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22.09.2025. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat einen Solidaritätsabend für die Ukraine veranstaltet und der Tagesspiegel lernt von Katja Petrowskaja, YevgeniyBreyger und TanjaMaljartschuk, dass es in Kriegszeiten eigentlich unmöglich ist, Literatur zu schreiben. Michel Friedman wird vom Literaturhaus Uwe Johnson in Klütz ausgeladen, aus Angst vor den Rechten, weiß die FAZ. Die Kritiker sind begeistert von Sophokles' "Antigone", die Selen Kara mit einem umwerfenden Ensemble auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt bringt. Das neue Schiedsgericht wird es den Museen leicht machen, sich vom Raubkunstverdacht freizusprechen, fürchtet die SZ. Der Standard berichtet, dass das von Lahav Shani dirigierte Konzert in Wien wegen Störungen propalästinensischer Aktivisten minutenlang unterbrochen werden musste.
Der PEN Berlin, der PEN Ukraine und das Ukrainische Institut haben am vergangenen Freitag beim Internationalen Literaturfestival Berlin einen Solidaritätsabend für die Ukraine veranstaltet. Gewidmet war er der SchriftstellerinVictoria Amelina, die 2023 bei einem Raketenangriff ums Leben kam. "Es wurde ein Abend über die Müdigkeit, aus dem man ganz wach herausging", schreibt Gerrit ter Horst im Tagesspiegel. Yevgeniy Breyger, Tanja Maljartschuk und Katja Petrowskaja "rangen sichtlich mit der Frage, was eigentlich die Aufgabe der Literatur im Krieg sei, ihre Antwort besteht darin, auf jeweils unterschiedliche Art das literarische Schreiben aufzugeben. Während Petrowskaja sich der Fotografie zuwandte, Breyger eine Form der dokumentarischen Lyrik entwickelte, fand Maljartschuk ihre neue Rolle als Herausgeberin ukrainischer Literatur: das vorhandene Material verwalten, es vor der Zerstörung bewahren, anstatt neue Sprache in den Raum zu stellen. Die einzige Literatur, die sie noch produzierten, so Petrowskaja und Maljartschuk, seien Nachrufe auf ihre Kolleginnen." PEN-Ukraine-Präsident VolodymyrYermolenko beschloss den Abend: "In einer eindrücklichen Rede berichtete er von den ausgebrannten Geisterdörfern seiner Heimat, beklagte die Abwesenheit der Anwesenheit der anderen und kam über das radikale Böse bei Arendt zu Putin. Dieser führe nicht nur Krieg gegen die Ukraine und den Westen, sondern gegen die Gerechtigkeit selbst."
In der FAZresümiert Kerstin Holm den Abend, das taz-Team liefert verstreute Eindrücke vom Festival.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In OzanZakariyaKeskinkılıçs Debütroman "Hundesohn" geht es um einen jungen Homosexuellen, der mit dem Islam und seinem Glauben hadert. Der Roman ist durchaus autobiografisch grundiert, verrät der Schriftsteller im Tagesspiegel-Gespräch mit Özben Önal. In einer Szene des Romans fantasiert sein Protagonist beim Gebet in der Moschee über Analverkehr mit dem Mann, der ihm beim Hinknien den Hintern entgegenstreckt. "Diese Szene fühle ich sehr, weil sie zeigt, wie absurd die Vorstellung ist, ein Raum voller Männer könnte entsexualisiert sein." Diese Passage "wird sehr viele Menschen wütend machen. Aber ich habe dieses Buch nicht geschrieben, damit es von allen Menschen gemocht wird. Das kann auch nicht der Anspruch von Literatur sein. Ich habe viele Jahre gebraucht, um die Stimme in meinem Kopf abzuschalten, die mir sagt: Das darfst du nicht. Ich habe Spaß an dem lyrischen Spiel mit der Sprache und daran, solche Gedanken weiterzuverfolgen. ... Natürlich verstehe ich, dass ich nicht wenige religiöse Menschen mit diesem Buch schocke, aber im Schock kann eineschöneErweckung liegen. Die Freiheit, so zu leben, wie man möchte."
