Efeu - Die Kulturrundschau

Herrlich halbherzig

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2020. Die SZ erzählt die Geschichte des schwulen Mario Cruz, der seit fünfzig Jahren ein unterdrücktes Leben in Santiago de Chile führt. Standard und FAZ erleben Tschaikowskis "Eugen Onegin" an der Wiener Staatsoper als kühles Schachspiel der Herzen. Die Berliner Zeitung macht sich mit dem Zentrum für politische Schönheit auf die Suche nach elf Schnellfeuergewehren und 60 Kilogramm Plastiksprengstoff. Und im Guardian wächst die große Joni Mitchell immer weiter über sich hinaus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2020 finden Sie hier

Bühne

Es herrscht Isolation: Dmitri Tcherniakovs "Eugen Onegin" Foto: Wiener Staatsoper. 

Subtil inszeniert und exquisit gesungen findet Standard-Kritiker Ljubisa Tosic Dmitri Tcherniakovs Wiener Inszenierung von Tschaikowskis "Eugen Onegin", deren Urfassung eigentlich aus dem Jahr 2005 stammt: "Die Inszenierung wirkt allerdings, als würde sie ästhetisch direkt auf die aktuellen Quarantänevorschriften reagieren: Alles Liebesleid, alle Herzensqual, all das Feiern und Flehen spielt sich in nur einem Raum ab, der von Tschaikowskis Epoche inspiriert ist. Aus ihm gibt es in diesem Schachspiel der Herzen kein Entrinnen. Es herrscht Isolation, offene Fenster und ein paar Lichtstrahlen ändern da nichts. Das Besondere: Tcherniakov kümmert sich subtil um jeden und jedes, entwirft ein intimes Drama folgenreicher Demütigungen. Eugen Onegin ist ein Mix aus Don Giovanni und Empathie-losem Dorian Gray. Selbstbewusst, leicht zynisch und eher gelangweilt betritt er das Landhaus von Gutsbesitzerwitwe Larina und verursacht mit kühler Noblesse Chaos." In der FAZ entdeckt Jan Brachmann einiges aus Ingmar Bergmans Drehbuch für "Die besten Absichten" wieder, jubelt aber trotzdem über eine fantastische Bildfindung, meisterhafte Personenregie und höchstes musikalisches Niveau.

Szene aus "Network". Foto: Armin Smailovic


Schön grell und unheimlich gegenwärtig findet Katrin Ullmann in der taz Jan Bosses Bühnenfassung von Sidney Lumets Mediensatire "Network" am Hamburger Thalia Theater: In einem herrlichen knallorangen Bühnenbild erzählt Bosse die Geschichte des Moderators Howard Beale nach, der ankündigt, sich im Fernsehen zu erschießen: "Mit Wolfram Koch, der den Moderator zunächst schiefschultrig verzagt, später wunderbar wahnwitzig wirr gibt, agiert vor allem Felix Knopp als dessen Freund und Vorgesetzter Max Schumacher. Knopps Figur ist herrlich halbherzig. Schuljungenhaft und klemmig erregt sich dieser Schumacher bei einem Date mit jener lasziv-coolen Diana Christensen, die nur vermeintlich, also ganz strategisch, Gefühle für ihn behauptet, tatsächlich aber ihr Lebens- und Liebesglück in den steigenden Einschaltquoten sucht und findet."

Besprochen werden weiter Sibylle Bergs Stück "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" am Berliner Gorki Theater (SZ, FAZ), Alexander Nerlichs Inszenierung "Elektra/Iphigenie" am Staatstheater Mainz (FR) und das Stück "Lost (1,5 m)" an der Neuköllner Oper (Tsp).
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Literatur

Berührt und bewegt berichtet Gustav Seibt in der SZ vom Fund eines Manuskriptes, bei dem es sich um eine wahre Begegebenheit handelt, wie er betont, und nicht um eine erzählerische Situation: 2010 fand der chilenische Filmregisseur Sebastián Muñoz auf einem Markt in Santiágo ein Heft aus dem Jahr 1972 - eine kurze, aber explosive Gefängnis- und Liebesgeschichte: "Den Verfasser Mario Cruz gibt es, er lebt sogar noch, versteckt am Stadtrand von Santiágo. 1972, als sein Heft ein paar Tausend Mal gedruckt und von ihm selbst vertrieben wurde, war er knapp dreißig Jahre alt, arbeitete als Gelegenheitsjournalist und freier Schauspieler. Der Muskelmann auf dem Cover war sein Lebenspartner, mit dem er jahrelang kleine, selbstgeschriebene Stücke auf Marktplätzen und in Provinztheatern aufführte. Ein Leben am Rand der Gesellschaft, bedroht von Repression, die nicht nur politisch motiviert war, sondern auch dem sexuellen Außenseiter galt. Schon unter dem Sozialisten Salvador Allende, der Homosexualität für eine heilbare Krankheit hielt, ging es den chilenischen LGBTQ-People schlecht, umso mehr unter der Militärdiktatur seit 1973, von der sich Cruz zunächst eine Besserung erhofft hatte."

Weiteres: In der FAZ berichtet Frauke Steffen, wie die Mitarbeiter von New Yorks berühmter Buchhandlung, dem Strand Bookstore, um ihre Jobs kämpfen, während die Inhaberin und Enkelin des Gründers, Nancy Bass Wyden, mit Amazon-Aktien zu einem kleinen Vermögen gekommen ist. Die Dramatikerin Magdalena Schrefel wirft im Standard anlässlich des gestrigen österreichischen Nationalfeiertag einen skeptischen Blick in ihren Pass. Christian Schröder und Hannes Soltau dröseln im Tagesspiegel noch einmal auf, wer sich alles im Umkreis von Susanne Dagens Lesezirkel "Mit Rechten lesen" tummelt.

Besprochen werden Nick Bostroms "Die verwundbare Welt" (SZ), Szczepan Twardochs Roman "Das schwarze Königreich" (NZZ), Peter Stamms Erzählungen "Wenn es dunkel wird" (NZZ) und Marcel Beyers "Dämonenräumdienst" (taz).
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Kunst




Das Zentrum für politische Schönheit hat vor dem Kanzleramt einen Container aufgestellt, um die Waffen einzusammeln, die der Bundeswehr durch Rechtsextreme geklaut wurden und die der MAD nicht in der Lage war aufzuspüren. In der Berliner Zeitung ergänzt Hanno Hauenstein zu den Hintergründen des Waffenklaus: "Auf der Website listet das ZPS das beunruhigende Ausmaß all dessen auf: 60 Kilogramm Plastiksprengstoff, elf Schnellfeuergewehre, fünf Pistolen, über 70.000 Schuss Munition - die Liste geht weiter." SZ-Kritiker Jan Heidtmann sieht darin eine neue Bescheidenheit, die dem Zentrum nach der letzten, katastrophal daneben gegangenen Aktion gut anstehe. Noch besser gefällt ihm allerdings, dass eine solche Aktion direkt vor dem Kanzleramt möglich ist.

Die SZ-Kritiker Catrin Lorch und Johann Schloemann suchen in der Kunstgeschichte nach Wegen, in Pandemiezeiten anderen Menschen auszuweichen, ohne zu ihnen auf Distanz zu gehen. Auch "Gleichklang, Rhythmus und Parallelen" können Nähe herstellen, lernen sie: "Denn auch komplexe Erzählungen kommen meist ohne das Motiv der Berührung aus - unnötig, dass sich Auguste Rodins 'Bürger von Calais' noch gegenseitig die Hände reichen, sind sie doch in Bronze in ihrem Leiden in alle Ewigkeiten vereint. Der Finger, der sich auf Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle aus dem Himmel in Richtung Adam entgegenstreckt, ist ein nicht zu überbietendes Motiv - in der Malerei markiert es durchaus auch ein Nonplusultra; eine Geste, die man möglichst der Beseelung vorbehält."

Besprochen werden die Ausstellung "Masculinities" im Berliner Gropius-Bau (Welt) und die Ausstellung "Ideal und Form" in der vor Investorenbrutalität geretteten und wiedereröffneten Friedrichswerderschen Kirche in Berlin (Tsp).
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Film

Szene aus Miranda Julys "Kajillionaire" mit Debra Winger, Evan Rachel Wood, Richard Jenkins


Miranda Julys neuer Film "Kajillionaire" handelt von einer Familie von Trickbetrügern, die ihre Tochter ausnutzt, die wiederum als Ausgleich auf Zuneigung hofft, erzählt SZ-Kritikerin Doris Kuhn, die sich wunderbar unterhalten hat: July ist "Expertin für die Rettung aus Gefühlskatastrophen. Ihr Thema sind die Pannen der Kommunikation, egal ob zwischen Fremden oder zwischen Paaren, aber man lernt von ihr zuverlässig, dass der Schmerz vorbeigehen wird. Niemand sonst spendet so viel Trost im Independentkino, deshalb braucht man ihre seltenen Filme unbedingt."

Besprochen werden weiter der Kinder-Zeichentrickfilm "Yakari" (Zeit online), Kantemir Balagows russisches Nachkriegsdrama "Bohnenstange" (SZ) und der Netflix-Sechsteiler "Barbaren" über die Vorgeschichte der Varusschlacht (Welt).
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Musik

Die große kanadische Musikerin Joni Mitchell hat eine Box mit ihren frühesten Aufnahmen veröffentlicht. Im Guardian-Interview mit Cameron Crowe denkt sich über die Veränderungen nach, die sie seither erlebt hat: "Als ich eine Van Gogh-Ausstellung besuchte, waren alle seine Gemälde chronologisch geordnet, und man konnte das Wachstum auf Schritt und Tritt beobachten. Das war so inspirierend, und ich begann wieder zu malen. Wenn die Box diesem Zweck dienen würde, wäre das großartig. Wirklich, das würde mich sehr glücklich machen. Das spätere Werk ist viel reicher und tiefer und intelligenter, und die Arrangements sind auch interessant. Musikalisch wachse ich, und ich wachse als Texter, also gibt es eine Menge Wachstum. Die frühen Sachen - ich sollte nicht so ein Snob sein. Viele dieser Lieder habe ich einfach verloren. Sie fielen weg. Sie existieren nur noch in diesen Aufnahmen. So lange rebellierte ich gegen die Beschreibung 'Folksängerin'. Ich ärgerte mich, wenn man mir dieses Etikett aufdrückte. Ich fand, es sei keine gute Beschreibung dessen, was ich war. Und dann hörte ich zu, und - es war wunderschön. Es brachte mich dazu, mir meine Anfänge zu verzeihen."

Hier singt sie "Little Green", 1967 (ab 1.25)



Weiteres: In einer Beethoven-Serie der Berliner Zeitung widmet sich Peter Uehling Beethovens kantabler Phase. Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee zeigt Björn Springorum (Berliner Zeitung) im Interview seine weibliche Seite.

Besprochen werden eine 14-CD-Box mit Aufnahmen des Dirigenten Fritz Reiner ("mitreißend präzise, fettfrei und brennend intensiv", freut sich in der SZ Harald Eggebrecht), René Jacobs' Aufnahme von Beethovens "Leonore" (Berliner Zeitung), ein Bruckner-Konzert mit den Bamberger Symphoniker unter Jakub Hruša an der Alten Oper Frankfurt (FR), das Album "Inner Song" der walisischen Musikerin Kelly Lee Owens (FR) und das neue Album "Hell" der Ärzte (musikalisch tut sich "wieder ausgesprochen viel", versichert Kai Spanke in der FAZ, Zeit online).
Archiv: Musik
Stichwörter: Mitchell, Joni