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04.01.2025. SZ und Welt sind tief beeindruckt von Tim Fehlbaums News-Thriller "September 5" über das Olympia-Attentat von 1972. Im Interview mit der FAZ erklärt Dirigent Iván Fischer, warum Operninszenierungen immer von der Musik ausgehen sollten. Die taz sucht Alternativen zu Kafka. Und die SZ porträtiert den großartigen Essayisten Eliot Weinberger.
Klaustrophobische Atmosphäre in der Redaktion: "September 5" von Tim Fehlbaum Roman Deininger ist in der SZ sehr beeindruckt von TimFehlbaums "September 5", der das antisemitischeOlympia-Attentatvon1972 in München, bei dem elf Israelis und ein Polizist starben, komplett aus der Perspektive der Zentrale des US-Senders ABC und des Journalisten Geoff Mason zeigt, der darüber entschied, welche Bilder der Tat live übertragen werden und welche nicht (hier unser Resümee von der Weltpremiere in Venedig). "Die Konzentration macht das beinahe unfassbare Geschehen fassbar, verständlich, an manchen Stellen vielleicht auch erträglich. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass diese Geschichte auch für Nachgeborene relevant ist. ... Die globale Gemeinschaftserfahrung des live übertragenen, sich langsam entspinnenden Unheils grub den Terror erstmals tief ins Bewusstsein der Menschen. Das Bild des Terroristen, der mit Strumpfmaske auf dem Balkon des israelischen Quartiers steht, wurde in seiner Zeit ein ikonisches Schreckensbild wie der Einsturz der Türme des World Trade Center drei Jahrzehnte später. Heute stehen wir manchmal beinahe schutzlos im digitalen Regen der Horrorschnipsel, von Magdeburg bis New Orleans. Doch damals inMünchen, dafingesan."
Marc Reichwein spricht in der WamS von einem "dichten, atemlosen News-Thriller" und einem "erstklassigen Journalistenfilm, ein Instant-Klassiker, der sich mit seiner Dichte sofort einreiht in die Galerie der großen Hollywood-Epen, die von Medien und ihren Akteuren in Momenten heikler Berichterstattung erzählen". Zu schätzen weiß Reichwein nicht nur, dass der Film die Frage danach stellt, welche Rolle moderne Massenmedien für den Terrorismus spielen, sondern auch, dass "dieser Film die gefährdete Existenz Israels und seiner Bürger einmal mehr schmerzlich klar macht. Schon 1972 musste die Weltöffentlichkeit mit ansehen, welchen prekären Status das Land Israel hat und wie seine Nachbarn und Feinde das brutale Prinzip der Geiselnahme unschuldiger Menschen praktizieren, um Terroristen aus dem eigenen Lager freizupressen."
Weitere Artikel: Heike Hupertz staunt in der FAZ, wie es dem ZDF mit einer Sonderfolge von "SokoLeipzig" gelingt, die Geschichte des Judenhass und den aktuellenAntisemitismus zum Thema zu machen. Marian Wilhelm denkt im Standard darüber nach, warum Kinofilme immer länger und länger und länger werden - und ob dieser Eindruck überhaupt stimmt. Für die WamS hat Lena Karger einen Tag mit FrankaPotente verbracht. Marius Nobach blickt für den Filmdienst zurück auf die Filmschaffenden, die 2024 gestorben sind. Georg Stefan Troller erinnert sich in der LiterarischenWelt an seine Begegnungen mit RomySchneider. Valerie Dirk gibt im StandardFilmtipps zum neuen Jahr.
Besprochen werden LucaGuadagninos' Burroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (Standard, unsere Kritik), RobertEggers' "Nosferatu"-Remake (Standard, NZZ, unsere Kritik), Michael Graceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, in dem der Star von einem digitalen Affen gespielt wird (für die SZonline nachgetragen vom TA), die Amazon-SF-Serie "Secret Level" mit Gastauftritten von ArnoldSchwarzenegger und KeanuReeves (FAZ), eine ARD-Doku-Serie über das Magazin Vice (taz) und die ZDF-Serie "Hameln" (taz).
