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18.11.2024. Im Tagesspiegel erzählt die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch, wie sie nach dem Beginn des Krieges eine neue Sprache finden musste. Die FAZ muss sich bei Björn Reinkes Inszenierung der Haydn-Oper "Armida" in Potsdam zwischen "Myrte und Maschinengewehr" entscheiden. Im Standard stellt der Schriftsteller Karl-Markus Gauß bestürzt fest: Wir leben in einer Epoche des "Librizids". Die NZZ freut sich, dass die Stadt Ferrara ihrem bedeutenden Sohn Michelangelo Antonioni ein Museum gewidmet hat.
Katrin Hillgruber spricht für den Tagesspiegel mit der ukrainischen AutorinSofiaAndruchowytsch über ihren kommenden Roman "Catananche", wie die blaue Rasselbume auf griechisch heißt. "Beete mit solchen Zierblumen werden in der Ukraine oft neben Hochhaussiedlungen aus Beton angelegt und von Gruppen älterer Damen betreut. Dieser Titel symbolisiert für mich, dass auch im Krieg ein normales Leben weitergeht." Die Rückkehr zur Fiktion unter Kriegsbedingungen "war eine Herausforderung für mich, weil ich das Gefühl hatte, dafür die passende Sprache verloren zu haben. Diese Fähigkeit musste ich mir neu erschaffen, auch um der aktuellen Situation so gerecht wie möglich zu werden." Mein Roman "imaginiert die Zeit, in der dieser Krieg vorbei sein wird und erzählt vom Alltag und den Beziehungen gewöhnlicher Menschen in meinem Viertel in Kiew. Sie alle haben ihr persönliches Trauma durch den Krieg erlitten, den ich aber nicht direkt erwähne."
Im Standard-Essay beklagt der SchriftstellerKarl-MarkusGauß, welchen schweren Stand Büchersammlungen heute nach dem Ableben des Sammlers haben: Es will sie schlicht niemand übernehmen und kaum jemand plündern - zumal etwa Universitätsbibliotheken eher angewiesen sind, Bestände zu digitalisieren statt Neuanschaffungen zu planen. "Tatsächlich", dämmert ihm nach beschwerlicher Auflösung der Sammlung eines verstorbenen Freundes, "leben wir in einer Epoche des Librizids. ... Man kann davon ausgehen, dass gleich viel Bücher vernichtet wie gekauft, gelesen, in Bibliotheken, privaten wie öffentlichen, aufgenommen werden." Es ist vor allem "der anonyme Markt, der Millionen Büchern das Todesurteil spricht", da es weniger Geld kostet, "Bücher, die zu wenig Käufer finden, periodisch zu Pappmaschee verarbeiten zu lassen, als sie in Lagerhallen aufzubewahren." Keiner will sich dazu "bekennen: die Verlage nicht, weil sie den Ruf scheuen, Bücher nicht nur zu veröffentlichen, sondern gegebenenfalls auch zu vernichten; die Autoren nicht, weil es sie im Innersten verletzt, dass aus dem, was sie geschaffen haben, kein bleibendes Kulturgut wird, sondern ein Reduktionsstoff, der gleichermaßen zur Herstellung von Klopapier wie von Dachpappe taugt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der NZZ gratuliert Roman Bucheli ZoradelBuono zur Auszeichnung mit dem SchweizerBuchpreis für ihr Buch "Seinetwegen", das "die verbreitete Erinnerungsliteratur gegen den Strich bürstet". Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit KatrinS. Wozonig über die Schriftstellerin BettyPaoli, über die sie eine (im Standard auch rezensierte) Biografie verfasst hat. Karl Heinz Gruber erinnert sich im Standard an den Schriftsteller Bodo Hell, der seit dem Sommer in den Alpen vermisst wird. Richard Kämmerlings zelebriert in der Welt den Herbst mit den Gedichten von GeorgTrakl. Der Standardveröffentlicht ein Gedicht von ClemensJ. Setz und außerdem den Text, mit dem Nina Heller den FM4-Literaturpreis "Wortlaut" gewonnen hat.
