Efeu - Die Kulturrundschau
Sozusagen die analoge Hippie-Antwort
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07.04.2025. Die SZ ist Schorsch Kamerun dankbar, dass er in seiner Musik-Revue "Große Gewinne Schwere Verluste" am Deutschen Theater Berlin die Hauptstadt mal wieder in purer Lebensfreude erstrahlen lässt. Die FAZ blickt in einer Ausstellung im Lenbachhaus wehmütig auf die Landschaften vergangener Zeiten. Die taz fühlt sich in Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" an Kafka und Mondrian erinnert. Außerdem trauert sie um den Singersongwriter Michael Hurley, der alles mögliche war, aber niemals "career-minded". Die FAS greift eine amerikanische Kunstdebatte auf: Ist es reaktionär gegen "woke" zu sein?
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
07.04.2025
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Bühne

Trotz aller Gesellschaftskritik und aller verlorenen Seelen, die der Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun in seiner Revue "Große Gewinne Schwere Verluste" am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne bringt, sieht SZ-Kritiker Peter Laudenbach Berlin hier "für einen Moment vor lauter Lebensfreude und Lebensmut leuchten" und ist Kamerun dafür ziemlich dankbar. Nicht durchgehend sympathisch, aber ziemlich unterhaltsam sind auch die schrägen Vögel, die auftreten, findet der Kritiker: "Manuel Harder hat den undankbaren Job, als James-Bond-Double im Bademantel ('Ich habe 168 Meilen rennend auf fahrenden Zügen verbracht.') und Real-Madrid-Fußballprofi namens Toni K. Männlichkeitsvorstellungen aus dem letzten Jahrhundert ein Loser-Denkmal zu setzen. Ayanda (Mercy Dorcas Otieno) will mit ihrem Ayanda Connection Point am liebsten die ganze Welt umarmen und alle mit allen verbinden, sozusagen die analoge Hippie-Antwort auf die Social-Media-Hölle. Das wäre arg unbedarft, würde sie nicht so schön singen, dass man sich sofort connecten möchte."
Nachtkritikerin Elena Philipp fühlt sich derweil nicht so gut unterhalten - ihr fehlt der Biss: "Wohltemperierte Wut auf die Verhältnisse und sanfter Selbsthass - das schmeckt schal wie Sekt, der auf der WG-Party zu lang im Plastebecher stand." FAZ-Kritikerin Irene Bazinger kann dem Abend wirklich gar nichts abgewinnen, selbst die Musik wirkt auf sie "eher schwabbelig und schleppend und angestaubt-punkig jedenfalls ist sie nicht".
Weitere Artikel: taz und nachtkritik resümieren das Eröffnungswochenende des "Festivals Internationale Neue Dramatik 2025 (FIND)" an der Schaubühne Berlin. In der FAZ berichtet Wiebke Hüster, wie es mit den Verhandlungen über einen Haustarifvertrag für die Tänzer der Bayerischen Staatsoper vorangeht - "schleppend".
Besprochen werden Saar Magals Inszenierung seines Stücks "Sakrileg" am Theater Essen (nachtkritik), Christoph Mehlers Inszenierungvon Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Saarländischen Staatstheater (nachtkritik), Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Isabella Sedlaks Inszenierung des Stücks "Between the River and the Sea" von und mit Yousef Sweid am Gorki in Berlin (nachtkritik), Nora Schlockers Adaption von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Julia Hölschers Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), die Performance "The Land Within" von Ioannis Mandafounis und DFDC im Bockenheimer Depot (FR), Milo Raus Inszenierung seines Stücks "Medea's Kinderen" an der Schaubühne Berlin (tsp).
Film

In Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" geht es um eine dystopische Zukunft, in der als Folge einer Klimakatastrophe Geburten reguliert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Gutachterin Virginia (Alicia Vikander), die Menschen, die Kinder haben wollen, eine Woche lang auf Herz und Nieren prüft. "Die Atmosphäre", schreibt Arabelle Wintermayr in der taz, "bleibt über alledem erstaunlich nüchtern, die Stimmung seltsam abgeklärt. Selbst dann, als der ohnehin kafkaeske Prozess immer skurrilere Züge annimmt." Es ist ein Film der "ästhetischen Strenge. ... Das reduzierte Setdesign von Jan Houllevigue und die distanzierte Kamera von Magnus Nordenhof Jønck verleihen dem Film eine sterile Kälte. Das unfreiwillige Dreiergespann sitzt mehrmals vor einem Fenster, das an die puristischen Kompositionen des niederländischen De-Stijl-Malers Piet Mondrian erinnert, bewegt sich durch karge Räume, die sich ganz und gar skandinavischen Einrichtungsidealen verschrieben haben." Doch "der reine Fokus auf Funktionalität ist hier kein Designfetisch mehr, sondern Ausdruck eines absoluten Rationalisierungszwangs, von vollendeter Effizienzergebenheit".
