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12.05.2025. Die Theaterkritiker trauern um Carl Hegemann, den "führenden Kopf der Volksbühne", wie ihn die SZ nennt. Er war die "Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt" Auskunft gab, meint die Welt. Der Tagesspiegel wartet in einer Ausstellung der Künstlerin Aneta Grzeszykowska nur darauf, dass ihre ledernen Puppen plötzlich lebendig werden. Im Gespräch mit der Jungle World erklärt der frühere Charlie-Hebdo-Redakteur Luz, warum sein neuer Comic über NS-Raubkunst mit jedem Tag aktueller wird.
Carl Hegemann ist tot: Der "führende Kopf der Volksbühne", wie Christine Dössel ihn in der SZ nennt, wurde 1949 in Paderborn geboren, hat Philosophie und Soziologie studiert und ist dann zum Theater gekommen, wo er unter anderem mit Frank Castorf und Christoph Schlingensief eng zusammengearbeitet hat. Dössel hat an ihm geschätzt, "dass man ihn jederzeit zu einem Thema aus dem Bereich Theater und Kunst anrufen konnte, und sogleich sprudelte er drauflos, geistreich, klug, begeistert. Er zückte Hilfreiches aus seinem reichen Wissensfundus und anekdotisch Funkelndes aus seinem Erfahrungsschatz, holte aus, schweifte ab. Er war dabei immer lustig, freundlich und persönlich." Jakob Hayner fügt in der Welt zu seiner Arbeitsweise an: "Er ließ die Tradition des Geistigen lebendig werden und mit der Gegenwart zusammentreffen. Als Dramaturg war er kein stiller Zuarbeiter der Regie, sondern die Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt, von Realität und Schönheit Auskunft zu geben hatte. Und das konnte manchmal dauern, war jedoch stets erkenntnisreich." Peter Kümmel erinnert in der Zeit an einen Mann, für den das Theater ganz selbstverständlicher Teil des (öffentlichen) Lebens war: "Den Dramaturgen, den Theatermann, den listigen In-Theaterfoyers-Herumsteher und Das-Kunstbiotop-Beäuger spielte er mit Genuss. Er wollte, dass das Theater ein 'organischer Teil der Stadtentwicklung' ist. In seinen Worten: 'Wenn die Stadt Berlin eine Theaterstadt ist, dann gibt es keinen Grund, warum hier nur Architekten bauen, im Monumental-Stil oder im Adlon-Stil. Dann müssen auch Bühnenbildner in der Stadt wirken.'" Weitere Nachrufe im Tagesspiegel, in der Nachtkritik, der FAZ, der FR und der Taz.
"Le Petit Pauvre d'Assisi." Foto: Jochen Quast.
Dass der Intendant Kay Metzger und sein Generalmusikdirektor Felix Bender Charles Tournemires Oper "Le Petit Pauvre d'Assisi" 86 Jahre nach ihrer Fertigstellung am Theater Ulm uraufführen, ist für FAZ-Kritiker Jan Brachmann nicht weniger als ein "Wunder": Die Geschichte von Franz von Assisi erzählt Tournemire mit Texten von Joséphin Péladan "franziskanisch in der Ästhetik durch und durch, karg, konzentriert, zart, aber von glühender Radikalität. Dass ein Werk von solcher Eindringlichkeit mehr als vier Generationen verschütt bleiben konnte, ist schwer zu erklären, vielleicht durch den baldigen Tod des Autors, den Rezeptionsabbruch des Zweiten Weltkriegs und den Lärm der Nachkriegsavantgarden, die jeden Blick zurück ästhetisch kriminalisierten (…) Die syllabischen, leichtfüßigen Dialoge werden von Bender und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm gleichsam getupft grundiert. Aber in den Verwandlungsmusiken kann sich die hymnische Gewalt Tournemires entfalten, die trotzdem vor sensuellem Kitsch und spiritueller Pornographie einer parfümierten Boudoir-Symphonik zurückschreckt. Mit zarten, aller funktionsharmonischen Erklärbarkeit entrückten Streicherakkorden nach dem Tod des Heiligen, die gleichermaßen kühn wie taktvoll nur andeuten, was wir nicht wissen können, endet die Oper so berührend wie verstörend." Weitere Besprechung in der Neuen Musikzeitung.