Besprochen werden unter anderem TexRubinowitz' "Dreh den Mond um" (Standard), SelmaKayMatters "Muskeln aus Plastik" (Standard), PeterKurzecks postumer Roman "Frankfurt Paris Frankfurt" (NZZ), neue Kriminalromane (Freitag) und neue Hörbücher, darunter HardyKrügers Lesung von RobertJamesWallers "Die Brücke am Fluss" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Armida" Foto: Steffen Gloede. Björn Reinke muss seine Inszenierung von Joseph Haydns Oper "Armida" gar nicht aufwendig aktualisieren, meint Clemens Haustein in der FAZ, der das Stück im Schlosstheater des neuen Palais Potsdam gesehen hat. Denn ihr Thema ist zeitlos: Der Kreuzritter Rinaldo muss sich zwischen "Myrte und Maschinengewehr" entscheiden, zwischen der Liebe zur Nichte des gegnerischen Königs von Damaskus und seiner Pflicht. Selbst eine idyllische Waldszene kann nichts daran ändern, dass er sich am Ende falsch entscheidet, erzählt Haustein: "Vor dieser Szene schob sich der zaudernde Ritter ein paar Pillen ein. Idylle als Drogenrausch. Das ist ein bisschen traurig und auch zynisch, möchte aber den schlimmen Schluss der Oper entschuldigen: dass Rinaldo sich am Ende allen Ernstes für die Gewalt entscheidet und den Myrtenbaum fällt. Damit ist nach dem Libretto die Quelle der Zauberei beseitigt, aus der Armida schöpfte. Dass diese Quelle aber nichts anderes ist als die Liebe, beglaubigt durch das uralte Symbol der Myrte, lässt einen bestürzt zurück. Hier behält die Pflicht für Volk und Vaterland das letzte Wort, selbst wenn die Liebe dran glauben muss. Das kann nur ein Wahnsinniger oder ein Mensch unter Drogen vollziehen, sagt Reinke und lässt Rinaldo am Ende mit blutender Brust in den Bühnenvordergrund torkeln. Der Mord an der Liebe wird zum Selbstmord. In Armidas Schoß liegt der Antiheld schließlich wie der Gekreuzigte bei der Gottesmutter."
Auch Klaus Büstrin ist im Tagesspiegel angetan, vor allem vom "warmen Timbre" und "der eleganten Verzierungskunst" Aytaj Shikhalizadas als Armida und Liam Bonthrones als Rinaldo.
Besprochen werden Wilke Weermanns Inszenierung des Schauerstücks "Der Untergang des Hauses Usher" mit Texten von Edgar Allan Poe am Theater Aachen (nachtkritik), Barbara Webers Inszenierung von Suzie Millers MeToo-Monolog "Prima Facie" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Marieluise Fleißers Stück "Eine Zierde für den Verein" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ), Dominique Schnizers Inszenierung von "Der große Gatsby" nach F. Scott Fitzgerald am Staatstheater Meiningen (nachtkritik), Lisa Nielebocks Adaption von Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht" am Schauspiel Frankfurt (FR) und die Choregrafie "Dunkelheit" vom Duo Billinger & Schulz im Studio Naxos in Frankfurt (FR) und Maxim Didenkos Inszenierung des Theaterstücks "Cremulator", basierend auf einem Roman von Sasha Filipenko, im Rahmen des Voices Performing Arts Festivals in Berlin (taz, tsp).
Es ist "ein spätes Glück", findet Tom Schulz in der NZZ, dass Ferrara, die Geburtsstadt des italienischen Auteurs MichelangeloAntonioni, "ihrem bedeutenden Sohn ein Museum gewidmet hat, das den Namen Spazio Antonioni trägt". Seit dem Sommer kann man es besuchen, dort "befindet sich auf zwei Ebenen eine Retrospektive des Schaffens von Antonioni: Fotos, Zeichnungen und Erinnerungsstücke aus dem Nachlass, Filmstills und Ausschnitte seiner Werke." Für Schulz auch ein Anlass, ein wenig über Antonionis Kino der Entfremdung zu philosophieren. "Was er zeigt, sind Bilder von Bildern: dieLeere, dasNegativ, dasFehlende. Die Leere als Geschichte; das Vergebliche, das bittersüss schmecken kann. Die Langeweile als auf die Zeit verteilter Schmerz. Sieht man sich die 'Rote Wüste' noch einmal an, begreift man, dass die Versuche, das Leben zu ändern, gescheitert sind. Die Sehnsucht nach dem anderen, dem Fremden, bleibt uneingelöst. Das Bild der Frau, die das Gesicht zwischen ihre Hände presst, spricht ohne Worte. Längst ist die rote Wüste eine Metapher geworden für unseren Planeten, der (...) seinem Untergang zentimeterweise unaufhaltsam näher kommt."
