Efeu - Die Kulturrundschau

Ja herrlich, ja bitte!

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24.06.2021. Die FAZ blickt einem melancholischen hummerroten Wassermann ins Auge und feiert ein Oeuvre voller Rätsel der Künstlerin Ilna Ewers-Wunderwald. Scharf kritisiert sie hingegen den nachgebesserten Entwurf von Herzog & de Meuron für das neue Kunstmuseum in Berlin. Die FR lässt sich entspannt vom Pixar-Animationsfilm "Luca" mit einem als Jungen getarnten Meerwesen ins Italien der 50er versetzen. Die NZZ freut sich über die Helvetica auf den neuen Männeranzügen von Comme des Garcons. In der SZ erklärt der irakische Dirigent Karim Wasfi, warum Beethoven auch den Irakern etwas bedeutet.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2021 finden Sie hier

Kunst

Ilna Ewers-Wunderwald, Wassermann 1910-1914. Bild und Foto: Privatbesitz


Was für eine Entdeckung in Oldenburg! Beschwingt kommt FAZ-Kritikerin Katharina Rudolph aus einer Retrospektive der 1875 geborenen Künstlerin Ilna Ewers-Wunderwald, die das Horst-Janssen-Museum Oldenburg ausgerichtet hat. Wunderwald war ein Freigeist. Mit ihrem Mann Hanns Heinz Ewers lebte sie in einer Künstlerkolonie auf Capri, reiste nach Kuba, Mexiko, Haiti, Brasilien und Indien. "Wunderwald illustriert Bücher, besonders die ihres Mannes, malt Schlangenbeschwörer, exotische Tiere, maritime Wunderwesen. Zum Beispiel den großartigen hummerroten 'Wassermann', der erschöpft und melancholisch dreinschauend auf einer Koralle ruht. Sein Körper, eine fantasievolle Mischung aus Mensch, Lobster, Fisch und ein bisschen Floralem, formt sich aus Hunderten winzigen Strichen, gezeichnet unter der Lupe. ... Man sieht in Oldenburg Bilder, die man so noch nie gesehen hat; die aus der Zeit und dem Kanon der Kunstgeschichte fallen, die einen anziehen und umwerfen, die man aus ihren Rahmen nehmen möchte, um jeden kleinen, noch so filigranen Strich ganz aus der Nähe zu betrachten. Man sieht ein OEuvre voller Rätsel."

Weitere Artikel: Anlässlich von Zheng Bos Ausstellung "Wanwu Council" im Martin Gropius Bau nimmt Beate Scheder für die taz an Zhengs "Ecosensibility Exercise" für Journalisten statt. Hakim Bishara annonciert in Hyperallergic die Eröffnung der ersten hassidischen Kunstgalerie in New York. Hanno Rauterberg besucht für die Zeit den Landschaftsarchitekten Piet Oudolf, der den High Line Park in New York entworfen hat und jetzt gerade für das Vitra Design Museum in Weil am Rhein einen Garten plant.

Besprochen werden außerdem die Schau "Cohabitation" über das Zusammenleben von Mensch und Tier in der Stadt im Berliner Silent Green (Tsp), die Retrospektive Yayoi Kusamas im Berliner Gropius-Bau (SZ).
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Architektur

In der FAZ kritisiert Falk Jaeger scharf den nachgebesserten Entwurf von Herzog & de Meuron für das neue Berliner Museum für das 20. Jahrhundert: "Die Architekten sind zu substanziellen Änderungen einfach nicht bereit. Die größte Enttäuschung wird es bei der Fassade geben. Es ist nicht mehr das textil wirkende, stark reliefierte Ziegelkleid, das wie ein flirrender Überwurf Wände und Dach bedeckt. Gebaut wird eine simple, konventionelle Vormauerung aus Klinkern, deren Schlichtheit die Architekten notgedrungen als Qualität preisen. Doch es ist leicht erkennbar, dass die Extravaganz, die Herzog & de Meurons Projekte meist auszeichnet, hier Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen ist. Und das Raumprogramm? ... Herzog und de Meuron betonieren für alle Zeiten viele kleine Räume, die zudem schwierig zu überwachen sind. Statt einer internen Treppenhalle gibt es vom Boulevardkreuz aus zehn Zugänge, die mit Wärtern und Ticketscannern besetzt sein wollen."
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Film

Warme Beziehungen zwischen Realität und Irrealität: "Luca" von Pixar (Disney)

