Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2026. Tricia Tuttle darf bleiben, muss aber künftig mit einem "beratenden Forum" arbeiten und sich an einen Verhaltenskodex halten. Es bleibt dennoch ein Drahtseilakt, wie in Zukunft mit Antisemitismus auf der Berlinale umzugehen ist, glauben Welt und taz. Gegenwartskunst in den USA strahlt vor allem Trauer und Verzweiflung aus, bemerkt die FAZ auf der Whitney Biennale in New York. Die Zeit ravt zu Harry Styles' kosmischen Unterwasserortungsgeräuschen. Und alle trauern um Peter Schneider, der die jungen Linken aus dem eisernen Gehäuse der Theorien befreite, wie die Zeit schreibt.
Bereits gestern meldeten wir den Tod des Schriftstellers und 68ers Peter Schneider und zitierten einen ersten Nachruf, heute ziehen die Feuilletons nach. Schon 1973, in seiner Erzählung "Lenz", verhandelte Schneider "die Zweifel an der Zugehörigkeit zu der längst im Niedergang befindlichen 68er-Bewegung", schreibt Harry Nutt in der taz. Dieser Text "transportierte das Soundgefühl jener Zeit, die noch nicht reif für eine Abrechnung war. Vielmehr war ihm das Kunststück gelungen, die Schwingungen des Aufbruchs irgendwie beizubehalten, obwohl die inneren Zweifel an den politischen Folgen längst überwogen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Es gab nur wenige in der deutschen Linken, die so beweglich waren wie er", würdigt Jörg Lau Schneider in der Zeit. "Wie kein anderer der jungen Radikalen wurde Schneider wenige Jahre später zur Stimme des Selbstzweifels und des Erfahrungshungers - in den frühen Siebzigern." Er "öffnete mit seinem Lenz den jungen Linken Türen, durch die sie aus dem eisernen Gehäuse der Theorien zurück in die Welt finden konnten." Auch für Arno Widmann (FR) war Schneider ein Wegbereiter für den langen Weg raus aus dem Dogmatismus: "Ich liebte ihn für Sätze wie diesen: 'Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen.' ... Was wäre aus den 'Revolutionären"' von 1968 geworden, hätten sie regieren müssen? Gegen eine Mehrheit der Bevölkerung? Die Niederlage hat die 68er gerettet."
"Anders als mancher andere hat Peter Schneider die Träume und Ideen seiner Generation nicht verraten", hält Hilmar Klute in der SZ fest. "Er hat sie erklärt, nicht zu erklären versucht, da war er im Wissen um seine Zuständigkeit schon weiter. Und er hat aus seinen Erfahrungen und Irrtümern für sich selbst eine Literatur gebaut, die nicht ohne den Boden dieser Erfahrungen auskommen wollte." Er "hat Bücher geschrieben, ohne die man auch in Zukunft nicht auskommen wird, wenn man etwas über die innere Seelenunordnung dieses Landes erfahren möchte." Weitere Nachrufe schreiben Gregor Dotzauer (Tsp), Thomas Ribi (NZZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Dirk Knipphals hat sich für die taz mit AnjaKampmann in St. Pauli getroffen - über das Hamburger Viertel hat die Schriftstellerin mit "Die Wut ist ein heller Stern" eben einen Roman veröffentlicht. Für sein Intellectures-Blog spricht Thomas Hummitzsch mit UlliLust über deren zweiten Band aus ihrem Sachcomic-Zyklus "Die Frau als Mensch". Andreas Platthaus erzählt in der FAZ von einem eher missratenen Abend in Hamburg mit NavidKermani und dem früheren Bundeskanzler OlafScholz.
Besprochen werden unter anderem Robert Menasses Novelle "Die Lebensentscheidung" (Zeit) und neue Sachbücher, darunter PeterLanges "Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933-1939" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Das Seilziehen um die Leitung der Berlinale ist beendet: TriciaTuttle bleibt im Amt, muss aber künftig ein "beratendes Forum" und "Empfehlungen" akzeptieren, fernerhin gibt es künftig einen "Verhaltenskodex" für alle Kulturveranstaltungen des Bundes (hier die Details aus den Agenturen). "Weimer hat geredet, Tuttle hat gesiegt", jubelt Andreas Kilb in der FAZ. "Der kurze, unüberlegte Coup, den der Kulturstaatsminister in der vergangenen Woche ... gegen die Festivalchefin inszeniert hat, ist zusammengebrochen" - nicht nur wegen der flächendeckenden Solidarität, "sondern auch, weil sein Erfolg das Ende der Berlinale als internationales A-Festival bedeutet hätte. Jüdische Perspektiven, jüdische Filme und jüdisches Leben kann man auch anders schützen als durch Vorzensur, und Hetze lässt sich nicht durch Maulkörbe verhindern, sondern nur durch freie Rede und Gegenrede."