Der Standarddokumentiert die Rede, mit der EvaMenasse die Dachstein-Dialoge in Österreich eröffnet hat. Darin kommt die Schriftstellerin auch auf das Thema Kulturboykott zu sprechen: "Dass der Dirigent LahavShani in Gent ausgeladen wurde, ist strukturell genau das Gleiche wie die Ausladung von Omri Boehm, dem deutsch-israelischen Philosophen, der die Gedenkrede im Konzentrationslager Buchenwald im April nicht halten durfte", findet sie. Zudem grassiere "in Deutschland, dem Land mit der größten palästinensischen Diaspora Europas, eine weitverbreitete Hysterie gegenüber Menschen, die als 'BDS-nah' bezeichnet und damit pauschal als Antisemiten diffamiert werden." Dabei sollte "jede Institution, jedes Festival, jeder Konzertveranstalter frei und ohne Druck entscheiden können, wen er einlädt." Frei und ohne Druck? Das passt gallig gut zu einer Posse im Literaturhaus Uwe Johnsonim mecklenburgischen Klütz. Dessen Leiter Oliver Hintz wendet sich mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit, dass er MichelFriedman auf Druck des Bürgermeisters wieder ausladen musste, wie Matthias Alexander in der FAZ berichtet. Dieser "Streit ... sei von einer langjährigen Mitarbeiterin des Literaturhauses ausgegangen. Solange sie dort tätig sei, habe sie mitgeteilt, werde es keine Lesung mit Friedman geben. Als er, Hintz, sich unbeeindruckt gezeigt habe, habe sie sich an die Stadtpolitik gewendet. Schließlich habe der Bürgermeister ihn angewiesen, Friedman auszuladen, berichtet Hintz. In einem Gespräch sei ihm zur Begründung mitgeteilt worden, dass man Proteste von rechten Kräften befürchte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für den Standardspricht Jakob Goubran mit dem SchriftstellerEdouard Louis über dessen aktuellen Roman "Absturz". In Frankfurt las PeterSchröderDavidFosterWallace, berichtet Judith von Sternburg in der FR. In der FRgratuliert Konstantin Johannes Sakkas dem SchriftstellerPeterPrange zum 70. Geburtstag. Mathias Mayer erinnert in der FAZ an Schillers Kritik an den Gedichten GottfriedAugustBürgers.
Besprochen werden unter anderem EvaIllouz' Essay "8. Oktober" über das Verhältnis der Linken zum 7. Oktober (ZeitOnline), ChristineWunnickes "Wachs" (FR), LeaYpis "Aufrecht" (NZZ), MelaraMvogdobos "Großmütter" (NZZ), neue Kinderbücher, darunter JudithBurgers und JulieVölks "Opas Herz" (FAZ), sowie ManonGarcias "Mit Männern leben - Überlegungen zum Pelicot-Prozess" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden PaulThomas Andersons "One Battle After Another", der laut SZ-Kritiker David Steinitz "sehr, sehr lose" auf ThomasPynchons Roman "Vineland" basiert (SZ), die ARD-Miniserie "Oktoberfest 1905" (FAZ) und die Netflix-Serie "Der Milliardärsbunker" über den DrittenWeltkrieg und dessen Folgen, die trotz dieses spektakulären Szenarios laut tazlerin Alice von Lenthe "hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt".
"Antigone" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld. Am Schauspiel Frankfurt wird Sophokles' "Antigone" gegeben, Selen Kara inszeniert und fügt Textausschnitte aus Anna Gschnitzers Drama "Ich, Antigone" hinzu, um die Geschichte der inzest- und machtdurchrüttelten Thebener Herrschaftsfamilie zu erzählen, der nun der tyrannische Kreon vorsteht, gegen den sich Antigone auflehnt. Tilman Spreckelsen ist in der FAZ durchaus angetan: "Die Inszenierung hat Züge eines Kammerspiels auf großer Bühne, sie zittert oft vor Anspannung und ist in anderen Passagen, besonders am Ende, nicht frei von Pathos. Vor allem aber lässt sie ein Ensemble in einem Zusammenspiel glänzen, wie man es lange nicht gesehen hat. Auch dieses von Respekt geprägte Miteinander ist womöglich die Antwort auf die Frage nach der angemessenen Haltung gegenüber den Kreons dieser Welt."
In der FRfindet Judith von Sternburg besonders die schauspielerische Leistung herausragend: "Annie Nowak ist keine klassische Heroine", doch gibt sie "der Titelheldin eine Individualität, die rührt und überrascht und ihre Mission - auch den verstoßenen der beiden toten Brüder anständig zu begraben - umso zwingender erscheinen lässt. Nowaks Antigone mag ein bisschen pubertär sein, gereizt gegen den Onkel Kreon vielleicht schon vorher, aber ein pathetisches Heldinnenende dürfte das Letzte sein, was ihr vorgeschwebt hat. Sie ist nicht stramm und rigoros, nicht rechthaberisch. Zittert ihre Stimme nicht sogar? Aber sie macht nicht mit." Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla kann sich dem Lob nur anschließen: "Annie Nowak scheint sich am schwersten mit der auferlegten Regelhaftigkeit zu tun. Sie, die dann am meisten strahlt, wenn sie improvisierend über die Stränge schlagen darf. Genau deswegen ist sie hier womöglich am genau richtigen Platz, als eine, der man die Nötigung der Unterordnung anmerkt."
