Efeu - Die Kulturrundschau
Bis alle Eminenzen am Tisch zufrieden sind
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2026. Die FAZ wünscht sich wieder mehr kleine risikofreudige Filme jenseits großer Budgets. 54books stellt die Onlineplattform Weiter Schreiben vor, die Texten von AutorInnen aus Kriegsgebieten ein Forum bietet. In der Welt erklärt der ukrainische Regisseur Anatolij Lewtschenko die "weiche Propaganda" der Russen in Mariupol. Die taz sehnt sich in Aarhus zurück nach der Renitenz des Punk. Außerdem lauscht sie dem blubbernden Amapiano von Moonshine. Und in der SZ befürchtet der italienische Regisseur Toni Servilio, dass Europa von autoritären Regimen aufgefressen wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
03.07.2026
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Film
Daniel Moersener holt mit seinem in der FAZ gehaltenen Plädoyer für den kleinen, wendigen, risikofreudigen Film, der sich um große Budgets und Fördergremien gar nicht erst schert, den Sound von Klaus Lemke zurück in die Feuilletons. Seine Lagebeschreibung: "Staatliche Fördergremien exorzieren alles Zufällige, Unbeherrschte aus ihren Produktionen. Bevor die erste Klappe fällt, wird der Stoff über Jahre zerredet, bis alle Eminenzen am Tisch zufrieden sind." Wie kommt man da wieder raus? "Man sollte versuchen, den Film in sieben Tagen und sieben Nächten abzudrehen und mit möglichst leichtem Gepäck, minimaler Ausrüstung und kleinsten Teams ins Feld zu ziehen." Denn "großes Kino lässt sich nicht planen, es entsteht rein zufällig aus einer Verkettung von Irrtümern". So "könnte sich innerhalb weniger Jahre etwas entwickeln, wovon alle zwar dauernd reden, das bisher aber kaum jemand gesehen hat: ein Kino, das tatsächlich vielfältig, unterschiedlich, andersartig und ungewöhnlich ist."
Besprochen werden Uwe Bolls von Elon Musk in die Charts gepushter, bodenlos rechtsradikaler Thriller "Citizen Vigilante", in dem ein Irrer unter Flüchtlingen, angeblich zu sanften Richtern und anderen Differenzierern ein Massaker anrichtet (taz), die Kino-Wiederaufführung von Isao Takahatas japanischem Animationsfilm-Klassiker "Die letzten Glühwürmchen", dessen Schilderungen des Kriegsalltags im Japan des Jahres 1945 Filmdienst-Kritiker Christian Meyer-Pröpstl nicht nur einen Kloß im Halse stecken bleiben lässt, die auf Arte gezeigte Serie "Happy Valley" (Welt) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Alice and Steve" (FAZ).
Besprochen werden Uwe Bolls von Elon Musk in die Charts gepushter, bodenlos rechtsradikaler Thriller "Citizen Vigilante", in dem ein Irrer unter Flüchtlingen, angeblich zu sanften Richtern und anderen Differenzierern ein Massaker anrichtet (taz), die Kino-Wiederaufführung von Isao Takahatas japanischem Animationsfilm-Klassiker "Die letzten Glühwürmchen", dessen Schilderungen des Kriegsalltags im Japan des Jahres 1945 Filmdienst-Kritiker Christian Meyer-Pröpstl nicht nur einen Kloß im Halse stecken bleiben lässt, die auf Arte gezeigte Serie "Happy Valley" (Welt) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Alice and Steve" (FAZ).
Literatur
Gerrit Wustmann freut sich auf 54books über den Erfolg der Onlineplattform Weiter Schreiben, die Texten von Autorinnen und Autoren aus Kriegs- und Krisengebieten ein Forum bietet und damit bereits zahlreiche Buch- und Magazinveröffentlichungen ermöglicht hat. Vielen von ihnen bot das Projekt eine erste Anlaufstelle. "Als die iranische Autorin Atefe Asadi, Jahrgang 1994, im Jahr 2021 nach Deutschland kam, kannte sie niemanden, war zuerst ganz auf sich gestellt. ... 'Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben, was meinem Schreiben früher Sinn und Kraft gegeben hatte: meine persische Sprache, meine Inspirationen und sogar meine Leserinnen und Leser', erinnert sie sich. ... Seither sei Weiter Schreiben für sie 'wie eine Familie' geworden. ... In den kalten Tagen des Exils war es wie eine kleine Flamme, die weiter brannte. In einer Zeit, in der ich wirklich nicht wusste, was ich mit meinem Leben und meinem Schreiben anfangen sollte, hat mich dieses Projekt daran erinnert, warum ich den Iran verlassen hatte: dass diese Entscheidung nicht falsch war und dass ich hier bin, um weiter zu erzählen.'"
