Efeu - Die Kulturrundschau

Zweckfreie Strenge

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16.06.2021. In der Schau "Australia 1992" erlebt der Guardian den Kampf um die Landrechte der Aborigines als Pasolini-Film. Die NZZ misstraut dem neuem Trend zur Comicbiografie. Standard und Presse blicken nach Klagenfurt, wo heute Abend der Bachmann-Wettbewerb beginnt. Die FAZ beobachtet Stalins Rückkehr auf die Moskauer Bühnen. Und die SZ blickt noch einmal mit der Melancholie Charles Aznavours auf die Welt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2021 finden Sie hier

Kunst

Tracey Moffatt: Aus der Serie Up in the Sky, 1997. Bild: Tate Modern

Erschütternd, aber ganz ausgezeichnet findet Laura Cummings im Observer die dezidiert politische Schau "Australia 1992" in der Tate Modern, die sich um die epochale Mabo-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1992 herum zentriert. Der Maler Eddie Koiki Mabo, dessen Familie seit mindestens siebzehn Generationen auf der Straits-Insel Mer lebte, schaffte es, die Doktrin der terra nullius - Land, das niemandem gehört - anzufechten, mit der die Briten die Kolonisierung Australiens begründet hatten: "Das Land unter den Füßen, der weite Himmel darüber, beides beschworen in Video, Malerei und Druck. Die dunklen und verknoteten Fotografien von Tracey Moffatt, Australiens Vertreterin auf der Biennale von Venedig 2017, heißen auch 'Up in the Sky'. Es sind Visionen des postindustriellen Outbacks, mit Blechhütten, Betonpisten und ausgebrannten Autos, diese Aufnahmen sind wie die Standbilder eines überwältigenden Pasolini-Films, dessen Erzählung versteckt oder zurückgehalten wird."

Isa Genzken: Werke von 1973 bis 1983. Ausstellungsansicht. Kunstsammlung NRW

Konsequent heterogen erscheint SZ-Kritiker Alexander Menden das Werk der Künstlerin Isa Genzken, der die Kunstssammlung NRW eine Retrospektive auf das frühe Werk widmet. Aber etwas verbinde das Werk dann doch: "Ihre klinische Genauigkeit, ihre konzeptionelle, zweckfreie Strenge stehen für sich. Die Berechnung durch Algorithmen, die Ausführung durch einen Tischler verleiht diesen aus einer subjektiven Erfahrung erwachsenen Skulpturen etwas Objektives. Die Künstlerin scheint hier ebenso weit von ihrem Werk entfernt wie der Betrachter. Der Fokus ruht in dieser Schaffensphase auf der geometrischen Gestalt, nicht auf der Funktion. Ähnlich wie bei der eine Generation älteren Kollegin Bridget Riley wird der Form ein Grad an Autonomie gewährt, die auch über konzeptuelle Klassifikationen wie 'Minimalismus' hinausreicht."

Weiteres: Ziemlich abgestoßen schreibt Alan Posener in der Welt über die Romantik-Schau "Träume von Freiheit", mit der sich die Dresdner Kunstsammlungen an Moskau anbiedern und die einer unseligen Deutung den Weg ebne: "Russen und Deutsche hätten damals 'im Unterschied zu Frankreich' den nationalen 'Wesenskern' der Kunst erkannt."
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Literatur

Die meisten biografischen Comics, die gerade auf dem Markt boomen, sind an und für sich eher mediokre, mit Marktkalkül entstandene Auftragsarbeiten - dennoch werden sie in den Feuilletons rauf und runter besprochen, wundert sich Christian Gasser in der NZZ. Zwar sind auch die Superseller unter den biografischen Comics "beileibe nicht schlecht, doch vermitteln sie kaum neue Einsichten, auch keine eigenständige Reflexion über ihre Protagonisten. Wären sie nicht gezeichnet, würden sie im Feuilleton nicht beachtet. Man wird deshalb den Verdacht nicht los, dass im erwachten Interesse an Comicbiografien ein überwunden geglaubter kulturkritischer Reflex zum Ausdruck kommt. Comics sind akzeptabel, solange sie pädagogisch und didaktisch wertvoll zu sein vorgeben, also nicht allein der Unterhaltung dienen, sondern auch der Wissensvermittlung." Als Positivbeispiel erwähnt Gasser übrigens die Comics von Reinhard Kleist.

Weitere Artikel: Im Standard porträtiert Amira Ben Saoud Vea Kaiser, die erstmals in der Jury des Bachmannpreises von Klagenfurt sitzt. Für die Presse wirft Anne-Catherine Simon einen Blick in die Teilnehmerliste des Lesewettbewerbs, bei dem, wie Gerrit Bartels im Tagesspiegel feststellt, ""Hybridität wieder Trumpf ist". Ursula Scheer liest sich für die FAZ durch den Regalmeter an Kinderbüchern von Prominenten, die den Kleinen allerlei Mut machende und gutgemeinte Ratschläge mit auf den Weg geben - wobei nur Paul McCartneys "Opapi-Opapa" so richtig überzeugt, denn "das ist weder anspruchsvoll noch belehrend oder therapeutisch. Es geht nur darum, ein bisschen Spaß zu haben."