In der FAZ stellt Hannes Hintermeier den Fotografen Heinz Gebhardt vor. Besprochen werden eine fotografische Serie von René Groebli in der Berliner Galerie Johanna Breede (Tsp), eine Ausstellung über den Austausch von Ideen und Künsten zwischen Ludwig XIV. von Frankreich und dem chinesischen Qing-Kaiser Kangxi im Hongkonger Palace Museum (FAZ), Ausstellungen des Malers und Einstein-Freunds Josef Scharl in der Berliner Galerie Nierendorf (Tsp), des französischen Künstlers Philippe Parreno im Münchner Haus der Kunst (Tsp), der israelischen Künstlerin Alona Rodeh im umgebauten Kunstmuseum Gelsenkirchen (monopol) sowie eine Ausstellung illustrierter Kinderbücher seit dem 19. Jahrhundert in der Münchner Pinakothek der Moderne (FAZ).
Der Regisseur ist fürs Sehen verantwortlich, der Dirigent fürs Hören - diese Spaltung beim Musiktheater findet Dirigent Iván Fischer total uninteressant - weshalb er lieber selbst inszeniert, wie er im Interview mit der FAZ erzählt. "Wenn man mit einem Darsteller einen Charakter erarbeitet, muss man das, was man in der Musik hört, zum Ausgangspunkt machen. Gestik, Launen, Hintergedanken eines Schauspielers - man hört das alles aus der Musik! Der Regisseur ist kein Musiker, er geht von einer Geschichte oder seinem Konzept aus", erklärt Fischer und wird am Beispiel des Erwachens von Ariadne in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" konkret: "Diese Phrase des ersten Stöhnens ist rein musikalisch ein Seufzer, der sehr stark hinaufstrebt und in der Kraft anwächst. Eine Art ächzendes 'O Gott!'. Das geht zum Himmel hin. Darin liegt eine Bitte: 'Ich fühle mich so schlecht, ich kann das alles hier kaum mehr ertragen.' Das ist kein Murmeln beim Wachwerden, sondern die plötzliche Wahrnehmung eines furchtbaren Schicksals. Also eine starke Geste. Ich sehe eine Frau vor mir, die wach wird und sofort die ganze Misere begreift, in der sie steckt. Da habe ich gleich bestimmte Vorstellungen von ihrer Kopfhaltung und ihrer Körperbewegung."
Für die Seite Drei der SZ porträtiert Hilmar Klute den Schriftsteller und EssayistenEliot Weinberger, den wir schon seit vielen Jahren gerne in unseren Magazinrundschauen zitieren und erwähnen. Aktuell hat er in der London Review of Books den himmelschreienden Wahnwitz der Ereignisse in den USA rund um Trumps Wiederwahl in einem collagiertenden Prosagedicht auf den Punkt gebracht. Aber auch wenn Weinberger ein scharfer Beobachter und Kritiker der US-Gegenwart ist, finden sich in seinen Essays "kein Alarmismus, keine Apokalypsen und keine Resignation. ... Die Haltbarkeit von Weinbergers Texten hat einen guten Grund: Sie sind an der Wahrheit entlang geschrieben und verzichten auf empfindsame Zeitzeugenelegien." Seine "Poesie ist eine Poesie der Tatsachen. Ob er über bedeutende reine Engel wie Raziel und Michael schreibt oder über schmutzige kleine Teufel wie Richard Riordan, Pete Hegseth und Matt Gaetz - Weinbergers Sprache bleibt die des Chronisten, der angesichts der Ungeheuerlichkeiten dessen, was er hört und sieht, nur auf zweierlei achten muss: dass seine Worte wahr sind und die Melodie seiner Texte die Struktur einer Bachfuge hat. Es ist die Klarheit des Denkens und Schreibens, die Weinberger gegen das Chaos stellt. ... Es gibt kein Ich in diesen Texten."
Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler ärgert sich in der taz beim Rückblick auf das Kafkajahr 2024 darüber, wie sehr Kafka - allerdings immer schon, nicht nur aktuell - ins Feld der großen Literatur einsortiert wird, wo der Schriftsteller doch eigentlich eine kleine Literatur im Sinn hatte: "Das Problem gerade jener Kafka-Lektüren, die diesen Autor so bekannt und beliebt gemacht haben, liegt darin, dass sie im Grunde immer schon, wie vage auch immer, verstanden zu haben meinen, was das Genie uns Deepes sagen will. Sie halten seine 'kleine' Literatur für eine 'große' und verpassen damit genau das, was Kafka besonders macht - besonders, aber eben auch typisch für seine Zeit. Was unter dem übermächtigen Kafka-Massiv begraben bleibt, ist das weite Feld der originellen avantgardistischen Kurzprosa, die in den 1910er und 20er Jahren im Umfeld des Expressionismus entstand und erscheinen konnte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für die WamS spricht Marc Reichwein mit der LiteraturwissenschaftlerinSandraRichter über deren demnächst erscheinende Rilke-Biografie. Paul Jandl blickt für die NZZ mit irritierend neutraler Chronistenhaltung darauf, wie die junge Literaturwissenschaftlerin AllyLouks von einem enthemmten Social-Media-Meute gemobbt wurde, bloß weil sie es gewagt hatte, sich online über den Abschluss ihrer Dissertation über Gerüche in der Gegenwartsliteratur zu freuen. Peter Praschl erzählt in der WamS von seinem Besuch im Silent Book Clubim Bode Museum in Berlin, bei dem man sich zum schweigsamenLesen in mitgebrachten Büchern verabredet, um im Anschluss - sofern man möchte - darüber zu reden. Die FAZmeldet den Tod des britischen SchriftstellersDavidLodge.
Besprochen werden unter anderem HeinzStrunks "Zauberberg 2" (taz), WalburgaHülks Biografie über VictorHugo (NZZ, LitWelt), ein Band mit UweJohnsons in den Sechzigern für den Tagesspiegel verfassten Kritiken zum DDR-Fernsehen (FAZ), Wilhelm Bodes Essay "Waldendzeit" (taz), SusanTaubes' "Klage um Julia und andere Geschichten" (taz), Paula Fürstenbergs "Weltalltage" (FAZ), JuliaSchochs "Wild nach einem wilden Traum" (LitWelt) und WolfHaas' "Wackelkontakt" (SZ, LitWelt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Henrike Hartmann ist für eine taz-Reportage zum vor einigen Jahren nach Berlin verlegten Grab von RioReiser gegangen, der am 9. Januar 75 Jahre alt geworden wäre. Michael Stallknecht wirft für die SZ einen Blick aufs Wiener Strauss-Jahr 2025. Michael Zirnstein plaudert für die SZ mit Art Garfunkel und dessen Junior selben Namens über das gemeinsame Album, das die beiden eben veröffentlicht haben. Roman Rhode hat für den Tagesspiegel das OliBottTrio im Proberaum besucht. Achim Heidenreich führt für "Bilder und Zeiten" der FAZ von FranzJosefDegenhardt über BAP bis WolfMahn durch die Geschichte des deutschen Kriegsdienstverweigerungssongs. Im Standardgratuliert Karl Fluch dem Folkmusiker StephenStills zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden MuratGüngörs und HannesLohs mit Uh-YoungKim verfasstes Buch "Remix Almanya" über die postmigrantischeHipHop-Geschichte in Deutschland (taz), Mulays Album "Lavender" (FR), RobertHilburns Biografie über den Musiker RandyNewman (FAZ) und LucindaWilliams' Album mit Beatles-Coverversionen (Presse).
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