Efeu - Die Kulturrundschau

Aus Kristall und Licht werden Fleisch und Blut

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25.06.2025. Gestern fand in Algier der Berufungsprozess für Boualem Sansal statt, berichtet Le Point: Gefordert werden nun zehn Jahre Haft, auch Sansals neuem Anwalt wurde das Visum verwehrt. Die SZ nimmt die Bayerischen Kunstsammlungen weiterhin unter die Lupe und stellt massive Sicherheitsmängel fest. Die Welt erliegt in Tübingen überschwänglichen Architekturvisionen seit 1900. Zeit Online spricht mit jungen Filmschaffenden über die miesen Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Filme gedreht werden müssen. Und in Stratford soll Shakespeare "dekolonisiert" werden, weiß die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2025 finden Sie hier

Literatur

Gestern fand in Algier der Berufungsprozess für Boualem Sansal statt. Es lief so, wie solche Regimes es machen, schreibt Bertrand Lassalle in Le Point, "ein Berufungsprozess am Morgen, ohne Anwälte und mit einer Anklage nach stalinistischem Muster. Zehn Jahre Haft fordert der Staatsanwalt für Boualem Sansal, doppelt so viel wie im ersten Prozess. Die Resonanz war weltweit." Es hatte Vorzeichen gegeben. So ist eigens ein neuer französischer Anwalt für Sansal ernannt worden - der erste hatte wegen seiner jüdischen Herkunft nicht gefallen - , und nun hat dieser neue Anwalt wieder kein Visum bekommen. Lassalle berichtet von dem Prozess: "Bezüglich seiner strittigen Äußerung über die Grenze zu Marokko wies Sansal die Anschuldigung zurück und erklärte, dass die Grenzen seit der Unabhängigkeit festgeschrieben seien, dass es sich bei seinen Äußerungen jedoch um historische Tatsachen handele. 'Warum sind Sie nach Israel gereist?', fragte die Richterin daraufhin. 'Ich bin Schriftsteller, es war eine Buchmesse', entgegnete Sansal. 'Haben Sie nichts anderes als Abwertendes zu Algerien zu schreiben?', fragte die Richterin. 'Sie haben nicht über meine Bücher zu urteilen", entgegnete der Schriftsteller, der sich kämpferisch und zuversichtlich zeigte." Der Nationalfeiertag steht bevor. Man hofft nun auf eine Amnestie durch den Präsidenten.

Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel gespannt der Eröffnung des Bachmann-Wettlesens heute Abend in Klagenfurt entgegen und hierbei besonders der Eröffnungsrede der aus Teheran stammenden Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Dass derweil die Stadt selbst den Empfang des Bürgermeisters aus Finanzgründen abgesagt hat, wohl aber die Finanzierung wenigstens bis inklusive nächstes Jahr zugesagt hat, stimmt ihn leise skeptisch, was die Zukunft der Veranstaltung betrifft. Wie ja auch der Wettbewerb selbst seit Helga Schuberts Erfolg im Jahr 2020 zusehends seine Funktion als Karrieremacher im Betrieb verloren hat: "Bei Nava Ebrahimi, obwohl ebenfalls eine nicht ganz unbekannte Autorin mit ihrem Erfolgsroman 'Sechzehn Wörter', ist das nach ihrem Sieg 2021 schon anders gewesen. Auch für die nachfolgenden Bachmann-Preis-Gewinnerinnen Ana Marwan, Valeria Gordeev und Tijan Sila liegt der literarische Superstardom in weiter Ferne. Das aber spricht keineswegs gegen ihre Literatur, sondern ist nur der Ausdruck einer enorm veränderten Aufmerksamkeitsökonomie, gegen die es selbst der Wettbewerbscharakter des Bachmann-Lesens schwer hat."

Außerdem: Jens Ulrich Eckhard arbeitet sich für die Welt durch diverse Schreib-Ratgeber. Außerdem empfiehlt die Presse Bücher für den Sommer.

