Efeu - Die Kulturrundschau

Verdichtung durch Verzicht

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25.08.2025. Die Zeit würde Filmkömodien gerne unter Artenschutz stellen, so selten sind sie im Kino geworden. Für den abstrakt-expressionistischen Künstler Clyfford Still fährt die FAZ gerne nach Denver. Die Welt sieht mit Paul Poirets Kreationen, wie sich die Damenmode im 20. Jahrhundert zu mehr Bequemlichkeit entwickelte, ohne an Schmuck einzubüßen. Die NZZ bewundert beim Lucerne Festival Dirigentenkunst, die im "Grenzbereich zur Magie und zum Irrationalen" liegt. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2025 finden Sie hier

Film

Hili Perlson hat für die taz im Israel-Museum in Jerusalem eine Ausstellung der Fotografien von Chris Marker besucht, die der Filmemacher einst für seinen Essayfilm "Description of a Struggle" (1960) geschossen hat. Seine "Kamera zeigte, was in den offiziellen staatlichen Darstellungen oft ausgelassen wurde. Der Filmemacher war fasziniert von den ethischen Dilemmata und ideologischen Widersprüchen Israels. In seinem Film beobachtet er gewöhnliche Menschen im Alltag und persönliche Momente. In oft stillen Szenen fing er die Komplexität, Paradoxien und frühen psychologischen Spannungen einer Gesellschaft ein, die noch in der Entwicklung war. Der Film gewann 1961 den Goldenen Bären bei der Berlinale, etwa vier Jahre, bevor die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland überhaupt aufgenommen wurden." Diese Ausstellung "richtet einen prophetischen Blick auf ein Land im Entstehen - ein Land, das Marker als 'Wunder' bezeichnete. Und sie gibt Eindruck von einer vergangenen Zeit - Israel vor dem Sechstagekrieg von 1967." Markers Film steht - allerdings ohne Untertitel - auf Youtube.

Die Kino-Neuauflage der "Nackten Kanone" (unser Resümee) unterstreicht gerade noch einmal als Ausnahme von der Regel, welchen prekären Status Komödien im Kino mittlerweile haben, schreibt Jan Jekal auf Zeit Online: In den Nuller- und frühen Zehnerjahren waren smarte bis harte Nonsense-Komödien im Kino noch dauerpräsent, heute müsste man sie eigentlich unter Artenschutz stellen. Gelacht wird heute lieber im Privatissimum von Netflix und Social Media. "Eine Komödie im Kino zu sehen, sich mit wildfremden Menschen darüber zu amüsieren, bei fliegendem Popcorn und Eiskonfekt die Kontrolle über sich selbst zu verlieren: Das gehört zu den schönsten Gemeinschaftserfahrungen, die filmaffine Menschen machen können (...) Mit dem Laptop auf dem Sofa oder dem Handy auf der Toilette krümmt sich eben niemand vor Lachen. Vielleicht wird man sich an die Wiederauflage der nackten Kanone also gar nicht als Neuanfang erinnern, sondern als einen Moment der letzten Warnung. Der Film weist darauf hin, was dem Kino gerade verloren geht." 

Außerdem: Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem kambodschanischen Regisseur Rithy Panh beim Locarno Film Festival. Colette M. Schmidt berichtet im Standard vom Sarajevo Film Festival. Maria Wiesner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an Wolf Gremms aktuell bei Arte online stehenden Film "Kamikaze 1989" mit Rainer Werner Fassbinder, kurz vor seinem Tod, in der Hauptrolle.
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Literatur

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Marie-Luise Goldmann spricht in der Welt mit Anne Rabe über deren neuen Essay "Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral" (hier bereits unser Resümee eines weiteren Gesprächs mit Rabe). Zum Tod des Lyrikers Eugen Gomringer schreiben Björn Hayer (FR) und Jonas Engelmann (taz) - weitere Nachrufe bereits hier. Frank Keil porträtiert in der taz den Schriftsteller Jaroslav Rudiš, den neuen Theodor-Storm-Stipendiaten in Husum. Elmar Krekeler kocht sich für die Welt durch Kafkas von Denis Scheck herausgegebenes Kochbuch (mehr dazu bereits hier). Wieland Freund hält in der Welt nichts davon, dass man Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf eine ADHS-Diagnose "angehängt" hat, "was nicht nur das Wesen von Literatur, sondern auch Pippi Langstrumpfs Sosein bitterlich verkennt".

