Efeu - Die Kulturrundschau

Immense Brocken

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2024. Die österreichische Theaterwelt um Elfriede Jelinek und Milo Rau schlägt Alarm - die FPÖ plant im Falle eines Wahlsieges Katastrophales, auch für die Kultur, weiß die nachtkritik. Robert Longos in der Albertina ausgestellte Zeichnungen lassen Düsenjäger auf die Betrachter los, staunt der Standard. Luca Guadagninos Burroughs-Adaptation "Queer" spaltet in Venedig die Kritik: Der Tagesspiegel bejubelt Daniel Craigs verschlagene Performance, laut FR bleibt das Ganze im Illustrativen hängen. Zum 200. Geburtstag Anton Bruckners erinnern die Feuilletons an ein Werk, das laut Neues Deutschland vor allem in seiner Maßlosigkeit beeindruckt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2024 finden Sie hier

Kunst

Sergiy Bratkov, My Brother's Cats (Filmstill), 2022/23

Der ukrainische Fotograf Sergiy Bratkov war früher für grelle bis obszöne Motive bekannt, erinnert sich Bettina Maria Brosowsky in der taz. Der russische Anfriffskrieg hat nun, wie sich anhand der Ausstellung "Sergiy Bratkov. My Brother's Cats" im Kunstmuseum Magdeburg nachvollziehen lasse, seine Arbeitsweise verändert: "In Magdeburg schlägt er differenzierte Töne an, die abbildende Fotografie scheint ihm aktuell nebensächlich, vielleicht gar unmöglich. Beklemmend sind seine düsteren Übermalungen vergrößerter Zeitungsausschnitte, die über Zerstörungen in Charkiw informieren. Bildfragmente sind noch zu erkennen, ein Fenster, eine Gardine. Ihnen stellt er eine frühe Arbeit entgegen, den Leuchtkasten einer schwarz-weißen Mehrfachbelichtung der konstruktivistischen Architekturikone und Welterbe-Kandidatin Charkiws, des Derschprom-Hochhauskomplexes. Dessen Stahlbeton ist längst zum Sinnbild der Widerstandskraft der Stadt geworden."

Robert Longos Zeichnungen machen monumentale Kräfte erfahrbar, lernt Standard-Autor Stefan Weiss in einer Ausstellung, die die Wiener Albertina dem Künstler widmet. Zum Beispiel "die Geschwindigkeit eines Düsenjägers. Zwei davon lässt Longo in der ... Ausstellung aufeinander zufliegen. Man spürt die majestätische Ruhe, mit der sie über den Wolkenteppich gleiten, ahnt aber auch die tödliche Gefahr, die die Jets (ein amerikanischer und ein russischer) mit sich bringen. Ein anderes Bild zeigt im Close-up das verspiegelte Helmvisier eines Piloten im Cockpit, gegenüber ein zerbombter Häuserkomplex aus dem Libanonkrieg. Hier trifft Hollywoods Top Gun auf Bilder, wie man sie tausendfach aus den Massenmedien kennt."

Ist das Kunst oder kann das weg? Das fragt Boris Pofalla (Welt) angesichts der Lars-Eidinger-Fotoausstellung "O Mensch" im Düsseldorfer K21 (siehe auch, deutlich freundlicher, hier). Komplett vernichtend fällt sein Fazit nicht aus - die Kunstfreiheit gelte selbstverständlich auch für Lars Eidinger -, aber die Tendenz ist eindeutig: "Lars Eidingers Fotografie ist eine, die immer in sicherer Distanz zu anderen Menschen bleibt, dabei aber nicht auf die emotiven und gesellschaftskritischen Effekte verzichten möchte, die prekäre, unbekannte, gesichtslose Menschen in seiner Fotografie erzielen können. Die Behauptung, jemand sei empathisch, lässt sich weder objektiv widerlegen noch objektiv bestätigen. Man kann aber die im K21 auf einen zu hohen Sockel gehobene Meme-Fotografie von Lars Eidinger anschauen und sagen: Diese hier ist es eher nicht."

Weiteres: Silke Hohmann schaut sich für monopol im Umfeld der Frankfurt Art Experience um. Die Künstlerin Johanna Kandl wird den Wiener Ringturm verhüllen, gibt der Standard durch. Besprochen werden die Schau "I only work with lost and found - Goldrausch 2024" im Berliner Kunstraum Kreuzberg (taz), die Rose English gewidmete Ausstellung "Plötzlich in Pracht beginnen" im Salzburger Museum der Moderne (Standard), die Gruppenausstellung "I Feel the Earth Whisper" im Museum Frieder Burda (Tagesspiegel), "Der die dada. Unordnung der Geschlechter" im Arp-Museum Bahnhof Rohlandseck, Remagen (NZZ) und die Surrealismus-Ausstellung "Formverlust?" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (Berliner Zeitung).
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Film

