Efeu - Die Kulturrundschau

Woher kommt dieser Aufbruchsgeist?

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06.03.2026. Die NZZ lernt im Kunsthaus Zürich dank Kerry James Marshall, wieviele Schwarztöne es gibt. Artechock und FAZ applaudieren Kristen Stewart, die in ihrem Regiedebüt "The Chronology of Water" wahre Wunder vollbringt. Die FAZ betrachtet in Kopenhagen die frühen Schädel von Jean-Michel Basquiat. Und die Feuilletons trauern um den großen Schriftsteller António Lobo Antunes
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2026 finden Sie hier

Kunst

Kerry James Marshall, De Style, 1993, Los Angeles County Museum of Art, purchased with funds provided by Ruth and Jacob Bloom. © Kerry James Marshall. Foto by Jack Hems

Endlich bekommt die Kunst afroamerikanischer und afrikanischer Künstler mehr Sichtbarkeit, freut sich Philipp Meier in der NZZ. Das Kunsthaus Zürich zeigt mit Kerry James Marshall einen Wegbereiter schwarzer Kunst. "Marshall ist als Maler ein Virtuose der Nicht-Farbe Schwarz. Er bedient sich verschiedener schwarzer Pigmente, um Hautfarben darzustellen: Elfenbeinschwarz, Marsschwarz und Russschwarz mischt er mit anderen Farben, um ein vollchromatisches Schwarz wiederzugeben: eine Farbe, die in ihrer Dunkelheit alle Farben zu verschlucken scheint. 'Wenn man Schwarz sagt, sollte man Schwarz sehen', sagt der Künstler selber von seiner Malerei. Und obwohl seine Schwarztöne äußerst komplex sind, versucht er nie, all die unterschiedlichen Brauntöne echter Haut wiederzugeben. Seine Figuren - Männer, Frauen, Kinder, Alte und Junge - sind zwar stets Individuen mit einer Persönlichkeit. Gleichzeitig beschwört Marshall mit ihnen aber das Schwarzsein schlechthin und streicht es heraus als wesentliches Merkmal seiner Kunst."

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FAZ
-Kritikerin Ursula Scheer versteht beim besten Willen nicht, weshalb Jean-Michel Basquiat seine frühe Ölkreidezeichnungen von Köpfen zeitlebens nicht ausstellen wollte. Zum Glück zeigt das Louisiana Museum bei Kopenhagen nun 49 Zeichnungen als Werkschau: "Die Zeichnungen bieten keine Ansichten, sondern evozieren Innensichten. Aus einem fast skelettierten Schädel starren Augäpfel; schwarzes Drahthaar entspringt der En-Face-Darstellung des Gesichts eines Mannes mit aufgerissenem Mund; an eine Micky Maus mit Dornenkrone lässt eine Zeichnung denken, die aus dem Spiel mit den Möglichkeiten einer einzigen schwarzen Linie entstanden ist. (…) Ohne Körper, Gliedmaßen oder Umgebung prangen die meisten Köpfe zentral auf den Papierbögen, isoliert in einem unbestimmten Bildraum, meist ohne die für Basquiat typische Beigabe von Textfragmenten, Symbolen oder Zahlen."

Weitere Artikel: Eine gelungene Gegenüberstellung sieht Bettina Maria Brosowsky in der taz im Braunschweiger Museum für Photographie, das in der Ausstellung "Doppelleben - Spiegelbilder und Facetten künstlerischer Identitäten" die "Grand Dame der schwarzweißen Künstlerporträts" Angelika Platen mit der Finnin Elina Brotherus zusammenführt, die sich immer wieder selbst porträtierte. Besprochen wird außerdem die Thomas-Bayrle-Schau "Fröhlich sein!" In der Frankfurter Schirn Kunsthalle (SZ, mehr hier).
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Film

Für den Standard spricht Valerie Dirk mit Isa Willinger über deren neuen, auf critic.de, Artechock und im Filmdienst besprochenen Dokumentarfilm "No Mercy", in dem die Regisseurin die These vertritt, dass Frauen die härteren Filme drehen, insbesondere "wenn Frauen das Leben von Frauen direkt und unverblümt zeigen, also Erfahrungen jenseits idealisierter Fantasiebilder". Auf die Frage, ob es den zuletzt oft bemühten "female gaze", also den spezifisch weiblichen Blick gebe, reagiert Willinger mit einem entschlossenen "Jein. Es sind meist Filme von Regisseurinnen, die weibliche Erfahrung besonders zentrieren und diese mit bis dahin nicht gesehenen Details ausstatten. Oder Filme machen, in denen die weibliche Hauptfigur nicht wie ein Fotomodel aussieht." Aber "weil wir als Menschen Empathie und Fantasie besitzen, können theoretisch auch Männer solche Filme machen, wenn sie es denn wollen."

