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17.07.2025. Eine Theater-Ära geht zu Ende: ClausPeymann ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die SZ erinnert an den Theatermacher, der stets gegen "Lebenszwerge" stänkerte, die FAZ an den "luziferischen Messias", der doch so harmlos schien. Die Welt hat die Nase voll von mit Steuermillionen subventionierten Kunstvermeidungsausstellungen wie die jüngste Berlin-Biennale. Die FAZ dringt mit Judith Schalansky zur Ursuppe des Schreibens vor. Und in Repubblica fordert Julia Nawalnaja, dass ein in Italien geplantes Konzert unter der Leitung von Putin-Freund Valery Gergiev abgesagt wird.
Bild: Stephan Röhl, CC BY-SA 2.0Der große Theatermacher Claus Peymann, von 1999 bis 2017 Intendant des Berliner Ensembles, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit Peymanns Tod "geht eine Theater-Ära zu Ende", schreibt Christine Dössel in einem ersten Nachruf in der SZ, in dem sie an Skandale wie den Zahnspenden-Aufruf für die inhaftierte Gudrun Ensslin oder Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater erinnert: "Mit der ihm eigenen Großmäuligkeit stänkerte er gegen die Beschränktheit der Mächtigen, gegen die Ignoranten der Kulturpolitik, gegen 'Lebenszwerge' und Theateridioten. Er war ein Intendanten-Patriarch par excellence, als solcher nicht unumstritten. Er war aber auch der größte Liebhaber und Verfechter des Theaters, den man sich denken kann. Theater, sagte Peymann, brauche er wie die Luft zum Atmen."
"Unter den Stein, Flimm, Neuenfels, Zadek, Heyme aber war Peymann der Herzigste. Noch wenn er dem alten Stück eine politische Nase zu drehen versuchte, wies die Nase ins Glückliche, Heitere, gern auch Harmlose", erinnert sich Gerhard Stadelmaier in der FAZ: "In einem Mix aus Großmäuligkeit und Bubenköpfigkeit hat er es geschafft, den Stuttgartern, den Bochumern und den Wienern (den Berlinern allerdings nicht mehr) den Eindruck zu vermitteln, er spende ihnen den Segen eines völlig neuen Theaters als luziferischer Messias, der den Clown der Regie-Arbeiterklasse in sich transzendiert. Die Geschichte seiner Inszenierungen lässt sich eigentlich als ein einziger bunter Abend erzählen." Einen Eindruck von Peymann bekommt man in diesem Dlf-Kultur-Gespräch von 2015. Weitere Nachrufe in Standard und NZZ.
Wer verstehen will, was Theater mal für eine Bedeutung hatte, sollte einen Blick in Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in Peymanns legendärer Inszenierung werfen. Besonders sehenswert die Beifallssequenz ab Minute 10.
Es ist ein Skandal, der Marlene Knobloch (Zeit) einiges über die Kunstfreiheit in der Provinz verrät: Im katholisch geprägten, von der CDU regierten Osnabrück wurden laut einer vom Bistum beauftragten Studie mindestens 400 Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt durch katholische Priester. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten gemeinsam mit einem der Missbrauchsopfer das Stück "Ödipus Exzellenz" über die Vertuschung der Missbrauchsvorfälle, zunächst genehmigt von Intendant Ulrich Mokrusch, denn dann aber ein "Vater unser" und eine Gottesdienstszene so sauer aufstießen, dass er drohte, das Stück abzusagen, resümiert Knobloch: "Später wird der Intendant ein Papier vorlegen, das die Künstler unterschreiben sollen, in dem sie versprechen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren. Den Gottesdienst dürfe man 'probieren', allerdings unter Aufsicht. Die Künstler ihrerseits möchten die volle künstlerische Freiheit und Vertrauen zurückgewinnen, heißt konkret: die Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage in das Stück mit einfließen lassen. Als der Intendant Ulrich Mokrusch das hört, feuert er die Künstler." Stattdessen wird die neue Spielzeit in Osnabrück nun mit "Kunst" von Yasmina Reza eröffnen.
Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Nibelungen-Inszenierung "See aus Asche" bei den Wormser Festspielen (Zeit, mehr hier) und Bintou Dembélés Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper "Les Indes Galantes" beim Grange Festival in Glyndebourne (FAZ).