Daniel Craig mal ganz anders: Luca Guadagninos "Queer"

Beim Filmfestival in Venedig feierte Luca Guadagninos Verfilmung von William S. Burroughs' autobiografisch grundiertem Roman "Queer" Premiere. Die Hauptrolle - ein Ex-Junkie in Mexiko, der einen Mann begehrt und ihn zu einer Beziehung verführt - spielt der frühere James-Bond-Darsteller Daniel Craig. "Es ist eines der großen Comebacks auf dem Festival - neben Angelina Jolies bravouröser Performance als Maria Callas", jubelt Andreas Busche im Tagesspiegel. Der Film "wirkt wie ein Karriere-Reset. Und Craig spielt grandios: unsicher, verschlagen, sich selbst erniedrigend, zwanghaft. Burroughs bezeichnete seinen Roman, der erst mit 30 Jahren Verspätung Mitte der 1980er publiziert wurde, als sein Porträt der 'hässlichen Amerikaner' im Ausland."

"Guadagnino umarmt das Thema, erzählt vom Finden und Ausleben der Sexualität", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "In einer Balance zwischen manischen Drogeneinfällen, hartem Gebaren und einer fast schon schüchternen Verletzlichkeit im Werben um den jungen Mann findet Craig seine Figur." Guadagnino "konzentriert sich auf Körperlichkeit, ganz im Sinne der Romanvorlage, die er nur ein wenig kürzt und um einige surreale Sequenzen ergänzt. Wo David Cronenberg in Burroughs' 'Naked Lunch' den Bodyhorror fand, poliert der Ästhet Guadagnino für 'Queer' Männerkörper auf Sinnlichkeit." In der FR ist Daniel Kothenschulte nicht überzeugt: Bereits "Cronenberg hatte seine Schwierigkeiten, bei seiner Burroughs-Verfilmung 'Naked Lunch' über das Illustrative ein Stück hinaus zu finden. Wenn Guadagnino schließlich eine mächtige digitale Animation für die körperliche Verschmelzung aufbietet, kann er nicht ersetzen, was er bei der eigentlichen Liebesgeschichte zuvor versäumte."

Aus dem Festivalprogramm besprochen wird außerdem Pedro Almodóvars "The Room Next Door" mit Tilda Swinton und Julianne Moore (taz, mehr dazu bereits hier). Abseits vom Lido befasst sich David Auer für die Presse mit dem anhaltenden Phänomen des Hai-Horrorfilms. Aus den regulären Kinostarts dieser Woche werden Aslı Özarslans gleichnamige Verfilmung von Fatma Aydemirs gleichnamigem Roman "Ellbogen" (taz) und Markus Gollers "Die Ironie des Lebens" mit Corinna Harfouch und Uwe Ochsenknecht (FAZ) besprochen.
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Bühne

Im Mai 2025 wird Elfriede Jelineks "Burgtheater" erstmals zur Aufführung kommen, inszeniert von Milo Rau. Bereits jetzt initiieren Rau und Jelinek gemeinsam mit Mavie Hörbiger, Birgit Minichmayr, Caroline Peters und Claus Philipp einen - von der nachtkritik dokumentierten - Aufruf gegen die FPÖ, deren drohender Wahlsieg katastrophale Folgen haben könnte: "Die Freiheitliche Partei und ihr 'Volkskanzler' fordern einen sofortigen Stopp der 'staatlichen Zwangsabgaben' (sprich Subventionen) für 'woke events' wie den European Song Contest und die Wiener Festwochen - nur ein besonders absurder Punkt in einem Wahlprogramm, das unter dem auf Joseph Goebbels' 'Festung Europa' anspielendem Titel 'Festung Österreich' die Umwandlung der Republik Österreich in eine Art Ständestaat 2.0 fordert mit autoritärer Regierung und radikal-nationalistischer 'Österreich zuerst'-Ideologie." Auch die Berliner Zeitung berichtet.

Das Kunstfest Weimar will die Demokratie retten und bespaßt doch nur die eigene Bubble, ärgert sich Welt-Autor Jakob Hayner. Er blickt auf entsprechende Interventionen Schorsch Kameruns und Max Czolleks und kommt zum Schluss: "Bei Veranstaltungen wie dieser, die sich der künstlerischen Demokratieförderung verschreiben, kommt man ins Zweifeln, ob sich die hiesige Kulturblase unter dem Schlagwort Demokratie überhaupt noch etwas anderes als ein ästhetisches Phänomen vorstellen kann (ein politisches beispielsweise, das auch Gesellschaftsbereiche ohne Premierenfeiern betrifft). Kein Wunder, dass immer so penetrant-infantil die Buntheit beschworen wird. So singt auch Kamerun ein KI-Liedchen über 'die buntesten Farben'."

