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25.09.2025. Die Filmkritiker trauern um Claudia Cardinale: Sie war die Kino-Göttin des 20. Jahrhunderts, schreibt Zeit Online, die FAZ erinnert an ihren legendären Tanz mit Burt Lancaster in Viscontis "Der Leopard". Die taz bewundert das Spiel mit Verhüllung und Offenbarung in den Werken der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar, die in Chemnitz ausstellt. Die FR begrüßt die philippinische Künstlerin Stephanie Comilang in der Schirn-Kunsthalle. Im Zeit-Interview skizzieren Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber ihre Pläne für die Hamburger Oper.
"ClaudiaCardinale war die Göttin der Zukunft", schreibt Georg Seeßlen in seinem Nachruf auf die Schauspielerin auf Zeit Online. Fellini, Visconti, Leone, Herzog - alles, was im Kino des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatte, riss sich um sie. Frühzeitig spielte sie die "sizilianische Frau, die zu klug ist, um ständig Opfer zu bleiben, aber auch zu sizilianisch, um sich entwurzeln zu lassen", in den Filmen Viscontis wurde das weiter definiert: "Beide Mal war Alain Delon Cardinales Partner, beide Mal war er die hyperbewegliche Peripherie und sie die ruhigere Mitte, und beide Mal war er es, der an der Modernisierung scheitert, und sie war es, die zu ihrer eigentlichen Kraft wird. Und beide, Claudia Cardinale und Alain Delon, spielten souverän mit ihrer Schönheit." Aber "bei Federico Fellini - in 'Achteinhalb' - ist sie ganz einfach Claudia. Der Traum. Immer wieder geht es um die Begegnung einer fast übersinnlichen Erscheinung mit einer überaus rauen sozialen und sexuellen Wirklichkeit. Um die Selbstbehauptung einer Frau gegen die Projektionen ihrer Umwelt." Sie "kultivierte ... eine bodenständige und zugleich übergroße Idee von Weiblichkeit, die ihre männlichen Mitspieler häufig überstrahlte", hält Daniel Kothenschulte in der FR fest.
Andreas Kilb erinnert in der FAZ an Cardinales legendären Tanz mit BurtLancaster in Viscontis "Der Leopard", eine der ganz großen Szenen in Cardinales Karriere: "Sie spielt die Tochter eines Emporkömmlings und Kriegsgewinnlers, und Lancaster ist der Vater ihres Bräutigams, ein Fürst mit Stammbaum bis ins Hochmittelalter, aber als Angelica und Don Fabrizio vor dem versammelten Adel Siziliens in einen Walzer gleiten, ist das alles vergessen, denn jeder der beiden tritt in den Traum des anderen ein: ihren Traum von Glanz und Reichtum, seinen Traum, wieder jung zu sein. Visconti hat die Szene so inszeniert, dass sich der Tanz der beiden in den Augen aller anderen spiegelt, so dass er zugleich intime Berührung und gesellschaftliches Ereignis ist, aber in den Nahaufnahmen von Giuseppe Rotunnos Kamera sieht man nur noch die Intimität, die Versöhnung von Schönheit und Macht, Hollywood und Cinecittà, Claudia und Burt forever." Weitere Nachrufe in Welt, Tagesspiegel, Filmdienst, SZ und taz.
Sichtbar machen, was unsichtbar geblieben ist: "Die Möllner Briefe" von Martina Priessner MartinaPriessners Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" erzählt von einem Skandal sondergleichen: Nach dem rassistischen Brandanschlag in Mölln im Jahr 1992 verwahrte die Stadtverwaltung die dort eingegangenen Solidaritätsbekundungen und Beileidsbriefe, statt sie an die Hinterbliebenen der Opfer und Überlebenden weiterzuleiten. Es ist ein Film, "der daran arbeitet, sichtbar zu machen, was die längste Zeit unsichtbar geblieben ist", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Die Briefe, Karten, Zeichnungen, die sich die Stadtverwaltung Mölln in einem Akt der Rechtsverletzung angeeignet hat ... und der Zustand einer verstörten, zutiefsttraumatisiertenFamilie, mit der man sich im Rathaus nicht weiter abgegeben hat." Allerdings hat sie mit der Form durchaus Probleme: Denn "auf die Ungeheuerlichkeit, die diesen Vorgängen innewohnt, vertraut die Regisseurin Priessner nur bedingt. "Es gibt zu viel Musik", auch "zu viele Aufnahmen von Tränen ... und zu wenig Auseinandersetzung mit einer Dramaturgie, die darin besteht, Statements und Begegnungen aneinander zu reihen, um die Geschichte von Mölln als eine der guten, der schlechten und der dummdeutschen Menschen zu erzählen, nicht aber, bei allem Fokus auf Stadtarchiv und -verwaltung, als eine der systematischenDiskriminierung."