Besprochen werden unter anderem Barbi Markovićs "Stehlen, Schimpfen, Spielen" (NZZ), Szczepan Twardochs "Die Nulllinie" (TA), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (Standard), Anna Weidenholzers Erzählungsband "Hier treibt mein Kartoffelherz" (taz), Katharina Köllers "Wild wuchern" (Zeit Online), Kate Atkinsons "Nacht über Soho" (FR) und Arno Franks "Ginsterburg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Architektur

Wenzel Hablik: Freitragende Kuppel mit fünf Bergspitzen als Basis, 1918/23/24 © Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe

Bestens gelaunt angesichts des Überschwangs, mit dem ihm hier Architekturvisionen seit 1900 präsentiert werden, kommt Hans-Joachim Müller in der Welt aus der Kunsthalle Tübingen: "Es ist ja doch von erheblichem Reiz, wenn man unter den Anhängern der strengen Disziplin, die ihr Studium lang nichts anderes als isometrische Planskizzen gezeichnet haben, mit einem Mal veritable Schwarmgeister entdeckt, die wie der Stadtplaner Bruno Taut eisige Alpengipfel in Kristallpaläste verwandeln wollten. Oder Hans Scharoun, von dem so machtvolle Stadtzeichen wie die Berliner Philharmonie oder die Großsiedlung Siemensstadt geblieben sind, zeichnet 1919 eine zapfenartige Scheme, die inmitten eines sich aufschließenden Kraftfelds emporwächst. Ähnlich der Stuttgarter Hermann Finsterlin. Seine verwunschenen Gebäude-Gebilde erinnern alle an riesenhafte Rosen, die sich gerade öffnen. Immer wieder nehmen die Architekturlyriker an Frucht und Blüte Maß."
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Stichwörter: Architekturvisionen

Bühne

In der NZZ ist Christine Brinck fassungslos: Der Shakespeare Birthplace-Trust, der in Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon nicht nur ein riesiges Archiv aufgebaut hat, sondern auch ein Museum betreibt, hatte bereits 2022 die junge Doktorandin Helen Hopkins um eine Einschätzung gebeten. Hopkins kam zu dem Schluss, "wer Shakespeare schätzt, unterstützt 'weiße, anglozentrische, eurozentrische und überhaupt westliche Ansichten, die bis heute Elend in der Welt verbreiten'". Ihrer Forderung, die Ausstellung müsse von "Anglozentrik und kolonialistischem Denken gesäubert" werden, kommt das Museum nun nach, weiß Brinck und fragt: "Welche Arroganz verbirgt sich in diesem ideologischen Geschwurbel? Natürlich war Shakespeare anglozentrisch. Seine Dramen sind voll epistemischer Gewalt und böser Witze über Franzosen, Spanier, Italiener, Juden und Türken und nicht zuletzt über Schotten und Puritaner. Vieles ist politisch alles andere als korrekt. Shakespeare hat England nie verlassen. Kolonien, bis auf Virginia, gab es zu seiner Zeit allerdings noch kaum."

Weitere Artikel: Manuel Brug sieht für die Welt mit "Voice Killer" am Theater an der Wien, "Cassandra" sowie "Lash" an der Deutschen Oper in Berlin drei zeitgenössische Opern, und fragt sich nach viel Aktivismus und Kitsch: Warum fällt der zeitgenössischen Oper der Erfolg so schwer? Die bisherige Luzerner Theaterintendantin Ina Karr übernimmt die Generalintendanz der Deutschen Oper am Rhein, meldet die FR mit dpa.

Besprochen wird das Objekttheaterfestival "Figure it out!" im Leipziger Westflügel (taz) und Jessica Glauses Inszenierung von Mozarts "Zaide"-Fragment bei den Ludwigsburger Festspielen (FR).
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Stichwörter: Shakespeare, Stratford