Erzählt in fluiden Bildern: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart

Willingers oben zitierter erster Satz dürfte wohl besonders auch auf Kristen Stewarts Regiedebüt "The Chronology of Water" zutreffen. Auf den Film über eine sexuell missbrauchte junge Frau, die ein Kind verliert, hatten wir bereits vergangenes Wochenende hingewiesen. "Wir sehen das Blut, das tote Baby, den leblosen Leib an der Brust der Mutter", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Es ist ein schmaler Grat, auf dem Stewart sich hier bewegt - sie hält die Balance, rutscht nicht in Mitleidsmanipulation oder Schmerzvoyeurismus ab. Später wird sie mit ähnlich kühlem Blick Sex und Körper in Ekstase einfangen. Sie weiß, wenn man stilistisch viel wagt - hier also im Schnitt wahre Wunder vollbringt und die Zuschauer herausfordert -, darf man auf anderer Ebene durchaus leisere Töne anschlagen." Diesen Film zu "sehen ist wie mit dem Kopf unter Wasser gehen", schreibt Dunja Bialas auf Artechock. "Diese erzählerische Freiheit hatte man sich von der fest im Filmbusiness verankerten Stewart nicht erwartet. Und auch nicht eine derart kraftvoll inszenierte Geschichte." Weitere Besprechungen auf critic.de und im Filmdienst.

Weiteres: Im Standard empfiehlt Valerie Dirk die Jafar-Panahi-Schau im Wiener Metro-Kino. Besprochen werden Ilker Çataks Berlinalegewinner "Gelbe Briefe" (Artechock, FD, unsere Kritik), der neue Dardenne-Film "Junge Mütter" (critic.de, Artechock, FD, unsere Kritik), Tobias Schmutzlers "Nawi - Dear Future Me" (FD), Maggie Gyllenhaals "The Bride" (Welt, critic.de, FDArtechock), Daniel Chongs Pixar-Animationsfilm "Hoppers" (critic.de, FD) und die Netflix-Serie "Vladimir" (Welt).
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Literatur

António Lobo Antunes (1942-2026), hier in einer Aufnahme von 2010 in Paris. (Bild: Georges Seguin, CC-BY-SA 3.0)

Die Feuilletons trauern um den portugiesischen Schriftsteller und langjährigen Nobelpreisanwärter António Lobo Antunes. Dass er bis 1985 Chefarzt und Psychiater einer Nervenklinik in Lissabon war, prägte seine Arbeiten, schreibt Barbara Möller in der Welt: "Die Vergangenheit war und blieb ihm traumatisierte Gegenwart, das Personal seiner Romane war stets seelisch deformiert. Man hat Antunes einen Exorzisten vom Rand der Welt genannt, weil ihn die Gespenster der Kolonialzeit und der faschistischen Diktatur einfach nicht losließen: die zähen Machtstrukturen einer überkommenen Zeit, die Resignation und der Selbsthass einer Gesellschaft, die in den langen Schatten der Salazar-Zeit stecken blieb." 

Seine literarischen Leistungen werden "zunächst an der breit und konsequent entfalteten Polyfonie deutlich, die in seinem Schreiben eine Vielzahl einander überlagernder Stimmen an die Stelle einer monologischen Erzählweise setzt", hält Eberhard Geisler in der NZZ fest. Antunes "hat damit künstlerisch wie auch politisch den Bann des Einheitsdiskurses überwunden, der sowohl vom Salazarismus in Portugal ausgegangen war, der klerikal-faschistische Züge trug, als auch vom moskautreuen Kommunismus, der lange Zeit die einzige ernstzunehmende Opposition darzustellen schien." Weitere Nachrufe schreiben Volker Weidermann (Zeit) und Paul Ingendaay (FAZ).

Besprochen werden unter anderem Esther Schüttpelz' "Grüne Welle" (FR, FAZ) und der vierte Band der Werkausgabe Walter Benjamin (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Besprochen wird Dominik Wieceks Choreografie "Glory Game", getanzt vom polnischen Sticky Fingers Club beim Tanzmainz-Festival (FR).
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Architektur

Frühestens 2031 ist mit einer Neueröffnung der Dauerausstellung im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums Berlin zu rechnen, teilte am Mittwoch dessen Präsident Raphael Gross mit - und nicht mal das ist sicher, seufzt Nikolaus Bernau im Tagesspiegel. Und natürlich fehlt, wie könnte es anders sein in Berlin, ein Ausweichquartier. Gross würde gern in die Räume ziehen, die das Stadtmuseum im Humboldt Forum derzeit noch für die Ausstellung "Berlin Global" nutzt, aber "zuständig für diese Räume ist das Land Berlin. Und das plant nach dem Ende von 'Berlin Global' für etwa 20 Millionen Euro eine Ausstellung über 'Freiheit'. Deren Sinn ist allerdings, vorsichtig gesagt, denkbar vage. Gross hofft also, dass der Senat die Räume bis zum Ende der Sanierung des Zeughauses - wann immer das ist - an das DHM für dessen Dauerausstellung vergibt."