Artechock-Kritiker Axel Timo Purr sah "kein elegantes Erinnerungsstück, keine runde Gedenkveranstaltung im filmischen Gewand", sondern einen "stillen, beklemmendenStörfilm". Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit der Regisseurin über ihren Film gesprochen. Lustvolle Charge auf links: Leonardo DiCaprio in "One Battle After Another" Was für "eine groß abgezogene Show": Kamil Moll ist im Perlentaucherabsolut begeistert von PaulThomasAndersons wüstem Guerilla-Bomben-Erektions-Film "One Battle After Another" (hier unser erstes Resümee zum Film): "Seit 'Boogie Nights' erzählt Paul Thomas Anderson immer wieder davon, wie sich gesellschaftliche Verheißungenund (gegen-)kulturelleUtopien in unterschiedlichen Formen von Abhängigkeiten und Zwängen auflösen." So folgt "einer eher kleinen, intimen Produktion, der sich in Myriaden von Erinnerungsdetails verlierenden, schwärmerischen Adoleszenzromanze 'Licorice Pizza'" nun "eine enigmatischeBig-Budget-Produktion, wie es sie das Hollywood-Kino der Gegenwart sonst schon längst nicht mehr ermöglicht." Und mittendrin LeonardoDiCaprio, dem es ein sichtliches Vergnügen ist, "die lächerliche Tragik des Älterwerdens mit komödiantischer Methode und Mut zur lustvollenCharge auf links zu drehen." Mit ihm glückt "Anderson ein vielköpfiges Meisterwerk, das unterschiedliche Genres bündelt und miteinander verzwirbelt: eine eigensinnig verblödelte Gesellschaftskomödie (die man gleichwohl nicht zu beflissen auf vermeintlich aktuelle Bezüge hin auflösen sollte), einen abstrakten Thriller, ein gefühlsseliges Familiendrama". Weitere Kritiken liefern Artechock, Filmdienst, FR, Standard, FAZ und Zeit.
Weiteres: Dass Apple die für morgen angekündigte Serie "The Savant", in der JessicaChastain potenzielle Amokläufer im Internet aufspürt, nun zumindest bis auf weiteres doch nicht online stellt, könnte auch damit zu tun haben, "dass die Serie ... besser in die US-amerikanischeGegenwart passt, als es dem ausführenden Unternehmen lieb war", vermutet Matthias Kalle auf Zeit Online. Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Filmfestival in SanSebastian, wo neue Filme von AliceWinocour, ClaireDenis und ArnaudDesplechin laufen. Janick Nolting resümiert für Artechock das Gegenkino-Festivalin Leipzig. Sein Artechock-Kollege Eckhard Haschen hat derweil das 32. InternationaleFilmfestOldenburgbesucht. Tobias Sedlmaier gibt in der NZZ Tipps zum Zurich Film Festival.
Besprochen werden EmanuelPârvus "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" (taz, Artechock), DavidMackenzies "The Negotiator" (Artechock, critic.de), GabrielMascaroa "Das tiefste Blau" (FR), ChingShenChuangs beim Taiwan Film Festival in Berlin laufender Film "The Uniform" (critic.de) und MarieLuiseLehners "Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst", der in Deutschland erst nächste Woche startet (Standard).
