Efeu - Die Kulturrundschau

Der wolkenlose Himmel im Nichts

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20.07.2024. Die Entscheidung der Darmstädter Akademie, den Büchner-Preis 2024 an den Südtiroler Dichter Oswald Egger zu verleihen, versetzt die Literaturkritiker in kräftige Wallungen: Die FR feiert Oswald als genialen Lyriker und begnadeten Nature Writer. Sinnlich ist er auch, versichert die Welt. Zeit online ist entsetzt über die Entscheidung: "Unsinn, den man laut liest, bleibt trotzdem Unsinn." Der Tagesspiegel fragt angesichts von Eggers hermetischer Sprache: Was also soll das? Die FAZ urteilt salomonisch: "Publikumsmehrheitsfähig ist so etwas gewiss nicht. Aber preiswürdig." Die SZ feiert Rossinis weiblichen "Tancredi" in Bregenz. Die nachtkritik lernt aus einer Münchner Inszenierung von Ulf Schmidts "Geld oder Leben", was mit sozialverträglichem Frühableben gemeint ist. Der Tagesspiegel bestaunt in Berlin Zoran Minics Stadtansichten von Mailand.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2024 finden Sie hier

Literatur

Oswald Egger liest auf dem Erlanger Poetenfest (2017). Foto: Don Manfredo, unter CC-Lizenz


Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an den in Südtirol geborenen, heute auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss lebenden Autor Oswald Egger. Marc Reichwein ist in der Welt entzückt: "Eggers lyrische Prosa wirkt nicht auf den ersten Blick eingängig, entfaltet sich aber durchaus sinnlich: Sprache ist bei ihm nicht nur Schrift auf Papier, sondern auch Klang und Bild, auch die Mehrsprachigkeit seiner Südtiroler Heimat klingt durch, und Schreiben und Gestalten verschränken sich bei Egger öfter, etwa in dem Band 'Val di Non' (2017) oder im jüngsten Buch mit dem Titel 'Farbkompartimente'. 2021 erschien sein vielleicht originellstes Werk 'Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt' (Suhrkamp, 2021) - ein Prosagedicht, das er mit Aquarellen ergänzt hat. Da geht es um Trockenhochwald und 'Tümpelsümpfe', aber auch durchaus actionreich zur Sache, eine Geschmacksprobe: 'Ich locke den Kaiman, meinen Erzfeind. Ich drücke mir die Nase zu, beginne zu schluchzen, zu heulen und zu winseln. Ich beginn hoch, dann fallen die Töne ab, sie werden zerdrückt, leise wimmernd und wehklagend: Er beginnt von neuem, lockt, winselt, jammert, heult und schluchzt und presst sich dazu stets die Nase zu. Dann schlagt er sich ab und zu mit beiden Händen flach auf seine Schenkel, er klatscht aufs Fleisch, dass es sich anhört, als ob ein Körper ins Wasser fiele, so, wie wenn ein großer Fisch springt und zurück ins Wasser platscht. Ein grausiger Schrei, gurgelnd, knarrend, krachend, so ahme ich den Schrei des Kaimans nach. Und jetzt, schaurig, kommt die gleiche Melodie aus dem Sumpf zurück.'"

Auch Björn Hayer ist in der FR höchst erfreut über die Wahl der Darmstädter Akademie: "Diese Entscheidung sendet zwei Signale aus: Erstens prämiert man einen genialen Lyriker und schiebt damit erneut vor allem ästhetische Maßstäbe für die Vergabe in den Vordergrund. Zweitens wird ebenso das Nature Writing gewürdigt, wie es in ähnlicher Weise Esther Kinsky oder Daniela Danz betreiben. Genau darin besteht auch die politische Komponente eines an der Oberfläche unpolitischen Œuvres. Egger gibt der durch Klimawandel und menschlichen Fortschritt gebeutelten Natur eine Stimme - indem er sie in all ihren Facetten personifiziert und indem er dazu, so weit es geht, von unserer Grammatik abweicht."

Wass Egger will, "ist die Aufhebung der kategorialen Grenze von Literatur und bildender Kunst", meint in der SZ Burkhard Müller. Eigentlich kann Literatur das nicht leisten, meint er. "Das ist Klang, das ist Performance. Man weiß nicht, ob man diese Beharrlichkeit des Kunstwillens beklagen oder bewundern soll. Sie sorgt jedenfalls für unverwechselbare Resultate." Auf Zeit online liefern sich  Peter Neumann und Volker Weidermann ein Pro und Kontra über die Entscheidung: Neumann findet Eggers zwar nicht leicht zu lesen, aber höchst anregend im Sinne einer Büchnerschen Romantik: "Nicht der Dichter soll über die Welt befinden, sondern die Sprache soll sich ihre eigene Welt, ihre eigene Natur erfinden." Volker Weidermann hingegen winkt ab: "Unsinn, den man laut liest, bleibt trotzdem Unsinn. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Versuche unternommen, Oswald Eggers Bücher zu lesen. Ich bin jedes Mal auf den ersten Seiten gescheitert. Es sind hermetische Texte. Diese Texte wollen keine Leser." Auch Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel mehr als skeptisch: "Die Entscheidung hat etwas sehr Entlegenes, bei aller Sprach- und Kunstfertigkeit von Eggers Lyrik. Niemand muss dessen Arbeiten lesen, das ist klar, aber auch nur wenige können das und haben ihren Spaß dabei. Was also soll das?" In der NZZ würdigt Paul Jandl Egger als "großen Performancekünstler". Und in der FAZ befindet Andreas Platthaus: "Publikumsmehrheitsfähig ist so etwas gewiss nicht. Aber preiswürdig."