Besprochen werden unter anderem Raphaela Edelbauers "Die echtere Wirklichkeit" (Standard), Percival Everetts "Dr. No" (FR), Jiří Hájíčeks Wenderoman "370m über NN" (online nachgereicht von der FAZ), Justin Torres' "Blackouts" (Standard), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Inga Krauses "Petrichor" (FAZ), und Dorothee Elmigers "Die Holländerinnen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Rabe, Anne

Musik

Zu Beginn des Lucerne Festival waren "gleich mehrere Dirigenten erleben, bei denen das Geheimnis ihrer Kunst" im "Grenzbereich zur Magie und zum Irrationalen zu liegen schien", berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. Riccardo Chailly etwa - sicherlich einer der "präzisesten Dirigenten unserer Zeit" - fokussierte beim Eröffnungskonzert bei Mahler "gerade nicht auf Entfesselung, sondern auf die gezielte Dosierung des Ausdrucks, der aber durch die Sublimation eine unerhörte Intensität und innere Freiheit gewinnt. Diese Verdichtung durch Verzicht auf jede bloß äußerliche Leidenschaftlichkeit ist eins der Paradoxe bei der Interpretation von Musik. Wenn sie gelingt, entstehen, wie hier, oft Sternstunden." Ein weiterer im Bunde ist Simon Rattle: Bei ihm "kann man eine Entwicklung beobachten, die sich bei vielen Dirigenten im Alter verstärkt: Sie bauen immer souveräner auf ihren Erfahrungsschatz, modellieren als Meister des Überblicks in erster Linie Formverläufe und setzen zugleich an allen Schlüsselstellen, die sie genau kennen, Wegmarken und Akzente. Das eröffnet den Musikern Freiräume."

Mit Sorge beobachtet Axel Brüggemann auf Backstage Classical eine sich im Klassikbetrieb wieder breitmachende Unbekümmertheit, die Musik am liebsten wieder nur Musik und Politik nur Politik sein lassen möchte. Wenn Teodor Currentzis durch die Lande tourt, werde dazu in erster Linie gute Stimmung verbreitet, bei François-Xavier Roth gebe es auch keine nennenswerten Nachfragen mehr. "So wurde dieser Klassik-Sommer auch ein Sommer der vermeintlichen Normalisierung des alten Geschäfts." Oder "mit anderen Worten: War was? Ist was? Wollen wir nach diesem Sommer wirklich so weiter machen wie immer? Oder wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, auch in der Kultur ein politisches Bewusstsein zu etablieren?"

Weiteres: Stephanie Grimm blickt in der taz ins Programm des heute beginnenden Berliner Popkultur-Festivals. Karl Fluch blickt im Standard-Gespräch mit dem Nino aus Wien auf die seit 15 Jahren anhaltende Austropop-Renaissance zurück. Ljubiša Tošić berichtet im Standard vom Jazzfestival in Saalfelden

Besprochen werden Bernard MacMahons Netflix-Doku über Led Zeppelin (Standard), ein Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra in Salzburg (Standard) und Renée Rapps Popalbum "Bite Me" (SZ).

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Bühne

nachtkritiker Leonard Haverkamp interviewt Ulrich Khuon, der gerade seine Interimsintendanz am Schauspielhaus Zürich beendet hat. Rüdiger Schaper berichtet für den Tagesspiegel vom Kunstfest Weimar, das dem Motto "Mutig leben" auf jeden Fall gerecht wird. Auch Kerstin Holm sieht sich für die FAZ dort um. Christoph Irrgeher schreibt für den Standard über Opernbesuche mit Kindern.