Weitere Artikel: In der FAZ führt Stephan Berg durch die Literatur- und Filmgeschichte des Serienkillers und denkt darüber nach, ob dessen anhaltende Konjunktur viellleicht auch etwas mit dem "rücksichtslos egomanen, hegemonialen Politikstil" von Trump, Putin und Co zu tun hat. Hilka Dirks hat für die taz eine Tagebuch-Lesung des Schriftstellers Christoph Narholz besucht. Für Dlf Kultur spricht Susanne Führer mit dem Verleger und Autor Klaus Bittermann über dessen Leben und Werk. In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich Stefana Sabin Henry James' "Der Amerikaner" aus dem Jahr 1874. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Bernd Rauschenbach, der außerdem die Arno Schmidt Stiftung geleitet hat. Der Tagesspiegel kürt die besten Comics des Quartals - mit Flix' und Reinhard Kleists Lucky-Luke-Hommage "Die Grimm Brothers" auf Platz Eins.
Besprochen werden unter anderem Angelika Klüssendorfs "Trost" (FR), Thomas Kunsts "Masleboi" (Standard), die von Friederike Schilbach herausgegebene Anthologie "Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen" (Tsp), Charlotte Kerners Biografie "Pionierin der Moderne" über die Architektin und Designerin Eileen Gray (FAZ) und Florian Klenks Biografie "Ausreden" über die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner (SZ).
Weitere Artikel: In der FAZ führt Stephan Berg durch die Literatur- und Filmgeschichte des Serienkillers und denkt darüber nach, ob dessen anhaltende Konjunktur viellleicht auch etwas mit dem "rücksichtslos egomanen, hegemonialen Politikstil" von Trump, Putin und Co zu tun hat. Hilka Dirks hat für die taz eine Tagebuch-Lesung des Schriftstellers Christoph Narholz besucht. Für Dlf Kultur spricht Susanne Führer mit dem Verleger und Autor Klaus Bittermann über dessen Leben und Werk. In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich Stefana Sabin Henry James' "Der Amerikaner" aus dem Jahr 1874. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Bernd Rauschenbach, der außerdem die Arno Schmidt Stiftung geleitet hat. Der Tagesspiegel kürt die besten Comics des Quartals - mit Flix' und Reinhard Kleists Lucky-Luke-Hommage "Die Grimm Brothers" auf Platz Eins.
Besprochen werden unter anderem Angelika Klüssendorfs "Trost" (FR), Thomas Kunsts "Masleboi" (Standard), die von Friederike Schilbach herausgegebene Anthologie "Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen" (Tsp), Charlotte Kerners Biografie "Pionierin der Moderne" über die Architektin und Designerin Eileen Gray (FAZ) und Florian Klenks Biografie "Ausreden" über die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner (SZ).
Kunst

Punk war eine weltweite Rebellion gegen Autoritäten, erinnert Julian Weber (taz), der nicht zuletzt daran die Aktualität der grandiosen Ausstellung "Unruly. The Body in Punk" im Aros-Museum in Aarhus erkennt. Das Widerständige und Renitente des Punk kann er hier noch einmal an 130 Exponaten nacherleben: "In einem Werk der britischen Performancekünstlerin Anne Bean, 'Who Speaks My Voice' (circa 1982), ist der Kopf einer Frau mit Fotoausrissen und Kontaktabzügen zu einer vielköpfigen Hydra montiert. Deren Münder sind aufgerissen, an den geöffneten Lippen hängen Drähte, wie bei Fischen, die an Angelhaken zappeln. Der stille Schrecken der 'Abject Art' von Anne Bean schockiert auch 45 Jahre nach Entstehung der Collage."
