Efeu - Die Kulturrundschau

Christus in der Weinpresse

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04.03.2026. Tricia Tuttle will bleiben, aber damit ist die jüngste Berlinale-Aufregung noch nicht vorbei. Die FAZ warnt Wolfram Weimer vor einem allzu rigiden Verhaltenskodex, auch die taz stellt sich hinter Tuttle. Die Welt schimpft über Theaterstücke, die sich in selbstgerechter AfD-Kritik gefallen. Die FAZ bejubelt eine hochkomische Wiener Gassmann-Oper, die das Publikum zum Zahnarzt schickt. Die SZ weiß, warum keiner mehr nach Berlin will. Peter Schneider ist tot - wir verlinken erste Nachrufe.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2026 finden Sie hier

Film

Andreas Kilb hält in der FAZ wenig davon, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer angekündigt hat, heute in einer Aufsichtsratssitzung über den "Verhaltenskodex, die personelle Formation und organisatorische Fragen" der Berlinale diskutieren zu wollen: "Unabhängige Jurys und unzensierte Dankreden gehören - anders als demonstrativ gezeigte Nationalflaggen - zum Standard internationaler Filmfestivals. ... Wenn die Festivalchefin, die im Amt bleiben will, damit ihre institutionelle Unabhängigkeit verknüpft und der Kulturstaatsminister genau diese Institution von oben ummodeln will, sitzen sich keine einverständigen Partner, sondern zwei streitende Parteien gegenüber. Und wenn sich Weimer und Tuttle am KBB-Verhandlungstisch nicht einigen, droht der Berlinale der größte anzunehmende Eklat: der Abgang ihrer international renommierten Leiterin auf Druck der Politik." Hier unser Resümee zu den beiden Gesprächen, auf die Kilb sich bezieht.

"Ein Festival, das nur im Konsens funktioniert, ist uninteressant", kommentiert Valérie Catil in der taz. Die Berlinale hat ohnehin schon mit schwindender Relevanz zu kämpfen, doch "wenn sie dann auch noch zu einem Staatsfestival verkommt, wo Minister vorschreiben, welche Filme und Reden legitim sind, ist es wohl ganz aus mit ihr." Sollte Tuttle aber im Amt bleiben, hätte sie diesbezüglich nun immerhin einen starken Trumpf in der Hand", ist David Steinitz in der SZ überzeugt: "All die Künstler, die zuletzt den deutschen Kulturstaatsminister scharf angegriffen haben, als er unter Verdacht stand, Tuttle abschütteln zu wollen, müssen jetzt ihren Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen: Wer kommendes Jahr einen neuen Film fertig hat, sollte seine Solidarität bekräftigen, indem er ihn nicht nach Cannes und Venedig gibt, sondern zu Tuttle auf den roten Teppich kommt."

Und: Jafar Panahi bei Jon Stewart in der Daily Show



Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit den Dardenne-Brüdern über deren neuen Film "Junge Mütter" - ein Film, den man "an Schulen zeigen" sollte, schreibt Martine Knoben in der SZ, und zwar "als Begleitung zum Sexualkundeunterricht, schließlich geht es um Teenager-Schwangerschaften". Außerdem spricht Patrick Heidmann für die FR mit Maggie Gyllenhaal, die mit der Fantasy-Horror-Sause "The Bride" zum zweiten Mal einen Film als Regisseurin vorlegt. Jörg Taszman freut sich im Filmdienst, dass das altehrwürdige Kino International in Berlin nach zwei Jahren Sanierung sogar früher als erwartet (das geht in Berlin also auch!) wieder eröffnen kann.

Besprochen werden İlker Çataks Berlinale-Gewinner "Gelbe Briefe" (NZZ) und Morgan Nevilles Kino-Doku "Man on then Run" über Paul McCartneys Zeit unmittelbar nach der Trennung der Beatles (NZZ).
Archiv: Film

Bühne

Theater an der Wien: L'opera seria 04, mit Julie Fuchs (Stonatrilla), Josh Lovell (Ritornello), Roberto de Candia (Delirio) - © Werner Kmetitsch