Noch schlechter sieht es bei der Suche nach einem Ersatzquartier für die Berliner Staatsbibliothek aus, die ab 2030 für elf Jahre geschlossen wird, stöhnt Robert Ide ebenfalls im Tagesspiegel: "Die Berliner Landesbibliotheken können kaum Ersatz bieten, sind sie doch selbst sanierungsüberfällig. Die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg ist schon lange zu klein, die Stadtbibliothek in Mitte modert schon viel zu lange vor sich hin, bevor sie hoffentlich bald ins Kaufhof-Gebäude am Alexanderplatz umziehen kann. Die Hauptstadt hat ihr Gedächtnis verkommen lassen, nun ist es verkalkt."

Und wie sieht's am Berliner Alexanderplatz aus? Baustellen, leere Ladenlokale, Uringestank - und doch gibt es mit "The Berlinian", dem von der Signa-Gruppe begonnenen und dem Architekturbüro Kleihues + Kleihues entworfenen Hochhaus einen "eleganten" Lichtblick, atmet Boris Pofalla in der Welt auf: "Die die Decken tragenden Betonsäulen sind so weit nach hinten versetzt, dass die Ecken des Baus aus aneinanderstoßenden Glasscheiben bestehen und der Blick durch sie hindurchgeht." Auch weitere Hochhäuser sind in Planung, da fragt sich Pofalla dann doch: "Woher kommt dieser Aufbruchsgeist? Warum hat Berlin plötzlich den Mut, nach oben zu bauen, zu verdichten und wirklich urban zu sein? Von den verzagten Verhinderern der Gegenwart jedenfalls nicht - Hochhausbauten sind in Berlin heute politisch sehr umstritten. Die Idee aber stammt aus dem fernen Jahr 1993. Damals kämpfte Berlin mit den Folgen der Teilung und dem Verlust seines Sonderstatus als Außenposten der freien Welt. Aber die klamme Stadt machte auch große Pläne, erwartete einen enormen Wachstumsschub."

Weitere Artikel: Leonie C. Wagner fragt für die NZZ bei der Organisation des Pritzker-Preises, aber auch bei verschiedenen Architekurbüros nach, wie die Zukunft des Preises nach der Epstein-Affäre aussehen könnte (unsere Resümees) - und erhält keine Antworten.
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Musik

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Ein Beitrag geteilt von Anna Lapwood | Organist (@annalapwoodorgan)

Der britischen Organistin Anna Lapwood ist es "gelungen, eines der ältesten Instrumente Europas ins Tiktok-Zeitalter zu holen", staunt Michael Stallknecht in der SZ: Mit ihren Orgel-Interpretationen schmissiger Filmmusik hat sie erst Social Media und dann die bedeutendsten Konzertsäle der Welt erobert - eben gab sie ihr Debüt in der ausverkauften Berliner Philharmonie. "In jedem Konzert spielt sie auch mindestens einen älteren Klassiker für ihr Instrument. In Berlin ist es die Toccata von Eugène Gigout, ein gefürchtet schwieriges Werk. ... Lapwood rast mit mustergültiger Klarheit über Manuale und Pedale, ihre technische Virtuosität stellt selbst nach härtesten Klassikmaßstäben niemand infrage." Sie "lässt die Schuke-Orgel der Philharmonie nie dröhnen, zeigt eine auffallende Liebe für die weichen, pastellenen Register, die sie in oft unerwarteter Weise mischt, raffiniert und klar zugleich".

Weitere Artikel: Hartmut Welscher spricht für VAN mit Midori Seiler, die seit 2025 das Orchester Anima Eterna leitet. Victor Efevberha führt in der taz anhand einer neuen Biografie durch das Leben des 2000 verstorbenen DJ Screw, der mit seinen Vinyl- und Hustensaft-Experimenten entschieden zur Verlangsamung des für Houston typischen Rapsounds beigetragen hat. Robert Mießner stellt in der taz das Rebetiko Orchestra Berlin vor. Die Konferenz der Landesmusikräte protestiert in einem Appell an den SWR gegen eine angedachte Verkleinerung der Deutschen Radio Philharmonie zu einem Kammerorchester, meldet VAN. Jan Wiele (FAZ) und Joachim Hentschel (SZ) gratulieren David Gilmour von Pink Floyd zum 80. Geburtstag. Holger Noltze erinnert in VAN an den afroamerikanischen Komponisten Edmond Dédé, dessen 1887 fertiggestellte Opr "Morgiane, ou, Le Sultan d'Ispahan", die jetzt erstmals eingespielt wurde. Ein Auszug:



Besprochen werden das neue Album von Harry Styles (FAZ, mehr dazu bereits hier), das neue Album der Gorillaz (taz), eine Box mit den Platten von The Colourfield (FR) und das neue Album der Kölner Neo-Krautrockband Urlaub in Polen (Jungle World).

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