Weiteres: Ann-Kristin Tlusty und Ronja Wirts porträtieren für Zeit Online den Schauspieler Patrick Schwarzenegger, der in der aktuellen Staffel von "The White Lotus" zu sehen ist. Besprochen werden Corina Gammas in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Der Eismann" über den 2020 in der Arktis verschollenen, Zürcher Polarforscher Konrad Steffen (NZZ) und die Wes-Anderson-Ausstellung in der Cinémathèque française sowie zwei neue Bücher über den verschrobenen Auteur (FAZ).
Literatur
In seiner online nachgereichten Zeit-Kolumne erzählt Maxim Biller wie seine Freundschaft, die vielleicht auch einfach "nie eine war", mit Rainald Goetz in die Brüche gegangen ist. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Elmar Schenkel daran, wie Nietzsche einmal ein Pferd umarmte.
Besprochen werden Patrick Modianos "Die Tänzerin" (FR), Christoph Heins "Narrenschiff" (online nachgereicht von der Zeit), eine Neuausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns "Westwärts 1 & 2" (taz), Emmanuel Carrères Biografie über den SF-Autor Philip K. Dick (Standard), Camilla Barnes "Keine Kleinigkeit" (Presse), Katharina Köllers "Wild wuchern" (Standard), Frank Schulz' "Amor gegen Goliath" (Standard), Kurt Prödels "Klapper" (Standard), Krimis von Hendrik Streeck und Elisa Hoven (online nachgereicht von der Zeit), Georgi Demidows "Zwei Staatsanwälte" (SZ) und neue Krimis, darunter "Hen Na E - Seltsame Bilder" von Uketsu (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über Jan Wagners "ansprache an die kaiserpinguine":
"auch ihr müßt verschwinden, eher sogar
als wir - wenngleich nicht früher als der freund,
von dem ich abschied nahm am busbahnhof ..."
Besprochen werden Patrick Modianos "Die Tänzerin" (FR), Christoph Heins "Narrenschiff" (online nachgereicht von der Zeit), eine Neuausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns "Westwärts 1 & 2" (taz), Emmanuel Carrères Biografie über den SF-Autor Philip K. Dick (Standard), Camilla Barnes "Keine Kleinigkeit" (Presse), Katharina Köllers "Wild wuchern" (Standard), Frank Schulz' "Amor gegen Goliath" (Standard), Kurt Prödels "Klapper" (Standard), Krimis von Hendrik Streeck und Elisa Hoven (online nachgereicht von der Zeit), Georgi Demidows "Zwei Staatsanwälte" (SZ) und neue Krimis, darunter "Hen Na E - Seltsame Bilder" von Uketsu (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über Jan Wagners "ansprache an die kaiserpinguine":
"auch ihr müßt verschwinden, eher sogar
als wir - wenngleich nicht früher als der freund,
von dem ich abschied nahm am busbahnhof ..."
Kunst

"Solastalgie" - das ist "die Trauer darüber, wie sich Landschaften durch ihre Nutzung, durch Klimawandel und Biodiversitätskrise verändern", lernt FAZ-Kritikerin Petra Ahne in einer Ausstellung im Lenbachhaus in München. Ein bisschen wehmütig wird man hier schon angesichts blühender Obstbäume und "tief verschneitem" Englischen Garten, meint Ahne: "Die Ausstellung macht aber ebenso klar, dass sich das Bedürfnis, der Natur nah zu sein, in ihr Erholung zu finden und ihre Erscheinungsformen zu studieren, vor hundert, zweihundert Jahren ebenso äußerte wie auf dem versehrten Planeten von heute. Auf Richard Riemerschmids 'In freier Natur' (1895) schaut man auf eine Frau, die auf Wiesen schaut, und meint das Durchatmen zu spüren, das ihren Blick ins weite Grün begleitet. Für Menschen wie sie, die Trägerin eines modernen, korsettfreien Reformkleids, entwarf Riemerschmid zehn Jahre später Hellerau, die erste Gartenstadt in Deutschland, die eine Alternative sein wollte zu steinerner Urbanität."