Lustiger geht Oper kaum, glaubt ein enthusiastischer FAZ-Autor Jan Brachmann in seiner Besprechung von "L'opera seria", einer Opernparodie Florian Leopold Gassmanns, die am Theater an der Wien zu sehen ist: "Das Publikum quieckt, lacht Tränen, japst nach Luft." Es stimmt einfach alles bei dieser perfekt erarbeiteten Wiederaufführung eines vergessenen Klassikers, der seit seiner Uraufführung 1796 nicht mehr in Wien gezeigt worden war. Da wäre zum Beispiel ein umwerfend komischer Heldentenor: "Sein Alphabetisierungsgrad reicht über den eines Meerschweinchens nur knapp hinaus. Wenn er 'Scylla' singen soll, singt er lieber 'Sicilia'. Klingt einfach besser. Und wer Skylla und Charybdis sein sollen, weiß er sowieso nicht. Die beiden haben sich ihm nie vorgestellt. Josh Lovell singt diesen Tenor Ritornello am Musiktheater an der Wien mit seiltänzerischer Sicherheit und kreisrund geöffnetem Mundloch, als wäre das Publikum sein Zahnarzt. Es gehört ein kluger Kopf dazu, einen derart dummen Tenor so zu spielen, dass einem das Zwerchfell reißt beim Zuschauen. Josh Lovell hat diesen Kopf und die Stimme noch dazu."

Come Neve von Adriano Bolognino. Foto: Sabrina Cirillo


Tanztheater-Ultra Sylvia Staude besucht für die FR das den Produktionen des Nachwuchses gewidmete fünfte Tanzmainz-Festival Update #5 im U17. Zu den vielen schönen Entdeckungen, die dort zu machen sind, zählt für sie "Come Neve" (Wie Schnee), eine Arbeit der italienischen Choreografin Adriano Bolognino: "In den mit einer Art Reifrock versehenen Kleidern (hergestellt durch einen neapolitanischen Häkelclub), kann frau keine großen Sprünge machen. Doch es genügen in 'Come Neve' kleine bis mittelgroße Gesten, es genügt die intrikate Sprache der Hände und Arme. Lesbar, interpretierbar ist das nicht, Bolognino weicht jeder konkreten Bedeutung aus. Gerade deswegen kann diese Choreografie mit schöner Fremdartigkeit bestechen. Was tun Rosaria Di Maro und Noemi Caricchia da eigentlich, meist im Unisono? Völlig egal, weil man nichts verpassen möchte von etwas, das man so noch nicht gesehen hat."

Jakob Hayner setzt in der Welt zu einer Wutrede wider zu kurz gedachte AfD-Kritik auf deutschen Bühnen an. Reine linksliberale Selbstvergewisserung betreiben laut Hayner Stücke von, unter anderem, Falk Richter und Milo Rau: "Anstatt sich mit der gescheiterten Demokratisierung als Nährboden eines rechten Populismus auseinanderzusetzen, propagieren die Polarisierungsgewinnler des linksliberalen Antifa-Theaters eine harmonische Demokratie, die allein von Rechtspopulisten gestört wird, die am besten vom Staat verboten werden sollten. Man spricht an der Anti-AfD-Front von 'unserer Demokratie', als hätte man ererbte Besitzrechte oder nennt sich 'wir Demokraten', als müsse man diesem exklusiven Club erst beitreten. Natürlich nährt das Ressentiment. Und schlimmer noch: Wer sich Demokratie ohne Konflikte vorstellt und die ihr innewohnenden Antagonismen verdrängt, ist ideologisch bereits auf dem Weg dorthin, wovor man unaufhörlich warnt." Zum Glück gibt es laut Hayner auch positive Gegenbeispiele, allen voran Tiago Rodrigues' Bochumer Produktion "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten".

Weitere Artikel: Alexander Menden besucht für die SZ die dritte Vorführung eben von "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten", also jenem Stück, dessen Premiere nach einer Publikumsintervention gegen einen einen Faschisten spielenden Schauspieler zum Skandalon wurde. Diesmal freilich bleiben alle gesittet und vernünftig auf den Plätzen. Florian Ilies schreibt in der Zeit über neu aufgetauchte Notizen des Dramatikers Heiner Müller. Sandra Luzina berichtet im Tagesspiegel über ein Projekt, das Sasha Waltz & Guests mit der belarussischen Künstlerin und Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa auf die Beine stellen wollen. Wolfgang Behrens versucht sich auf nachtkritik in negativer Zuschauerdialektik.