In der FAZ atmet Edo Reents auf, dass die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, deren Fortbestand aus Geldknappheit lange nicht sicher war, nun mit der Ausstellung "Alles Kunst?" ihr 25-jähriges Jubiläum feiern kann. Weltpolitisches und Privates entdeckt Reents in den Arbeiten der Insassen ebenso wie Humorvolles oder "Querulantentum": "Seltsam obsessiv und gleichzeitig streng sachlich gezeichnet die 'Rockverwandlungen' des Maschinenbauingenieurs August Natterer (1868 bis 1933), eine Mischung aus technischer und Modezeichnung. Spektakulär das 'Weltrettungsprojekt' von Vanda Vieira-Schmidt (1949 bis 2023), die eine Million hier teilweise gigantisch aufgetürmte DIN-A4-Blätter mit simplen Bleistiftzeichnungen versah, in der von magischem Denken getragenen Absicht, auf diese Weise die Welt vor bösen Menschen zu retten, die sie mit dem Teufel im Bunde glaubte."
Weitere Artikel: Bald wird der Teppich von Bayeux nach 950 Jahren wieder in London zu sehen sein, Alexander Menden (SZ) nutzt die Wartezeit auf ein Ticket fürs British Museum, um die Geschichte des Teppichs zu erzählen. Michelangelos David hat nun einen neuen Doppelgänger in Klosters in den Schweizer Alpen, entworfen von dem Bildhauer Christian Bolt aus dem gleichen Carrara-Marmor, den Michaelangelo einst nutzte, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Der neue David "markiert nun den Auftakt zu einem Kulturprojekt mit Kooperationen zwischen der ETH Zürich und italienischen Fachleuten im Bereich der Kunstforschung sowie Meisterklassen im Atelier Bolt." Ebenfalls in der NZZ schreibt Philipp Meier den Nachruf auf die Alter von 94 Jahren verstorbene Kunsthändlerin und Museumsstifterin Angela Rosengart. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Sammlung Fotografie: Zweimal Deutschland um 1980", die Fotos aus Ost und West einander gegenüberstellt im Kölner Museum Ludwig (FAZ).
Architektur
Max Nyffeler ist in der FAZ ganz hingerissen: Im französischen Evian-les-Bains am Genfer See haben die Architekten Patrick Bouchain und Philippe Chiambaretta, unterstützt vom inzwischen verstorbenen Akustiker Albert Xu, dank der Mäzenin Aline Formel-Destezet einen neuen Konzertsaal bauen können - und der ist einfach perfekt: "Vom außen präsentiert sich der Bau als eine in die Erde eingelassene Halbkugel mit einer schuppenartigen Oberfläche aus braun patinierten Kupferplatten, die mit dem Baumbestand ringsum einen farblichen Dialog führen. Architektonisches Objekt und Natur im perfekten Einklang. Der Konzertsaal im Inneren hat die Form eines leicht asymmetrischen Ovals mit einer tief liegenden Bühne und ansteigenden Publikumsrängen, die teils nach dem Weinbergprinzip, teils in traditioneller Frontalposition angeordnet sind. Durch eine verschließbare Öffnung im Dach kann das Sonnenlicht eindringen und einen langsam wandernden Fleck auf die Wand über dem Publikum zaubern."
Bühne
Im Dezember 2025 hat Russland das im Krieg zerstörte Dramatheater in Mariupol neu eröffnet. Geschmacklos wieder aufgebaut läuft dort nun "Klamauk niedrigster Güte" und reine Propaganda, sagt im Interview mit der Welt dessen letzter Chefregisseur, Anatolij Lewtschenko, der knapp zehn Monate Haft überlebte und heute das erste nichtstaatliche Theater des Donbass leitet. Hinter den Fassaden der Stadt stehen nur Ruinen, ukrainisches Leben gibt es kaum noch, die Menschen denunzieren einander und die Russen setzen auf "weiche Propaganda": "Propaganda ist eine feine, komplizierte Sache und ich erkläre nicht, wie man sie macht. Nur so viel: Die sowjetische Propaganda hat sich nicht verändert, jetzt machen es eben die Russen. Es geht um die kulturelle Tiefenschicht. Eine Nation lebt von Erinnerung, von Ritualen. Warum lieben wir alle noch den Olivier-Salat, den Hering im Pelz? Weil das die Vorstellung vom Festtisch war - und niemand fragt mehr, warum. Genauso pflanzt man Narrative ein. Und hier muss ich ehrlich sein: Die postsowjetischen Theater in Kiew sind voll von billigsten Komödien. Ich sehe keinen anderen Weg, als meinen kleinen Teil beizutragen, damit wir uns als Land, als Menschen weiterentwickeln. Der Krieg tobt im Schützengraben - aber geboren wird er im Kopf."
