Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.05.2026. Die taz ist verblüfft über den Zynismus, der in den Biennale-Pavillons von USA und Russland vorherrscht: "They don't give a shit". Critic.de verliebt sich bei der Valerio Zurlini-Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin nochmal frisch in Alain Delon. Die Nachtkritik trifft in Calixto Bieitos Inszenierung von Benjamín Labatuts Stück "Maniac" die Frauen um den Mathematiker John von Neumann, der die Atombombe mitentwickelte. Ein neuer Schlingensief ist Milo Rau leider nicht, konstatiert backstage classical.
Genervt vom politischen Getöse rund um die Biennale, kann Sophie Jung (taz) insbesondere beim Besuch des amerikanischen und des russischen Pavillons nur den Kopf schütteln. Während im ersten "der Bildhauer Alma Allen seine Kringelwürste aus hochpolierter Bronze" überraschend "gleichgültig" abgelegt hat, geht es im russischen Pavillon ziemlich "schräg" zu: "Umgeben von wuchtiger Blumendeko, führte ein einsamer Musiker aus Sibirien seinen Kehlkopfgesang auf. In der oberen Etage welken noch mehr Blumen in einfachen Plastikkübeln vor sich hin, von einer zusammengezimmerten Bar aus werden Drinks mit billigem Finsbury-Gin ausgeteilt. Zwei Langhaarige holen auf unwillig mit Handtüchern bedeckten Pappkartons einen dunklen Ambient-Sound aus ihren Laptops. Das soll also das berüchtigte Performance-Programm sein, verantwortet von Anastasia Karneeva, der kompromittierten Tochter eines russischen Rüstungsunternehmers? Man hatte vielleicht putinistische Propaganda und Oligarchenprunk vermutet, aber doch nicht so einen Trash. (...) Das ist nicht feige, wird einem an diesem desolaten Ort mit gintonicbeklebtem Boden klar, das ist perfide. They don't give a shit."
Jonathan Guggenberger hat für die FAZ am Rande der Protesten von Pussy Riot vor dem russischen Pavillon mit der russischen Exilkünstlerin Nadya Tolokonnikova gesprochen, die die Proteste anleitete. Hineinzugehen habe sie "'nicht gepackt', sagt sie, 'aber ich bin vor der Tür gestanden, mit einem T-Shirt der Ukrainischen Verteidigungsarmee.' Gegen Vorwürfe italienischer Agitationsjournalisten, sie wolle russische Kunst zensieren, wehrt sie sich mit müdem Lächeln und sagt in deren Kamera: 'Ich bin nicht hier, um zu zensieren, ich bin hier, um eine Alternative zu zeigen, die Kunst von denen, die Russland zensiert.'"
Die Künstlerin Sung Tieu hat den deutschen Pavillon mit winzigen Kacheln als DDR-Plattenbau nachgebaut (mehr hier). Gleichzeitig ist das Mosaik eine Anspielung auf jene Häuser in Rostock-Lichtenhagen, die zum Ziel rassistischer Gewalt wurden, wie Tieu im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn erklärt: "Ich beziehe mich auf das Fliesenmosaik des dortigen Sonnenblumen-Hauses. Anfang der 1990er Jahre stand es im Mittelpunkt der Gewalttaten gegen vietnamesische Vertragsarbeiter*innen der DDR, die dort lebten. Auch in der Gehrenseestraße gab es den Versuch, den Wohnblock zu stürmen, aber die Nachbarschaft hielt die ausländerfeindlichen Angreifer auf. Schon Hans Haacke bezog sich 1993 auf die Pogrome mit seinem Pavillon. Ich mache dies jedoch aus der Perspektive der Betroffenen. 1992 war ich bereits in Deutschland, 1994 bin ich in die Gehrenseestraße gezogen. Ich trage während der Biennale-Eröffnungstage Kleidung mit Zeitungsartikeln über Rostock-Lichtenhagen und rechtsradikale Gewalt in der Gehrenseestraße - zwei Wohnblocks, die auch viel Polizeigewalt zu spüren bekommen haben."
