Efeu - Die Kulturrundschau

Da kippt etwas um, ganz buchstäblich

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28.10.2020. In der SZ wirft Ingo Schulze seinen Schriftstellerkollegen Monika Maron und Uwe Tellkamp vor, sich von der völkischen Rechten vereinnahmen zu lassen. In der FAZ erklärt Christian Petzold, warum das Kino die Zukunft kennt. In der taz geißelt der Architekturhistoriker Martin Kieren die formalästhetische Banalität des Berliner Flughafens. Tagesspiegel und Berliner Zeitung begutachten den Siegerentwurf von Kadawittfeldarchitektur im Wettbewerb um die Komische Oper. Und die NZZ fürchtet, dass mit Madonnas sinkendem Stern auch der Mainstream niederging.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2020 finden Sie hier

Literatur

Wenn das Buchhaus Loschwitz mit dem Verlag Antaios zusammenarbeit, dann dient das auch dem Versuch, eine völkische Rechte kulturell salonfähig zu machen, glaubt Ingo Schulze in der SZ und wirft Monika Maron, aber auch Uwe Tellkamp vor, sich zu einem Teil dieser Strategie zu machen: "Unterm Strich allerdings folgt die Publikation in der Reihe 'Exil' dem bekannten Muster einer Provokation, bei der Fakten geschaffen werden, dann wird Bedauern geäußert über einen unhaltbaren Titel, ohne an dem Tatbestand etwas zu ändern (es wäre ja möglich gewesen, bei der zweiten Auflage darauf zu verzichten), ansonsten gibt man sich ahnungslos und hat wieder ein Stück 'Normalisierung' im Umgang mit jenen geschaffen, die völkisches Denken nicht nur propagieren, sondern auch darangehen, es politisch-praktisch umzusetzen."

Weiteres: SZ-Autor Andrian Kreye sieht mit der wirtschaftlich angeschlagenen Buchhandlung The Strand eine "Ikone des globalen Intellektualismus" in Gefahr. Besprochen werden unter anderem Emma Beckers Bordell-Roman "La Maison" (Tsp) , Zora del Buonos Roman "Die Marschallin" (FAZ), Erik Schillings Untersuchung "Authentizität" (FAZ) und Denise Minas Krimi "Götter und Tiere" (FR).
Archiv: Literatur

Film

Sandra Kegel unterhält sich für die FAZ mit dem Schauspieler Matthias Brandt und Regisseur Christian Petzold über die Bedeutung der Kunst in Coronazeiten. "Das Kino weiß immer sehr viel früher, was passieren wird", meint Petzold mit Blick auf Filme wie Soderberghs "Contagion". Das Kino "dringt in die verborgensten Geschichten, die Ängste und Traumata der Menschen vor. Und weil das Kino ein Langsam-Apparat ist, der unendlich viel Zeit zur Vorbereitung benötigt, ist er der Zeit zugleich voraus. Deshalb kennt das Kino keine Gegenwart. Anders als das Fernsehen, das vor allem auf die Gegenwart reagiert, orientiert sich das Kino am Vergangenen, um die Zukunft zu verstehen. Deshalb ist es so modern. Weil es zurückschaut, wie Benjamins Engel der Geschichte." Matthias Brandt beschäftigt vor allem, als wie entbehrlich sich Künstler plötzlich fühlen mussten, die nicht mehr arbeiten durften, während Fußballspielen als systemrelevant gilt: "Wir sind eben gefordert, stärker zu begründen, warum es uns gibt und warum das wichtig ist, was wir tun. Das kann uns auch niemand abnehmen, auch keine Institution, wir müssen uns selbst legitimieren."

Szene aus Till Kleinerts Horrorserie "Hausen"


Benjamin Moldenhauer unterhält sich für das Ray Magazin mit dem Horrorfilmregisseur Till Kleinert, dessen neue Serie "Hausen" demnächst bei Sky läuft. Kleinert erzählt auch, wie er mit 19 sein Offenbarungserlebnis hatte: Es war die Vorführung von Takashi Miikes "Audition". "Es gibt da einen Moment, ziemlich genau in der Mitte des Films, da kippt etwas um, ganz buchstäblich - und der ganze Film und die Wirklichkeit, von der er vorher erzählt hat, verlieren plötzlich ebenfalls den Boden unter den Füßen. Die Verunsicherung, die das in mir ausgelöst hat, fand ich einerseits extrem beunruhigend. Aber wie der Film ab diesem Moment die Schraube immer weiter angezogen hat und schließlich in diesem transgressiven Finale gemündet ist, das hat mich auch auf eine seltsame, befreiende Weise beglückt. Dieser Moment, in dem das Alltägliche durch einen kleinen Perspektivwechsel plötzlich sein monströses Wesen offenbart, der ist bei mir hängengeblieben und hat mich dann auch in meinem eigenen Filmemachen immer sehr umgetrieben."