Mag ja sein, kommentiert Jan Küveler in der Welt, dass man Szenen wie auf der letzten Berlinale nicht in aller Konsequenz wird verhindern können: "Es bleibt trotzdem richtig, egal, wie man es dreht: Die Berlinale darf Antiisraelismus und Antisemitismus nicht weglächeln und sich windelweich wegducken, sie muss ihn offensivangehen, dabei auf Einladungen ästhetisch überzeugender Filme aus dem Nahen Osten zugleich aber auch dann nicht verzichten, wenn zu befürchten ist, dass in einer möglichen Preisrede nicht nur Mami und Papi gedankt wird." Man wird sehen müssen, wie die Berlinale sich künftig dem eigenen Selbstverständnis nach als Ort des Dialogs aufstellen wird, kommentiert Tim Caspar Boehme in der taz: "Wenn die Berlinale als Konsequenz ihres Verständnisses von offenem Dialog in Kauf nehmen sollte, dass sie in der Öffentlichkeit das Bild vermittelt, vorgetragenen Judenhass unter dem Schutz der Meinungsfreiheit einfach stehenzulassen, wäre das verheerend."
Dass Weimer glaubt, mit diesen Maßnahmen die "gesellschaftliche Akzeptanz des Festivals" zu stärken, hält Andreas Busche im Tagesspiegel für blanken Hohn, "schließlich hat der Kulturstaatsminister in den vergangenen Wochen mit seiner Kommunikationsstrategie einen erheblichen Beitrag zum Verlust ebendieser Akzeptanz geleistet. ... Der Umgang mit diesen Debatten - der Eiertanz der Jury um die komplizierte Gaza-Frage, die zum Auslöser der Proteste wurde, die vorauseilende Empörung auf allen Seiten, die Argusaugen der Regierung - hat das Image der Berlinale nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen." Die Zeit hat mit VolkerSchlöndorff gesprochen, der sich von der Kontroverse um die Berlinale an die kulturpolitischen Auseinandersetzungen um Herbert Achternbuschs "Das Gespenst" in den frühen Achtzigern und an Michael Verhoevens Anti-Vietnam-Film "o.k.", der in den Siebzigern einen ganzen Berlinale-Jahrgang in den Abbruch trieb, erinnert fühlt.
Weitere Artikel: Für die FRunterhält sich Daniel Kothenschulte mit İlkerÇatak, dessen Berlinalegewinner "Gelbe Briefe" heute in die Kinos kommt (Besprechungen in Perlentaucher, FAZ, und SZ). Marian Wilhelm spricht für den Standard mit den Dardenne-Brüdern über deren neuen Film "Junge Mütter", der von Schwangerschaften in der Jugend erzählt - "ein eindrückliches Filmerlebnis", schreibt dazu Lukas Foerster im Perlentaucher. Im Filmdienstresümiert Denis Sasse die Jugendfilm-Sektion der Berlinale. Besprochen werden MaggieGyllenhaals "The Bride!" (taz) und Daniel Chongs Pixar-Animationsfilm "Hoppers" (FR).
Quelle: Deutsches Architekturmuseum Amsterdam Wie sich Sport in den städtischen Raum integrieren lässt, lernt FAZ-Kritiker Jörg Hahn in der kleinen, feinen Ausstellung "Die Stadt ist der Sport" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die ihn quer durch Europa führt: "'Anders denken', so könnte die verbindende Überschrift der zwölf in den vergangenen fünfzehn Jahren entwickelten Projekte aus den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Deutschland (Frankfurt und Berlin) lauten - Industriebrachen sind zu pulsierenden Flussuferparks geworden (Oslo und Rouen), auf Parkhäusern Orte für Bewegung und Begegnung entstanden (Kopenhagen), Problemviertel in lebenswerte Anziehungspunkte verwandelt worden (Kopenhagen). Ob mit Bällen, Bikes oder Boards, die Zahl der Sportarten, die sich dort ausüben lassen, ist beachtlich."
Weitere Artikel: Hanno Rauterberg (Zeit) bekundet sein Missfallen über das Projekt, das das Unternehmen Shift in Rotterdam plant: Fünf Architekturbüros sollen um den Zuschlag für ein social enterprise buhlen, das eine Art "Kleinstgebirge" darstellen soll. Die Stiftung Exilmuseum Berlin wird ihr an der Portalruine des ehemaligen Anhalterbahnhofs geplantes Museum nicht realisieren, nachdem die Kosten von geplanten 27 Millionen auf mindestens 130 Millionen Euro gestiegen sind, meldet Niklas Maak in der FAZ.