In der Weltbangt Hanns-Georg Rodek um die Reform der Filmförderung, um die seit Jahren gerungen wird und die nun noch auf der Zielgeraden durch das Ampel-Aus sabotiert werden könnte. Doch "besteht eine kleine Hoffnung, dass das neue Filmfördergesetz von der alten Koalition doch noch vor Weihnachten in den Bundestag gebracht werden wird und die FDP zustimmt. Wenn nicht, wird die Filmproduktion in Deutschland über Monate gelähmt sein. Das wäre auf absehbare Zeit das letzte Wort."
Weiteres: Esther Buss resümiert in der Jungle World die DuisburgerFilmwoche. In der FAZgratuliert Maria Wiesner (online nachgereicht) DannyDeVito zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden BrunoDumonts Science-Fiction-Persiflage "Das Imperium" (JungleWorld), VeronikaFranz' und SeverinFialas Historien-Horrorfilm "Des Teufels Bad" (taz, unsere Kritik), SteveMcQueens auf Mubi gezeigte Doku "Occupied City" über die Besetzung von Amsterdam durch die Nationalsozialisten (ZeitOnline), eine neue Heimmedien-Ausgabe von CarolReeds Klassiker "Der dritte Mann" (FD), die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (taz), die zweite Staffel der Netflix-Serie "The Diplomat" (ZeitOnline) und die auf ZDF Neogezeigte Serie "Kidnapped" (FAZ).
Dora Hitz, Porträt Margarete Hauptmann, 1906. Privatbesitz. Foto: Oliver Ziebe. Was die Malerin Dora Hitz wohl geschaffen hätte, wenn sie sich nicht an die Zwänge ihrer Zeit hätte anpassen müssen? FAZ-Kritiker Andreas Kilb wüsste es gerne, ist aber auch so schon beeindruckt von ihren Stillleben und Porträts, die die Villa Liebermann zeigt. Er erkennt hier eine eine Künstlerin, die "sich geschickt den ästhetischen und gesellschaftlichen Normen ihrer Epoche anpasste und zugleich den Kontakt zur Avantgarde suchte": "1906 malt sie ihr Meisterwerk, das Bildnis der Margarete Hauptmann. Die Dichtergattin posiert vor einer blauen Mustertapete, die Dora Hitz in eine vorbeirasende marine Landschaft verwandelt hat. Die Falten des Ballkleids, vom Sog des Hintergrunds mitgerissen, beginnen zu tanzen, Kopf, Hals und Arme der Porträtierten bilden die einzigen Ruhezonen in einem horizontalen Gewoge aus Blau, Weiß und Schwarz."
Ebenfalls in der FAZ unterhält sich die Textilkünstlerin Sheila Hicks, deren Werke gerade in einer großen Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen sind, über die Anfänge ihrer Karriere bei der Bauhaus-Weberin Anni Albers, den Einfluss ihrer Reisen nach Südamerika und die Frage, warum sie auch Aufträge von Architekten und Industrie annahm: "Dabei sind bedeutende Arbeiten meines Œuvres entstanden, wie die Bespannung des Prototyps der First-Class-Lounge in den damals neuen Boeings 747 der Air France. Die Fluggäste mochten die sehr feine Tapisserie, und ich sollte vierzehn weitere Wandbespannungen liefern. Das Studio konnte das nur bewältigen, weil ein Karmeliter-Orden in der Nähe von Paris mithalf. Die meisten der Nonnen hatten noch nie ein Flugzeug bestiegen - sie sagten, sie kämen sich vor wie der Prophet Jona im Bauch des Walfischs. Als die Lounge abgeschafft wurde, wurde das Mobiliar wohl einfach abgewrackt, nur eine Tapisserie wird im Museum of Modern Art verwahrt."
Außerdem Ralph Trommer stellt in der taz fünf Ausstellungen in Belgien vor, die zum einhundertjährigen Jubiläum von André Bretons Surrealismus-Manifest stattfinden, unter anderem "Surréalisme, bouleverser le réel" im CAP Musée des Beaux-Arts in Mons und "Les Mondes de Delvaux" im Museum "La Boverie" in Lüttich (Liège). Besprochen werden die Ausstellung "Roee Rosen: The Kafka Companion to Wellness" im Kunstverein Hannover (taz) und die Ausstellung "Ingeborg Lüscher. Il cielo ancorato alla terra" im Museo d'arte in Mendrisio (NZZ).
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