Weitere Artikel: In der NZZ-Reihe "Künstler im Schweizer Exil" schreibt Lucien Scherrer über Arthur Koestler. Carolina Schwarz ist in die Toskana gereist um Cornelia Funke zu besuchen und fragt sich über drei taz-Seiten, ob das Interesse der Bestsellerautorin für Klimaschutz ernst gemeint ist. Der Schriftsteller Matthias Göritz liest für die FAZ noch einmal Uwe Johnsons letztes Buch "Heute neunzig Jahr". Elmar Krekeler besucht für die Welt Friedrich Ani. Der Standard würdigt Clemens J. Setz, der am Sonntag beim Literaricum Lech zum Poeta Laureatus gekürt wird. Den mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis erhält die Autorin Iris Wolff für ihren Roman "Lichtungen", meldet die FAZ.

Besprochen werden unter anderem die Unseld-Ausstellung in Marbach (FAZ), Frauke Buchholz' Krimi "Skalpjagd" (FR), Ruth Hoffmanns "Das deutsche Alibi" (taz), Tanja Busses und Christiane Grefes "Der Grund" (taz), Franziska Gänslers "Wie Inseln im Licht" (taz), Annette Hagemanns Gedichtband "Katalog der Kiefermäuler (taz), Jonathan C. Slaghts "Die Eulen des östlichen Eises" (FAZ), Agi Mishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (FAZ) und Elif Shafaks "Am Himmel die Flüsse" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie stellt Matthias Weichelt Adam Zagajewskis Gedicht "Römische Stadt in der Provinz" vor:

"Römische Stadt in der Provinz

Diese von den Archäologen ausgefegte Stadt
hat keine Geheimnisse mehr.
Haben sie doch gelebt wie wir.
Abends schauten sie lange aufs Meer,
nippten ohne Eile am süßen Wein
und träumten von den gleichen Dingen wie wir.
..."
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Architektur

Im Aedes-Architekurforum kann sich Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Stuttgart Main Station: Ein Jahrhundertprojekt wird Realität" einen Eindruck verschaffen, wie der Bahnhof Stuttgart 21 aussehen wird, wenn er 2026 hoffentlich fertiggestellt ist.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Stuttgart 21

Film

Besprochen werden Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (NZZ), Roland Emmerichs Sandalenfilm "Those About to Die" (Zeit online, Ulf Lippitz unterhält sich mit dem Regisseur im Tsp über dessen Film), Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (SZ), Thomas Arslans Noir "Verbrannte Erde" (SZ), Levan Akins "Crossing - Auf der Suche nach Tekla" (FAZ), Natja Brunckhorsts Komödie "Zwei zu eins" über das Jahr 1990 in der DDR (FAZ) und Mike Hodges' "Croupier" (FAZ).
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Bühne

Szene aus Rossinis "Tancredi". Foto: Karl Forster.


Rossini hat vor allem wegen seiner komischen Opern Bekanntheit erreicht, aber seinen "Tancredi" hätte er lieber in Moll enden lassen, erzählt Egbert Tholl in der SZ anlässlich von Jan Philipp Glogers Inszenierung der Oper in Bregenz: "Da das italienische Publikum einen tragischen Ausgang nicht mochte, ließ Rossini die Oper bei ihrer Uraufführung glücklich enden und holte das, was er vermutlich eigentlich im Sinn gehabt hatte, einige Wochen später in Ferrara nach. Der tragische Schluss wurde prompt ein Misserfolg, und Rossini schrieb abermals um, diesmal wieder zu einem Happy End." In Bregenz ist man nun allerdings wieder beim tragischen Ende der Geschichte um einen Familienzwist angelangt, hier in einer aufregenden Mischung aus Mafiakrimi und lesbischer Liebesgeschichte, so ist die Titelfigur eine Frau und "am Ende stirbt sie so allein, wie sie war. Sie kriecht über die Bühne, will noch einmal den Menschen sehen, dessen Loyalität sie nie wirklich begriff. Diese fünf Minuten der Anna Goryachova sind absolut überwältigend. Alles ist richtig, die Fragilität der Stimme, die Töne, die von weit her, aus einem Gefilde erwachender Erkenntnis zu kommen scheinen. Das alles ist todtraurig, aber, weil Oper, wunder-, wunderschön." Der ebenfalls zufriedene Stefan Ender fragt im Standard angesichts des Geschlechtertauschs in der Handlung: "Erleben wir gerade den großen Sommer der Frauenliebe?" Weitere Besprechungen in der Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.
 