Nach dem Besuch der 13. Berlin-Biennale, die sich dieses Jahr "Widerstand, Justizwillkür und Ökozid" widmet, platzt Cornelius Tittel in der Welt der Kragen: "Wann und warum wurden 'politische' Kunstvermeidungs-Ausstellungen wie die 13. Berlin Biennale mit Steuermillionen subventionierte Norm", fragt er angesichts dieses "qualvoll anzusehenden Erstickungstodes der Ästhetik zu Händen der Moral ... Grob gesagt beschäftigt sich die eine Hälfte der mehrheitlich aus dem 'Globalen Süden' stammenden internationalen Künstler damit, Artefakte und Erinnerungen ihrer vergangenen Proteste gegen diverse Unrechtssysteme zu sammeln und auszustellen, während die andere Hälfte in Koch-Tutorials, auf bestickten Küchenhandtüchern oder gleich in trockenen Archiv-Installationen die traumatischen Kolonialgeschichten ihrer Herkunftsländer aufarbeiten." Verantwortlich dafür macht Tittel auch die Bundeskulturstiftung - "Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch hier die für jede Sonderausstellung dringend benötigten Zusatzgelder vor allem dann fließen, wenn in Förderanträgen Buzzwords wie Inklusion, Barrierefreiheit, Partizipation und Nachhaltigkeit vorkommen" - und ein akademisches Milieu, das den "intellektuellen Überbau" liefert.
Weitere Artikel: Am Sonntag feiert das C/O Berlin sein 25-jähriges Bestehen. Die Schauspielerin Charlotte Rampling, die als Ehrenmitglied im Kuratorium sitzt, schreibt zu diesem Anlass einen kleinen Gastbeitrag in der SZ über ihre Liebe zur Fotografie - und fordert auf, für das C/0, das als gemeinnützige Organisation eingetragen ist zu spenden. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, dass die barocke Galerie Friedrichs des Großen im Neuen Palais in Potsdam, die auch zwei Gemälde von Artemisia Gentileschi zeigt, nach drei Jahrzehnten wieder öffentlich zugänglich ist.
Besprochen wird die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Berlin Eins - die Neunziger" im Berliner Haus am Kleistpark (taz, mehr hier), die Gruppenausstellung "Moonstruck" des Kunstkollektiv KUNZTEN im Berliner Flutgraben e. V. (taz), die Ausstellung "Overture" von Absolventen und Absolventinnen der Städelschule im Frankfurter Städel (FR) sowie die LeonoraCarrington-Doku "Fantastische Surrealistin" in der Arte-Mediathek und der Film "Leonora im Morgenlicht" von Thor Klein (FR).
Körperlichkeit aus fast unerträglicher Nähe: "De humani corporis fabrica" von Véréna Paravel und Lucien Castaing Heute eröffnet im silent green Kulturquartier in Berlin eine Ausstellung zum filmischen Schaffen von VérénaParavel und Lucien Castaing, die seit einigen Jahren daran arbeiten, die dokumentarische Filmform mit experimentell-avantgardistischen Arbeiten auf ein neues Niveau zu heben. Den beiden geht es "nicht darum, die Welt zu verstehen; es geht vielmehr darum, sie zu spüren", erklärt Patrick Holzapfel In einem Filmdienst-Essay: "Im Bildergetümmel ist das Sinnliche eine Leerestelle geworden", diagnostiziert Holzapfel unsere bildgetränkte Gegenwart. "Alles erscheint wie hinter Glas, das der Ansatz von Paravel und Castaing-Taylor immer wieder zu brechen verspricht." Ihre Bilder "tauchen im wahrsten Sinne des Wortes in die jeweiligen Gegebenheiten und Orte ein. Das sieht man etwa bei 'De humani corporis fabrica', der Bilder aus dem Inneren von Körpern in französischen Krankenhäusern zeigt. Man sieht Körperlichkeit aus fast unerträglicher Nähe. Sie wird nicht eingeordnet und erklärt; sie wird in ihrer Grenzenlosigkeit dargeboten. Die Filme trachten nach Immersion und verstehen sie als Akt, in dem man nicht mehr weiß, wo man ist."
Außerdem: Ralph Eue empfiehlt im Filmdiensteine Frankfurter Werkschau mit den Film von AlainJessua. Volker Weidermann hat für die ZeitArminMueller-Stahl besucht. Besprochen werden ChristianLerchs Roadmovie "Karli & Marie" (Perlentaucher Jochen Werner hat viel Freude am "herrlich größenwahnsinnigen Schlusspunkt"), die DVD-Ausgabe von AdilkhanYerzhanovs kasachischem Thriller "Steppenwolf", der sich zugleich laut tazler Ekkehard Knörer mit "einiger Wucht" bei den Klassikern des Westernkinos bedient, ThorKleins und LenaVurmas "Leonora im Morgenlicht" (FR), Marianne Elliotts "Der Salzpfad" mit Gillian Anders (FR, Welt) und ChrisMillers "Die Schlümpfe - Der große Kinofilm" (Perlentaucher).