Besprochen werden: "Tapajós" von Gabriela Carneiro da Cunha auf dem internationalen Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg (taz), "I Did It My Way" von Ivo van Hove auf der Ruhrtriennale (taz) und "Emily: No Prisoner Be" von Kevin Puts auf den Festspielen Bregenz (Welt).
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Kunst

Niemand kennt das Clyfford Still Museum in Denver, alle sollten das ändern, befindet Dietmar Dath in der FAZ. Er schaut sich das Abstrakt-Expressionistische der Gemälde des Namensgebers an, für das "die Worte, die sich dafür finden, nie reichen, weil es viele andere für das gäbe, was sich da zeigt. Etwa so: ein Hochformat, in dem links unten Gelbliches sitzt. Das Gelbliche stützt einen schwarzen Riss im mehr oder weniger holzartigen Kontinent daneben, der nach oben hin eine Nichtschrift wird und wachsen mag in sein Ende, das zwei weiße Ränder schmücken, ebenfalls gerissen. Eine rote Insel liegt hier an, wieder mit Landrand und Randland, schräg gegenüber einer mehligen Blitzausdehnung, in der ein bienengelbes Flimmerskotom wohnt. Und so weiter oder ganz anders. Das geschah 1946 und wird 'PH-1103' genannt." Gerade ist im Museum die Schau "Held Impermanence" zu sehen, kuratiert von Katherine Simóne Reynolds.

Trumps Zensur-Feldzug (unsere Resümees) gegen Museen wie das Smithsonian kulminiert nun in einer Liste von Kunstwerken, die sein Regime "nicht länger (…) dulden" will, schreibt Frauke Steffens ebenfalls in der FAZ: "Viele der 26 auf der Liste des Weißen Hauses genannten Kunstwerke und Ausstellungen waren zuvor in einem Artikel des konservativen Magazins 'The Federalist' erwähnt worden, den die Mitteilung aus dem Weißen Haus auch verlinkt. Sie enthält keine Handlungsanweisung. Beobachter gehen aber davon aus, dass die Liste als erste Handreichung für die Überprüfung der Museen im Kampf gegen unliebsame Kunst und Geschichtsschreibung zu verstehen ist."

Weiteres: Stefan Trinks erinnert an der FAZ an Tove Jansson, die die Mumins geschaffen hat und deren künstlerische Karriere dahinter oft in Vergessenheit gerät.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Irma Stern. Eine Künstlerin der Moderne zwischen Berlin und Kapstadt" im Berliner Brücke-Museum (FR).
Archiv: Kunst

Design

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Tilman Krause hat für die Welt in Paris die dem Couturier Paul Poiret gewidmete Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs besucht. Im frühen 20. Jahrhundert prägte dieser maßgeblich ein neues Frauenbild in der Mode: "Den ganzen kleinteiligen Kleiderbesatz mit seinen Passen und Paspeln, Biesen und Trallen, Schleifchen und Rüschen, die aus jeder 'gut angezogenen' Frau im späten 19. Jahrhundert einen überreich beladenen Tannenbaum gemacht hatten (und, nebenbei gesagt, ganze Heerscharen von Posamentierwarenherstellern und Kurzwarenhändlern in Lohn und Brot setzte), galt es runterzureißen. Abzuschaffen. Die neue Linie sollte eine klare sein. (...) Einmal zurück auf Null gesetzt, konnte nun der weibliche Körper wieder hochgebootet werden. Neu verpackt und abermals reich verziert. Aber eben anders. Paul Poiret (...) dachte sich die tollsten Finessen aus. Er ging auch auf Reisen und nahm sich vom Kleiderstil exotischer Völker, was er brauchte. Aber die klare Linie blieb. Bequemlichkeit setzte den Maßstab."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Couture, Poiret, Paul