Efeu - Die Kulturrundschau
Glitzernde Fatamorgana
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2024. Was für ein Comeback! Die NZZ würde Pamela Anderson für ihre Rolle im Film "The Last Showgirl" am liebsten den Oscar verleihen. Die Kritiker wischen sich während Kornél Mundruczós Inszenierung seines Splatter-Horrors "Method" an der Berliner Volksbühne das Blut aus dem Gesicht, taz und Nachtkritik sind uneins. Perlentaucherin Angela Schader begegnen in Agri Ismaïls Roman "Das Gewicht der Welt" Kurden, abseits jedes Klischees.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.10.2024
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Film

"Pamela Anderson ist eine Oscar-Anwärterin", ruft Andreas Scheiner in der NZZ: Mit 57 Jahren ist die in den Neunzigern nicht allzu vorrangig für ihr schauspielerisches Können gefeierte Schauspielerin mit Gia Coppolas beim Zurich Film Festival gezeigten Drama "The Last Showgirl" ins Charakterfach gewechselt und spielt darin "stupend eine abgehalfterte Variété-Tänzerin in Las Vegas". Sie "ist umwerfend in der Rolle des Revuegirls vor dem Ruin. Darbietungen wie ihre gibt es nicht allzu oft. Es ist einer dieser seltenen Fälle, in denen eine Schauspielerin, ein Schauspieler sich plötzlich in einem Stoff wiederfindet, der faszinierend mit der eigenen Biografie in einen Dialog tritt. ... Anderson verkörpert eine Frau, die stolz ist auf das, was sie tut. Ganz egal, was die andern sagen. Shelley liebt das 'Razzle Dazzle' diese bessere Peepshow, sie sieht nichts Schmuddeliges darin. Und so ist es auch für Pamela Anderson, die gerne betont, nicht verschämt auf ihre Tage als Sexsymbol zurückzublicken. Sie bereut nichts."
Weitere Artikel: Sonka Weiss empfiehlt im Filmdienst die Robert-Altman-Retrospektive im Filmmuseum München. Besprochen werden die aktuelle Staffel der Gastro-Serie "The Bear", die laut Filmdienst-Kritiker Dietrich Leder "mit zum Besten gehört, was das Fernsehen - egal ob in Gestalt von Streamern oder linearen Sendern - derzeit anbietet", die Arte-Serie "Rematch" über das Schachduell zwischen Garri Kasparow und dem Computer Deep Blue (taz), Waad al-Kateabs beim Zurich Film Fest gezeigter Dokumentarfilm "Death without Mercy" über das verheerende Erdbeben in Syrien und der Türkei 2023 (TA) und die Disney-Serie "Agatha All Along" (FAZ).
Bühne

Welche "Kräfte freigesetzt werden können, wenn zivilisatorische Fesselungen abgestreift werden" wird taz-Kritiker Tom Mustroph bei der Premiere von "Method", inszeniert vom ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó, vorgeführt. Blutig und "schrill" geht es laut Mustroph in dieser "Splatterhorrorfilmfarce" an der Berliner Volksbühne zu, aber der Kritiker lässt sich davon nicht abschrecken. Es geht um die Filmbranche, so Mustroph, ein "Middle-Budget-Space-Thriller" soll gedreht werden, besonderes Gewicht legt der Filmregisseur auf das sogenannte Method Acting, während dessen Hauptdarsteller Marvin in "extremste Gefühls- und Handlungsregionen vordringen soll". Das geht allerdings schief, verrät der Kritiker: "Das gipfelt in einer Mordserie auf dem Set, die alle Beteiligten aus Eigeninteresse so lange zu vertuschen versuchen, bis sie selbst an der Reihe sind. Splatterhöhepunkt ist das Ausweiden von Bob. Martin Wuttke beißt hier zunächst kräftig in Claessens Unterarm - gut, beide spielen das hoffentlich nur - und verteilt nach ordentlicher Kunstblutspritzorgie diverse dunkelrot getönte Plastikobjekte, die an Gedärme, Nieren, Leber und andere Innereien erinnern. Schlussendlich hält er ein Herz in seinen Händen."
Nachtkritikerin Elena Philipp steht diesem "Splatterfest mit Starbesetzung" eher ein wenig ratlos gegenüber. Einen tieferen Sinn des Spektakels kann sie nicht erkennen: "Auch mit Interpretationen à la 'dünn ist der Firnis der Zivilisation' oder 'das Horrorgenre legt die Aggressionen offen, die in uns allen schlummern' komme ich hier nicht weit. Zwischen den schlurfenden, selbstironisch eitlen Gestalten dieser filmtheatralen Fingerübung passiert nichts, was irgendeine Fallhöhe schaffen könnte." FAZ-Kritiker Simon Strauß speit Gift und Galle angesichts dieses Abends und hofft darauf, dass an der Volksbühne endlich jemand wieder die Zügel in die Hand nimmt.
