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09.03.2026. Dass Russland seinen Pavillon auf der Biennale in Venedig dieses Jahr wieder selbst bespielen soll, sorgt für großen Unmut beim Tagesspiegel. Armin Petras bringt in Bremen Tolstois "Krieg und Frieden" auf die Bühne: Ein Stück voller emotionaler Kraft und Gegenwartsbezüge, wenn auch am Ende etwas zu melodramatisch, finden die Kritiker. In Nürnberg feiert Monopol die erste Ausstellung JuliaHeywards in Europa. Der Schriftsteller John Niven warnt in der SZ nicht lesende Männer vor dem Verlust ihrer Empathiefähigkeit. Die taz empfiehlt allerwärmstens Isa Willingers Doku-Film "No Mercy".
Wenn es nach Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco geht, soll Russland auf der nächsten Biennale wieder vertreten sein, meldet die FAZ. Er erhoffe sich davon einen wiederbelebten künstlerischen Dialog. Auch der russische Kulturbeauftrage Mikhail Shvydkoy hat den Auftritt seines Landes angekündigt, erklärt Birgit Rieger im Tagesspiegel. Die Organisatoren der Biennale reden sich damit raus, "dass die Nationalpavillons, in diesem Jahr sind es 99, souverän von den Staaten selbst organisiert werden. Die Leitung der Biennale entscheide nicht darüber, wer teilnehmen dürfe. Die Institution pocht auf ihre Neutralität. Allerdings hatte die Organisation 2022 noch öffentlich erklärt, dass sie jede Form der Zusammenarbeit mit der Regierung der Russischen Föderation aussetze. Proteste dürften nun in erster Linie vonseiten der Künstlerinnen und Besucher der Biennale zu erwarten sein."
Für Nikolaus Bernau ist das, ebenfalls im Tagesspiegel, nicht weniger als skandalös: "Hier geht es darum, mittels der Kunst Putins Diktatur und Russlands Kriege zu normalisieren. Die Künstler und Künstlerinnen werden wie die russische Bevölkerung insgesamt in Mithaftung genommen. Damit die Putin-Versteher im Westen weiter sagen können: Ist halt so im Osten, die wollen gar keine Demokratie und individuelle Freiheit, lasst uns wieder Gasverträge abschließen."
Julia Heyward: 360°, 1981. Foto: Lukas Pürmayr. Thinley Wingen freut sich für Monopol, dass die amerikanische Künstlerin Julia Heyward mit "Miracles in Reverse" im Kunstverein Nürnberg zum ersten Mal eine Einzelausstellung in Europa zeigt, deren zweiter Teil "Voices of Many Voices" im Westfälischen Kunstverein in Münster zu sehen ist. Heyward ist eine Pionierin der New Yorker Pictures Generation, die in den 1970er Jahren Pop Art und Underground mit visuellen, performativen und musischen Ausdrucksformen verbindet, erzählt Wingen: Sie "interessierte sich für mongolischen Kehlgesang ebenso wie für subsaharisches Jodeln; die Musikalität ihrer Sprache speiste sich auch aus der Predigttradition ihres Vaters, eines Pastors aus South Carolina. Ihre Stücke waren direkte, bisweilen konfrontative Auseinandersetzungen mit Feminismus, Natur, Religion und Körper - Themen, die im Nürnberger Parcours als unterschwellige Spannung präsent sind." Zum Beispiel in ihren "Schwarz-Weiß-Fotografien aus den frühen 1970er-Jahren: Mehrfachbelichtungen, einfache Setzungen, Gestenstudien. Heyward blickt frontal in die Kamera, probiert Haltungen aus, hebt den Arm wie zu einer einstudierten Bewegung. Konturen überlagern sich, Identität erscheint als etwas, das sich durchspielen lässt."
Weiteres: Sebastian Moll ist für die taz auf der Whitney-Biennale in New York unterwegs.
Keine Gnade! Szene aus Isa Willingers Film "No Mercy"
Alle Männer sollten sich IsaWillingers Dokumentarfilm "No Mercy" ansehen, findettazler Benjamin Moldenhauer. In ihrem Film beschäftigt sich Willinger mit der These, ob nicht Frauen die härterenFilme drehen. Doch der Film "erzählt auch davon, welche Möglichkeiten sich auftun und entfalten lassen, wenn die Beschränkungen dessen, was so als natürlich gilt, graduell (und symbolisch) aufgelöst werden und die Festschreibungen an Macht verlieren. Das erstmalige oder das Wiedersehen von Filmen, die einen anderen Blick auf Körper, Sexualität und Macht und damit auch auf Liebes- und Arbeitsbeziehungen ermöglichen. ... Man sieht in den Filmen von als Frauen sozialisierten Menschen potenziell andere Dinge als in Filmen von männlich sozialisierten Menschen. Einen Blick auf die Welt, dessen Voraussetzung nicht sozialisationsbedingte Verpanzerung, Härte- undGrößenfantasien sind. Die Erleichterung und der Druckabfall sind enorm." Hier resümierten wir bereits ein Gespräch mit Willinger über ihren Film.