Kunst

Jörg Häntzschel nimmt die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen derzeit ganz genau unter die Lupe. Das SZ-Feuilleton widmet ihnen den Aufmacher mit zwei Artikeln: Neben dem mangelhaften Umgang mit NS-Raubkunst waren die Sammlungen auch wegen Chaos, Überwachung der Angestellten und Sicherheitsmängeln in die Kritik geraten (unsere Resümees). Hunderte Mails, Fotos, Protokolle und andere Unterlagen liegen der SZ laut Häntzschel vor, die viele der Vorwürfe - anonym - bestätigen. Interessant ist vor allem, was über die Sicherheit bekannt wird: "Um Geld zu sparen, setzen die Pinakotheken neben angestellten Aufsichten externe Security-Leute ein, die vielleicht gestern ein Bierzelt bewacht haben und vorgestern ein Fußballstadion. ... Diese Hilfskräfte, ausgestattet mit Schlüsseln und Zugangscodes zu unschätzbar wertvoller Kunst, sind den Museen namentlich nicht immer bekannt. Das zumindest muss man aus den der SZ vorliegenden Mitarbeiterlisten schließen, die die privaten Firmen, die oft auch noch Subunternehmer beschäftigen, bei den Pinakotheken abgeben müssen. Mal fehlen dort die Namen ganz, mal sind Vor- und Nachnamen unterschiedlich kombiniert, als habe jemand versucht, aus einer Person zwei zu machen."

Aber auch das Olaf-Gulbransson-Museum in Tegernsee, den kleinsten Außenposten der Staatsgemäldesammlungen, hat Häntzschel im Visier. Zuständig für das Haus ist die Olaf-Gulbransson-Gesellschaft, die von dem Düsseldorfer Kunsthändler Michael Beck geleitet wird, der dort auch Ausstellungen kuratiert. "Seit wann dürfen private Galerien mit kommerziellen Interessen unter dem Dach der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen eigene Ausstellungen kuratieren", fragt sich Häntzschel.  Auf Anfrage gibt Beck an, "nicht er, sondern die Olaf-Gulbransson-Gesellschaft entscheide, welche Kunstwerke ausgestellt würden."

Weitere Artikel: In der FAZ zeichnet der Kunsthistoriker Hubertus Butin derweil die Geschichte des Schweizer Umgangs mit NS-Raubkunst nach, um schließlich bei Philipp Hildebrand, dem Präsidenten der Zürcher Kunstgesellschaft, die das Kunsthaus Zürich betreibt, zu enden: Der hatte versucht, die Gesetzesvorlage zur Bildung der "Expertenkommission für historisch belastetes Kulturerbe" zu torpedieren.

Mit etwa 300 Werken ist der Hamburger Kunsthalle eine überragenden Schau gelungen staunt Till Briegleb ebenfalls in der SZ, der in der Schau "Rendevouz der Träume" den bisher "wenig beachteten Forschungsreisen der Surrealisten in die deutschen Seelengrotten" der Romantik nachspürt. "Historisch betrachtet, und auch das erzählt diese Ausstellung, verbindet deutsche Romantik und Surrealismus natürlich die massive Opposition zu den vorherrschenden Rationalitätsdogmen ihrer Zeit. Und das drückt sich in ähnlichen Kunststrategien aus: etwa in der Begeisterung für den Zufall, für die überraschende Kombination und die Umwertung von Sinnelementen oder im Ideal der subjektiven Freiheit als Reaktion auf gesellschaftliche Tendenzen der Uniformierung. Schließlich lebten die Romantiker wie die Surrealisten trotz ihrer heutigen Prominenz zu ihrer Zeit unter der Treppe der protestantischen Wirtschafts- und Fortschrittsethik, wenn auch in unterschiedlichen Abschnitten des kapitalistischen Triumphzugs. Das produzierte in beiden Jahrhunderten jenes kreative Unbehagen, das nach Renitenz und Ausweg suchte, und dabei sein Material in Tag- und Nachtträumen fand, wo Logik keinen Zutritt hat."

Besprochen werden die Ausstellung "Andere Intelligenzen" im HEK Basel (FAZ), die Installation "Steve McQueen, Bass" im Schaulager Basel (Welt), die Ausstellung "Survival Kit. Between Us and History: The Hidden Archive" in der ifa-Galerie in Berlin, in der sich Aicha Sy auf die Spuren der Bilder ihres Vaters, des senegalesischen Künstlers El Hadji Sy, begibt (Tsp) und die Paolo Veronese-Ausstellung im Prado in Madrid (FAZ).
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Film