Peter Laudenbach sieht es in der SZ ähnlich und setzt alle Hoffnungen in die neuen Interimsintendanten Ida Müller und Vegard Vinge. Die beiden "kennen das Haus seit ihren eigenen, damals selbst für Volksbühnen-Verhältnisse krassen Inszenierungen in den 2010er-Jahren. Sie stehen für beides, für Aufbruch und das Anknüpften an die besten, also die kunstradikalen Traditionslinien dieses sehr besonderen Theaters. Zum Risiko der Berufung der beiden Extremkünstler gehört natürlich auch die Möglichkeit des Komplettabsturzes, frei nach der berühmten Formel, mit der Frank Castorf die Volksbühne 1992 übernommen hatte: In drei Jahren tot oder berühmt. Aber Müllers und Vinges Theater wäre zumindest ein aufsehenerregendes Abenteuer, eine Exkursion zu den Grenzen der Kunst. Ihre Inszenierungen sind ein einziger Stresstest darauf, was das Theater und seine Zuschauer aushalten können, und damit die Probe darauf, was im Theater alles möglich ist." Ulrich Seidler bespricht "Method" in der Berliner Zeitung.
Außerdem: Michael Maier berichtet in der Berliner Zeitung von Protesten gegen Anna Netrebko, die in Verdis "Nabucco" an der Staatsoper in Berlin die Abigaille gibt. Besprochen wird Joan Anton Rechis Inszenierung von Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" am Oldenburgischen Staatstheater (FAZ).
Design
Schwarz. Viele Teenies tragen wieder komplett schwarz und auch die großen Modehäuser setzen in ihren aktuellen Kollektionen wieder vermehrt auf die (Nicht-)Farbe, während diese auch auf dem Textilmarkt für Normalsterbliche in den letzten fünf Jahren stetig populärer wurde, schreibt Silke Wichert in der NZZ. Woran liegt's? "Die einfache Antwort lautet: Es ist praktisch", denn Schwarz "steht jedem und lässt sich einfach kombinieren, am besten mit Weiß oder gleich mit noch mehr Schwarz." Und "Schwarz gilt traditionell auch als besonders geheimnisvoll. Das funktioniert in der Theorie allerdings besser als in der Realität, zumindest wenn man sich die Horden von Jugendlichen in schwarzen Jogginganzügen mit dem Aufdruck einer großen Sport- oder Designermarke in den Fussgängerzonen anschaut. Mysteriös ist hier allenfalls, warum das Zeug ohne nennenswertes Design trotzdem dreistellige Beträge kostet."
Literatur

Maxim Biller erzählt in seinem ersten, von Dominik Graf inszenierten Radio-Hörspiel "Kein König in Israel" von dem Schriftsteller, Übersetzer und Zionisten Josef Chaim Brenner, der 1909 in Haifa mit dem Schiff ankam und im Mai 1921 von einem arabischen Mob ermordet wurde. "Billers Erzählung ist auf eine seltsame, vielstimmige Weise hoffnungsstiftend, auch wenn sie von dem Blut erzählt, mit dem die Erde Palästinas getränkt ist", schreibt dazu Hannah Lühmann in der Welt. "Die Erzählstimmen dieser nahöstlichen Episode, ein Mann (Samuel Finzi) und eine Frau (Adriana Altaras) berichten und fantasieren über den Abgrund des Geschehenen, tastend, nüchtern, mit warmen, trockenen Stimmen, angefasst und doch manchmal fast heiter" - auch wenn brutale Gewalt geradezu grafisch geschildert wird: "Spätestens hier, bei dieser schwer auszuhaltenden Schilderung genitaler Gewalt, ist man beim Massaker vom 7. Oktober - und bei den nachfolgenden Gewalttaten. ... Billers Text ist einige Monate vor dem Oktober 2023 fertig geworden, und diese verschiedenen in das Hörereignis eingeschriebenen Zeit- und Wahrheitsschichten tragen mit dazu bei, dass diese knapp 80 Minuten so existenziell sind."
Außerdem: Gerrit Bartels wirft für den Tagesspiegel einen Blick in die Glaskugel, wer am Donnerstag womöglich zum Literaturnobelpreisträger geadelt werden könnte. Karin Krichmayr porträtiert für den Standard die Wiener Comicszene. Andrea Pollmeier berichtet in der FR von der Shortlist-Lesung für den Deutschen Buchpreis.
Besprochen werden unter anderem Rachel Jedinas "Wir waren nur Kinder" (FR), Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner" (online nachgereicht von der Zeit), Mircea Cărtărescus "Theodoros" (SZ) und Kurt Tallerts "Spur und Abweg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Am Künstler Erwin Wurm und seinen Skulpturen scheiden sich die Geister, weiß FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier, die einen finden ihn genial - die anderen oberflächlich. Zur Überprüfung besucht der Kritiker die große Retrospektive in der Albertina Modern in Wien. Eines ist zumindest klar, meint Hintermeier, die "landläufigen Vorstellungen, was eine Skulptur ausmache, unterläuft Wurm konsequent, bis dahin, dass er sie in Luft" auflöst: "Beheizte 'Substitutes', 'Skins' und 'Flat Sculptures' beschließen als Arbeiten aus der jüngsten Zeit die Schau. Dazu gehören große Skulpturen wie 'Rodins Mantel' (2023), der schwebend ohne Körper an dessen Träger, den französischen Schriftsteller Balzac, erinnern soll. Diesem widmet Wurm eine drei Meter zwanzig hohe Aluminiumplastik, Balzac ist nur bis zur Hüfte zu sehen, darüber türmt sich ein Berg von Textilien. Taschen aus Aluminiumguss kommen auf dünnen Stelzenbeinen daher und appellieren an unsere Konsumgewohnheiten. Überlebensgroße 'Skins', für die unter anderem Lars Eidinger Modell stand, gehen von den Sneakern bis zur Hüfte und dann in sich verjüngende, flache Armprofile über, die am Scheitelpunkt in sich verschränkende Hände münden."