Besprochen wird außerdem CathyMarstons neuer Ballettabend "Countertime" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Daniel Kothenschulte (FR), Jan Küveler (Welt), Marius Nobach (FD) und Jenni Zylka (taz) resümieren die Verleihung des DeutschenFilmpreises. Besprochen werden AlexParkinsons Survivalthriller "Last Breath" (SZ, unsere Kritik), PiaMarais' "Transamazonia" mit "Systemsprengerin" Helena Zengel (Tsp) und die vom ZDF online gestellte Serie "Queenstown Murders" (taz).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Letztes Jahr erhielt BarbiMarković den Preis der Leipziger Buchmesse. Ihr neues Buch "Stehlen, Schimpfen, Spielen" ist anlässlich einer Poetikvorlesung entstanden. Der Titel bündelt das, was sie am häufigsten tut, sagt sie gegenüber Raffael Leitner im Standard-Gespräch. Das mit dem Stehlen bezieht sich aufs intertextuelleSchreiben, erklärt die Schriftstellerin, deren erstes Werk eine Thomas-Bernhard-Variation war. "Als ich dieses erste Buch mit fünfundzwanzig geschrieben habe, war ich gerade in einer Phase, wo ich nicht sicher war, wer ich literarisch bin. In dieser Übung mit Thomas Bernhard rede ich auch von der Frage des Copyrights, das hat alles eine Rolle gespielt, aber für mich war die Erfahrung interessant - und die gibt mir Mut bis heute - dass ich nicht so leicht verschwinden kann. Sogar wenn ich im Stil eines anderen Menschen rede, komme ich durch, bin ich immer noch genug ich, dass mein Buch irgendwie ein Leben bekommt und anerkannt wird. Das war eine Überraschung. Wir reden immer in Sätzen, die wir schon mal gehört haben. Wenn man genug von sich reinsteckt, kommt trotzdem auch genug Authentisches raus, glaube ich."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Philipp Kressmann spricht für die Jungle World mit dem französischen ComiczeichnerLuz, der dem Anschlag auf Charlie Hebdo nur knapp entkommen ist. Sein neuer Comic "Zwei weibliche Halbakte" erzählt anhand (und aus der Perspektive) von OttoMuellers gleichnamigem Bild die Geschichte der "entartetenKunst" unter den Nationalsozialisten und die Geschichte einer Restitution von Raubkunst. Die Rede des NS-Funktionärs AdolfZiegler, der damals die Ausstellung der Nazis zur "entarteten Kunst" eröffnet hat, findet sich in dem Comic fast zur Gänze dokumentiert. "Ich halte es insbesondere heutzutage für wichtig, nachzulesen, was die Nazis von sich gegeben haben", sagt Luz. "Man muss sich nur einmal anschauen, wie AfD-Vertreter in Sachsen-Anhalt über das Bauhaus gesprochen haben. In der Rede von Ziegler findet man dieselbe Sprache. ... Das Buch ist ja eher historisch, aber dann fühlte es sich eindeutig gegenwärtig an. Es war wie ein Fluch und es wurde immer schlimmer: Denn wir erleben gerade viele Angriffe auf die Kunst, die sich weltweit in vielen illiberalen Staaten ereignen, nun sogar in den USA unter Trump. Dieses Buch wirkt immer aktueller." Der Standardrezensiert den Comic.
Außerdem: Der Deutsche-Bank-Boss unseligen Angedenkens Josef Ackermannwirft für die NZZ unter dem Eindruck des Kryptowährungsbooms einen Blick in Goethes "Faust". Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an LionFeuchtwangers Roman "Jud Süß", der vor hundert Jahren erschienen ist. Ronald Pohl gratuliert im Standard dem Wiener LiteraturortAlteSchmiede zum 50-jährigen Bestehen.