Szene aus "Geld oder Leben". Foto: Marie-Laure Briane


Das Fallpauschalengesetz klingt für Nachtkritikerin Susanne Greiner erstmal nicht besonders spannend als Basis eines Theaterabends, aber Ulf Schmidts "Geld oder Leben" über die Krise des Gesundheitssystems am Münchner Metropoltheater weiß sie eines Besseren zu belehren: "Eine Glanzrolle absolviert Luca Skupin: Er dient als Äquivalent zu Texteinblendungen in Dokumentarfilmen und rattert in Roboterton und -gestik Daten herunter, dass es ein Vergnügen ist. Oder auch Erschrecken, wenn er Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar mit dem Begriff des 'sozialverträglichen Frühablebens' zitiert. Als offenbar eine Diode durchbrennt und Skupin gar nicht mehr aufhören mag, in immer schnelleren Wortsalven die Posten einer Krankenhausabrechnung in Worten, Zahlen und Paragraphennummern zu verschießen, gibt's Szenenapplaus. Die Daten beruhen nicht auf Schmidts Fantasie."

Weiteres: Die Sanierung der Komischen Oper in Berlin droht an den Kosten von 500 Millionen Euro zu scheitern, meldet Sophia Zessnik in der taz. Anna Vollmer trifft sich für die FAS mit der aufstrebenden Dramaturgin Lena Brasch, die am Berliner Ensemble Stücke zu Spielerfrauen im Fußball und zu Britney Spears inszeniert hat. Manuel Brug stellt in der Welt mit Nathalie Stutzmann, Simone Young und Oksana Lyniv drei Dirigentinnen vor, die in Bayreuth für Furore sorgen und verbringt einen Tag mit Antonio Pappano, dem Chefdirigenten des London Symphony Orchestras. Besprochen wird Carl Maria von Webers "Freischütz" in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen (Zeit, FAZ, FAS)
Archiv: Bühne

Musik

Florian Bissig berichtet in der NZZ vom Festival da Jazz in St. Moritz. Nicholas Potter unterhält sich für die taz mit Andrii Yankovskyi über die ungemütliche Lage der Clubszene in der Ukraine. In der SZ nimmt Andrian Kreye ein Treffen mit Maxim Biller zum Anlass, über dessen neue CD "Studio" zu reden. In der FAZ stellt Jan Brachmann zwei Interviewbände mit Musikern vor: "Die Möglichkeit einer gewissen Distanz" mit dem Dirigenten Marek Janowski und Eric Schoones' "Die Wege der Meister. Zen in der Musik".

Besprochen werden ein Konzert von Andrey Shabashev bei Jazz im Palmengarten (FR) und ein Konzert von Peter Maffay im Frankfurter Stadion (FR).
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Kunst

Zoran Minic: Red Crossroad Building. Bild: Galerie Albrecht


Die Beriner Galerie Albrecht stellt 22 Stadtansichten von Mailand aus, die Zoran Minic geschaffen hat, Hans-Jörg Rother bestaunt im Tagesspiegel die Bilder, die eben genau nicht die üblichen Touristenziele zeigen, sondern ganz normale Straßen: "Aber von Geschichte, im Grunde nicht einmal von der Gegenwart der lombardischen Metropole wollen diese ruhig abgetönten Visionen einer auto-, menschen- und natürlich auch vollständig smogfreien Stadt (Mailands Smogglocke ist berüchtigt) nichts zeigen, geschweige denn bildhaft erzählen. Dunkelblau schlängeln sich breite und schmale Kanäle an den rosa-, gelb- oder ockerfarbigen Fassaden rechteckiger Häuser vorbei, über deren blassroten Dächern sich der wolkenlose Himmel im Nichts verliert. Es sieht aus, als wären alle Details einem Modellbaukasten entnommen oder, besser gesagt, als verwandle der Künstler die reale Stadt in Elemente eines Modellbaukastens - und die dunkelgrünen Bäume, die er an den Straßenrand setzt, gleich dazu."

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe unterhält sich für die FR mit Christoph Tannert, der sich als Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien verabschiedet. Marcus Woeller schreibt in der Welt über den äußerst unangepassten Künstler Boris Lurie. Ein weiterer vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi geschaffener Campendonk ist aufgetaucht, meldet die FAZ.

Besprochen werden eine Otto-Dix-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum (NZZ), "Who Cares?" im Jüdischen Museum in Wien (taz), Francis Alys' "Ricochets" im Barbican Center (SZ) und die Sonderausstellung zu Alexander Pohl im Glasmuseum Hadamar (FAZ).
Archiv: Kunst