Außerdem: Thomas Ribi erinnert in der NZZ an den Kunstsammler Werner Merzbacher, der als Kind vor den Nazis in die Schweiz floh und nun mit 96 Jahren verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Modern Times - Bilder der 1920er Jahre" im Museum für Neue Kunst in Freiburg (FAZ) und die Ausstellung "Über Grenzen. Künstlerischer Internationalismus in der DDR" im Humboldt-Forum in Berlin (tsp).
Architektur
Der Architekt Robert Kaltenbrunner denkt in der FR darüber nach, was "Innovation" in Bezug auf Stadtentwicklung bedeuten kann. Während sich die Öffentlichkeit über formalistische Fragen und Fassaden streitet, sollte vielmehr "überzeugende neue Paradigmen des Gemeinwohls" entwickelt werden, "die sich letztlich auch in neuen räumlichen und/oder urbanistischen Modellen ausdrücken."Echte Innovationen müssten "sich hiermit befassen: nicht mit formalistischen Fragen von architektonischen Stilen und städtebaulichen Figuren, sondern mit der grundsätzlichen Organisation von Städten, mit ihrer Governance, mit Geld und mit Macht. Und dafür ist Innovation vonnöten. Zugleich wäre mehr Demut vor den Eigenlogiken städtischer Entwicklung, mehr Gelassenheit und Geduld einzufordern. Und zugleich ein Bewusstsein, was die relative Begrenztheit und zeitliche Bedingtheit von Planung anbelangt."
Musik
Mit ihrem Dokumentarfilm "Googoosh - Made of Fire" erzählt die Regisseurin Niloufar Taghizadeh das Leben der iranischen Sängerin Googoosh, das "eng mit der Geschichte des Iran und der Islamischen Republik verflochten" ist: Dort "wurde ihr, wie allen Frauen im Land, das Singen verboten und Konzerte ebenfalls", schreibt Gilda Sahebi in der taz. Nach 21 Jahren verließ die Sängerin den Iran. "Sie habe keine Antwort auf die Frage, warum ihre Musik auch junge Iraner:innen so berühre, so Googoosh. Sie hätten doch den Iran vor der Islamischen Revolution gar nicht selbst erlebt. Die Antwort könnte sein, dass viele Iraner:innen zweiter, dritter und vierter Generation in ihren Elternhäusern mit der Musik von Googoosh aufwachsen, egal, wo sie auf der Welt leben. Sie wachsen mit den Geschichten über die verlorenen Häuser, die wunderschönen Gärten auf, mit dem Schmerz über die verlorene Heimat. 'Ich wurde von meiner Heimat getrennt', sagt Googoosh im Film über den Moment im Flugzeug, als sie den Iran nach 21 Jahren verlassen durfte. ... Ihre Augen glänzen, als sie das sagt. Und mit ihr weinen wohl Millionen Iraner:innen weltweit."
Hier eine Zusammenstellung ihrer Hits aus den Siebzigern, bevor die Ayatollahs die Macht übernahmen:
Weitere Artikel: Caro Stamm-Reusch freut sich in der taz auf die anstehende Deutschlandtour des US-Singer-Songwriters Bonnie 'Prince' Billy. Frederik Hanssen ist im Tagesspiegel gespannt auf das Festival "bauhaus music" am kommenden Wochenende in Berlin. Der Tagesanzeiger hat das SZ-Gespräch mit den Fantastischen Vier online nachgereicht.
Besprochen werden ein neues Album der Berliner Rapperin Ebow (Tsp), das neue Coldplay-Album (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Ingo Metzmacher (Standard) und weitere Popveröffentlichungen, darunter "EELS" von Being Dead ("Musik fürs Zähneputzen zwischen zwei Reiskeksen", schreibt Karl Fluch im Standard).
Hier eine Zusammenstellung ihrer Hits aus den Siebzigern, bevor die Ayatollahs die Macht übernahmen:
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Besprochen werden ein neues Album der Berliner Rapperin Ebow (Tsp), das neue Coldplay-Album (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Ingo Metzmacher (Standard) und weitere Popveröffentlichungen, darunter "EELS" von Being Dead ("Musik fürs Zähneputzen zwischen zwei Reiskeksen", schreibt Karl Fluch im Standard).
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