Im Interview mit der SZ spricht der italienische Schauspieler und Theaterregisseur Toni Servilio über seine ungebrochene Faszination für das Theater und die politische Situation in Italien: "Wenn Europa nicht bald aufwacht, riskiert es, von anderen Ländern, die sich durch autoritäre Politik bereits in einem Zustand der Rückständigkeit befinden, aufgefressen zu werden. Zudem hat die italienische Politik eine Persönlichkeit hervorgebracht, von der ich nie gedacht hätte, dass sie auf die vom Faschismus durchdrungene italienische Bühne zurückkehren würde, und das ist Roberto Vannacci mit seiner Partei Futuro Nazionale. Wir haben erneut einen Vertreter des dunkelsten, aggressivsten und ignorantesten Faschismus, den wir glaubten, bereits beerdigt zu haben."
Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" mit Bülent Ceylan an der Staatsoper Berlin (Welt) und Alexander Paul Kubelkas Inszenierung "Till Eulenspiegel, wenn das Herz brennt" nach Charles De Coster bei den Sommerfestspielen Perchtolsdorf (nachtkritik).
Im Interview mit der SZ spricht der italienische Schauspieler und Theaterregisseur Toni Servilio über seine ungebrochene Faszination für das Theater und die politische Situation in Italien: "Wenn Europa nicht bald aufwacht, riskiert es, von anderen Ländern, die sich durch autoritäre Politik bereits in einem Zustand der Rückständigkeit befinden, aufgefressen zu werden. Zudem hat die italienische Politik eine Persönlichkeit hervorgebracht, von der ich nie gedacht hätte, dass sie auf die vom Faschismus durchdrungene italienische Bühne zurückkehren würde, und das ist Roberto Vannacci mit seiner Partei Futuro Nazionale. Wir haben erneut einen Vertreter des dunkelsten, aggressivsten und ignorantesten Faschismus, den wir glaubten, bereits beerdigt zu haben."
Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" mit Bülent Ceylan an der Staatsoper Berlin (Welt) und Alexander Paul Kubelkas Inszenierung "Till Eulenspiegel, wenn das Herz brennt" nach Charles De Coster bei den Sommerfestspielen Perchtolsdorf (nachtkritik).
Musik
Victor Efevberha porträtiert in der taz das mehrheitlich aus dem Kongo stammende, aber in Montreal angesiedelte Elektro-Kollektiv Moonshine, das mit seinen Sounds die internationalen Clubs erobert. "Eine Klubnacht von Moonshine wirkt wie ein ständiger Temperaturwechsel: Mal glitzernder Pop, mal schwere Drums, mal sprunghafter Jersey Club, dann wieder rhythmische Gitarrenläufe, oder hektische Footwork-Beats oder blubbernder Amapiano, Madonna läuft mit Papa Wemba, Crystal Waters mit Awilo Longomba. ... Wie selbstverständlich fließen bei Moonshine elektronische Dancefloorgenres zusammen." Sie "klingen wie Montreal, Paris, Brüssel, London, Nairobi oder Hamburg. Für das Kollektiv gehören diese Orte zur selben kulturellen Landkarte."
Weitere Artikel: "Man kommt nicht umhin, diese Hochzeit als Gegenentwurf zu betrachten zu den USA von Donald Trump", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ dazu, dass Popstar Taylor Swift am symbolträchtigen 4. Juli Sportskanone Travis Kelce heiraten wird. "Kanada is' jetzt a dabei", schreibt Valerie Dirk im Standard zur Nachricht, dass der nordamerikanische Staat nun auch beim Eurovision Song Contest mitmischen wird. Kerstin Holm hat für eine FAZ-Reportage die gemeinsamen Proben des Bundesjugendorchesters und des Tbilisi Youth Orchestras in Georgien besucht. "Warum begehrt ausgerechnet die erste Generation, die vollständig in einer Welt digitaler Plattformen aufgewachsen ist, plötzlich wieder physische Geräte", fragt sich ein verwunderter Michael Moorstedt (SZ) angesichts dessen, dass junge Leute mittlerweile sündhaft viel Geld für Walkmen aus den Achtzigern und Neunzigern und für andere klobig-obsolete Abspielgeräte auf den Tisch legen. Auf ZeitOnline ruft Jens Balzer dem Village-People-Sänger Victor Willis nach. Besprochen wird Tamikrests Album "Assikel" (FR).
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