Besprochen werden außerdem Werner Bräunigs Romanfragment "Rummelplatz" als Oper im Theater Chemnitz, inszeniert von Ludger Vollmer und Jenny Erpenbeck (FAZ, Nachtkritik), Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik), Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner", inszeniert von Jan Friedrich am Theater Magdeburg (Nachtkritik), Pınar Karabulut und Rafael Sanchez inszenieren "Like Lovers Do" von Sivan Ben Yishai und Beat Sterchis Roman "Blösch" am Schauspielhaus Zürich (SZ), Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar", inszeniert von Andreas Homocki an der Komischen Oper Berlin (taz, SZ) und Milo Raus "Die Seherin" an der Berliner Schaubühne (taz).
36 Richter sind nun für das geplante deutsche Schiedsgericht zur Restitution von Raubkunst ernannt worden, meldet die FAZ. Jörg Häntzschel weiß in der SZ Näheres dazu, warum jüdische Organisationen mit dem neuen Schiedsgericht nicht unbedingt glücklich sind: "Der 'Bewertungsrahmen', der dem neuen Verfahren zugrunde liegt, wird Restitutionen in vielen Fällen erschweren oder unmöglich machen.(…) Während bislang bei allen Juden, die etwa Kunst unter Wert verkaufen mussten, nicht eigens nachgewiesen werden musste, dass sie dies aufgrund ihrer Verfolgung taten, gilt für Händler künftig nicht mehr pauschal die 'Verfolgungsvermutung'. Trotz ihrer 'individuellen' Verfolgung als Juden ist danach ein 'ordnungsgemäßer Geschäftsverkehr' denkbar. ... Dass das Schiedsgericht ein Schritt hin zu einem Restitutionsgesetz sein wird, wie die jüdischen Verbände hoffen, ist kaum anzunehmen. Sie wird es den Trägern von Museen in vielen Fällen erlauben, ihre Werke vom Raubkunstverdacht freizusprechen."
Elke Buhr interviewt für Monopol den amerikanischen Künstler Sam Falls, dessen in Zusammenarbeit mit der Natur entstandene Werke gerade in der Zürcher Galerie Eva Presenhuber ausgestellt werden. Seine "natürlichen Fotogramme" stellt er draußen her, lange Belichtungszeiten durch die Sonne sind einkalkuliert, und diesmal auch Regen: "Ich verwende dazu ein trockenes Pigment, das auf Wasser reagiert. Ich nehme die Leinwand mit nach draußen in den Wald, wähle Pflanzen aus der Region, lege sie auf die Leinwand und bringe das Pigment auf. Die Feuchtigkeit der Nacht oder auch der Regen aktivieren die Farbe. Dann entferne ich die Pflanzen wieder. Das Bild, das man dann sieht, ist nicht nur ein Abbild dieser Pflanzen, sondern auch der Atmosphäre, des Windes, des Regens, des Wetters."
Weitere Artikel: Gottfried Boehm gratuliert dem Maler Raimer Jochims zum 90. Geburtstag (FAZ), Verena Krieger trauert um die Wiener Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat (FAZ), Jan Brachmann erinnert an den litauischen Maler Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, der vor 150 Jahren geboren wurde (FAZ).
Nach dem Skandal um die Ausladung von Lahav Shani vom Flanders Festival in Gent fühlten sich einige propalästinenische Aktivisten offensichtlich dazu berufen, das von ihm dirigierte Konzert der Münchner Philharmoniker in Wien mit lautstarken "Free Gaza"-Rufen und ausgerollten Transparenten für mehrere Minuten tumultartig zu unterbrechen. Kaum hatte das Sicherheitspersonal die Lage beruhigt, stellte sich ein weiterer Aktivist vor der Bühne auf "und brüllte 'Freiheit für Gaza!'", berichtet Christoph Irrgeher im Standard. "'Gehscheiß'n!', lautet die zornige Replik aus den Sitzreihen der Klassikfans." Shani bewies derweil "Beharrungsvermögen. Äußerlich ruhig wartete er das Radau-Ende ab und gab dann das Zeichen zum Neustart an das Münchner Orchester. Dieses beäugte das Publikum ab dem Zeitpunkt zwar skeptisch, konnte sich aber ohne weitere Störungen durch eine lyrische Wiedergabe von Beethovens Violinkonzert und Rachmaninows ungestüme Symphonische Tänze arbeiten."
Weiteres: Julian Theilen und Imke Merit Rabiega plaudern in der Welt mit dem Rapper KoolSavas. Besprochen wird Cardi Bs neues Album "Am I the Drama?" (Zeit Online).
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