Außerdem: In der Welt berichtet Boris Pofalla von der Biennale und ist sich nicht ganz sicher, was er von Florentine Holzingers österreichischem Beitrag halten soll. Ob das feministisch ist? "Da steht sie stundenlang nackt mit Tauchermaske im Wassertank, lässt einen Jetski im Kreis fahren, Frauen kopfüber in einer Glocke schwingen und menschliche Abwässer live recyceln." Für die SZ macht Jörg Häntzschel einen Gang durch die von der verstorbenen Künstlerin Koyo Kouoh kuratierte Hauptaustellung " In Minor Keys". Auf den Bilder und Zeiten - Seiten der FAZ besichtigt Jan Nicolaisen Skulpturen in öffentlichen Parks in Paris. Besprochen wird die "Richard Prince"-Ausstellung in der Albertina in Wien (FAZ).
Lächelnde, weiche Lippen: Valerio Zurlinis Blick auf Alain Delons Blick Das frisch wiedereröffnete Berliner Kino Arsenal widmet seine erste Retrospektive dem italienischen Regisseur ValerioZurlini. Der hat "nie einen Film zweimal gedreht" und ja sowieso insgesam nur acht, aber "jeder einzelne ist die Entdeckung wert", schreibt Lukas Foerster auf critic.de: "Den wechselnden Moden der kommerziellen Produktion steht sein Werk fern; zur mit sich selbst identischen Autorenfilmer-Marke ist er allerdings auch nie geworden." Am ehesten ist er ein Regisseur der Blicke, schreibt Foerster: "Lieben heißt" bei ihm oft, "einen Menschen anzublicken. Besonders oft blickt AlainDelonSoniaPetrovna an. ... Es ist ein Blick, der Veränderung negiert, Zeit stillstellt und den Blickenden in einer ewigen Gegenwart einschließt. Fast immer ist es ein männlicher Blick, aber fetischisiert wird nicht das weibliche Blickobjekt, sondern das männliche Blicksubjekt. So makellos schön Sonia Petrovna ist: 'La prima notte di quiete' ist in erster Linie ein Film über die Sehnsucht in Alain Delons Augen, über das offene Lächeln, das seine weichen Lippen umspielt."
Weiteres: Die Schauspielerin Q'oriankaKilcher verklagt JamesCameron, dem sie vorwirft, ihre Gesichtszüge als 16-jährige Pocahontas aus Terrence Malicks "The New World" ohne Absprache für seine "Avatar"-Filme verwendet zu haben, meldet Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Vorwurf ist auch deshalb brisant, weil Cameron sich mit seinen 'Avatar'-Filmen als Verteidiger der Rechte indigener Menschen einen Namen gemacht hatte." Susanne Gietl spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin TrineDyrholm.
Besprochen werden die Ausstellung "Inventing Queer Cinema" in der Deutschen Kinemathek in Berlin (FD, Tsp), MahnazMohammadis iranischer Film "Roya" (FAZ, hier und dort unsere Resümees von Gesprächen mit der Regisseurin), ValeryCarnoys Boxer-Jugenddrama "Wild Foxes" (critic.de), CharliePolingers "The Plague" (critic.de) und David Dietls "Ein Müncher im Himmel" ("Die Geschichte zieht sich zäh von Gag zu Gag", gähnt Manuel Brug in der WamS).
Dass GünterGrass dem englischen Philologen John Reddick 1970 einen ansehnlichen Teil seiner Manuskripte zu "Die Blechtrommel" überließ, wird der Philologie erst jetzt bekannt, da die Akademie der Künste in Berlin diese Papiere erworben und der Öffentlichkeit präsentiert hat. Der von Grass befeuerte Mythos, dass die Vorarbeiten zu seinem Roman in den Ofen gegangen seien, und die philologische Vorstellung, dass der Roman aus einer im vitalistischen Schöpfungsrausch entstandenen "Urtrommel" hervorgegangen sei, sind beim Blick in die Dokumente vom Tisch, schreibt Lothar Müller in der SZ. Vielmehr lässt das Material "die skrupulöseAkribie hervortreten, die Kaskade von Minimalarrangements, das tastende Voranschreiten im Arrangement der ursprünglich 40 zu den 46 Kapiteln der Druckfassung." Für den Literaturwissenschaftler Dieter Stolz " ist der wichtigste Neuzugang im Archiv der Berliner Akademie das nun präsentierte 'Werknotizbuch' zum Jahr 1957, das eine Lücke in den Werktagebüchern schließt. ... Die Archivarin Radecke sieht die Bedeutung dieses Werktagebuchs darin, dass es nicht nur die Frühgeschichte der Arbeit an der 'Blechtrommel' dokumentiert, sondern zugleich die wechselseitigeDurchdringung von Szenenentwürfen und Romankapiteln erkennen lässt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Da werden LászlóKrasznahorkais sich gerne mal über sechzig, siebzig Seiten erstreckende Sätze zu leicht überschaubaren Gebilden: Nicht nur JonFosses Romanreihe "Der andere Name" und AndrásViskys"Die Aussiedlung" bestehen nur aus einem einzigen Satz, sondern auch "Angel Down", DanielKraus' eben mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman über einen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gefallenen Engel. "All diese Romane haben nicht nur die langen Sätze gemeinsam, sondern auch den Gegenstand", schreibt Felix Stephan in der SZ. "Es geht in jedem dieser Bücher auf die eine oder andere Weise um das Sakrale, sie alle befinden sich in einem Austausch mit Gott. Und sie alle scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass man vom Ewigen nicht in derselben Interpunktion sprechen kann, in der man seine E-Mails ans Finanzamt schreibt. Auf diese Weise scheint der endlose Satz jetzt im 21. Jahrhundert den Platz eingenommen zu haben, den Blaise Pascals 'Phrase du Grand Siècle' einst im 17. Jahrhundert innehatte: Er ist die ultimative Satzform, das Gesicht der Literatur."