Stephanie Comilang, Still von Search for Life II, 2025. Video, Farbe, Ton, 18:22. Min. Courtesy of the Artist ChertLüdde, Berlin, and Daniel Faria Gallery, Toronto. Search for Life is a work in the form of a diptych commissioned by TBA21, Sharjah Art Foundation, and The Vega Foundation. Collection of The Vega Foundation Für die FR kann Sylvia Staude in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt die philippinische Künstlerin Stephanie Comilang und deren Videoarbeiten entdecken, die im Ausstellungsraum "prachtvoll eingerichtet sind. Das beginnt mit der jüngsten, 'Search for Life II' von 2025, die auf einen Vorhang aus Kunststoff-Perlen projiziert wird. Denn es geht um Perlenhandel, Perlenzucht, Perlentaucher der indigenen Sama-Bajau, die früher von ihrer gefährlichen Arbeit gut leben konnten. Ein Mann zählt auf, was mit dem Erlös für eine Perle alles gekauft werden konnte, 'die Dinge waren so günstig', sagt er. Man sieht Männer, die ohne jede Ausrüstung tauchen. Man hört, dass es Tote gab. Aber dann wurde die Perlenzucht lukrativer. Kurz sind die Blicke auf Berge von Muschelschalen, auf einen chinesischen Perlenmarkt - die Videoarbeit ist 18 Minuten lang."
Weiteres: Im Tagesspiegelberichtet Hanno Rehlinger, dass der einzige Studiengang zur Kunst Afrikas an der FU Berlin, Sparplänen zum Opfer fallen könnte. Im taz-Gespräch unterhält sich die Philosophin Dorothea Winter mit Marc Tawadrous über KI, Kitsch und Kunst. Besprochen wird die Ausstellung "Georges de la Tour - Entre ombre et lumière" im Musée Jacquemart-André in Paris (Zeit) und die Ausstellung "Wotruba International" im Belvedere 21 in Wien (FAZ).
In der SZ porträtiert Joachim Hentschel die Popmusikerin SofieRoyer: "Verkopftheit wäre das Letzte, das man ihrer Musik unterstellen könnte, den elektrischen Chansons und der weichenSonnenuntergangs-Disco".
Außerdem: Im Logbuch Suhrkamperinnert Detlef Kuhlbrodt an LeonardCohen. Besprochen werden ein Konzert von EA80 (Kaput Mag), ein Konzert von LittleSimz in Berlin (Tsp), ein Konzert des Pianisten AntonGerzenberg in Wien (Standard), ein Konzert von GrahamNash in Frankfurt (FR), das neue Album von MariahCarey (Tsp) und ein neues Folkalbum von Robert Plant (NZZ).
Der Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber unterhalten sich im Zeit-Interview mit Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker über ihre künstlerischen Pläne für die Oper Hamburg. Omer Meir Wellber hofft, dem Orchester mehr Identität verleihen zu können: "Ein Thema ist die Persönlichkeit des Orchesters, und das ist ein Problem. Ich will, dass das Hamburgische Staatsorchester wieder wird, was es ist: ein deutsches Orchester mit einem deutschen Klang. Das bedeutet nicht, dass das Orchester diesen Klang nicht hat, aber die Prioritäten im Musikbetrieb sind derzeit andere. Alles ist so international. Und ich bin gegen jede Form von Internationalismus. Das technische Niveau von fast allen guten Orchestern auf der Welt ist enorm hoch, viel höher als früher. Aber sie klingen fast alle gleich. Das ist schade. Früher wusste man beim ersten Ton, sitze ich in Moskau im Konzert oder in Paris oder in New York. Das meine ich mit Persönlichkeit, mit Identität, mit Individualismus. Den haben wir verloren."
Außerdem: Robin Passon resümiert in der FAZ den Saisonauftakt an den Schweizer Bühnen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Julia Rothhaas spricht für die SZ mit der momentan sehr gefeierten japanischen SchriftstellerinMiekoKawakami, die von sich sagt, zwar "Feministin durch und durch", jedoch "keinefeministischeAutorin" zu sein. Das "ist ein Etikett, mit dem man Frauen in eine Ecke stellt. Wenn jemand über die feministischen Aspekte in meinen Büchern sprechen möchte: Gern. Aber ich möchte nicht auf diese Kategorie festgelegt werden."
Außerdem: Trotz leerer Kommunenkassen dürfte der ComicsalonErlangen weiterhin stattfinden, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.
Besprochen werden unter anderem PacoRocas Comic "Der Abgrund des Vergessens" (FAZ.net), IanMcEwans "Was wir wissen können" (TA), JonasHassenKhemiris "Die Schwestern" (FAZ) und WoodyAllens bislang nur auf Englisch veröffentlichter Debütroman "What's with Baum?" (SZ).
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