Weiteres: Im Tagesspiegel fragt Lars Straehler-Pohl, welche Filmaufnahmen für die Nachwelt aufbewahrt werden sollten. Auf Zeit online fragt sich Sabine Horst, ob mit den Corona-Hygienevorschriften eine neue Prüderie in Filmen beginnt. Joachim Renn berichtet auf Zeit online über den gerichtlich ausgetragenen Streit zwischen Til Schweiger und Drehbuchautorin Anika Decker um die Tantiemen von "Keinohrhasen". Im Tagesspiegel stellt Gunda Bartels das kommende Filmfestival Dok Leipzig unter seinem neuen Chef Christoph Terhechte vor.

Besprochen werden die Netflix-Serie "Barbaren" (taz), Oliver Stones Autobiografie "Chasing the Light" (Tsp), Julia von Heinz' Antifa-Film "Und morgen die ganze Welt" (SZ, FAZ), Sebastian Malkas Fernsehfilm "Exit" (Welt) und Sacha Baron Cohens neuer "Borat"-Film (Welt).
Archiv: Film

Architektur

Die Nationalgalerie grüßt: Flughafen Willy Brandt. Bild: Gerkan, Marg und Partner

Der Architekturtheoretiker Martin Kieren begutachtet für die taz den nun fertigen Hauptstadtflughafen, doch Eleganz und Raffinement sucht er vergeblich in dem Bau von Gerkan, Marg und Partner. Allein das überragende Dach sei eine schöne Reverenz an die Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe: "Ein dunkler Fond, vom vorstehenden Dach verschattet, davor die Stützen. Schöner Einfall, denkt man. Die Blitzsekunde des Glücks zerstiebt allerdings bereits in der nächsten Kurve in einem räumlichen Debakel. Denn der Freiraum vor der Hauptzufahrt des neuen Berliner Flughafens, hinter der zuvor dieses Tempelmotiv aufschien, wird von zwei jeweils sechsgeschossigen Gebäuden flankiert. In ihrer formalästhetischen Banalität, mit ihrem Kistenformat und ihren monotaktisch durchgerasterten Fassaden neutralisieren sie alles Gefühl, allen versprochenen Sinnesreiz, und machen alle Freude auf Form und Gestalt und Bau und Raum zunichte."

Der Entwurf für die Komische Oper. Bild: Kadawittfeldarchitektur

Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen, dass das Aachener Büro Kadawittfeldarchitektur den Wettbewerb für den Umbau der Komischen Oper gewonnen hat. Zur Freude des Intendanten: "Drei Jahrhunderte sollen sich in der Komischen Oper zu einem 'kontrapunktischen Trio' verbinden, findet Barrie Kosky. Der Saal von 1898, ein Neorokoko-Juwel, dann die Foyers und die Fassade an der Behrenstraße, die 1967 in strengem, modernen Stil errichtet wurden, und schließlich der Neubau auf der bisherigen Brachfläche an der Glinkastraße, der den Aufbruch ins 21. Jahrhundert symbolisiert."

In der Berliner Zeitung kann Nikolaus Bernau gar nichts gegen die Entscheidung einwenden, der Entwurf erscheint ihm "heiter, offen und flexibel". Aber ganz vergessen kann er die Peinlichkeiten des Wettbewerbs nicht: "Das Grundstück an der Glinkastraße gehörte nach einem Verkauf in den neunziger Jahren gar nicht mehr dem Land Berlin. Hatte man in der Verwaltung offenbar vergessen. Personelle Folgen hat so ein Skandal in Berlin typischerweise nicht, inzwischen ist das Grundstück per Rückabwicklung wieder landeseigener Besitz."
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Archiv: Architektur

Kunst

Luo Yang: Karman, aus der Serie "Girls", 2017. © Luo Yang / Francisco Carolinum

Einer ganzen Galerie junger Frauen ohne Lächeln und ohne erkennbare emotionale Regung im Gesicht begegnete Standard-Kritikerin Katharina Rustler im Francisco Carolinum Linz: "Für ihr Langzeitprojekt 'Girls' porträtiert die 1984 in China geborene Fotografin Lou Yang seit 2007 junge Frauen aus ihrer Generation. Waren es anfangs noch Bekannte und Freundinnen, begann sie dann Modelle über soziale Medien ausfindig zu machen. Es sind Frauen, die zwischen traditionellen Rollenbildern und moderner Industrienation nach Individualität suchen. Abseits gesellschaftlicher Normvorstellungen wollen sie Stereotype aufbrechen: Nein, Frauen müssen nicht süß, zart und feminin sein!"