Besprochen werden Sandra Schüddekopfs Inszenierung von Lisa Danulats "Ota" am Wiener Theater Drachengasse (Standard - "Spitzfindig und dabei unterhaltsam"), Leoš Janáčeks "Das schlaue Füchslein", inszeniert von Ted Huffman an der Berliner Staatsoper (van - "kurz, vergnügt und federleicht") sowie ein "Nabucco" an der Wiener Staatsoper (Presse - "Scharenweise sei das Stammpublikum in der Pause enttäuscht abgezogen, noch am Ende habe es ein paar Buhs gegeben, heißt es").
Archiv: Bühne

Architektur

Claudius Seidl zieht in der SZ über den unwürdigen Umgang Berlins mit seinen, nur unter anderem, architektonischen Sehenswürdigkeiten. Das meiste, was er schreibt, meint man schon mehrfach gelesen zu haben, aber immerhin hat Seidls Version der Untergangserzählung einen gewissen Drive: "Nirgendwo in Europa gab es, mitten in der Stadt, größere Flächen zu bebauen, kaum irgendwo haben sie eine Chance so konsequent vertan. Der Potsdamer Platz, der doch der Größe und Modernität der wiedervereinigten Stadt eine architektonische Gestalt geben sollte, wirkt heute wie Downtown Manhattan im Kleinstadtformat: nicht hoch, nicht groß, aber sehr, sehr zugig. ... Östlich des Hauptbahnhofs, zwischen zwei ortsüblich öden Bürokästen, steht, kleiner und mit modernerer Glasfassade, das sogenannte Futurium, ein Museum der Konzepte und Visionen, zum Trost dafür, dass es von der Zukunft in Berlin sonst so gut wie nichts zu sehen gibt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Berlin, Bausünden

Literatur

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Peter Schneider ist tot, einer der bekanntesten 68er und Renegaten, Autor mindestens zweier epochaler Romane über diese Zeit, "Lenz" und die "Mauerspringer". Gerade schrieb er noch einen Beitrag zu dem kommenden Band "Wenn das Denken die Richtung ändert - Warum wir nicht mehr links sind" über "die Schwierigkeit, sich von Irrtümern zu lösen" in einer Epoche, in der der Zeitgeist, zumindest in intellektuelleren Milieus, stets vage bis dezidiert links blieb. Der Perlentaucher hat aus diesem Band einen großartigen autobiografischen Essay von Ulrike Ackermann abgedruckt. Den Nachruf auf Peter Schneider in der Welt schreibt Reinhard Mohr, Mitherausgeber des besagten Bandes. Er erzählt, wie Schneider irgendwann "nicht mehr seiner Meinung war": "So schrieb er etwa Sätze, die für viele längst ergraute 68er bis heute nach Verrat an der großen Sache klingen: 'Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen.' Schließlich aber, so Schneider schon fast hegelianisch, ist 'aus dem Zusammenstoß einer importierten, personell mit dem Nazireich tief verstrickten und nur formal existierenden Demokratie mit einer radikalen, am Ende ins Totalitäre überschwappenden Protestbewegung' die 'bei weitem lebendigste zivile Gesellschaft in der Geschichte Deutschlands entstanden'."

In der Berliner Morgenpost schreibt Philipp Haibach: "Das einst geteilte Deutschland bleibt eines seiner großen Lebensthemen, an dem er sich auch in amerikanischen, italienischen und französischen Zeitungen publizistisch abgearbeitet hat. In all seinen Verästelungen." In diesem langen Gespräch auf Youtube aus dem Jahr 2008, auf das Marko Martin auf Facebook verlinkt, spricht Peter Schneider ausführlich über 1968.

Weiteres: Die FAZ gibt Buchtipps, um den Iran besser zu verstehen (Marjane Satrapis "Persepolis" und "Lolita lesen in Teheran" von Azar Nafisi fehlen). Holger Kreitling erinnert in der Welt daran, dass die iranische Führung in Teheran bereits in Tom Clancys 1996 veröffentlichem Politthriller "Befehl von oben" zu Fall gebracht wurde. Josephine Bewerunge resümiert in der FAZ eine Bamberger Tagung zur Artusliteratur.