In der tazschreibt der in New York lebende Musiker Ned Sublette zum legendären, 1887 erbauten und 1935 zum Hotel umfunktionierten Hotel Oloffson in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, das in Folge von Brandstiftung komplett abbrannte. Das Oloffson war ein wichtiger Ort für Haitis Kulturszene, ein "Ort, an dem Vodou-Zeremonien abgehalten wurden. Es diente als Safespace für LGBTQ und als Tanzschule, deren Performances im Gartenpavillon abgehalten wurden. Es war Galerie für avantgardistische haitianische Kunstausstellungen und ein Knotenpunkt, an dem die Einheimischen auf Besucher:Innen aus aller Welt stießen." Ebenfalls in der tazporträtiert Karlotta Ehrenberg den Berliner Verein Kunst-Stoffe, der aus alten Lattenrosten, Tapeten, Teppichböden etc. Zero-Waste-Wohnungen schafft.
Mit 39 "ein- bis dreiminütigen Miniaturen zum Phänomen des Nebels" hat JudithSchalansky ihre Frankfurter Poetikvorlesung abgeschlossen, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ. Die Autorin zieht zu diesem Zweck zahlreiche Schriftsteller heran. Eine systemische Erklärung des Nebels gibt es nicht, doch "all die scheinbar unverbundenen verschwommenen, gespenstischen oder nebulösen Ausführungen ihrer Gewährsleute verdichtet Schalansky dann doch noch zu einer Ursuppe des Schreibens, aus der alles entstehen kann - oder nichts. Das obliegt dem Zufall und dem harten Naturgesetz, zwei gegensätzlich anmutenden Faktoren, die aber für das Werk der Schriftstellerin Judith Schalansky zentrale Motive sind. Ihre Ästhetik strebt bei aller sprachlichen Kunstfertigkeit, die in Frankfurt dreimal in Vollendung vorgeführt wurde, keine Künstlichkeit an, sondern ein an der Aufklärung geschultes Weltverständnis, das, je eleganter formuliert, desto leichter vermittelbar ist."
Besprochen werden unter anderem BeaDavies' Comic "Super-GAU" über Fukushima und die Folgen (FAZ.net), Birgit Weyhes Comic "Schweigen" (der "beste deutschsprachige Comic der Saison", schwärmt Thomas Hummitzsch auf Intellectures), EstherDischereits "Eine Handvoll Dollarscheine" (taz), MartinR. Deans Essaysammlung "In den Echokammern des Fremden" (NZZ), MagdalenaRutovás "Das Kraken-Tagebuch" (FR), AbubakarAdamIbrahims "Zeit der Glühwürmchen" (FAZ) und Julian Schütts Max-Frisch-Biografie (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
JuliaNawalnaja, die Witwe von AlexeiNawalny, hat in einem "flammenden Plädoyer" in der Repubblica gefordert, dass das für Ende Juli in Italien geplante Konzert unter der Leitung von ValeryGergiev abgesagt wird, berichtet Luzi Bernet in der NZZ. "'Gergiev ist ein enger Freund Putins', schrieb sie in dem Artikel, 'ein Förderer von Putins krimineller Politik, sein Komplize und Mitläufer.' Er sei zwar ein 'ausgezeichneter Dirigent'. Aber wie man aus der Geschichte wisse, 'können auch große Künstler auf der Seite der Schurken stehen und mit ihrem guten Ruf grausame und unmenschliche Regime decken'. Seither ist Feuer im Dach, und die Vorfreude auf einen inspirierenden Abend unter den Sternen ist verflogen. Ob das Konzert am 27. Juli stattfinden wird, ist offen."
"Zurück ist das neue Vorwärts. Es braucht eine Verknappung des Angebots. Es braucht weniger Musik", ruft Johannes Scheerer auf Zeit Online voller Gram darüber, dass das Album im Zuge von Streaming seinen Werkscharakter verloren habe und Musikstreaming - angeblich - die kulturelle Vielfalt aushöhle, weil es Bequemlichkeit fördere. "Ich glaube, es wird verkannt, wie sehr eine Reduktion des Angebots in Wahrheit geschätzt würde." Denn "wer zwischen Millionen Songs wählen kann, dem fällt es schwer, Tiefe und Bedeutung zu erleben. Was selten ist, bekommt Aufmerksamkeit; was jederzeit verfügbar ist, verkommt zum Hintergrundrauschen." Da Scheerer selbst Label- und Studiobetreiber ist, läge es natürlich auch in seiner Hand, einfach selbst für Verknappung von Musik zu sorgen. An seinem Geschäftsmodell möchte er aber nicht rütteln.
Außerdem: Christian Wildhagen freut sich in der NZZ auf den Festivalsommer. Besprochen werden ein Konzert von AltinGün (FR), ConradBauers und KalleKalimas Album "13 Kuukautta" (FR), WetLegs neues Album "Moisturizer" (Standard) und das neue Melvins-Album "Thunderball" (die einst avantgardistischen Noise-Rock-Sludge-Monster haben sich in ihrer Nische gut eingerichtet, stellt Benjamin Moldenhauer in der taz mit sanfter Melancholie fest).
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