Weitere Artikel: In Berlin protestiert die freie Szene gegen Kürzungen, weiß Katrin Bettina Müller in der taz. Jakob Hayner fragt sich in der Welt, ob Theater ihre Namensrechte bald an Unternehmen verscherbeln werden. Michael Wolf spricht auf nachtkritik mit dem Dramatiker Wolfram Lotz über das Theater der Zukunft. Christian Meixner freut sich im Tagesspiegel über Theateraufführungen auf dem Schöneberger Bürgerplatz.

Besprochen wird Wajdi Mouawads Monolog "Im Herzen tickt eine Bombe, der im TF Berlin zur Aufführung kommt (Tagesspiegel).
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Literatur

Hannes Hintermeier erinnert in der FAZ an Franz Kafkas Aufenthalte in München. Besprochen werden unter anderem Michail Šiškins Essay "Moi" (NZZ), Franz Friedrichs "Die Passagierin" (FAZ) und Isabelle Lehns "Die Spielerin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Heute vor 200 Jahren wurde Anton Bruckner geboren. Berthold Seliger liefert dazu im Neuen Deutschland einen epischen Longread, der dem "geradezu besessenen Katholiken" allerdings nicht immer ganz zur Glorie gereicht: In seinen Sinfonien "baut er eigene Welten, imposant wie Kathedralen, mit denen sie oft verglichen wurden. In ihnen kann sich der verklemmte Kleinbürger ohne Weiteres zurechtfinden und zum Großmeister, zum Magister Ludi mutieren. Was ist das Besondere an dieser Sinfonik? Zuvorderst die Maßlosigkeit. ... Häufig sind es immense Brocken, die der Komponist übereinanderstapelt, gigantische, dröhnende Steigerungswellen. ... Verstörend wirkt für viele, dass Bruckner hinter die bekannten kompositorischen Lösungen seiner Vorgänger zurückfiel. Auch Beethoven versuchte, die Konflikte ... einer Lösung zuzuführen. Doch während Beethovens Lösung 'Freiheit' und 'Revolution' oder doch zumindest 'Alle Menschen werden Brüder' lautet, nimmt Bruckner nach seinen kolossalen Anläufen alles wieder zurück. Es gab nach der Aufführung von Bruckner-Sinfonien, anders als bei Beethoven, keine Zuhörenden, die in Freiheitsrufe ausbrachen, und es wird keine Zuhörenden geben, die sich glücklich in den Armen liegen. Sie werden höchstens erschöpft sein, bei guten Aufführungen aber definitiv auf angenehme und anregende Weise erschöpft."

Die Bruckner-Einstünder "formieren ihren eigenen Kosmos", schreibt Gerald Felber in der FAZ, "und Bruckner wird dabei bald radikaler und schroffer als jeder, der vor und neben ihm Noten schrieb. ... Wenn etwa der Beginn von Bruckners 5. Sinfonie aus richtungslos ins Leere fallenden Tontropfen, dem fernen Dämmern starrer Akkordschichtungen und vulkanischen Blechbläsereruptionen einen kosmischen Urschrei baut; wenn jähe Dynamik- und Farbwechsel oder harmonische Rückungen die klangliche Tiefenschärfe einzelner Abschnitte herausmeißeln und Motive raumschaffend gegen flirrende Tremolohintergründe abgesetzt werden, entsteht daraus eine unmittelbar durchschlagende und in ihren Wirkmechanismen fast animalische Körperlichkeit. Keine dieser Techniken hat Bruckner erfunden, doch erst er hat sie so systematisch zum Einsatz gebracht."



Christoph Irrgeher erinnert im Standard daran, wie Bruckner von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde: Nach deren Ende "hatte die Welt das Bruckner-Faible der Nazis rasch vergessen. Überraschend? Ja, aber auch gerecht. Denn Bruckner selbst hatte die Nähe zu völkischen Geistern wohl nie gezielt gesucht." Wilhelm von Sternburg führt in der FR durch Bruckners Leben, Wilhelm Sinkovicz (Presse) und Berthold Seliger (ND) empfehlen Einspielungen. Vor allem Sergiu Celibidaches eigenwillige Bruckner-Interpretationen mit den Münchner Philharmonikern kann Seliger empfehlen und verspricht "breite Tempi und tiefes Eintauchen in die Brucknerschen Klangwelten samt aller Details. Toller Sound und Mystizismus." Eine davon haben wir oben eingebunden.

Weiteres: Ji-Hun Kim wirft für den Freitag einen Blick auf den Hype um das Oasis-Comeback. Karl Fluch porträtiert im Standard die austalische Soulband Teskey Brothers, die im September in Wien spielen wird..



Besprochen werden Nick Caves "Wild God" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Giorgio Testis Konzertfilm "Paolo Conte alle Scala" (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter Mercury Revs "Horses" ("Sternenfahrermusik für Abonnenten von Esoterik-Podcasts", verspricht Christian Schachinger im Standard).

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Stichwörter: Bruckner, Anton, Scala, Oasis