Besprochen werden unter anderem Dorothee Kimmichs kulturwissenschaftliche Studie "Leeres Land" (taz), Adam Zagajewskis Essayband "Poesie für Anfänger" (Tagesspiegel), Eva Ladipos "Räuber" (FR), Christian Schnalkes "Die Fälscherin von Venedig" (Zeit), Scott McClanahans "Crap" (Standard), Peter Richters "August" (Tagesspiegel), Ben Lerners Gedichtband "No Art" (Standard), Dana Grigorceas "Die nicht sterben" (SZ) und Tomás González' Erzählungsband "Die stachelige Schönheit der Welt" (FAZ).
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Stichwörter: Comics, Biografien, Venedig

Bühne

In der FAZ berichtet Kerstin Holm, dass Moskaus Gorki-Theater ganz vorne mitmischt, wenn es darum geht, die Bühnen von schwulen Regisseuren oder hysterischen Autorinnen zu säubern. Mit dem Stalin-Stück "Der wunderbare Georgier" eröffne der künstlerische Leiter Eduard Bojakow jetzt die Stufe zum reinen Agit-Prop, seufzt Holm: "Vor Vorstellungsbeginn tritt Bojakow vors Publikum und erklärt, Stalin müsse vermehrt Thema von Filmen und Bühnenwerken werden, weil unter seiner Herrschaft Sowjetrussland eine einzigartige Macht, Ausdehnung und Zivilisationsleistung errungen habe. Bojakow, ein bekennender orthodoxer Christ, hatte zuvor eine 'ambivalente Einstellung' gegenüber dem Diktator bekundet, weil der seine Kirche verfolgt habe, äußerte jedoch kein Bedauern über dessen Massenmorde."

Weiteres: In der NZZ melden Lilo Weber und Christian Wildhagen, dass Christian Spuck, der bisherige Direktor des Balletts Zürich die Leitung des Berliner Staatsballetts übernehmen wird. Seine Nachfolge in Zürich tritt Cathy Marston an.
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Film

Interessant, lebendig, filmisch: Charles Aznavour filmt sich selbst (Arsenal Filmverleih)

Der französische Filmemacher Marc di Domenico hat aus Charles Aznavours Privatarchiv mit auf Super8 und 16mm selbst gedrehten filmischen Schnappschüssen einen Film kompiliert: "Aznavour by Charles", heißt das Resultat und ist keineswegs ein Sammelsurium ungelenker Amateuraufnahmen, schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: Alles, was man durch seine Linse sehe, sei "interessant, lebendig, filmisch". Zu sehen gibt es: "den Piccadilly Circus in London, junge langhaarige Männer auf der Straße, einen Mann mit Turban, der seinen Mantel ausschüttelt, dann Frauen mit Turban in Dakar, lachende Kinder in kleinen Booten auf dem Ubangi-Fluss im Kongo und in Paris das berühmte Olympia-Konzerthaus backstage. ... Die Montage aus Text und Filmmaterial funktioniert hervorragend. Sie entfaltet eine Melancholie, wie man sie aus Aznavours kraftvoll geschmetterten, aber immer sehnsüchtigen Chansons kennt."

Außerdem: Daniel Moersener resümiert in der taz die Diagonale in Graz, bei der sich "zwischen den Gefühlen von Abenteuerlust und Gelassenheit auch Momente des Wegbrechens" fanden. Für den Guardian erkundigt sich Sirin Kale, was Schauspieler, die in jungen Jahren gruselige Kinder gespielt haben, heute so treiben. In der Berliner Zeitung erinnert Ralf Schenk an Konrad Wolfs DEFA-Film "Leute mit Flügeln".

Besprochen werden Alexandre Koberidzes auf der Berlinale gezeigter Film "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" (Tagesspiegel) sowie Pablo Larraíns und Stephen Kings Serie "Lisey's Story" mit Julianne Moore (Welt, mehr dazu hier),
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Musik

Die Erich von Siemens Musikstiftung verleiht ihren hoch dotierten Preis in diesem Jahr an den Komponisten Georges Aperghis. "Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner im weitverzweigten Schaffen von Aperghis, so bietet sich am ehesten seine üppig wuchernde künstlerische Fantasie an", schreibt Max Nyffeler in der FAZ. "Im Zwischenreich von Musik, Sprache und Szene treibt sie ihre schönsten Blüten. Als ob Aperghis die altgriechische Einheit der Künste mit einem ironisch gebrochenen Satyrspiel, auf dem schwankenden Boden der Postmoderne, noch einmal kommentieren wollte." Sein "Ton des Antipathos" resultiere "nicht zuletzt aus dem Verhältnis von Sprache und Musik. ... In der Betonung des Professionell-Handwerklichen zeigt sich eine wache Skepsis gegenüber den Versuchungen der Genieästhetik."

Helmut Mauró berichtet in der SZ vom Leipziger Bachfest: Dort "verging die Zeit rasend. ... Freitag verkündigten die Propheten die Ankunft des Messias, Samstag war schon Weihnachten."

Weitere Artikel: Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf Raul de Souza. Besprochen werden ein Bierkartenkonzert von Françoiz Breut (taz), neuer Schweizer Hip-Hop (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Eloises Album "SomewhereIn-Between" ("ihr leicht angedunkeltes Timbre ist ein Geschenk", meint SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert).

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