"Der Tod wird kommen", der neue Film von Christoph Hochhäusler In den Filmen von ChristophHochhäusler "spürt man unentwegt den seltsamen Schmerz, einMenschzusein", schreibt Lukas Barwenczik in einem Filmdienst-Essay über die Filme des Berliner Regisseurs anlässlich des anstehenden Kinostarts von "Der Tod wird kommen". Für Barwenczik ist Hochhäuslers Kino "ein Kino über Macht. Früher schien die visuelle Dramaturgie der Enthüllung ganz einfach: Mit Kameras hat man das Verborgene sichtbar gemacht", doch heute "ist alles durchsichtig", denn "die verrauchten Hinterzimmer sind längst Glaskästen, alles ist durchschaubar und opak zugleich. ... Es ist kein Verschwörungskino, aber eine Grundparanoia lässt sich kaum verleugnen. Immer gibt es auch einen Blick von außen und einen voyeuristischen Grundton. Es ist kein Verschwörungskino, aber es passt gut in die Zeit der Epstein-Files, in der Macht zunehmend als etwas Entrücktes verstanden wird, das sich in der selbstzweckhaften Transgression gefällt."
Besprochen werden MaggieGyllenhaals "The Bride" (FAZ), AxelGerdaus und PeterWolfs Dokumentarfilm "On the Wave" über den Surfer SebastianSteudtner (SZ), die Netflix-Serie "Vladimir" (Welt) und die auf Amazon gezeigte Krimi-Serie "56 Days" (NZZ).
"Krieg und Frieden" in Bremen. Foto: Jörg Landsberg.
Zeit-Kritiker Tobi Müller kommt zwiegespalten aus Armin Petras' Inszenierung von Tolstois Roman "Krieg und Frieden" am Theater Bremen: "Petras zeigt diese emotionale Zerstörungskraft theatral schlau, indem er die Figuren in eine beschleunigte Zeit schickt. Rastlos wird in den Kriegspausen Geld verspielt. Und gleich dreimal wird überstürzt Liebe geschworen, verlobt, geheiratet, duelliert. Die Zeit ist ganz buchstäblich aus den Fugen". Das hat viel Humor, lobt der Kritiker. "Umso seltsamer wirkt es, wenn Armin Petras für die letzte Stunde ein Melodram aus dem Roman schnitzt." Am Ende dreht der Regisseur die Geschlechterverhältnisse um, was Müller nicht ganz behagt: Petras errichte einfach "eine neue Front. Sie ist jetzt weiblich und steht an der Rampe. Diese Frauen saufen Blut statt Wodka, während die Männer auf dem Totenbett Transfusionen kriegen. Ob das Sterben so wirklich aufhört?"
Nachtkritiker Andreas Schnell sieht in der Geschichte um Krieg, Revolution und Menschlichkeit viele Hinweise auf die Gegenwart: "Das letzte Wort haben zwei alte weiße Männer, die sich, als der Rest der Gesellschaft sich schon wieder dem Leben widmet, auf die Suche nach der nächsten Front machen. Dass sie sich selbst kaum noch auf den Beinen halten können, macht sie nur noch gefährlicher - aber stiftet auch ein wenig Optimismus, denn ihre Zeit läuft ab. Zumindest an diesem Abend. Dass Petras diese Pointe am Vorabend des Internationalen Frauentags setzt, ist vielleicht der dringlichste Fingerzeig für unsere Gegenwart, in der sich mächtige Männer mit Elan in immer neue Kriegsabenteuer stürzen."
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper unterhält sich im Tagesspiegel mit Thomas Ostermeier über Gier im Theater. Timothée Chalamet erklärte kürzlich, für Oper und Ballett würde sich niemand mehr interessieren: Axel Brüggemann widerspricht für Backstage Classical entschieden. In Bern hat das Tanzfestival "Steps" begonnen, Lilo Weber berichtet in der NZZ.
