Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Frau, die alles weiß

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2020. Auf einmal stellt Hollywood fest, dass die besten Filme nicht zwangsläufig amerikanisch sein müssen. Die Kritiker sind ganz aus dem Häuschen über die große Zeitenwende. Schade nur, dass die größten Filmemacher aller Zeiten nie einen Oscar erhalten haben, wirft die NZZ ein. In Berlin kniet die taz mit Richard Strauss vor den großen Gedanken einer in die Jahre kommenden Frau nieder. Und die SZ lernt von René Burri, wie man sich ein Taxi zur Hauptverkehrszeit schnappt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2020 finden Sie hier

Film

Es tut sich was im Weltkino: Bong Joon-hos "Parasite"

Dass Bong Joon-hos "Parasite" (unsere Kritik) bei den Oscars nicht nur für das beste Drehbuch und die beste Regie, sondern zugleich auch als bester internationaler und auch generell bester Film ausgezeichnet wurde (unser erstes Resümee) kommt einer Zeitenwende im Kino gleich, sind sich die Kritiker einig. "Das Kino hat sich globalisiert", ruft Christiane Peitz überschwänglich im Tagesspiegel. "Bong Joon-ho hat mit seiner Gesellschaftssatire eine Hürde überwunden, an der namhafte internationale Regisseure wie Jean Renoir, Ingmar Bergman und Michael Haneke zuvor gescheitert sind", pflichtet ihr Lory Roebuck in der NZZ bei. "Die Illusion, dass das beste Kino aus Hollywood stammt - oder, erweitert betrachtet, aus Großbritannien -, war um Punkt 5 Uhr 30 außer Kraft gesetzt. Einige der größten Filmemacher aller Zeiten - Fellini, Truffaut und Kurosawa - haben nie einen Oscar erhalten. Jahrzehnte lang warf das einen grossen Schatten auf den glanzvollsten aller Filmpreise." Für einen Moment ist die Traumfabrik "so international wie noch nie, die lang gepflegte Dominanz des angelsächsischen Geschichtenerzählens scheint außer Kraft gesetzt", jubelt auch Tobias Kniebe in der SZ. "Der lange Prozess ihrer Ablösung durch ein neues Weltkino wird nun endgültig manifest."

Von einem "bahnbrechenden Erfolg" spricht auch Andreas Busche im Tagesspiegel, der viel Aufbruchsstimmung mitnimmt: "Dieser Zustand der Welt spiegelt sich auch in Joaquin Phoenix' bemerkenswerter Dankesrede wider, in der er sich gegen soziale und kulturelle Ungleichheit, die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen und die 'Cancel-Kultur' ausspricht, die einen Dialog verhindere. Die Oscars haben schon eine Menge wohlfeiler Worte produziert, aber Phoenix, der sich selbst von seiner Generalkritik nicht ausnahm, hinterlässt einen bleibenden Eindruck." Überhaupt tut sich da was bei der Academy, hält Carolin Ströbele auf ZeitOnline fest: "Während in früheren Jahren die sogenannten Feel-good-Movies bei den Oscars eine größere Rolle spielten, schien es diesmal um mehr zu gehen. Nicht mehr um verbale Haltungsbekundungen wie #TimesUp und #OscarsSoWhite in vergangenen Jahren. Sondern um Haltung im Werk." Ähnlich sieht es Jenni Zylka in der taz. Die Quoten waren allerdings so niedrig wie nie zuvor, meldet etwa die Presse.

Thomas Hahn liefert in der SZ zudem einen kleinen Überblick über das südkoreanische Kino, das ihm im Großen und Ganzen allerdings nicht allzu viel zu geben scheint: Nach den krisengeschüttelten 90ern "ist Entertainment eine Art bejubelter Nationalsport in Südkorea, den einflussreiche Produktionsfirmen organisieren. ... Allerdings erreichen nur wenige Arbeiten eine künstlerische Tiefe wie 'Parasite'. Gerade Südkoreas Unterhaltungsfirmen scheinen oft lieber ablenken zu wollen von den gesellschaftlichen Problemen." Und Alex Rühle befasst sich in der SZ mit Julia Reicherts Doku-Gewinner "American Factory" über eine amerikanische Fabrik, die sich de facto in chinesischer Abwicklung befindet - für Rühle ein Film in der Tradition Ken Loachs.
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Bühne

Die Frau, die alles weiß über die Liebe: Camilla Nylund im "Rosenkavalier". Foto: Ruth Waltz / Staatsoper Berlin


André Heller hat an der Berliner Staatsoper Richard Strauss' "Rosenkavalier" inszeniert. "Viel Zauber, wenig Analyse" erlebte FAZ-Kritiker Jan Brachmann, den die Musik dennoch in "unerklärter, tiefblauer Traurigkeit" zurückließ. "Einen prächtigeren, geschmackvolleren, opulenteren 'Rosenkavalier' hat man kaum je gesehen', lobt Julia Spinola in der SZ etwas spitz. Im Tagesspiegel findet Ulrich Amling die Musik unter Dirigent Zubin Mehta zart, aber kraftlos. Nur in der taz genießt Niklaus Hablützel vorbehaltlos große, zum Weinen schöne Oper. Schon wegen Camilla Nylund als Feldmarschallin: "Nylunds Stimme ist sicher und wohlklingend in jeder Lage. Sie muss weit ausholen und einen langen Atem haben, aber nicht, weil Extreme der Moderne zu bewältigen sind. Ganz im Gegenteil, sie muss an Mozarts Welt des 18. Jahrhunderts erinnern, weil sie die Stimme einer Frau ist, die alles weiß über die Lust, die Liebe und das Leiden daran. Es vergeht alles und ist schön, weil es seine Zeit hat. Zeit allerdings muss man sich auch nehmen an diesem Abend. Camilla Nylund entlässt uns mit ihrer großen Stimme und großen Gedanken einer alternden Frau erschüttert in die erste Pause."