Weitere Artikel: Im "Literarischen Leben" der FAZ ist sich der Verleger und Buchwissenschaftler Mark Lehmstedt anhand der jugendlichen Aufzeichnungen des späteren Verlegers Carl Friedrich Frommann ziemlich sicher, dass sich Mignons Eiertanz in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - und auch andere Aspekte von Mignon - auf die Darbietungen einer Schaustellertruppe zurückführen lässt, die Goethe 1780 beim Besuch der Leipziger Ostermesse gesehen haben könnte. Der SchriftstellerFrankWitzel denkt in "Bilder und Zeiten" über den Übergang von Saulus zu Paulus nach.
Besprochen werden unter anderem VolkerReinhardtsRousseau-Biografie (FR), LaraRüters "Affenliebe" (taz), HryhirTjutunnyks "Drei Kuckucke und eine Verbeugung" (FR), HirokoOyamadas "Die Fabrik" (taz), ArminThurnhers "Unsternstunden der Menschheit: Wie die Welt unerträglich wurde" (taz), NnediOkorafors "Tod der Autorin" (Presse), MajaIskras "Uppercut" (NZZ), LenaGoreliks "Alle meine Mütter" (SZ), Katja Hoyers "Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte" (WamS) und weitere neue Sachbücher, darunter SusanneSchregels "Intelligenz. Eine Geschichte des Unterscheidens in Deutschland und Großbritannien (1880-1990)" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Röhnert über GiselaKrafts "iran für thomas ogger":
" schneiden töne steine ein übertönt das blut den wein ..."
Milo Rau wäre wohl gerne der neue Schlingensief, meint Axel Brüggemann bei Backstage classical mit Blick auf die große Schlingensief-Retrospektive bei den Wiener Festwochen, die nächste Woche eröffnet. Nur leider gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden: "Während Schlingensief unser Gemeinwesen durch Provokation zum Nachdenken bringen wollte, will Rau unsere Wirklichkeit innerhalb seiner ästhetischen Grenzen erziehen. Schlingensief war ein anarchischer Provokateur, Rau ist dagegen ein kleinbürgerlicher Kultur-Oberlehrer." Statt "die Kunst in die Wirklichkeit zu pflanzen, nutzt er den Raum der Kunst als Safe-Space, in den er die Provokateure der so genannten 'echten Welt' lockt, um hier Schein-Kämpfe auszufechten. Dann lässt er Nazis auf Demokraten los, Juristen auf den Rechtsstaat oder Künstler auf die Politik. Über all das regen sich dann einige auf - und irgendwann schließt sich der Vorhang wieder."
Weitere Artikel: Über zehntausend Stunden Opernmusik hat der Bootlegger Leroy A. Ehrenreich in seinem Leben illegal mitgeschnitten, berichtet Michael Stallknecht in der NZZ - die Hochschule Bern hat den Nachlass gekauft, rechtlich ist die Lage kompliziert. In der tazzieht Hilka Dirks eine Zwischenbilanz des Berliner Theatertreffens. Besprochen werden Marie Schwesingers Inszenierung von "Sturm auf Berlin" am Berliner Ensemble (FR), Ingmar Ottos Inszenierung von Bernd Schmidts Stück "Achtsam morden" in der Frankfurter Komödie (FR) und Christoph Marthalers Inszenierung von "GmbH - Gesellschaft mit besonderer Hingabe" in Zusammenarbeit mit dem Theater Hora am Theater Basel (SZ).