Besprochen werden Guy Clemens Adaption von Benedict Wells' Roman "Vom Ende der Einsamkeit" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), Daniela Löffners Inszenierung von Patricia Highsmiths Roman "Der talentierte Mr. Ripley" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Mareike Fallwickls Roman "Die Wut, die bleibt" wird von Sandra Strunz am Rheinischen Landestheater Neuss auf die Bühne gebracht (nachtkritik), "Die Orestie" nach Aischylos, Regie führt Adena Jacobs am Schauspiel Köln (nachtkritik), Anja M. Wohlfahrts Inszenierung "Lonely Hearts Club" am Deutschen Theater Berlin (taz), Guiseppe Verdis "Rigoletto", inszeniert von Barbara Wysocka an der Bayerischen Staatsoper (SZ), Michael Bulgakows "Meister und Margarita" an den Münchner Kammerspielen, Regie führt Jette Steckel (SZ).
Im Tagesspiegelberichtet Kai Müller, dass das für Mai angesetzte Berliner XJazz-Festival nun seitens der Veranstalter abgesagt werden musste, weil die BerlinerKulturförderung sich bis zuletzt nicht zu einer Ansage durchringen konnte, ob das Festival gefördert wird oder nicht. Klaus Walter widmet sich in einem FR-Essay der Konjunktur des Protestsongs.
Besprochen werden Mitskis Album "Nothing's About to Happen to Me" (NZZ), das neue Album von HarryStyles (FR, mehr dazu bereits hier), AnkaSchmids vorerst nur in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Melodie" über das Singen (NZZ), ein Konzert des Wu-TangClan in Wien (Standard), ein Jazzkonzert von BradMehldau mit der HR-Bigband (FR), Joe Bonamassas Tributalbum an B.B. King (FAZ) und VoodooJürgens' neues Album "Gschnas" (FAZ).
Der SchriftstellerJohnNiven warnt in der SZ davor, dass das Lesen (und vielleicht auch irgendwann das Schreiben) von Romanen zusehends eine rein weiblicheTätigkeit wird. Der Anlass mag etwas eitel sein - sein deutscher Verleger will ihm erstmals keine Lesereise mehr organisieren -, aber zumindest in einer Hinsicht macht er wohl einen Punkt: "Wenn es eines gibt, was uns der Roman lehrt - wohl mehr als jede andere Kunstform -, dann ist es Empathie. Auf drei- oder vierhundert Seiten (oder tausend, wenn man ein amerikanischer Romanautor ist) schlüpfen wir in die Haut eines anderen Menschen. Atmen durch seine Lungen. Gehen, wie man so schön sagt, eine Meile in seinen Schuhen. Und wenn es eines gibt, was wir Teenagern heutzutage - in Zeiten von Andrew Tate und Donald Trump - nahebringen sollten, dann ist es Empathie."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Die SchriftstellerinMarleneStreeruwitzdenkt in einem großen Essay im Standard über MelaniaTrump und Frauen in Machtpositionen nach. Angesichts der aktuellen Lage in Iran lohnt es sich, Christian Krachts zweiten Roman "1979" über einen schwulen Mann in den Wirren der iranischen Revolution wieder zu lesen, versichert Boris Pofalla in der Welt. Der SchriftstellerJoachimBessing erinnert sich unterdessen in der FAZ, wie er mit ChristianKracht 2001 in die Wirren des Bürgerkriegs von Sri Lanka geriet und sich beide in einem trostlosen Hotel verschanzen mussten: "Aus Verzweiflung spielten wir Schach." Oliver Jungen berichtet in der FAZ von der Lit.Cologne, bei der der SchriftstellerJulianBarnes einen seiner wohl letzten Auftritte hatte - und dies dann nicht etwa exklusiv, sondern auf einer Bühne mit ausgerechnet RobertHabeck. In der FAZ gratuliert Martin Kämpchen dem SchriftstellerShashiTharoor zum 70. Geburtstag. Außerdem sprechen Kolja Mensing und Jörg Plath im Dlf Kultur mit den für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Übersetzerinnen und Übersetzern.
Besprochen werden unter anderem JensAndersens Biografie über die SchriftstellerinToveDitlevsen (Jungle World), LauraFreudenthalers "Iris" (Standard), EliasHirschls "Schleifen" (NZZ), Gerhard J. Rekels Biografie der Sozialreformerin LinaMorgenstern (Standard) und MiriamMetzes Essay "Unerwidert lieben. Eine philosophische Tröstung" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau.
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