Zum Tod des Opernstars Mirella Freni seufzt Manuel Brug in der Welt: "Es hörte sich bei ihr mühelos und unverstellt an. Weil bei Mirella Freni alles vorhanden war: das Talent, der Fleiß, die Glücksmomente des günstigen Augenblicks - und vor allem dieses hinreißende, perlmutt-opake Timbre, das Unschuld und Melancholie, Zärtlichkeit und Daseinslust behauptete und in jedem Arienverlauf auch einlöste." Weitere Nachrufe in NZZ, SZ und FR. Hier singt sie "Oh mio babbino caro" auf Puccinis "Gianni Schicchi".



Weiteres: Katja Kollmann berichtet in der taz von den Proben des Deutschen Theaters zu Kirill Serebrennikovs "Decamerone"-Inszenierung, die in Moskau stattfinden, weil der Regisseur noch immer Moskau nicht verlassen darf. In der FAZ porträtiert Lili Hering die Regisseurin Susanne Kenndy, die in der "ausgestellten Bedeutunglosigkeit" bis zur Perfektion beherrscht: "Susanne Kennedy schenkt ihrem hypermodernen Menschen, den sie seit einigen Jahren inszeniert, oder besser: seziert, seine Entstehungsgeschichte: Woher kommt der digitale Mensch? Wird er geboren, gegründet oder programmiert?"

Besprochen werden das Laibach-Musical "Wir sind das Volk" im Berliner HAU (Tsp) und das Mussorgski-Projekt "Boris" in Stuttgart (das FR-Kritikerin Judith von Sternburg "in einem maßlosen Bilderrummel" versinken sieht).
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Kunst

René Burri: Albisguetli, Zürich, Schweiz, 1980 Bild: Musée de l'Elysée, Lausanne

Als Augenmenschen, Weltenbummler und Dandy erlebt SZ-Kritiker Joseph Hanimann den Fotografen Rene Burri, dem das Musée d'Elysée in Lausanne eine große Ausstellung aus dem Nachlass heraus widmet, mit den ikonischen Bildern von Che Guevara, Le Corbusier, Picasso, Giacometti und Uwe Johnson, aber auch mit Zeichnungen und Grafiken: "Im Unterschied zu vielen Kollegen wie Henri Cartier-Bresson, dem Freund und Kollegen bei Magnum, lag für René Burri die Leistung des Fotografen nicht primär im Knipsen zum genau richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, sondern im Geschick bei der Nachbereitung der Bilder. Wichtiger als das Bild im Sucher war ihm das Ergebnis auf der gedruckten Seite. Insofern war dieser Mann kein Fotograf der Schnappschüsse, obwohl er sich der Bedeutung der schnellen Reaktion bewusst war. Bilder seien wie Taxis zur Hauptverkehrszeit, sagte er: Wenn man nicht schnell genug ist, bekommt sie immer ein anderer."

Auf Hyperallergic meldet Naomi Polonsky, dass Anti-BP-Aktivisten das British Museum besetzt haben. Besprochen werden ein Schau dokumentarischer Porträt-Kunst in der Münchener Pinakothek der Moderne (taz) und Herman de Vries Klimakunst im Berliner Kolbe-Museum (Tsp).
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Stichwörter: Burri, Rene, Magnum

Literatur

Besprochen werden Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" (Standard), Ottessa Moshfeghs "Heimweh nach einer anderen Welt" (Dlf Kultur), Andrei Platonows "Die glückliche Moskwa" (NZZ), George Orwells erstmals auf Deutsch vorliegender Essay "Über Nationalismus" (Freitag), Shigeru Mizukis wiederveröffentlichter Manga-Klassiker "Tante NonNon" (Tagesspiegel), Didier Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" (SZ) und Julia Cimafiejevas Gedichtband "Zirkus" (FAZ).
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Stichwörter: Eribon, Didier

Musik

Es ist keineswegs so skandalös wie manche es hinstellen, dass der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in diesem Jahr vom NDR nicht öffentlich als Votum ausgerichtet wird, sondern in Form einer Juryentscheidung hinter den Kulissen, kommentiert Jan Feddersen in der taz. Die Agenturen melden, dass die russische Polizei in St. Petersburg einen Videodreh von Pussy Riot abgebrochen hat.

Besprochen werden ein von ECM-Labelgründer Manfred Eicher kuratiertes Festival in der Elbphilharmonie (SZ) und neue Archiv-Veröffentlichungen, darunter Harry Nilssons "Losst & Founnd" mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen des 1994 verstorbenen Sängers (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Ndr