Besprochen werden unter anderem Abbas Khiders "Der letzte Sommer der Tauben" (Welt), Liz Moores "Der andere Arthur" (FR), der von Franziska Haug herausgegebene Band "bin weiblich, bin männlich, doppelt" über queere DDR-Literatur (ND), Banines Memoir "Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich. Aufzeichnungen 1942-1991" (NZZ) und Thomas Langs "Melville verschwindet" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Patricia Shams schreibt im Tages-Anzeiger zum Tod des Bluessängers John Hammond. Gunnar Leue erinnert in der Welt an die Geschichte der musikalischen Bespaßung von Truppen im Kriegseinsatz. Besprochen werden Labrinths Album "Cosmic Opera Act I" (FR) und das neue Album von Bruno Mars (Welt).
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Kunst

Ausstellungsansicht "Zirkulation von Arbeit, Kapital und Leben als Lieferkette" © Dommuseum Hildesheim, Foto: Florian Monheim

"Jesus wird ausgepresst wie eine Weintraube", freut sich Sophie Jung in der taz beim Besuch einer Ausstellung zur "Zirkulation von Arbeit, Kapital und Leben als Lieferkette" im Dommuseum Hildesheim. Verantwortlich sind die Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann, deren Arbeit sich dem von Creischer und Siekmann so betitelten "Potosí -Prinzip" widmet - gemeint ist die Beteiligung der Kirche an ausbeuterischen, insbesondere kolonialistischen Praktiken. Jung kann mit dieser Kunst, die kein Blatt vor den Mund nimmt, einiges anfangen: "Auf einem Kupferstich der gleichen Zeit taucht Christus selbst in der Weinpresse auf. Leid, Ausbeutung und Ertrag werden auf diesen Bildern Teil der kirchlichen Heilsgeschichte. Vom Pressen Jesu über die Technik des Pressens und Prägens bis hin zur Darstellung der Silbergewinnung in Potosí. Faszinierend und wild ist die bildliche Formel von Siekmann und Creischer, aber doch irgendwie schlüssig. Und radikal: Die beiden betreiben hier die Demontage der Institution Kirche zur bloßen Knechtin fürs Kapital."

Aus dem Schimpfen gar nicht mehr heraus kommt heute Stefan Trinks in der FAZ. Nachdem er sich zunächst am katastrophalen Zustand des Pariser Louvre abarbeitet, der kaputtgespart und im Namen des Mona-Lisa-Trubels immer mehr vor die Hunde geht, stellt er rasch klar: um einige zentrale Berliner Museums-Aushängeschilder steht es kein bisschen besser. Vor allem das Museumsgelände Kulturforum ist einerseits chronisch unterbesucht, andererseits strukturell marode. Das gilt schon für Gemäldegalerie und Kupferstichkabinett. "Schlimmer noch stellt sich die Lage im Kunstgewerbemuseum dar. Seit Jahren regnet es auch in dieses Haus; manchmal, wenn man schlecht träumt, ist es das Bild eines kostbaren Rokokomöbels, das als Sonderform aus Pappmaché besteht und neben dem in Auffangeimern lustig das Regenwasser plätschert. (...) Wenn das KGM seine aktuelle und noch bis zum 14. Juni zu sehende Ausstellung zum vierzigsten Jubiläum des Hauses 'Heimsuchung' getauft hat, entspricht das einer tieftraurigen Wahrheit."

Weiteres: Hans-Joachim Müller freut sich in der Welt darüber, dass ein im Amsterdamer Rijksmuseum ausgestellter "Zacharias", wie nun dank naturwissenschaftlicher Methodik festgestellt wurde, eben doch ein echter Rembrandt ist - und nicht, wie lange vermutet worden war, das Werk eines Unbekannten. Besprochen werden eine Mara Wohnhaas gewidmete Schau im GAK Bremen (taz), "Noble Begierden. Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts" im Wiener Gartenpalais Liechtenstein (Welt), die Ausstellung "Martin Parr. Global Warning" im Jeu de Paume, Paris (NZZ) und "Giulia Andreani. Sabotage" im Berliner Hamburger Bahnhof (monopol).
Archiv: Kunst