In der FR schwebt Ingeborg Ruthe beglückt durch die Friedrichwerdersche Kirche, in der jetzt wieder die Bildhauerkunst des 19. Jahrhunderts gezeigt wird: "Schinkels untrügliches Auge für stimmige Proportionen, für die Einbettung der Bauwerke ins Umfeld, für mal monumentale, mal romantisch-poetische Wirkung - für Schönheit eben, brachte anno 1830 - fast zur gleichen Zeit wie sein klassizistisches Meisterwerk, das einzigartige Alte Museum am Berliner Lustgarten - die Friedrichswerdersche Kirche hervor. Das historizistische Kleinod, seit 1987 Skulpturen-Dependance der Nationalgalerie (damals Ost), musste für die Kunst acht Jahre lang geschlossen bleiben. Die - empörenden - Gründe für den Lockdown sind bekannt: Rigide Bauarbeiten für die benachbarten Luxus-Wohnungen hatten der Kirche Risse und fatale statische Probleme beschert."

Besprochen werden die Turner-Schau in der Tate Britain (das sinkende Sklavenschiff zerriss Guardian-Kritiker Jonathan Jones das Herz), die Ausstellung "Fotografische Arbeit" des Berliner Fotografen Heinz Peter Knes im Künstlerhaus Bremen (taz), die Ausstellung "Linking Transformations" mit norddeutsche und japanische zeitgenössische Kunst in der Kieler Stadtgalerie (taz) und die Ausstellung Caspar David Friedrich & die Düsseldorfer Romantiker im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

In der Welt mahnt Manuel Brug dringend, die Opernhäuser offen zu lassen. Aber er staunt auch, welche Flexibilität die einst so schwerfälligen Tanker inzwischen an den Tag legen. Kein Wunder, selbst erstklassige Sängerstars haben inzwischen so viele Löcher im Terminkalender, dass sie spontan einspringen können: "Im geplagten Brüssel ging man noch mehr in die Offensive: 'Is this the End?' lautete der Titel einer improvisierten Pop-up-Uraufführung als Requiem. Leider gar nicht so abwegig. Angesichts der neuen Restriktionen, schlägt es für viele Bühnen, vor allem für die lange geschlossenen in England und den USA, inzwischen zwölf. Mindestens. Da nützte es nicht viel, dass das klamme Royal Opera House Covent Garden in London eben seinen größten Schatz, das David-Hockney-Porträt eines früheren Direktors, versteigert hat. Brachte nur 12,8 Millionen Pfund statt der erwarteten 18. Die werden schneller aufgebraucht sein als gedacht." Im Tagesspiegel gibt Udo Badelt einen Überblick über die Lage an den Berliner Häusern. Die Philharmonie etwa war, wie sich herausstellte, viel zu schütter besetzt: "Stimmung, Dichte, Energie - für das künstlerische Erlebnis mindestens ebenso wichtig wie das, was auf dem Podium passiert - konnte so nicht entstehen."

Weiteres: Peter Richter empört sich in der SZ, dass der Sopranistin Dima Orsho pandemiebedingt die Einreise nach Deutschland verwehrt wurde: "'Hinweise auf eine überregionale oder sogar internationale Bedeutung der Darbietung kann ich derzeit nicht erkennen', lässt der unterzeichnende Beamte wissen."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Opernhäuser

Musik

In der NZZ denkt Ueli Bernays über Madonna und die Musikkritik nach. Madonna, meint er, versöhnte die Musikkritiker mit dem Mainstream, der mit Madonnas Album "Music" seinen Höhepunkt erlebte. Danach ging es bergab: "Fast scheint es, als habe mit dem Verschwinden der Mainstream-Superstars der Mainstream selbst an Bedeutung verloren. Dass seine Strömung an Kraft eingebüßt, dass er sich quasi in ein großes Delta ausgebreitet hat, ist weniger auf die Musikproduktion als auf die digitalen Umbrüche zurückzuführen. Die Aristokratie der Stars, die von den herkömmlichen Medien getragen wurde, wird nun durch die Vielstimmigkeit von Social Media und durch den Individualismus à la Spotify relativiert."

Weitere Artikel: Andreas Hartmann unterhält sich für die taz mit der Musikerin und Performerin Lucrecia Dalt. Stefan Ender unterhält sich für den Standard mit dem Geiger Christoph Koncz über Mozarts Geige. Hanno Hauenstein gratuliert in der Berliner Zeitung Igor Levit und Madeleine K. Albright zum Toleranzpreis, den das Jüdische Museum Berlin verleiht. Adrian Daub liest für Zeit online Alex Ross' Buch zur Rezeption Wagners. Annette Humpe zum Siebzigsten gratulieren Harry Nutt in der Berliner Zeitung,  Susanne Messmer in der taz und Elena Witzeck in der FAZ.

Besprochen werden Lous and the Yakuzas Debütalbum "Gore" (taz) sowie neue Alben von Busta Rhymes, Stella Sommer, Oneohtrix Point Never und WizTheMC (SZ).
Archiv: Musik