Viel Freude hat FR-Kritiker Daniel Kothenschulte an "Luca", dem neuen Pixar-Animationsfilm, in dem ein junges Meereswesen sich in einen Jungen verwandelt und im Idyll eines italienischen Küstendörfchens der 50er landet. Regisseur Enrico Casarosa setze hier seiner alten Heimat "ein nostalgisches Denkmal" und orientiert sich ansonsten am japanischen Animationsgroßmeister Hayao Miyazaki: "Die Wärme in den menschlichen Beziehungen, verbunden mit einer fließenden Behandlung der Grenzen zwischen Realität zur Irrealität könnte geradewegs aus einem seiner Filme stammen. Das ist schon mehr als genug zu einem kleinen Sommermärchen. Am besten sähe man 'Luca' wohl auf den klapprigen Holzsitzen eines dieser kleinen Freiluftkinos in einem italienischen Badeort. Disney hätte die Kinosaison damit eröffnen können, nun ist es das Glanzstück im Streamingprogramm von Disney Plus."

Außerdem: Im Perlentaucher schreibt Robert Wagner über Ulli Lommels "Olivia", der im Rahmen einer Lommel-Retrospektive des Berliner Zeughauskinos gezeigt wird.

Besprochen werden Steven Soderberghs im Detroit der 50er spielende Krimikomödie "No Sudden Move" (Tagesspiegel, FR), John Krasinskis Horrorfilm "A Quiet Place 2" (Perlentaucher), Joe Pennas Weltallerkundungsfilm "Stowaway" (FAZ), Barbora Chalupovás und Vít Klusáks Dokumentarfilm "Gefangen im Netz" über Kindesmissbrauch (ZeitOnline), Kevin Macdonalds "Der Mauretanier" mit Jodie Foster (SZ), Antonio Capuanos "Das Loch im Kopf" (Freitag) und die auf Arte gezeigte Serie "Die Meute" (taz).
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Archiv: Film

Design

Das japanische Modelabel Comme des Garçons greift für einige Entwürfe seiner neuen Herrenkollektion die Schweizer Type Helvetica auf, freut sich Sabine von Fischer in der NZZ. Ein Katalog des Schweizer Verlegers Lars Müller hatte den Designer Junya Watanabe auf die Idee gebracht: "Aber waren die Helvetica-Schriftzüge nicht in erster Linie dem Alltag verpflichtet? Wenn die Haute Couture sich nun ihrer bedient, kommt einiges durcheinander. ... Die Gemengelage ist unübersichtlich: Die Haute Couture lässt sich inspirieren vom Gewöhnlichen, der Alltag wird als exklusives Sujet zur Attraktion. So schräg dies nun alles erscheinen mag: Die Kollektion von Comme des Garçons mit den Text- und Bildcollagen verschiedener Helvetica-Applikationen demonstriert in skurril-charmanter Weise eine jüngere Errungenschaft, nämlich die Durchlässigkeit zwischen 'high' und 'low', und darüber hinaus auch eine ältere, die zwischen Ost und West."
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Literatur

Thomas Hummitzsch gratuliert in Intellectures dem Comicautor Chris Ware zur Auszeichnung mit dem Großen Preis von Angoulême. Gewürdigt wird ein manisches Genie: "Seine Bildergeschichten sind bis ins kleinste Detail geplant, geometrisch ausbalanciert, penibel durch-orchestriert, nichts ist dem Zufall überlassen. Tragende Texte fließen in die kleinsten Einheiten seiner Zeichnungen, jeder Buchstabe handgelettert - für seine Fans ein Genuss, für seine Kritiker eine Idiotie, für seine Verlage sicher irgendetwas dazwischen. Denn eines steht fest, seine Comicwerke zu reproduzieren ist eine einmalige Herausforderung. Der Berliner Reprodukt Verlag, der bislang die einzige deutschsprachige Ausgabe eines Ware-Comics - die umwerfende Geschichte "Jimmy Corrigan oder der klügste Junge der Welt" - herausgebracht hat, soll fast zehn Jahre Arbeit in das Album gesteckt haben."

Außerdem: Für die FR beschreitet Monika Gemmer den frisch eröffneten "Droste-Landschaft-Lyrikweg" bei Münster.

Besprochen werden unter anderem Michel Friedmans Essay "Streiten? Unbedingt!" (NZZ), Robin Robertsons "Wie man langsamer verliert" (NZZ), J. J. Voskuils "Die Mutter von Nicolien" (SZ) und Lena Goreliks "Wer wir sind" (FAZ).
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Stichwörter: Ware, Chris

Bühne

Sonja Zekri unterhält sich für die SZ mit der deutsche Regisseurin Astrid Vehstedt und dem irakischen Dirigenten Karim Wasfi vom Iraqi National Symphony Orchestra über das Musiktheaterstück "Egmont im Irak" nach Goethe und Beethoven, das heute in Bagdad Premiere hat. Aber was bedeutet Beethoven den Irakern? Dazu meint Wasfi: "Seine Musik, vor allem für 'Egmont', symbolisiert für den Irak die Erhebung gegen das Unrecht, sie beflügelt das Erwachen einer Gesellschaft. Ich glaube fest an einen Paradigmenwechsel durch Kunst, deshalb habe ich eine Nichtregierungsorganisation gegründet, die 'Peace Through Arts Global Foundation'. Ich bin überzeugt: Je mehr Konzerte wir spielen, desto weniger Autobomben gibt es. Kultur ist stärker als Terror."

René Pollesch, designierter Intendant der Berliner Volksbühne, hat am 9. Juni in einem Offenen Brief an das griechische Kulturministerium gegen die Räumung des seit dem Wegfall der staatlichen Förderung besetzten Embros Theaters in Athen protestiert, wie die nachtkritik jetzt mitbekommen hat. Alles gut und schön, aber musste er einen "derart schwer erträglichen Ton" anstimmen, fragt nachtkritiker Michael Wolf. "Nachdem Polleschs Wir die Regierung ermahnt, nicht in 'Barbarei' zu verfallen, droht es noch mit seiner Reaktion, sollte sie sich doch danebenbenehmen: 'Wir wissen nun, wie eng Austeritätspolitik mit autoritären Maßnahmen verbunden ist und wir werden nicht tatenlos zusehen, wie dieser Kontinent in eine postmoderne Version der schrecklichen Dreißigerjahre abrutscht.' Schwer zu entscheiden, wo man hier anfangen soll. Vielleicht mit der Austeritätspolitik, die keine fixe Idee der Griechen war, sondern diesen von der EU und insbesondere einem deutschen Finanzminister aufgezwungen wurde. Oder mit den 'schrecklichen Dreißigerjahren', die doch vor allem wegen eines ganz anderen Landes schrecklich waren."

Weitere Artikel: Diversität hat man auch an der Oper gerne, aber die endet heutzutage bei dicken Sängern, meint Elisabeth Hahn, die für Van über Bodyshaming im Opernbetrieb recherchiert hat: "Ob Montserrat Caballé heute noch eine Chance hätte, ist fraglich. Ebenso, ob Barrie Kosky sie für seine Inszenierungen besetzen würde. Immerhin attestiert er mir am Telefon, dass sie 'null darstellerisches Talent' und 'kein Interesse am Theater' habe. Zu ihrem Aussehen äußert er sich allerdings nicht." Frederik Hanssen annonciert im Tagesspiegel den Spielplan der Deutschen Oper Berlin.

Besprochen werden  Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" in Hagen (nmz), Harry Kupfers Inszenierung der "Elektra" an der Wiener Staatsoper (nachtkritik) und Georg Philipp Telemanns musikalisches Schäferspiel "Pastorelle en musique" in Potsdam-Sanssouci (SZ)
Archiv: Bühne

Musik

Die deutsche Rapszene diskutiert über ihren seit Jahren hinter den Kulissen gärenden Sexismus. "Die Lautstärke und die Entschlossenheit des aktuellen Aufbegehrens sind Anlass zur Hoffnung", meint Jens Balzer in der Zeit, der allerdings darauf verweist, dass frühere Debatten zum Thema auch schon versandet sind. "Wie immer dieser Fall nun auch ausgehen wird: Wenigstens für den Moment hat die von ihm ausgelöste Debatte, haben die vielen sich unter dem Hashtag #deutschrapmetoo sammelnden Stimmen die Sensibilität dafür geschärft, dass die sexistische Rohheit, die Misogynie und die Vergewaltigungsfantasien in vielen Deutschrap-Texten eben keine Ausdrücke autonomen Kunstschaffens mit einem bestenfalls gebrochenen Verhältnis zur Realität sind, sondern direkte Widerspiegelungen realen männlichen Verhaltens und Denkens und der sich daraus ergebenden Machtverhältnisse."

Weitere Artikel: Isabel Herzfeld beugt sich für den Tagesspiegel über die Partitur von Aribert Reimanns Schumann-Adaption "Frauenliebe und Leben". Rasmus Peters stellt in der FAZ den neuen Studiengang "Digitale Musikpraxis" an der Universität Münster vor. Arno Lücker befasst sich in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen diesmal mit Vittoria Raffaella Aleotti.



Besprochen werden Sophia Kennedys "Monsters" (FR), die Memoiren des Labelmachers Alan McGee (ZeitOnline) und das Comeback-Album "Peace of Love" der Kings of Convenience, die SZ-Kritiker Max Fellmann ziemlich bestricken: "Musik, in der man sich wohlfühlt. Ja herrlich, ja bitte!" Wir hören rein:

Archiv: Musik