Pauline Graf spricht für Zeit Online mit den jungen Filmschaffenden Chiara Fleischhacker, Clara Puhlmann und Fabian Stumm über die Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Filme gedreht werden müssen. Stumms Modell - künstlerische Freiheit durch Selbstausbeutung statt Förderung - ist auf die Dauer nicht tragfähig, da sind sich alle drei einig. Fleischhacker glaubt, "dass die Menschen mit den spannendsten Geschichten langsam aus der Branche aussteigen oder nie in Erwägung gezogen haben, Filme zu drehen. ... Spätestens nach Hörsturz, Burn-out und Psychose stellen sich viele die Frage: Wozu? Als alleinerziehende Mutter einen Kinofilm zu drehen, war mir nur durch ein großartiges Netzwerk toller Frauen in meinem Leben möglich. Sie übernehmen Carearbeit für mich, auch heute, während wir dieses Interview führen. Aber ich habe dennoch Grenzerfahrungen gemacht, die ich nie wieder erleben möchte."

Weiteres: In der taz empfiehlt Fabian Tietke dem Berliner Publikum die vom derzeit kinolosen Kino Arsenal im City Kino Wedding gezeigte Reihe "Pioneers of Black Cinema". Arno Widmann erinnert in der FR an Charlie Chaplins "Goldrausch", der vor 100 Jahren uraufgeführt wurde. Andreas Scheiner findet in der NZZ Schauspieler, die sich aktivistisch betätigen, nur noch peinlich, schließlich haben viele von ihnen "vergleichsweise kurze Bildungswege beschritten".

Besprochen werden Kevin Macdonalds Dokumentarfilm "One to One" über John Lennon und Yoko Ono (taz), Ryan Flecks und Anna Bodens 80s-Nostalgie-Sause "Freaky Tales" mit Pedro Pascal ("ein unverhohlen unterhaltsam auf den Effekt zielendes, konsequent-inkonsequentes, komplex-unterkomplexes, freakiges, freidrehendes, so blutig wie zitierfreudiges Mashup", freut sich Jens Balkenborg in der FAZ) und Joseph Kosinskis Formel-1-Actionfilm "F1" mit Brad Pitt (Welt, Standard).
Archiv: Film

Musik

Jan Brachmann resümiert in der FAZ die ersten Tage des Kissinger Sommers. Dessen Jahrgangsmotto "Je Ne Regrette Rien" findet er zwar eher unglücklich gewählt, auch siedelt das eine oder andere Konzert hart an der Grenze zum Kitsch, doch dass Festival-Intendant Alexander Steinbeis die Violinistin Lisa Batiashvili, den Cellisten Gautier Capuçon und den Pianisten Jean-Yves Thibaudet für Ravels Klaviertrio in die unterfränkische Kleinstadt holen konnte, ist in seinen Ohren ein absoluter Coup: "Thibaudet wendet die Akkorde des baskisch federnden Eingangsthemas wie Kristalle hin und her, um in deren Mittelstimmen den unterschiedlichen Lichteinfall zu studieren. Batiashvili und Capuçon überziehen den mineralischen Gesang mit einem Eishauch. Doch mit der Überleitung des Cellos wechselt die Musik ihren Aggregatzustand: Aus dem Anorganischen gleitet sie ins Organische, aus Kristall und Licht werden Fleisch und Blut." Thibaudet "sorgt für Transparenz, wenn Ravel mehrere Themen überlagert und jedes von ihnen Metamorphosen durchläuft, die sich der deutschen Sonatenkonsequenzlogik entziehen - und dann facht er die Glut an für die finale Ekstase, die abläuft wie die Kernschmelze unter Aufsicht eines Ingenieurs."

Weiteres: Tim Wirth spricht für den Tages-Anzeiger mit Rike van Kleef (die zum Thema auch ein Buch geschrieben hat) darüber, warum bei den großen Pop-Festivals trotz aller Debatten der letzten Jahre immer noch hauptsächlich Männer die Headliner stellen. Arne Löffel plaudert für die FR mit der Musikerin Lisa Harres. Im Standard freut sich Karl Fluch auf das Wiener Konzert von The The mit Matt Johnson. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Singer-Songwriters Mick Ralphs. Besprochen wird Alex Paxtons Auftritt beim Happy New Ears Festival in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik