteur. Künstler werden nicht mehr allein nach künstlerischen Kriterien ausgezeichnet, sondern auch aufgrund der Bewertung ihrer Herkunftsstaaten. Die Preisverleihung wird zum politischen Instrument - noch bevor die Ausstellung eröffnet ist und bevor die Jury überhaupt Kunst gesehen hat."

Weitere Artikel: Auf der Biennale in Venedig wird es zudem wohl einen "Trumpillon" geben, befürchtet Hilmar Klute in der SZ, denn statt einer Expertenkommission befand das State Department über die ausstellenden Künstler. Ebenfalls in der SZ rehabilitiert Peter Richter Tracey Emin nach der Ausstellung "A Second Life" in der Tate Modern in London: "Anderthalb Jahrzehnte nach der Einführung von Instagram wirken Tracey Emins Selbstbesessenheit, ihr Selbstmarketing, ihre zeigefreudiges Verhältnis zum eigenen Körper, ihre mit Ausführlichkeit ausgestellten Verletzungen, ihre mit Stolz vorgetragene victimhood und was man ihr sonst alles so zum Vorwurf gemacht hat, absolut gegenwartskonform und beinahe sozial unauffällig." 

Besprochen werden die "Marisol"-Ausstellung im Kunsthaus Zürich (FAZ, mehr hier), die Ausstellung "Fun witout Suspicion" mit Werken des Gothaer Künstlers Konrad Hanke in der Berliner Galerie Kai Erdmann (taz) und die Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750" im Museum der Schönen Künste Gent (NZZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Malina". © Annemone Taake

Jan Brachmann (FAZ) kann es kaum glauben: Dem Komponistenpaar Karola Obermüller und Peter Gilbert ist es tatsächlich gelungen aus Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" eine Oper zu machen - und Franziska Angerer hat sie vorbildlich auf die Bühne des Aachener Theaters gebracht: "Nonlinear, aber zielstrebig wie der Roman, erzählt auch die Oper den Ausbruch einer Frau aus der Beziehung mit dem begehrten Mann Ivan, für den sie nur Dekor in einer Welt sein darf, die ansonsten funktionieren muss. Auch das Dekor muss funktionieren: Es soll Freude verbreiten! Die Legende ist Wunschtraum erfüllter Liebe und Trost über den Verlust. Am Ende steht die Aufzehrung der Frau durch den fürsorglichen Mann. Oder stand sie schon am Anfang? Wenn Akbari und Sabadus ziemlich früh die slowenischen Worte für 'ich und du' singen - 'jaz in ti' -, verschmelzen beider Stimmen in überschießender Schönheit."

Das Opernhaus La Fenice in Venedig trennt sich nach monatelangem Streit von Dirigentin Beatrice Venezi, die als Meloni-nah gilt, berichtet unter anderem Karen Krüger in der FAZ: "Die Entscheidung sei unter anderem 'wegen wiederholter schwerwiegender öffentlicher Äußerungen der Dirigentin' getroffen worden, 'die beleidigend sind und den künstlerischen und beruflichen Wert' des Fenice beeinträchtigten und unvereinbar seien 'mit dem Schutz und dem Respekt, der den Orchestermusikern gebührt'". Den letzten Anstoß gab ein Interview Venezis mit der argentinischen Zeitung La Nación, in dem sie Oper und Orchester vorwarf, dass "die Positionen praktisch vom Vater an den Sohn weitergegeben werden".

Weitere Artikel: Das Ensemble der Shieveh Theater Company aus Teheran sollte die Ruhrfestspiele mit dem Drama "Das Kind" der iranischen Autorin Naghmeh Samini eröffnen, kann aber wegen der aktuellen Lage im Iran nicht anreisen, meldet der Tagesspiegel mit dpa.

Besprochen werden außerdem Krystian Ladas Inszenierung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the Waves" am Staatstheater Mainz (FR), Monika Gintersdorfers Ballettkomödie "La langue de Molière" im Mousonturm (FR), Bastian Krafts Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Anna Smolars Inszenierung der Oper "Eurydike und Orpheus" nach einem Libretto von Roberto Bolesto und Musik von Jan Duszyński an den Münchner Kammerspielen (SZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble (taz) und Damiano Michielettos Inszenierung der Mozart-Oper "La clemenza di Tito" an der Oper Zürich, die durch den Anschlagsversuch auf Trump eine unerwartete Aktualität bekam, wie Christian Wildenhagen in der NZZ notiert.
Archiv: Bühne

Film

Silvia Hallensleben resümiert in der taz das Internationale Frauenfilmfest in Dortmund/Köln, bei dem das traditionelle Abschlussgespräch der Kamerafrau Sophie Maintigneux mit der Preisträgerin zum letzten Mal stattfand. Bert Rebhandl wirft für den Standard einen Blick ins Programm des Crossing-Europe-Festivals in Linz.
Archiv: Film

Literatur

Die Deutung der Dlf-Recherche zur Causa Mängelliste um Charlotte Gneuß, Ingo Schulze und Frank Witzel (hier und dort unsere Resümees), dass im Literaturbetrieb weiterhin "Männer Frauen vorschreiben, was sie schreiben dürfen, dass ihre Texte anders bewertet werden und dass männliche Netzwerke weiterhin Karrieren beeinflussen", überzeugt Katharina Schmitz im Freitag nicht. Zum einen "sind längst viele Schlüsselpositionen von Frauen besetzt. Zum anderen, weil man den Eindruck gewinnen kann, dass es ältere männliche Autoren heute mitunter schwerer haben, auf einem umkämpften Markt Aufmerksamkeit zu gewinnen, als junge Autorinnen. ... Interessanter sind vielmehr die Binnendifferenzen innerhalb der 'Generation DDR', die in der Affäre sichtbar werden." So zeigt sich alleine schon in Schulzes "Mängelliste", "wie sensibel die Frage bleibt, wie die DDR erzählt wird - und es dabei bis heute ein erhebliches Verletzungspotenzial gibt".

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Susanne Messmer spricht in der taz mit dem Kinder- und Jugendbuchautor James Reynolds unter anderem über seine Jugend in einem vornehmlich schwarzen Vorort von Washington D.C. Was das Schreiben betrifft, ist er der Ansicht, dass "Sprache den Geist nachahmen sollte. Wir erweisen uns manchmal einen Bärendienst, indem wir eloquent schreiben, denn der Geist ist kein eloquenter Ort." Dort "wimmelt es oft nur so vor Gedanken und Emotionen. Sie schießen dir wie Momentaufnahmen durch den Kopf, es ist nicht kontinuierlich fließend. Die Sprache sollte Momente des Schocks oder der außergewöhnlichen Freude widerspiegeln. Wir sollten nicht nur gewählte Wörter nutzen, sondern bis an die Grenzen der Sprache gehen. Die Syntax aufbrechen. Es spielt sogar eine Rolle, wie du Satzzeichen setzt."

Weitere Artikel: Willi Winkler (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Lyrikkritiker Wolfgang Werth. Besprochen werden unter anderem Gustav Seibts "Ein Sommer mit Goethe" (taz), Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (Intellectures), Anja Bachls Lyrikband "mitternachtszustand" (FR), Roya Sorayas Comic "Wind in meinem Kopftuch" (Tsp) und Colm Tóibins "Die Schwestern" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Leonard Bernsteins Spätwerk "The Dybbuk" wird selten gespielt und war in Deutschland bislang nur ein einziges Mal und damals auch nur in Auszügen zu hören. Jetzt dirigiert Kent Nagano, selbst ein später Bernstein-Schüler, das Werk mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in voller Länge. "Wie bei anderen Künstlern, denen früh Erfolg beschieden war, wurde dies für ihn bisweilen zur Herausforderung", sagt der frühere Leiter des Orchesters im Tagesspiegel-Interview. "Manchmal scheint das Publikum einem Künstler nicht zugestehen zu wollen, sich weiterzuentwickeln." Bernstein "erkundet in 'The Dybbuk' seine eigene Musiksprache, bindet komplexe rhythmische Strukturen ein und experimentiert mit Zwölftontechniken. Man hört einen raffinierten Kontrapunkt, freie Tonalität und rhythmische Raffinessen, die die Exotik der Dämonen verdeutlichen. Das Ergebnis ist ein einzigartiges Klangspektrum. Vielen, die Bernsteins frühere Musik liebten, war das wohl zu schwierig. Mich fasziniert nicht zuletzt sein Mut."

Weitere Artikel: Beim Debüt des japanischen Dirigenten Kazuki Yamada beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, das er ab Herbst leiten wird, war "tatsächlich ein Gefühl von Aufbruch" zu spüren, hält Ulrich Amling im Tagesspiegel fest. Bernhard Uske resümiert in der FR das "Festival der Jugendorchester" in Frankfurt. "Schon lang hat kein Hype mehr so viel Spaß gemacht" wie der um das kanadische Math-Rock-Duo Angine de Poitrine, schreibt Max Fellmann in der SZ (mehr dazu bereits hier und dort). Christian Schachinger stimmt im Standard aufs Donaufestival in Krems ein. Und Helene Slancar porträtiert im Standard das österreichische Schrammelindie-Trio Lovehead, das aus weiblicher Perspektive übers Teeniedasein und Erwachsenwerden singt.



Besprochen werden Jan Wehns Geschichte des Deutschraps (Standard), Stefan Hentz' Biografie von Miles Davis (FAZ) und Irmin Schmidts Komposition "Requiem" (The Quietus).

Archiv: Musik