In der FAS greift Niklas Maak eine Kunstdebatte auf, die von dem Kritiker Dean Kissick in der amerikanischen Zeitschrift Harper's lanciert wurde und - wir hatten damals in der Magazinrundschau auf den Artikel hingewiesen. Kissick beklagt darin eine Banalisierung der Kunst durch Repolitisierung - eine Tendenz, die für ihn mit der Documenta 2017 eingesetzt hat. Maak wittert in Kissicks Kritik eine reaktionäre Agenda: Der Text klinge "ein bisschen sehr nach Trump". "Kissick bündelt sämtliche Reizthemen, mit denen sich die Kunstwelt - die man sich nicht als homogene 'Welt', sondern eher als Ansammlung vieler sich mit Misstrauen beäugender Archipele vorstellen darf - zurzeit herumschlägt: An den Antisemitismus- und Cancel-Debatten rund um die Documenta zerbrachen Freundschaften, ebenso an der Diskussion um Wokeness und Identitätspolitik. Die Reaktionen auf Kissick fielen entsprechend heftig aus." Maak sieht Kissicks Kritik als symptomatisch "liberales Milieu, das die Auswüchse von Wokeness und Identitätsdiskursen maßgeblich für die Wiederwahl Trumps verantwortlich macht". Wir hatten allerdings in der Magazinrundschau angemerkt, dass Kissick auf die die Debatte um die jüngste Documenta gar nicht einging.
Weiteres: In der taz berichtet Harff-Peter Schönherr vom Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, das drei zuvor unbekannte Gemälde Felka Plateks, der Frau des Namensstifters, erhalten hat, die aus der Zeit stammen, als sich Nussbaum und Platek in Belgien vor den Nazis versteckt hielten. Die nigerianisch-norwegische Künsterlin Frida Orupabo erhielt für ihre Fotografien den Spectrum-Fotografiepreis 2025, berichtet Maxi Broecking in der taz, Orupabos Werke sind im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen.
Musik
Detlef Diederichsen schreibt in der taz zum Tod des US-Singersongwriters Michael Hurley, den jahrzehntelang kaum einer kannte, bis ihn Indie-Musiker in den Neunziger fast schon gegen dessen Willen ins Rampenlicht zogen. Er "hätte alles Mögliche sein können. Ein Greenwich-Village-Folk-Star wie Bob Dylan oder Phil Ochs. Ein Westcoast-hinter-den-Kulissen-Hippie-Held wie Dino Valente oder Skip Spence. Ein Underground-Comic-Star wie Robert Crumb oder Don Martin. Ein Beatnik-Bonvivant wie Ed Sanders oder Allen Ginsberg. Alles Möglichkeiten, die ihm offenstanden, alles Wege, die er nicht gegangen ist, weil er nicht 'career-minded' war, wie er es nannte. So veröffentlichte er ab 1964 immer wieder mal ein Album, aber lebte lange nicht von der Musik, sondern von den größtenteils bei seinen Konzerten verkauften großformatigen Gemälden." Neben Stücken aus dem Fundus der US-Folkmusik, aus dem er sich bediente, spielte er "eigene versponnene Songs, die wenig mit der ihn umgebenden Welt und den Zeitläuften zu tun hatten, sondern mitunter wie klassische Fabeln oder philosophische Gleichnisse anmuteten, genauso gerne aber auch nur umständlicher Quatsch waren."
Seinen letzten Auftritt absolvierte er Mitte März:
Weiteres: Das Gewandhausorchester Leipzig möchte einen Radiosender ins Leben rufen, meldet Manuel Brug in der Welt, allerdings sei noch unklar, was konkret geplant sei. Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Edward Gardner mit Christian Tetzlaff (FR), ein Wiener Konzert des Jazz at Lincoln Center Orchestras mit Wynton Marsalis und Thomas Gansch (Standard), das neue gemeinsame Album von Elton John und Brandi Carlile (NZZ) sowie ein neues gemeinsames Album von Ed Kuepper und Jim White (Standard).
Seinen letzten Auftritt absolvierte er Mitte März:
Weiteres: Das Gewandhausorchester Leipzig möchte einen Radiosender ins Leben rufen, meldet Manuel Brug in der Welt, allerdings sei noch unklar, was konkret geplant sei. Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Edward Gardner mit Christian Tetzlaff (FR), ein Wiener Konzert des Jazz at Lincoln Center Orchestras mit Wynton Marsalis und Thomas Gansch (Standard), das neue gemeinsame Album von Elton John und Brandi Carlile (NZZ) sowie ein neues gemeinsames Album von Ed Kuepper und Jim White (Standard).
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