Besprochen werden unter anderem Joyce Carol Oates' "Der Schlächter" (FR), die autobiografische Erzählung "Eine Familie in Brüssel" der Filmemacherin Chantal Akerman (Tsp), MaximBillers "Der unsterbliche Weil" (Welt), MartinPuchners "Kultur. Eine neue Geschichte der Welt" (NZZ), Gian-MarcoSchmids "Abschiede von Mutter" (Standard), JuliaGrinbergs "Journal einer Unzugehörigkeit" (Freitag) und Sarah Hübners Comic "Unruhe" (Tsp). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Nadine A. Brügger porträtiert in der NZZ die israelische ESC-Teilnehmerin YuvalRaphael, die das Massaker der Hamas am 7. Oktober nur deshalb überlebte, weil sie sich umringt von Leichen tot stellte. Es "erscheint fahrlässig", dass die UniversitätGreifswald die Musikwissenschaft als eigenständigen Bereich streichen will, findet Christiane Wiesenfeldt in der FAZ, denn dann "wäre nicht nur die Philosophische Fakultät, sondern auch die Musikkultur des Nordostens dort, wo man nie sein wollte: an die Peripherie gerückt". Karl Fluch plaudert für den Standard mit RobertStadlober, der sein Projekt mit Tucholsky-Vertonungen fortsetzt. Ladina Triaca besucht für die NZZ die Universität Bern, wo in diesem Semester ein ESC-Seminar stattfindet. Joachim Hentschel erinnert in der SZ an das vor 40 Jahren erschienene Dire-Straits-Album "Brothers in Arms", mit dem die CD als damals noch neues Format endgültig am Markt durchgesetzt wurde. Die BerlinerPhilharmoniker erinnern mit vier Stolpersteinen an ihre früheren Musiker SzymonGoldberg, GilbertBack, NicolaiGraudan und JosephSchuster, die von den Nationalsozialisten einst ins Exil getrieben wurden, berichtet Wolfgang Schreiber in der SZ. Cem-Odos Güler schreibt in der taz einen Nachruf auf den überraschend verstorbenen Deutschrapper Xatar.
Besprochen werden BillieEilishs Berliner Konzert (FAZ), der Auftritt von Spiritualized beim Donaufestival in Österreich (Standard), eine von ChristopheRousset geleitete Aufnahme von Salieris "Cublai" (FAZ), AnouarBrahems Album "After the Last Sky" (FAZ) und ein neues Album von BlackCountryNewRoad (FAZ-Kritiker Philipp Krohn beschleicht der Eindruck, "als erfinde da jemand ganz naiv den Rock noch einmal neu").
Im Berliner Kunstverein OstkannTagesspiegel-Kritiker Tom Mustroph mit "Privacy Settings" die erste Berliner Ausstellung der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowska entdecken. Ihr geht es dabei um die Darstellung menschlicher Körper, etwa in Puppenform vom Gewohnten entfremdet und neue Facetten zeigend: "Auf eine Lederpuppe ist etwa eine Maske aus Schweinehaut aufgezogen, die einem menschlichen Gesicht nachempfunden ist. In großformatigen Rahmen werden menschliche Silhouetten mit Leder und Schweinehaut konstruiert." In ihren Darstellungsformen changiert sie "zwischen den Modi von Anwesenheit und Abwesenheit. Das nimmt ihrem und anderen Körpern die Individualität. Gleichzeitig eröffnet sich ein Raum für allgemeingültige Spekulationen über Existenz, Leben und Tod. Nicht ausgeschlossen, dass die Puppen, von einem Atemhauch ins Leben geholt, sich plötzlich bewegen. Vorstellbar ebenfalls, dass die aus Schweinehaut genähten Silhouetten eines Nachts aus dem Rahmen steigen und ein Eigenleben beginnen. Nichts scheint unmöglich bei dieser Ausstellung."
Eigentlich sollte Koyo Kouoh die Biennale im nächsten Jahr kuratieren, jetzt ist die aus Kamerun stammende Direktorin des des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt mit nur 57 Jahren unerwartet verstorben. "Kunst war für die Kuratorin nichts, was man einfach nur aufbewahrt, ein Gegenstand, sondern mehr etwas Soziales, auch Spirituelles, über sich selbst Hinausweisendes (…) Die Lücke, die Koyo Kouoh in der zeitgenössischen Kunst hinterlässt, ist eine große", erinnert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Weitere Meldungen und kurze Nachrufe in der FAZ, der FR und der SZ.
Besprochen werden: "Grethe Jürgens. Retrospektive" im Sprengel Museum Hannover (Taz) und "Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegsende" im Bodemuseum (FAZ).
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