Zum 250. Geburtstag der USA stellt die 82. Ausgabe der Whitney-Biennale in New York die Frage nach dem Stand der Kunst in der Gegenwart. Klare Antworten gibt es nicht, stattdessen konzentriert man sich auf "Zwischentöne", bemerkt Frauke Steffens in der FAZ. In den meisten Werken macht sie allerdings Trauer und Verzweiflung aus: "Draußen auf der Terrasse läuft man auf einen Ofen mit Schornstein aus Glaskacheln zu, der einsam in der Landschaft steht; das Haus, das einmal da war, ist nicht mehr. So standen nach dem Feuer in Los Angeles vergangenes Jahr viele Öfen und Schornsteine als einzige Überbleibsel. Kelly Akashi erinnert sich mit 'Monument' an ihr verlorenes Heim in Altadena - und mit 'Imprints', filigranen Papierarbeiten hinter Glas, an die Spitzendecken ihrer Großmutter, die im Feuer verloren gingen."
Tracey Emin: The End of Love. 2024. Tate Purchased with funds provided by A4 Arts Foundation. Foto: Tracey Emin Hanno Rauterberg (Zeit) ist erkennbar kein Fan von Tracey Emin, auch nicht, nachdem er in London in der Tate Modern eine Ausstellung gesehen hat, die "größer und ehrerbietiger" nicht sein könnte. Warum stört sich niemand an ihren "Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-stark-bist-Mantras" oder an ihrer penetranten Selbstoffenbarung, fragt er: "Nichts ist Tracey Emin peinlich, dafür wird sie bewundert. Ungeniert spricht sie nun auch über ihre Krebserkrankung 2020, darüber, dass sie keine Blase mehr hat, auch keine Harnröhre, keine Gebärmutter. Ohne Scheu präsentiert sie auf Fotos ihren geschundenen Körper, Urinbeutel inklusive, ob bei Instagram oder im Museum. Für sie war der Krebs eine richtiggehende Zäsur, sie führt seither ein second life, so nennt sie das, und so heißt auch ihre Ausstellung."
In der Welt platzt Hans-Joachim Müller der Kragen: Nach 20 Jahren und 95 Millionen Euro ist das Freiburger Augustinermuseum saniert worden, aber statt den oberrheinischen Barockgemälden Platz zu geben, wird der Anspruch des Museums auf "Kita-Format" geschrumpft: "Nun könnte man ja alles als Provinzposse abtun, wenn es auf eine Art nicht doch auch symptomatisch wäre. Symptomatisch für einen hochgemuten Kunstbetrieb, der seine offensichtlichen Leerstellen nur noch mit Zeitgeist füllt." Also gibts "für die Frauen eine kleine Fotosammlung 'Frauen in Freiburg', für die Klimaretter ein Original-Fridays-for-Future-Plakat aus dem Jahr 2019. ... immer ist irgendwo Kursus im Haus, und die ausgestellten Stücke sind nichts anderes als Belegmaterialien". Dass man im Museum schauen, staunen und selber denken will, "scheint allmählich dem Unterweisungsdrang völlig geopfert".
Zeit-Kritiker Jens Balzer ist begeistert von HarryStyles' neuem, in den Berliner Hansastudios entstandenem Album "Kiss All the Time. Disco, Occasionally". Der Musiker öffnet sich darauf "der elektronischen Pop- und Clubmusik" in ihren glamouröseren statt düsteren Varianten, auch musikhistorische Experimente traut er sich: "Hier blubbert ein Modular-Synthesizer, dort piepst ein Unterwasserortungsgeräusch, einmal verweht auch das Wimmern eines Theremin. ... Über einem glitzernden Synth-Arpeggio wie aus der Kosmischen Musik der Siebzigerjahre erhebt sich in dem Stück 'Pop' allmählich eine gleißende Gitarrenfigur; und das Finale 'Carla's Song' ist eine warm schwebende Spätsommerballade, die sich mitItze-itze-Hi-Hats ganz plötzlich in eine flotte Rave-Nummer verwandelt. Alle Beteiligten ... beherrschen die Dynamik von Elektropop-Songs ebenso wie jene von Clubmusik-Strecken, und sie verstehen es, verbliebene Sprengsel des Brit-Rock-geprägten Solofrühwerks von Styles in das Gesamtbild zu fügen."
Weiteres: Im Standardporträtiert Christoph Irrgeher den Dirigenten Semyon Bychkov. Joachim Hentschel erzählt in der SZ von seinem Besuch in den Proberäumen von Modeselektor, die seit den Neunzigern in der Berliner Technoszene umtriebig sind. Besprochen werden die nun auf CD veröffentlichte Aufnahme des einzigen Wagner-Konzerts, das der vor zehn Jahren verstorbeneNikolausHarnoncourt je dirigiert hat (FR), FrauKraushaars Album "Gurke Kartoffel Ahnung" (taz) und JillScotts Album "To Whom This May Concern" (NZZ).