Thomas Wochnik ärgert sich im Tagesspiegel-Kommentar über den erfolgreichen Beschluss der in den letzten Wochen kontrovers diskutierten GEMA-Reform, umso mehr da diese nun in der Öffentlichkeit als "endlich Förderung für alle" annonciert werde. Beschlossen wurde da "offenbar eine Art Elitenfördersystem: Einfach ausgedrückt können fortan Top-Performer aus egal welchem Bereich Förderungen abgreifen, während weniger ausgelastete Musikschaffende auf der Strecke bleiben. Was künstlerisch wertvoll und damit förderfähig ist, regelt in Zukunft also der Markt. ... Wollen wir eine Gesellschaft sein, die sich mit ihren Minderheiten solidarisiert und sie schützt? Oder wollen wir eine Mehrheitskultur, in der sich nur das durchsetzt, was der breiten Masse gefällt? Und in der jede Form von wirtschaftlich risikobehaftetem Experiment nur Menschen vorbehalten bleibt, dieessichohnehinleistenkönnen. Eben diese Frage hätte die Gema offen zur Abstimmung stellen müssen."
Carolin Gasteiger porträtiert in der SZ den Pianisten SofianePamart, der mit seiner popstar-artigen Hipster-Inszenierung die Likes und Streams millionenfach einffängt. Aber "rätselhaft bleibt, was das Einende ist, das sie alle an Sofiane Pamart finden. Vielleicht doch der Eskapismus? Pamarts wollweiche, tröpfelnd-fließendeMusik bietet ja den perfekten Fluchtort in einer harten Welt. Ähnlich wie das boomende Literatur-Genre Romantasy. Mit klassischer Musik hat das schnell nur noch bedingt zu tun. Die Zuschreibung 'neoklassisch' hört er trotzdem nicht gerne. Was nun diese kleine Ironie bringt: Der Pianist/Rapper/Entertainer Chilly Gonzales (laut Pamart ein Freund) spießt in seinem Song 'Neoclassical massacre' verdächtig exakt das auf, was Pamart macht: 'There's a new algorithm/ It's pitching your pieces/ To someone in their kitchen/ Trying to finish their thesis (oh no)'."
Außerdem: Ruth Lang Fuentes berichtet in der taz vom Femua-Festival in Côte d'Ivoire. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS den Musiker Christopher von Deylen alias Schiller. Anlässlich der von Trump verordneten weiteren Truppenabzüge aus Deutschland erinnert sich Willi Winkler in der SZ daran, wie die GIs nach Deutschland kamen und die Popkultur mit im Gepäck hatten. Stefan Ender blickt für den Standard ins Programm der Styriarte in Graz. Das Tonhalle-Orchester Zürich hat sein Programm für die kommende Saison vorgestellt, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Folksänger Donovan zum 80. Geburtstag. Und Christiane Lutz ist in der SZ sehr begeistert von der durchchoreografierten Wucht des Musikvideos zu "Storm I & II" von Gener8ion und YungLean.
Besprochen werden ein von DaliaStasevska dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), ein Konzert der Harfinistin BrandeeYounger mit der HR-Bigband (FR) und Pigeons Album "Outtanational", die mit ihrer Mischung aus "Soul, Funk und vor allem auch Afrobeat" Standard-Kritiker Christian Schachinger durchaus begeistert: "Wiederhören macht Freude."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Lina Muzur: Frauenprobleme Lina Muzur erhält 33 Sprachnachrichten von Frauen, die in der Mitte des Lebens stehen - eine moderne Bestandsaufnahme einer ganzen Generation und ein kollektives Porträt…
Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block, einem fast 17 Tonnen schweren Ungetüm aus massivem Marmor. Noch Monate nach der verhängnisvollen…
Mascha Kaleko, Thomas M. Müller: Abrakadabra in der Sullivan Street Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. 'Abrakadabra in der Sullivan Street' gehört zu den Fundstücken aus dem Nachlass von Mascha Kaléko. Es begleitet die Kinder…
Sam Apple: Der Kaiser von Dahlem Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Heike Schlatterer. Eine packende Geschichte am Abgrund des Zweiten Weltkriegs - über den jüdischen Krebsforscher Otto Warburg…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier